Das Wichtigste in Kürze
» Eine genetische Veranlagung für schlechte Sehnen ist wissenschaftlich nicht belegt, entscheidend sind Training und Management.
» Rund 90 % der Sehnenschäden entstehen durch mangelnde Konditionierung, nicht durch schlechten Boden.
» Das Pferd ist ein Lauftier mit rund 30 km Bewegungsbedarf am Tag, und Bewegungsmangel schadet der Sehne mehr als kontrollierte Belastung.
Diese Folge gehört zu unseren Gold-Folgen — den Episoden, die in der Praxis besonders viele Pferdemenschen weitergebracht haben und die wir deshalb gerne immer wieder hervorholen. Schön, dass du dabei bist.
Wenn ein Pferd einen Sehnenschaden hat, ist die Ursache schnell gefunden: schlechte Gene, ein mieser Turnierboden oder Pech. Doch stimmt das wirklich? Der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Kai Kreling räumt mit den hartnäckigsten Mythen rund um die Pferdesehne auf. Seit 1989 niedergelassener Tierarzt, Leiter der Pferdeklinik Waldalgesheim und Betreiber der Wissensplattform Pferdegesundheit Online, blickt er auf jahrzehntelange Erfahrung in Orthopädie und Sportmedizin zurück. Seine Botschaft ist unbequem und befreiend zugleich: Die meisten Sehnenschäden sind kein Schicksal, sondern eine Frage von Bewegung, Training und Konditionierung.
Foto: https://kaikreling.de/ | Andrea Schombara Fotografie
Mythos 1: „Mein Pferd hat einfach schlechte Sehnen"
Kaum ein Erklärungsmuster hält sich so zäh wie die Veranlagung. „Der hat halt schlechte Sehnen, da kann ich nichts machen." Genau hier lohnt sich der kritische Blick. Denn diese Aussage dient häufig als bequeme Ausrede dafür, dass beim Training, bei der Aufzucht oder bei der Bewegung etwas nicht optimal läuft.
Tatsächlich ist eine genetische Prädisposition der Sehne bis heute wissenschaftlich nicht belegt. Es gibt keinen sicheren Nachweis, dass sich Sehnen in ihrer Konstruktion oder in der Zusammensetzung ihres Gewebes von Pferd zu Pferd nennenswert unterscheiden. Sicher, es gibt etwas weichere und etwas härtere Pferde. Ein Pferd mit sehr weicher Fesselung ist mechanisch stärker belastet. Aber das hat mit der Genetik der Sehne selbst wenig zu tun, sondern mit der Statik des gesamten Beins.
Die Konsequenz ist eigentlich eine gute Nachricht: Wer die Schuld allein bei den Genen sucht, macht es sich zu leicht. Der Weg zur Lösung führt fast immer über das Management rund um das Pferd, und darauf hat jeder Pferdemensch Einfluss.
Mythos 2: „Der Boden war schuld"
Nach der Turniersaison klingt es oft gleich: Der Boden auf dem letzten Turnier war schlecht, die Halle nicht optimal abgezogen, in der Ecke eine Delle. Wäre man da nicht geritten, wäre das Pferd noch gesund. Muss der Boden für eine gesunde Sehne also immer perfekt sein, top gepflegt, frisch gezogen, ideal bewässert?
Die überraschende Antwort: Unser Problem ist eher, dass wir zu viele gute Böden haben. Wenn ein Pferd ausschließlich auf perfektem Untergrund läuft, wird seine Koordination, das Feintuning der Bewegung, nie wirklich gefordert. Und die Biologie reagiert immer nur auf einen Bedarf. Kommt so ein Pferd dann doch einmal auf einen Boden mit einer kleinen Unebenheit, kann ein Sehnenschaden viel schneller entstehen als bei einem Pferd, das routinemäßig auf unterschiedlichen Bodenqualitäten unterwegs ist.
Der Fachbegriff dafür ist Konditionierung, und die spielt für die Sehne eine entscheidende Rolle. Wichtig ist dabei zu verstehen: Die Sehne steht nie allein. Sie ist die Verlängerung des Muskels. Gerade im Bein hat das feine Abstimmen zwischen Strecker und Beuger eine enorme Bedeutung dafür, ob eine Sehnenstruktur überlastet wird oder nicht. Deshalb ist der Boden eher sekundär. Primär ist das Training auf wechselnden Untergründen, das die natürlichen Reflexe des Pferdes schärft und das Verletzungsrisiko senkt.
Natürlich ist der frisch gepflügte Acker eine echte Extrembelastung, den meint hier niemand. Aber bei normalen, mehr oder weniger guten Bodenverhältnissen gilt: Was auf Turnieren als mangelhafter Boden angeprangert wird, ist in Wahrheit oft eine mangelhafte Konditionierung des Pferdes. Aus jahrzehntelanger Praxiserfahrung heraus lässt sich grob schätzen, dass rund 90 Prozent der Sehnenschäden auf ungenügende Vorbereitung zurückgehen: zu wenig Training, einseitiges Training, immer nur glatte, immer nur gute Böden. Das hilft dem Pferd unterm Strich nicht, denn genau die Trainingsphase für die Sehne fehlt.
Wie viel Bewegung mein Pferd wirklich braucht und wie ich es sinnvoll auf unterschiedliche Belastungen vorbereite, ist eine Frage, die weit über den Turnierboden hinausgeht.
So sieht ein Sehnenschaden im Ultraschall aus

Mit dem Ultraschallkopf lässt sich die Sehne direkt am stehenden Pferd darstellen. So erkennt der Tierarzt, wie stark eine Struktur geschädigt ist und wie gut sie sich im Verlauf wieder reorganisiert.
Das Ultraschallbild zeigt die Beugesehne. An solchen Aufnahmen entscheidet sich, wie das Antrainieren nach einer Verletzung gestaltet wird, denn kein Schaden gleicht dem anderen.
Antrainieren nach der Verletzung: früher bewegen, kontrolliert aufbauen
Ab wann darf ein Pferd nach einem Sehnenschaden wieder auf instabile Untergründe? Das hängt ganz von der individuellen Situation ab: Welcher Schaden, wie stark, wie gut hat sich das Gewebe reorganisiert? Grundsätzlich geht der Trend, ähnlich wie in der Humanmedizin, klar zum früheren Antrainieren. Früher standen die Pferde sehr lange im Stall und wurden erst danach langsam antrainiert. Heute beginnt man deutlich früher, wenn auch in niedriger Geschwindigkeit, häufig zunächst im Schritt, dann langsam über den Trab bis zum Galopp.
Entscheidend ist dabei die Professionalität der Reiterin oder des Reiters. Ein Pferd anzutrainieren ist nicht mal eben so gemacht. Die Pferde müssen sich sehr kontrolliert und vernünftig bewegen. Wer stattdessen an der Longe unkontrolliert durch die Gegend galoppiert und springen lässt, erhöht in der Rekonvaleszenz das Risiko unnötig. Das kontrollierte Antrainieren nach einer Verletzung ist ein eigenes Kapitel für sich.
Mythos 3: „Mit drei Jahren angeritten, das war viel zu früh"
Ein weiterer Klassiker: Wenn ein Pferd mit drei Jahren angeritten wurde, sei es zu früh belastet worden, kein Wunder also, dass die Sehnen nicht gehalten hätten. Auch hier lohnt der Blick in die Forschung, und der zeichnet ein anderes Bild.
Es gab durchaus Phasen, in denen man eine gewisse Reifung des Pferdes abwartete, bevor man es anritt. Aus dieser Phase ist die Wissenschaft heraus. Untersuchungen, vor allem aus den Niederlanden und aus Belgien, zeigen: Pferde, die dreijährig und sogar sportspezifisch trainiert werden, das junge Springpferd auch mal über dem Cavaletti, das Dressurpferd ein wenig in der Wendung, bekommen in dieser Frühphase eine sehr gute Formung. Sie adaptieren an die Belastung.
Der Grund liegt in der Biologie: Je jünger das Pferd, desto adaptationsfreudiger der Organismus, weil er sich noch in der Entwicklung befindet. Ist diese Entwicklung abgeschlossen, wird eine spezifische Stabilisierung deutlich schwieriger. Das heißt nicht, dass wir aus dem Dreijährigen ein Hochleistungspferd machen sollen, davon sind wir weit entfernt. Aber das Pferd sollte die Bewegungen, die es später im richtigen Leben leisten soll, zumindest in abgeschwächter Form schon kennenlernen, damit sich der Organismus rechtzeitig auf diese Belastung einstellen kann. Die Biologie ist viel flexibler und innovativer, als wir oft denken, und diese Innovationsleistung sollten wir nutzen.
Der wahre Feind der Sehne: Bewegungsmangel
Häufig entstehen Sehnenschäden gar nicht durch die Bewegung an sich, sondern durch den zugrundeliegenden Bewegungsmangel. Und genau der ist in unserer Pferdepopulation die Regel, fast egal, wie die Tiere untergebracht sind. Ob an der Heuraufe oder in der Box: Pferde stehen deutlich mehr, als für ihren Organismus gut wäre.
Es gibt den treffenden Spruch: „Pferde gehen im Stall kaputt, nicht unterm Reiter." Der ist nicht neu, den gab es schon in Kavalleriezeiten. Damals standen die Pferde zwar oft in Ständern, nach heutigem Verständnis alles andere als pferdegerecht, aber sie wurden morgens und abends regelmäßig bewegt und gearbeitet. Es gab ein System, die jungen Remonten Schritt für Schritt anzureiten.
Das Grundproblem: Wir gehen zu oft vom Menschen aus und übertragen das aufs Pferd. Dabei vergessen wir, dass das Pferd ein Lauftier ist. In der Natur bewegt es sich rund 30 Kilometer am Tag, meist im Schritt, aber eben über den ganzen Tag verteilt. Schöne Studien an den Brumbies in Australien belegen das. Diese 30 Kilometer täglicher Bewegungsbedarf erreichen unsere Pferde in den allermeisten Fällen nicht.
Selbst die offizielle Leitlinie Pferdehaltung, die die wenigsten kennen, sieht neben dem normalen Reiten einen zusätzlichen Bewegungsanteil von 50 Minuten am Tag vor. Das ist vergleichsweise wenig, soll aber wenigstens einen Impuls setzen. Denn 23 Stunden Stall und eine Stunde Arbeit, die meist eher Bewegen als echtes Arbeiten ist, sind viel zu wenig. Wieder greift das Prinzip: Die Natur orientiert sich am Bedarf. Ist der Bedarf gering, wird die Struktur nicht gefordert und nicht ausgebildet. Erzeuge ich dagegen einen sinnvollen Bedarf durch regelmäßige, vernünftige Arbeit, dann baut der Organismus Sehnen, Muskeln und Gelenke leistungsfähig und verschleißarm auf.
Das Bewusstsein dafür fehlt vielen. Man kann ein Pferd nämlich auch kaputt schonen. Es gibt gewissermaßen zwei Lager: die einen überfordern ihr Pferd, die anderen schonen es viel zu lange. Wie ein durchdachter Aufbau nach einem Sehnenschaden aussieht, zeigt, wie eng Belastung und Gesunderhaltung zusammenhängen.
Warum moderne Sportpferde mehr Pflege brauchen
Gab es früher eigentlich genauso viele lahme Pferde und Sehnenschäden wie heute? Ein Blick über die letzten fünf Jahrzehnte zeigt: eindeutig nein. Das hat verschiedene Gründe, ein zentraler liegt aber im Pferd selbst.
Nehmen wir den Fesselträger. Wir haben heute ein völlig anderes Pferd als vor 40 oder 50 Jahren. Früher war das kurz gefesselte Pferd mit kurzem Fesselbein in seiner Reitqualität nicht vergleichbar mit dem elastischen, schwungvollen Bewegungsablauf moderner Pferde. Man setzt sich heute auf einen Dreijährigen, und schon federt es unter einem, wofür man früher fünf Jahre Ausbildung gebraucht hätte. Für Reiterin und Sport ist das großartig. Für die Strukturen im Bein ist es hochanspruchsvoll.
Anatomisch ist das Fesselbein länger geworden. Das Pferd als Zehenspitzengänger winkelt im Fesselgelenk stärker nach vorne ab, die Fessel federt von oben nach unten und erzeugt so die geschätzte Elastizität. Der Fesselträger ist dabei eine extrem belastete Struktur, streng genommen kein Sehnen-, sondern ein Bandapparat. Auch die oberflächliche Beugesehne trägt ein hohes Zugmoment. Je elastischer sich ein Pferd bewegt und je gewaltiger es springt, desto höher ist allein über die veränderte Anatomie das Belastungsmoment. Wer tiefer verstehen möchte, wie stark dieser Bandapparat beansprucht wird, findet im Beitrag zum Fesselträgerschaden beim Pferd wertvolle Hintergründe.
Die Konsequenz: Wir haben ein enorm gestiegenes Leistungspotenzial, aber das Fahrgestell ist im Grunde dasselbe geblieben. Also müssen wir mehr pflegen und mehr dafür tun, dass diese Strukturen ihre maximale Leistungsfähigkeit erreichen. Ein modernes Pferd nur in den Stall zu stellen, gelegentlich herauszuholen, Spitzenleistung abzufordern und wieder wegzustellen, ist genau das, was es nicht verträgt.
Können Amateure ein modernes Pferd überhaupt gesund halten?
Eine berechtigte Frage vieler Pferdemenschen: Sind wir als Nicht-Profis überhaupt in der Lage, diese anspruchsvollen modernen Pferde gesund zu halten, wenn wir keine Profireiter, Reitlehrer oder Tierärzte sind? Und wäre es nicht sinnvoll, langfristig wieder robustere Pferde zu züchten?
Die klare Einschätzung: Der engagierte Amateur kann das durchaus. Das Problem ist weniger das Können als die Flut an Theorien. Rund ums Pferd tummeln sich heute alle möglichen Spezialisten, und es schwirren unzählige Lehrsysteme durch die Gegend. Die früher gewachsene, selbstverständliche Pferdeerfahrung ist seltener geworden. Viele erfüllen sich ihren Jugendtraum und starten mit wenig Vorerfahrung, hören dann viele Expertenratschläge, deren Professionalität nicht immer überzeugt und die manchmal eher plakativ oder nach dem Mund geredet sind.
Trotzdem: Wer sich ernsthaft mit seinem Pferd beschäftigt, kann das lernen. Man braucht die richtige Anleitung und Unterstützung. Und es ist keineswegs so, dass nur der Profi ein Pferd gut konditionieren könnte. Selbst viele Profis wissen nicht, wie es richtig geht, gerade die älteren Generationen haben eine andere Ausbildung genossen und müssen mitgenommen werden. Es geht dabei nicht um eine grundsätzliche Umstellung, sondern um eine spezifischere Bewusstseinsbildung: Wie viel Arbeit braucht mein Pferd? Wie arbeite ich es am günstigsten? Welche Bodenverhältnisse nutze ich? Wie verteile ich mein Training? Kann ich mein Dressurpferd auch mal im Gelände reiten?
Exterieur und Sehne: hängt beides zusammen?
Besteht ein Zusammenhang zwischen Körperbau und Sehne? Beim Blick aufs Bein lautet die Antwort ja. Im Vergleich zu den älteren Pferden hat beim modernen Sportpferd ein regelrechter Umbau stattgefunden. Das längere Fesselbein sorgt für mehr Elastizität, für die federnde Stoßdämpfung, die den Reiter begeistert. Genau diese Grundvoraussetzungen sind für Reiter und Sport wunderbar, für die Sehnen aber sehr anspruchsvoll. Deshalb müssen sie deutlich stärker berücksichtigt werden als noch vor Jahrzehnten. Wer die individuellen Besonderheiten seines Pferdes kennt, kann das Training gezielt anpassen und die empfindlichen Strukturen im Bein schonen.
3 Tipps für gesunde Sehnen über viele Jahre
Zum Abschluss drei praxisnahe Grundpfeiler, die jede Sehne stabil und verschleißarm halten:
- Das Pferd als Lauftier akzeptieren. Ein Pferd, das im Stall steht, steht sich kaputt. Ein Pferd, das läuft, geht schwerer kaputt. Schulpferde, die drei bis vier Stunden am Tag laufen, haben kaum Sehnenprobleme, weil sie eine ständige Grundbewegung haben, keine Hochleistung, aber Bewegung.
- Konditionieren auf unterschiedlichen Böden. Regelmäßig arbeiten, aber nicht immer nur in der Halle und nicht immer nur sportspezifisch. Auch mal ins Gelände, bergauf, bergab, über Gras- und Sandboden, was auch immer zur Verfügung steht.
- Regelmäßiger, korrekter Hufbeschlag. Gerade beim modernen Pferdetyp ist die Unterstützungsfläche, die wir durch den Beschlag unter dem Pferd schaffen, ein wichtiges Moment für die Gesunderhaltung der Sehne.
Diese drei Oberbegriffe klingen einfach, entscheiden aber über Jahre der Gesundheit. Sie zeigen zugleich, dass der größte Hebel nicht in teurem Equipment liegt, sondern im täglichen Management.
Wissen für Pferdemenschen: Pferdegesundheit Online
Dr. Kai Kreling hat die Pferdegesundheits-Akademie gegründet, weil im Zeitalter des Internets und der bunt gewordenen Pferdewelt viele Erklärungen kursieren, die mit der Anatomie des Pferdes wenig zu tun haben und oft mehr Mensch als Pferd sind. Sein Anliegen ist eine möglichst sachliche Grundlage, auch für den Laien, damit jeder lernt, mit dem anspruchsvoller gewordenen Pferd umzugehen. Bewusst verbindet er dabei Medizin und Reiten, denn übers Reiten wird an der Gesundheit des Pferdes viel richtig und viel falsch gemacht.
Auf der Plattform gibt es eine Mediathek mit zahlreichen Vorträgen sowie alle 14 Tage, dienstagabends um 19:30 Uhr, einen Kurzvortrag zu einem aktuellen Thema aus der täglichen Praxis. Für manche ist das die Alternative zum Krimi am Dienstagabend. Als Markenzeichen ziehen sich durch alle Vorträge liebevolle Karikaturen, die Dr. Kreling von seinem verstorbenen Vater übernommen hat und als Auflockerung und Merkhilfe einsetzt. Denn ein schönes Bild im Kopf bleibt oft länger haften als das gesprochene Wort.







