Grundlage dieses Artikels ist das Gespräch von Dr. Veronika Klein mit Sarah Suhrmann im Podcast „Pferd und Mensch in Balance". Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung: Diagnose, Akutbehandlung und die Freigabe für jeden Trainingsschritt gehören in die Hand deines Tierarztes.
Das Wichtigste in Kürze
» Sehnenschäden entstehen selten durch ein Trauma. Der größte Hebel ist Bewegungsmangel, der über wiederkehrende Mikroläsionen langsam zum Schaden führt.
» Die Reha kennt drei Phasen. Am gefährlichsten ist die instabile Phase: Das Pferd ist lahmfrei und der Ultraschall sieht gut aus, aber das Gewebe ist noch nicht belastbar.
» Kein starrer Plan schlägt das tägliche Abtasten der Sehne. Und auch zu wenig ist ein Fehler: Wegstellen oder ewig nur Schritt schwächt das Gewebe, weil der nötige Reiz fehlt.
Die Diagnose Sehnenschaden gehört zu den meistgefürchteten in der Pferdewelt: lange Pause, unsichere Prognose, ständige Angst vor dem Rückfall. Doch die wenigsten Sehnenschäden fallen vom Himmel. Sie sind das Ergebnis eines langen Prozesses, und genau deshalb hast du als Pferdemensch beim Aufbautraining so viel in der Hand.
Dieser Artikel bündelt, was ich im Gespräch mit der Hufpflegerin Sarah Suhrmann in ihrem Podcast „Pferd und Mensch in Balance" zum Aufbau nach einem Sehnenschaden erzählt habe: die drei größten Fehler im Aufbautraining, die drei Heilungsphasen und warum dein Pferd der beste Trainingsplan ist, den du bekommen kannst. Woher Sehnenschäden überhaupt kommen und welche Ursachen-Mythen sich hartnäckig halten, liest du im Artikel Sehnenschäden: 3 hartnäckige Mythen. Die medizinischen Grundlagen, die Diagnose per Ultraschall und die Therapieverfahren findest du im großen Sehnen-Überblick.
Kein Loch, sondern Bewegungsmangel: der wahre Grund
„Er ist in ein Loch getreten und hat sich die Sehne gerissen." Diese Geschichte höre ich ständig, und in den allermeisten Fällen stimmt sie nicht. Ein echtes Trauma ist nur im einstelligen Prozentbereich die alleinige Ursache. Viel häufiger steckt ein langer Prozess dahinter, unzählige wiederkehrende Mikroläsionen, bis das Gewebe einer ganz normalen Belastung plötzlich nicht mehr standhält.
Der größte einzelne Hebel dahinter ist Bewegungsmangel. Sehnen sind von Natur aus schlecht durchblutet, sie brauchen kontinuierliche, sanfte Bewegung, um elastisch und belastbar zu bleiben. Pures Gift ist die Kombination, die für viele Pferde Alltag ist: 20 bis 23 Stunden stehen, dann einmal am Tag punktuell hoch belastet werden. Warum Genetik, Boden und „zu früh angeritten" dagegen überschätzte Sündenböcke sind, habe ich im Mythen-Artikel auseinandergenommen. Fürs Aufbautraining zählt vor allem eins: Ein Pferd, das rund um die Uhr physiologisch in Bewegung ist, baut ein so stabiles Gewebe auf, dass es kleine Fehler verzeiht.
Fehler 1: das Pferd kaputt schonen
Viele glauben, maximale Schonung sei der beste Schutz für Sehnen und Gelenke. Das Gegenteil ist der Fall. Gewebe passt sich immer an die Belastung an, der es ausgesetzt ist. Fehlt der Reiz, hat der Körper keinen Grund, stabiles Gewebe zu bilden. Ohne einen überschwelligen Reiz, der das Pferd sanft aus der Komfortzone holt, denkt der Körper nicht „hier brauche ich mehr Stabilität".
Das fängt lange vor jedem Schaden an. Aus Angst, etwas falsch zu machen, werden viele Pferde erst mit fünf oder sechs Jahren angefangen. Damit verpasst man genau das Fenster, in dem Sehnen auf Reize mit Stabilität reagieren. Studien zeigen: Pferde, die schon als Dreijährige angemessen und gezielt gefordert werden, entwickeln deutlich stabilere Sehnen als spät gestartete. Und ein Klassiker, der nur nach Bewegung aussieht: Schritt am langen Strick durch den Wald ist kein Training. Wenn das Pferd dabei durchhängt und keine gesunde Körperhaltung annimmt, hängt es in die unteren Stoßdämpfer, und das sind wieder die Beugesehnen und der Fesselträger.
Sehne ist nicht gleich Sehne
Bevor es ans Aufbauen geht, lohnt eine wichtige Unterscheidung, denn „Sehnenpferd gleich Sehnenpferd" ist selbst ein Mythos. Bizeps- und Strecksehne sind fast nie betroffen. Die Probleme sitzen in der oberflächlichen und der tiefen Beugesehne und im Fesselträger. Und das sind sehr unterschiedliche Strukturen: Die Beugesehnen bewegen die Gliedmaße, der Fesselträger trägt und hat eher eine Bandfunktion, auch wenn beide oft in einen Topf geworfen werden. Welche Struktur in welchem Ausmaß betroffen ist, entscheidet mit darüber, welche Übung guttut und welche schadet. Deshalb steht am Anfang jeder Reha die tierärztliche Abklärung: welche Struktur, wo, wie stark. Das beurteilt der Tierarzt am Pferd, meist per Ultraschall.
Die drei Heilungsphasen, und warum die instabile so tückisch ist
Der zweite Schlüssel ist die Phase. Was in der ersten Woche richtig ist, kann im dritten Monat schädlich sein und umgekehrt. Grob unterscheidet man drei Phasen:
- Akutphase (etwa die erste Woche): Hier gibt der Tierarzt die Linie vor. Meist geht es um Boxenruhe und darum, Entzündung und Schwellung herauszubekommen, damit die Fasern entlastet werden. Maßnahmen wie Kühlen oder entzündungshemmende Medikamente gehören in dieser Phase in tierärztliche Hand.
- Instabile Phase: die tückischste Zeit. Das Pferd ist meist schon wieder lahmfrei, das Bein sieht gut aus, und im Ultraschall wirkt die Sehne schön durchstrukturiert. Alle freuen sich. Aber das neue Gewebe hat noch lange nicht die alte Belastbarkeit. Wer jetzt weitermacht wie vorher, landet schnell in der Rückfallschleife. Genau das passiert leider sehr oft.
- Kollagenbildende Phase: Sie kann bis zu ein bis zwei Jahre dauern, je nach Ausmaß. War ein richtiges Loch drin, zieht es sich, bei einer leichten Reizung geht es deutlich schneller. In dieser Zeit sind enge Zirkel in hohen Gangarten, Springen oder freies Laufenlassen keine gute Idee.
Fehler 2: dem starren Plan vertrauen statt dem Pferd
Nach der Diagnose wünschen sich fast alle einen exakten Schritt-für-Schritt-Plan: heute fünf Minuten, morgen zehn, dann wieder Zirkel. So einen Plan kann dir niemand seriös geben, denn ob du das Pensum steigern kannst, hängt vom Alter, vom Trainingsstand, von deinem Können, vom Boden und von der betroffenen Struktur ab. Niemand hat eine Glaskugel. Was du stattdessen hast, ist die beste Feedbackschleife überhaupt: dein Pferd.
Das wichtigste Werkzeug dabei ist das Abtasten der Sehne. Und das ist einfacher, als viele denken:
- Am gesunden Bein üben: Taste regelmäßig die gesunden Beine ab, um ein Gefühl für den Normalzustand zu bekommen.
- Vergleichen und wiederholen: vor dem Training, direkt danach und am nächsten Morgen. Beim Hufeauskratzen sind das drei Sekundengriffe extra.
- Nur die Veränderung zählt: Du musst kein Therapeut sein und nicht wissen, was du genau fühlst. Es geht allein darum, eine Veränderung zu bemerken, mehr Wärme, eine Schwellung, mehr Druckempfindlichkeit. Ein Vollblüter zuckt von Natur aus schneller weg als ein Tinker, deshalb geht es immer nur um dein Pferd im Vergleich zu sich selbst.
Wie sich das Abtasten in der Praxis anfühlt, siehst du hier im Video:
Reagiert die Sehne, war das Pensum vielleicht zu hoch, und du gehst am nächsten Tag einen Schritt zurück, von drei auf zweieinhalb Kilometer zum Beispiel. Das ist kein Weltuntergang, sondern ganz normal, niemand trifft jeden Tag exakt das ideale Maß. „Das Pferd ist dein Kompass" ist deshalb mein Leitsatz. Das Abtasten selbst lässt du dir am besten einmal von Tierarzt, Physiotherapeut oder Osteopath vor Ort zeigen.









