Das Wichtigste in Kürze
» Faulheit gibt es beim Pferd nicht. Hinter einem triebigen Pferd stecken meist Schmerz, Leber- oder Magenprobleme, Übergewicht oder Stress in der Haltung.
» Dauerdruck mit Schenkel, Gerte und Sporen führt zu Habituation und im schlimmsten Fall zu erlernter Hilflosigkeit. Das Pferd schaltet innerlich ab.
» Echte Motivation entsteht durch Timing: Druck rausnehmen, sobald das Pferd in die richtige Richtung denkt, und Selbstwirksamkeit fördern, oft zuerst vom Boden aus.
„Der ist heute wieder total faul." „Der will mich einfach nur ärgern." „Den muss man mit Sporen und zwei Gerten reiten." Sätze wie diese hört man in jedem Stall, und sie tun mir innerlich weh, weil sie das Pferd in eine Schublade stecken: Der ist halt so. Für diese Folge habe ich mir Dr. Vivian Gabor eingeladen, Verhaltensbiologin und feste Partnerin in der Kernkompetenz Pferd Welt, und wir haben über die vermeintlich faulen Pferde gesprochen. Von der faulen Tomate zur spritzigen Zitrone, so plakativ hatten wir das Thema überschrieben. Dahinter steckt Ernsthaftigkeit: Die stillen, langsamen, triebigen Pferde laufen lange unter dem Radar, bevor jemand nach der Ursache sucht. Sie brauchen eine Stimme.
Gibt es überhaupt faule Pferde?
Aus meiner Sicht gibt es keine faulen Menschen, und für Lebewesen gilt das genauso. Faul können Tomaten werden. Was wir „faul" nennen, ist ein unerfülltes Bedürfnis oder ein Problem im Hintergrund, das dazu führt, dass das Pferd unmotiviert wirkt. Vivian sieht es aus der Verhaltensbiologie genauso: Das Pferd ist ein intelligentes, hochsoziales Beute- und Fluchttier. Ein wirklich faules Pferd wäre in der Natur nicht überlebensfähig. Natürlich sind alle Lebewesen ökonomisch, und gerade ein Pferd muss gut auf seinen Energiehaushalt achten. Aber die Vermenschlichung, das Pferd tue das extra oder sogar, um uns zu ärgern, verhindert, dass wir in den Hintergrund gucken: Warum ist das so? Welches Bedürfnis ist nicht erfüllt? Hat das Tier Schmerzen? Kann es gerade nicht so, wie wir es gern hätten?
Und dann sehen wir im Training oft, wie sich der Mensch immer mehr bewaffnet, um das Pferd vorwärts zu bekommen. Mehr Druck, mehr Equipment. Das bringt uns nur weiter in die Negativspirale: Das Pferd gewöhnt sich an den Dauerreiz und reagiert noch weniger, und die intrinsische Motivation, die Lebensfreude, zerstören wir damit weiter. Auch die Beziehung nimmt Schaden. Vertrauensbildend ist es nicht, wenn wir sagen: Du musst trotzdem, weil ich es mir gerade so wünsche, ohne deine Bedürfnisse oder deinen Schmerz zu erkennen.
Medizinische Ursachen: Was hinter dem faulen Pferd stecken kann
Bevor wir an der Stellschraube Training drehen, muss die gesundheitliche Basis stimmen. Wenn ich als Tierärztin zu einem „faulen" Pferd gerufen werde, sind es meistens drei Klassiker:
- Leber: Oft kommt die Anfrage schon mit dem Verdacht: Der ist so faul, können wir mal die Leberwerte machen? Bei Leberproblemen sind die Pferde sehr müde und werden im Training in Anführungszeichen faul. Was die Werte bedeuten, steht im Artikel über erhöhte Leberwerte beim Pferd.
- Schmerz: Rücken, versteckte Lahmheiten, unpassendes Equipment. Wenn man in die Studienlage guckt, wie viele Lahmheiten nicht erkannt werden, ist das immer wieder ein Punkt. Manche Pferde reagieren auf Schmerz mit Rennen, ganz viele aber einfach mit Langsamerwerden. Der Schmerz-Ethogramm hilft beim Erkennen.
- Übergewicht: Das ganze Gewicht ist schwer zu bewegen und unangenehm, weil man Fett nicht anspannen kann. Es bewegt sich passiv mit. Dazu der Stoffwechsel im Hintergrund mit dauerhafter Entzündung im Körper. Mehr im Artikel über dicke Pferde.
Vivian ergänzt aus ihrer Praxis die Magenproblematik und den dauerhaften Stress in der „Freizeit" des Pferdes: Haltung, Fütterung, eine falsche Gruppenzusammensetzung. Wir kennen das von uns selbst: Wenn wir körperlich nicht gut drauf sind, schaffen wir auch keinen Denksport und keine gute Prüfung. Und dann kommt einmal am Tag ein Mensch für dieses Pferd. Was macht der da? Fördert er eine positive Aktivierung von Bewegung, Selbstwirksamkeit und Neugier, oder setzt sich das Pferd in diesen ein, zwei Stunden mit weiterem Stress auseinander? Ein Gesundheitscheck und ein ehrlicher Blick auf Magen und Haltung gehören deshalb vor jede Trainingsänderung.
Die Lerntheorie: Habituation, passive Bewältiger und erlernte Hilflosigkeit
Wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, kommt die Lerntheorie ins Spiel, und hier ist Vivians Fachgebiet. Der erste Mechanismus ist die Habituation, die Gewöhnung: Auf einen wiederkehrenden Reiz zeigt das Pferd immer weniger Reaktion. Das ist ein sehr unbewusstes Lernverhalten. Der Schenkel, der jedes Mal treibt, die dauerhafte Spannung im Sattel, auch mit geringer Reizstärke: Genau darauf stumpft das Pferd ab, wie man im normalen Jargon sagt.
Der zweite Mechanismus ist eine bewusste Entscheidung des Pferdes, eine Anpassungsstrategie. Vivian nennt diese Pferde passive Bewältiger: Sie halten irgendwann Druck oder sogar Schmerzen aus, um mit der Situation klarzukommen. Der Stresspegel kann dabei genau derselbe sein wie bei einem Pferd, das losrennt, steigt oder sich wehrt. Nur puffern die einen es in sich ab. Und die dritte Stufe ist die erlernte Hilflosigkeit: Das Pferd merkt, dass es dem Druck nicht entkommen kann, egal wie sehr es sich bemüht, und schaltet innerlich ab.
Das Gegenteil davon ist der wichtigste psychologische Begriff dieser Folge: Selbstwirksamkeit. Ich kann an meiner Situation mit eigener Kraft und eigener Handlung etwas verbessern. Wenn wir pferdegerecht trainieren wollen, müssen wir genau das aufrechterhalten und fördern. Das Pferd muss verstehen, was es davon hat: Durchlässigkeit, Leichtigkeit, Bewegungsfreude. Dann schmeißen wir eine positive Spirale an, psychisch wie körperlich, denn es hängt alles zusammen. Interessant ist auch: Die vermeintlich faulen Pferde springen plötzlich los, wenn sie draußen etwas sehen. Weil es ihre Natur ist, auf wichtige Dinge zu reagieren. Ein Pferd kann diese Reizsituationen völlig trennen: Auf die Signale des Menschen reagiere ich nicht, das von außen bleibt mir wichtig. Die Frage ist also, warum wir gerade nicht wichtig für das Pferd sind. Im Kommunikations- und Beziehungstraining geht es darum, der positiv wichtige Partner zu werden.
Trainingstipps: Mit weniger Druck zu mehr Spritzigkeit
Trau dich, oben faul zu sein
Ich sage im Unterricht ganz oft: Trau dich oben mal faul zu sein. Wenn das Tempo fein ist und das Pferd gerade ganz toll geht, den Druck weniger werden lassen, aufhören zu treiben, und in Kauf nehmen, dass das Pferd vielleicht mal durchpariert. Aber ihm die Chance geben, sein Tempo selbstwirksam zu halten, weil es Freude an der Bewegung hat. Das fällt sehr vielen total schwer, weil sie diesen Dauerdruck von oben gewohnt sind, sei es die innere Anspannung vom Beckenboden, die Beine, Sporen oder Gerte. Vivian nennt den lerntheoretischen Kern dahinter: Zur richtigen Zeit belohnen. Belohnen heißt hier, eine Spannung rausnehmen, eine dauerhafte Drucksituation beenden. Timing ist alles: Belohnt wird am besten schon, wenn das Pferd in die richtige Richtung denkt, in die richtige Richtung reinfühlt. Das sieht man manchmal am Körper, manchmal am Gesichtsausdruck. Dann kurz aufhören, damit genau dieser Lerneffekt entsteht.
Wie schwer sitzt du wirklich?
Ein krasses Learning für mich war eine Fortbildung zum biomechanischen Reiten. Man setzt sich dabei auf die Hände des Trainers, und ich war so krass schwer. Dabei bin ich eigentlich ein Leichtgewicht, 53 Kilo bei 1,70 Meter, jeder würde denken, ich bin für das Pferd ein Fliegengewicht. Aber ich war ein druckschwerer Sitzer, weil ich unbewusst so viel Schwere und Druck in den Sattel gebracht habe, den ich selbst nicht wahrgenommen hatte. Andere, die gewichtstechnisch viel schwerer waren, saßen so viel leichter. Das war mindblowing. Mein Pferd ist 1,80 Meter groß, wo liegt das Problem, dachte ich. Als ich diesen inneren Druck aufgelöst habe, hat das so viel Leichtigkeit ins Miteinander gebracht. Ich hatte das Gefühl, er konnte aufatmen, und er ist freier gelaufen. Das war für ihn genau die Belohnung, von der Vivian spricht. Wer wissen will, ob er selbst zu viel Präsenz mitbringt: Ich bin ein sehr energetischer Mensch und mache schnell zu viel Druck, nicht mit Gerte und Sporen, sondern allein dadurch, dass ich da bin. Mich zurückzunehmen war über Jahre schwer für mich. Je nach Pferdetyp gehen sie dann in sich oder sie explodieren.
Vom Boden in den Sattel: Lerntransfer
Durchlässigkeit von der eigenen Körperspannung, Entspannung, Fokus, Richtung und Energie lässt sich hervorragend vom Boden aus üben, mit relativ einfachen Bodenarbeitsübungen: Schneller und langsamer gehen, Schritt-Trab-Übergänge über Körperspannung statt über Equipment. Pferde tun das untereinander auch, sie sind Körpersprachen-, Spannungs- und Entspannungskünstler. Was am Boden etabliert ist, überträgt sich in den Sattel. Und drei Überschriften solltest du im Training prüfen, wenn dein Pferd „faul" ist: Langeweile (Unterforderung, ich bin nicht der wichtigste Teil, weil ich langweilig bin), Überforderung (das Pferd weiß gar nicht, was es soll, also tut es besser nichts) und Abstumpfung (immer dasselbe, die Gewöhnung tritt ein). Ein abwechslungsreicher Trainingsplan beugt allen dreien vor.







