Das Wichtigste in Kürze
» Jede Untersuchung hat drei Schritte: Adspektion aus der Ferne, Palpation mit den Händen und die Vitalwerte Puls, Atmung, Temperatur.
» Die Adspektion prüft fünf Punkte: Körperhaltung, Verhalten, Ernährungszustand, Pflegezustand und Auffälligkeiten, immer bevor du das Pferd anfasst.
» Das Entlasten einer Vordergliedmaße ist immer krankhaft, der Pflegezustand zeigt sich am Huf, und der Ernährungszustand am Body Condition Score, nicht am Gewicht.
Ein einfacher Gesundheitscheck des Pferdes sollte täglich vor dem Reiten durchgeführt werden, und das kann mit ein wenig Übung jeder Pferdebesitzer lernen. Aus meiner Sicht ist das für jeden wichtig, denn nur so werden Krankheiten rechtzeitig erkannt und Notfälle richtig eingeschätzt. Das frühe Erkennen von Warnhinweisen und geringgradigen Krankheitssymptomen schützt das Pferd vor ernsthaften Erkrankungen, verhindert Folgeschäden und lange Auszeiten. Das erspart dem Pferd Schmerzen und Stress und dir Zeit, Geld und Nerven. In diesem ersten Teil geht es um den Blick aus der Ferne, die Adspektion. Das Abtasten und die Vitalwerte folgen im zweiten Teil.
Bevor du anfängst: Sicherheit und Umgang
Das klingt banal, aber ein Pferd, das Schmerzen, Stress oder Unbehagen hat, ist nervöser als sonst, und die Verletzungsgefahr für Mensch und Pferd ist deutlich erhöht. Pferde sind Fluchttiere, Herdentiere und Gewohnheitstiere. In einer Stresssituation wird das Pferd trotzdem häufig mit dem Kopf nach hinten in die Stallgasse gestellt. Dann hat es die anderen Pferde nicht im Blickfeld und ist noch nervöser, als es sein müsste. Stell dein Pferd deshalb mit dem Kopf Richtung Ausgang und lass andere Pferde in der Nähe. Und dann gilt die Reihenfolge: Erst beobachten, dann ansprechen, erst im letzten Schritt anfassen. Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Pferden, und auch mir passiert es immer mal wieder, dass ein Huf zu schnell geflogen kommt. Gerade im Notfall verhalten sich Pferde nicht so, wie wir es gewohnt sind. Es lohnt sich, die Sicherheitsaspekte genau zu beachten.
Der Untersuchungsgang: Von der Nüster bis zum Schweif
Die allgemeine Untersuchung dient der Feststellung des Gesundheitszustands. Sie kann nach Organsystemen erfolgen oder entlang des Körpers, von der Nüster bis zum Schweif. Dieses Vorgehen heißt topographischer Untersuchungsgang, und ich bevorzuge es. Der Grund: Wer nach Organsystemen untersucht, beurteilt den Nasenausfluss bei den Atemwegen und muss später beim Magen-Darm-Trakt noch einmal zurück ans Maul, um Futteraufnahme und Maulhöhle zu begutachten. Man läuft vor und zurück am Pferd, das ist verwirrend, führt zu Fehlern und irritiert unter Umständen das Pferd. Der topographische Gang bringt mehr Ruhe in die Untersuchung, und in einer Stresssituation vergisst man in der Regel nichts. Führe die Untersuchung deshalb immer nach demselben Schema durch. Jede Untersuchung gliedert sich in drei Schritte:
- Adspektion: Betrachten des Pferdes aus der Ferne.
- Palpation: Abtasten des Pferdes mit den Händen.
- Vitalwerte: Aufnehmen der PAT-Werte, also Puls, Atmung und Temperatur.
Die Adspektion: Fünf Punkte aus der Ferne
Das Anschauen erfolgt, bevor du an das Pferd herantrittst, sodass es sich noch natürlich verhält und in seiner gewohnten Umgebung beurteilt werden kann. Wir haben das Pferd bis hierhin noch nicht angefasst und noch nicht angesprochen. Fünf Punkte werden begutachtet: Körperhaltung, Verhalten, Ernährungszustand, Pflegezustand und Auffälligkeiten.
1. Körperhaltung
Die Körperhaltung beschreibt die Stellung des Pferdekörpers und wird beeinflusst durch Muskelspannung, Schmerzen, Alter und Training. Bei einem gesunden Pferd erwarte ich ein aufrecht stehendes Pferd, das alle vier Gliedmaßen gleichmäßig belastet, mit tragendem Hals und aufrecht getragenem Kopf. Das Entlasten einer Hintergliedmaße zum Ruhen ist physiologisch, aber wenn ich das Pferd anspreche, sollte es alle vier Beine belasten, um fluchtbereit zu sein. Das Entlasten einer Vordergliedmaße ist immer pathologisch, also krankhaft. Weitere Abweichungen sind die Seitenlage, ein gesenkter oder überstreckter Kopf und die Sägebockhaltung: Die Vordergliedmaßen stehen weit vor dem Körper, die Hintergliedmaßen weit nach hinten heraus, das Pferd steht wie ein Tipi-Zelt.
2. Verhalten
Im gesunden Zustand ist ein Pferd ruhig und aufmerksam, in unserem Protokoll steht dafür R plus A. Es nimmt an den Geschehnissen der Umwelt teil, hat ein offenes, waches Auge, die Ohren gespitzt und wendet sich dem Reiz zu. Wenn der Tierarzt kommt, ist das Pferd natürlich meist etwas aufgeregt. Wer das Pferd kennt und sich Zeit lässt, sieht es ruhiger werden. Da jedes Pferd anders ist und einige nervöser sind als andere, hilft Vertrautheit, um das Verhalten richtig zu beurteilen. Abweichungen sind apathisch (das Pferd steht mit gesenktem Kopf zur Ecke), komatös (schon in Seitenlage), Hinlegen, Wälzen und Drangwandern. Wälzen kann physiologisch sein: Ein gesundes Pferd legt sich hin, wälzt sich, steht auf und schüttelt sich. Wälzt es sich aber mehrfach, steht auf, ohne sich zu schütteln, und wiederholt das immer wieder, gilt das als Abweichung und sollte ernst genommen werden, siehe Kolik beim Pferd. Ein Blick in den Trog zeigt, ob die Futteraufnahme vollständig ist, und der Zustand der Einstreu sagt etwas über Kot- und Urinabsatz.
3. Ernährungszustand
Das absolute Gewicht lässt sich exakt wiegen, über Brustumfang und Körperlänge berechnen oder mit dem Gewichtsband bestimmen, etwa mit dem Gewichtsrechner. Über den Ernährungszustand sagt es aber wenig: 500 Kilogramm können bei einem 1,90 Meter großen Warmblüter extrem abgemagert sein und bei einem kleinen Pony übermäßig fett. Deshalb wird der Body Condition Score bestimmt. Sechs Körperregionen (Hals, Schulter, seitliche Brustwand, Rücken, Hüfte, Schweifansatz) bekommen je einen Score von 1 (sehr dünn) bis 9 (sehr fett), der Mittelwert ist der BCS des Pferdes. Das Optimum liegt zwischen 4 und 6, Werte über 7 sind nachweislich gesundheitsschädlich, da fallen einem Begriffe wie Hufrehe oder EMS ein. Wer gut aufpasst, merkt: Die Bauchform kommt bei den Körperregionen gar nicht vor. Sie sagt sehr wenig über den Ernährungszustand aus. Für den täglichen Check gilt die Faustregel: Rippen sollen fühlbar, aber nicht sichtbar sein, und die Höhe des Kammfetts in Zentimetern entspricht ungefähr dem BCS. Den vollständigen Score bestimmst du einmal im Monat, die Anleitung steht im Artikel Body Condition Score beim Pferd.
4. Pflegezustand
Viele beurteilen den Pflegezustand am Glanz des Fells. Das Fell ist aber je nach Jahreszeit und Haltung sehr unterschiedlich und deshalb kein geeignetes Maß. Ein Pferd im Offenstall hat gegen Ende des Winters langes Fell und ist meist schlammig und kann trotzdem in einem sehr guten Pflegezustand sein, während das geschorene Boxenpferd nebenan glänzt. Deshalb wird der Pflegezustand an den Hufen beurteilt. Auch bei dreckigen Hufen ist erkennbar, ob sie in den letzten sechs bis acht Wochen bearbeitet wurden oder seit sechs Monaten keinen Schmied oder Hufpfleger gesehen haben: Ausgebrochen, viel zu lang, eingerollte Trachten oder sogar ein Schnabelhuf. Also ein Blick nach unten, wenn es um den Pflegezustand geht.
5. Auffälligkeiten
Zum Schluss der Adspektion gehst du einmal um das Pferd herum, immer noch ohne es anzufassen, und achtest auf Schwellungen, besonders unter dem Bauch, auf Blutungen, Verletzungen, alte Narben, Fehlstellungen und Exterieurmängel. Es lohnt sich, das Pferd von vorne, von hinten und von beiden Seiten zu betrachten. Wir neigen dazu, Pferde vor allem von links zu sehen und selten von hinten. Von vorne und hinten erkennt man aber besser, ob ein Pferd x-beinig steht oder eine sehr steile Schulter hat, was mit einem steilen Sprunggelenk oder einem Bockhuf einhergehen kann. Solche Exterieurmängel sollten einem nicht entgehen.
Ein Beispiel für eine Auffälligkeit, die man aus der Ferne sieht: Nesselfieber. Quaddeln auf der Haut, oft am Hals und an der Brust, als allergische Reaktion etwa auf Insektenstiche, Futter oder Medikamente. Viele Quaddeln, Schwellungen am Kopf oder Atemprobleme sind ein Fall für den Tierarzt.
Was die Adspektion dir sagt
Betrachte das Pferd immer aus der Ferne, bevor du es anfasst oder ansprichst, also wirklich in seinem natürlichen, ungestörten Verhalten. Gerade Körperhaltung und Verhalten geben einen sehr guten ersten Eindruck, wie es dem Pferd geht. Die Abweichungen können sehr vielfältig sein, deshalb empfehle ich, Pferde sehr häufig zu beobachten: In der Box, in der Herde, auf der Wiese, in der Reithalle. Trainiere dir dabei das Schmerzgesicht an, damit du die Symptome schnell erkennst. Die Anzeichen stehen im Artikel zum Schmerz-Ethogramm. Und setz dich intensiv mit dem Body Condition Score auseinander, denn ein Pferd über BCS 7 ist krank, auch wenn es rund und glänzend aussieht.
Meine kleine Aufgabe für dich: Betrachte vier Pferde aus der Ferne und notiere die fünf Punkte der Adspektion, also Körperhaltung, Verhalten, Ernährungszustand, Pflegezustand und Auffälligkeiten. Schreib ein kurzes Protokoll. So bekommst du ein Gefühl dafür, was normal ist und was nicht.










