Das Wichtigste in Kürze
» Pferde sind Fluchttiere und verstecken Schmerz instinktiv und lange. „Zickig", „stur" oder „faul" ist deshalb oft kein Charakterzug, sondern ein Hilferuf.
» Das Ridden Horse Pain Ethogram von Dr. Sue Dyson ist ein wissenschaftlich geprüfter Katalog aus 24 Verhaltensweisen, die beim gerittenen Pferd auf Schmerz hindeuten. Ab 8 Anzeichen ist ein orthopädisches Problem sehr wahrscheinlich.
» Das Ethogramm ersetzt keine Diagnose. Es schult deinen Blick, damit du früher hinschaust und gezielter mit deinem Tierarzt sprichst.
Kennst du diesen Satz? „Der stellt sich nur an." Oder: „Da muss er mal durch, der respektiert dich nicht." Dein Pferd klemmt den Schweif, eilt los, geht hinter der Senkrechten oder bleibt einfach stehen, und aus der Stallgasse kommt die Diagnose frei Haus: Unwille, Sturheit, schlechte Erziehung.
Aber ist das wirklich so?
Genau hier setzt eine der wichtigsten Fragen im Pferdetraining an: Will mein Pferd nicht, oder kann es nicht? Und für diese Frage gibt es seit einigen Jahren ein erstaunlich gutes Werkzeug. Es kostet dich keinen Cent, du brauchst keine teure Technik dafür, und es kommt aus der Forschung, nicht aus dem Bauchgefühl. Es heißt Schmerz-Ethogramm.
Warum Pferde ihren Schmerz verstecken
Ein Pferd ist ein Fluchttier. In der Natur ist ein Tier, das offensichtlich lahmt oder leidet, das erste Ziel für Raubtiere. Über Jahrmillionen hat die Evolution Pferde deshalb darauf getrimmt, Schmerz so lange wie möglich zu verbergen. Wer wartet, bis das Pferd sichtbar humpelt, reagiert oft schon spät.
Dazu kommt: Schmerzwahrnehmung ist individuell. Manche Pferde zeigen jede Kleinigkeit an, andere sind „hart im Nehmen" und leiden still. Das eine Pferd ist ein offenes Buch, das andere ein Pokerface. Genau deshalb reicht das Gefühl allein nicht. Wir brauchen objektive Werkzeuge, die uns zeigen, was das Pferd nicht laut sagt.
Was ist das Schmerz-Ethogramm?
Das Ridden Horse Pain Ethogram (kurz RHpE, auf Deutsch „Schmerz-Ethogramm für gerittene Pferde") wurde von Dr. Sue Dyson entwickelt, einer der weltweit führenden Expertinnen für Pferde-Orthopädie. Über eine mehrphasige Studienreihe mit über 400 Pferden hat ihr Team einen Katalog von 24 Verhaltensweisen herausgearbeitet, die statistisch mit Schmerz beim gerittenen Pferd zusammenhängen.
Das Entscheidende daran: Diese Zeichen sind kein Bauchgefühl. Die meisten davon treten bei lahmen Pferden mindestens zehnmal häufiger auf als bei schmerzfreien. Und in Dysons Studien nahmen die Anzeichen deutlich ab, nachdem der Schmerz medizinisch ausgeschaltet wurde (per Leitungsanästhesie), bei gleichem Reiter und gleichem Sattel. Das Verhalten war also nicht der Reiter, nicht die Ausbildung, nicht der Charakter. Es war der Schmerz.
Die magische Zahl ist 8
Ein einzelnes Zeichen sagt wenig. Jedes Pferd macht mal das Maul auf oder schlägt mit dem Schweif nach einer Fliege. Der Trick liegt in der Häufung: Zeigt ein Pferd während einer Reiteinheit 8 oder mehr der 24 Verhaltensweisen, ist orthopädischer Schmerz sehr wahrscheinlich. Das ist der Punkt, an dem du Tierarzt oder Therapeut ins Boot holen solltest.
Nicht ein Detail entscheidet, sondern das Gesamtbild. Sei der Adler, der von oben schaut, nicht das Huhn, das an einem einzelnen Krümel hängen bleibt.
Die 24 Anzeichen im Überblick
Das Ethogramm gliedert die Verhaltensweisen in drei Bereiche. Hier die deutsche Übersetzung, mit der du direkt starten kannst.
Anzeichen im Gesicht
- 1. Ohren zurück, hinter der Senkrechten für ≥ 5 Sekunden
- 2. Geschlossene Augen für ≥ 2 bis 5 Sekunden
- 3. Weiß im Auge sichtbar
- 4. Intensives Starren, leerer Blick für ≥ 5 Sekunden
- 5. Maul offen mit Zahnseparation für ≥ 10 Sekunden, wiederholtes Öffnen und Schließen
- 6. Zunge raushängen oder öfter rein und raus als einmal
- 7. Gebiss seitlich durchs Maul gezogen
Anzeichen am Körper
- 8. Kopf hoch und runter (schlagen), nicht im Trabrhythmus
- 9. Genick verwerfen
- 10. Über der Senkrechten (über 30°) für ≥ 10 Sekunden
- 11. Hinter der Senkrechten (über 10°) für ≥ 10 Sekunden
- 12. Kopf von Seite zu Seite schlagen oder schwingen
- 13. Schweifposition auffällig (eingeklemmt unter den Bauch, schief)
- 14. Wiederholtes Schweifschlagen
Anzeichen im Gangbild
- 15. „Wegrennen": mehr als 40 Trabtritte pro 15 Sekunden, unregelmäßiger Rhythmus mit wiederholten Tempowechseln
- 16. Reduzierte Geschwindigkeit: weniger als 35 Trabtritte pro 15 Sekunden, passartig
- 17. Laufen auf drei Hufschlägen
- 18. Galopp-Dysfunktion: Umspringen vorne oder hinten, Kreuzgalopp, falsches Angaloppieren
- 19. Spontaner Gangartwechsel (Trab zu Galopp, Galopp zu Trab)
- 20. Stolpern, Schleifen der Hinterhand
- 21. Scheuen, plötzlicher Richtungswechsel
- 22. Widerstand (plötzliches Anhalten, triebig)
- 23. Steigen
- 24. Buckeln, Austreten
Fällt dir etwas auf? Fast alles auf dieser Liste wird im Stallalltag routinemäßig als „Ungehorsam" abgestempelt. Steigen, Buckeln, Losstürmen, Verweigern. Dabei stehen diese Zeichen wissenschaftlich mit Schmerz in Verbindung.
Der blinde Fleck: Wir übersehen Lahmheiten ständig
Warum brauchen wir so ein Werkzeug überhaupt? Weil unser Auge schlechter ist, als wir denken. Der ernüchternde Befund aus der Forschung: Fast die Hälfte der lahmen Pferde wird von ihren eigenen Besitzern als lahmfrei eingeschätzt. Die Trefferquote beim Erkennen, ob ein Pferd lahmt, ist oft nicht besser als ein Münzwurf.
Gerade geringgradige Lahmheiten und Probleme an der Hinterhand sind für das ungeschulte Auge kaum sichtbar. Und weil wir unser eigenes Pferd jeden Tag sehen, sind wir dort am betriebsblindesten. Bei fremden Pferden fällt uns vieles sofort auf, beim eigenen nicht.
Die gute Nachricht: Der Blick lässt sich trainieren. Wer weiß, worauf zu achten ist, erkennt Probleme früher. Genau dafür ist das Ethogramm gemacht. Wie du Lahmheiten zusätzlich systematisch erkennst, liest du in unserem Artikel Ganganalyse: 3 einfache Punkte zur Lahmheits-Erkennung. Und wie objektive Technik das menschliche Auge ergänzt, zeigt KI-Ganganalyse: Besser als das menschliche Auge?.
„Will nicht" oder „kann nicht"?
Das ist der eigentliche Kern. Verhalten, das wir schnell als Sturheit, Faulheit oder Frechheit deuten, ist sehr häufig ein „Nicht-Können" durch unentdeckten Schmerz. Kein Charakterfehler, sondern ein Signal.
Diesen Gedanken vertiefen wir in mehreren Beiträgen, die perfekt zu diesem Thema passen:
- Schmerz oder Erziehungsfrage?
- Motivationskiller beim Pferd: Warum „faul" oft ein Hilferuf ist
- Verhaltensstörungen beim Pferd richtig deuten
So wendest du das Schmerz-Ethogramm richtig an
Das Ethogramm ist kein Reitplatz-Richterstuhl. Es ist ein Werkzeug zur Blickschulung. So gehst du vor:
- Filme eine ganz normale Reiteinheit. Am Handy reicht völlig. Wichtig sind alle drei Grundgangarten auf beiden Händen.
- Schau dir das Video in Ruhe an, gern in Zeitlupe. Am Reitplatz selbst rauscht vieles vorbei, im Slowmotion-Video siehst du die Details.
- Konzentriere dich pro Durchgang auf einen einzigen Punkt. Beim ersten Mal nur die Ohren. Beim zweiten Mal nur den Schweif. Alle 24 gleichzeitig überfordern jeden Anfänger.
- Zähl zusammen, wie viele Anzeichen du siehst. Ab 8 gehört das Thema zum Tierarzt oder Therapeuten, nicht zum Trainer.
- Denk immer im Gesamtbild. Ein hochgerissener Kopf beim Angaloppieren ist noch kein Drama. Acht Zeichen über die ganze Einheit verteilt sind ein Muster.
Und eine Bitte, die uns wichtig ist: Nutze das Ethogramm zum eigenen Üben, nicht für ungefragtes Feedback an andere. Es geht um Blickschulung, nicht um das Beurteilen fremder Reiter am Nachbarplatz.
Was das Ethogramm nicht ist
Damit keine Missverständnisse entstehen:
- Kein Diagnose-Instrument. Das Ethogramm zeigt dir, dass etwas nicht stimmt, nicht was. Die Ursache findet der Tierarzt.
- Kein Beweis bei einem einzelnen Zeichen. Ein Pferd, das einmal den Schweif schlägt, hat keine Schmerzen. Es hat vielleicht eine Fliege am Bauch.
- Kein Ersatz für Grundbedürfnisse. Auch nicht pferdegerechte Haltung, Fütterung und Bewegung erzeugen Stress und Unwohlsein. Das gehört immer mitgedacht.
Das Ethogramm ist ein Puzzleteil in einem größeren Bild. Dazu gehören auch die klassischen Routinen: die PAT-Werte (Puls, Atmung, Temperatur), ein regelmäßiger Gesundheitscheck und der Blick auf Muskulatur und Rückenlinie. Wie du so einen Check aufbaust, zeigen wir in Der Gesundheitscheck beim Pferd. Und wie das Ethogramm als Teil eines objektiven „Pferdekompasses" funktioniert, liest du in Schatz, wie war ich? Die Frage der Fragen nach dem Pferdetraining.
Das Arbeitsblatt zum Ausdrucken
Damit du direkt loslegen kannst, haben wir das Schmerz-Ethogramm als übersichtliches Arbeitsblatt zum Ausdrucken vorbereitet. Alle 24 Anzeichen zum Abhaken, mit Feld für Pferdename, Datum und deine Notizen. Häng es an die Sattelschrankwand oder nimm es mit ans Video.







