Dieser Artikel wurde 2026 grundlegend überarbeitet und um die Inhalte aus Dr. Veronika Kleins Webinaren zum Pferdetraining aus medizinischer Sicht erweitert. Bei erkrankten Pferden ersetzt kein Trainingsplan die tierärztliche Begleitung: Was dein Pferd belasten darf, entscheidet ihr gemeinsam mit eurem Tierarzt.
Das Wichtigste in Kürze
» Ein Trainingsplan entsteht in 4 Schritten: terminiertes Ziel, messbare Kontrolle, ehrliche Bestandsaufnahme der Ressourcen und Einheiten nach Trainingsphysiologie.
» Das Drei-Stufen-Modell gibt die Reihenfolge vor: erst Gewebe vorbereiten, dann Grundlagenausdauer, erst zuletzt spezifische Kraft und Höchstleistung.
» Für die Woche gilt die 3/2/1-Regel: Drei Trainingsreize verbessern ein System, zwei halten das Niveau, einer ist zu wenig.
Wie läuft ein sinnvolles Aufbautraining nach einem Sehnenschaden, einer Kolik oder einer langen Pause ab? Wie oft muss ein Pferd trainiert werden, damit sich überhaupt etwas verändert? Und woher weißt du, ob dein Plan funktioniert oder dein Pferd stillschweigend überfordert? Genau diese Fragen bekomme ich als Fachtierärztin für Pferde immer wieder gestellt. Die Antwort ist keine fertige Vorlage, sondern ein System, mit dem du deinen eigenen Plan baust: vier Schritte für die Planung, drei Stufen für die Reihenfolge, eine einfache Regel für die Woche und Feedback-Schleifen, mit denen dein Pferd den Plan täglich mitbestimmt.
Zur Einordnung vorab: Training ist regelmäßig, systematisch, zielgerichtet und mit Plan, und sein Zweck ist eine körperliche Leistungssteigerung. Damit unterscheidet es sich grundlegend von Bewegung und von Ausbildung, und genau diese Unterscheidung entscheidet über deinen Plan.
Bewegung, Ausbildung, Training: Erst die Begriffe, dann der Plan
In der Pferdewelt wird fast alles „Training" genannt, dabei sind es drei verschiedene Dinge:
- Bewegung ist ein Grundbedürfnis: Pferde sind Lauftiere, gebaut für 15 bis 30 Kilometer Schritt am Tag mit dem Kopf unten. Bewegung bleibt unter etwa 30 Prozent der körperlichen Auslastung und verändert den Körper nicht. Drei Runden um den Block erzeugen kein Sixpack.
- Ausbildung heißt: Das Pferd lernt etwas. Bewegungsabläufe, Hilfen, Koordination. Hier arbeitet das Nervensystem, nicht primär der Stoffwechsel. Man muss etwas erst lernen, bevor man es trainieren kann.
- Training beginnt erst beim überschwelligen Reiz ab etwa 50 bis 60 Prozent der Auslastung. Erst dann passt sich der Körper an: Der Energiestoffwechsel wird effizienter, es entstehen mehr Kapillaren und mehr rote Blutkörperchen.
Ein Merkbild dazu: Ein Baby lernt krabbeln, stehen und gehen (Ausbildung), ein Kind rennt und spielt (Bewegung), und erst wer beides beherrscht, geht ins Marathon-Training. Niemand schickt ein Baby ins Marathon-Training. Kläre diese Begriffe übrigens auch vor Gesprächen mit Trainern, Tierärzten oder Therapeuten, sonst redet ihr aneinander vorbei. Was der Unterschied konkret für Puls und Atmung bedeutet, liest du im Artikel zur Atemfrequenz beim Pferd.
Warum sich der Aufwand lohnt: Training verbessert nachweisbar die Körperfunktionen, vom Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel bis zur Insulinsensitivität. Vieles, was unter dem Schlagwort „Stoffwechsel ankurbeln" mit Zusatzfuttermitteln versucht wird, leistet ein durchdachtes Training kostenlos und messbar. Und die Erfahrung aus hunderten ausgewerteten Puls- und Streckenmessungen zeigt: Rund 90 Prozent der Freizeitpferde werden nicht über-, sondern untertrainiert. Man kann ein Pferd auch kaputt schonen.
Die 4 Schritte zum Trainingsplan
Schritt 1: Ein konkretes Ziel mit Termin
Es macht für den Plan einen elementaren Unterschied, ob ein Pferd auf einen Distanzritt vorbereitet wird oder ein Jungpferd auf das Anreiten. Formuliere deshalb zuerst das Warum, und setz ihm einen Termin: Nur wenn du weißt, WANN du WAS erreicht haben willst, kannst du systematisch rückwärts planen. Kleine Zwischenziele halten die Motivation hoch und zeigen dir früh, ob der Plan trägt.
Schritt 2: Messbare Kontrolle festlegen
Dein Ziel muss überprüfbar sein, sonst trainierst du auf Gefühl. Für die Rückenmuskulatur eignen sich standardisierte Fotos, fürs Abnehmen der Body Condition Score mit dem Gewichtsband, für Ausdauerziele Herz- und Atemfrequenz mit der Pulsuhr. Welche Werte du wählst, hängt vom Ziel ab. Dass du welche wählst, ist nicht verhandelbar.
Schritt 3: Ehrliche Bestandsaufnahme
Was steht dir wirklich zur Verfügung? Zeitbudget, Platz- und Geländeverhältnisse, Equipment, der Fitnesszustand von Pferd und Reiter. Ein Plan, der jeden Tag 90 Minuten verlangt, während du viermal pro Woche 30 Minuten hast, ist keiner. Wer die Rahmenbedingungen vorher aufschlüsselt, erlebt unterwegs keine bösen Überraschungen und passt die Ziele an die echten Möglichkeiten an.
Schritt 4: Einheiten nach Trainingsphysiologie
Jetzt erst werden Einheiten geplant, und zwar nach den Regeln des Körpers, nicht des Kalenders. Die wichtigste davon ist die Reihenfolge, und die gibt das Drei-Stufen-Modell vor.
Das Drei-Stufen-Modell: Die Reihenfolge entscheidet
Für die Gesunderhaltung deines Pferdes ist entscheidend, welche Anforderung in welcher Reihenfolge an den Körper gestellt wird. Und auf jeder Stufe gibt es typische Fehler, die ich aus der Praxis nur zu gut kenne.
Stufe 1: Den Körper auf Belastung vorbereiten
Knochendichte erhöhen, Sehnen und Bänder stärken, Gelenke stimulieren: Stufe 1 bereitet die Gewebe darauf vor, einem Trainingsreiz überhaupt standhalten zu können. Sie gilt für Jungpferde vor dem Anreiten und für jedes Pferd nach zwei bis drei Monaten Pause, egal ob durch Krankheit, Verletzung oder Urlaub. Der häufigste Fehler: Diese Stufe wird schlicht übersprungen, weil sie in keiner klassischen Ausbildung unterrichtet wird. Alle planen, wie das Pferd Sattel und Hilfen lernt (das ist Ausbildung), aber kaum jemand bereitet vorher den Körper vor. Der zweite Fehler ist das falsche Führen: Wochenlang am durchhängenden Strick in schlechter Haltung „spazieren" belastet genau die Stoßdämpfer, die geschont werden sollen. Wie der Einstieg richtig aussieht, zeigt Schritt für Schritt der Artikel zum Aufbautraining in den ersten drei Monaten.
Stufe 2: Grundlagenausdauer und Kraftausdauer
Hier entstehen Fitness und Tragfähigkeit: Das Herz-Kreislauf-System wird stärker, der Stoffwechsel effizienter, die Sauerstoffversorgung besser. Als Grundsatz gilt: Immer Dauer vor Intensität. Zwei Fehler dominieren diese Stufe. Erstens: viel zu wenig machen, aus Angst, etwas kaputt zu machen. Dabei braucht auch heilendes Gewebe Reize, um sich auszurichten, und eine Lunge, die nicht belüftet wird, „verstaubt". Zweitens: zu früh zu viel Krafttraining, damit das Pferd schnell wieder „hübsch aussieht". Muskeln wachsen schnell, verkürzen sich dabei und ziehen an ihren Sehnen. Viele Sehnenschäden entstehen genau so. Ein vierjähriges Pferd darf unspektakulär bemuskelt sein, wenn es dafür gesund aufbaut. Wie kluger Muskelaufbau funktioniert, habe ich separat aufgeschrieben. Und eine gute Nachricht: Ein Pferd kann sein ganzes Leben auf Stufe 2 trainiert werden und so bis ins hohe Alter fit bleiben. Stufe 3 ist kein Pflichtziel.
Stufe 3: Spezifische Kraft und Langzeitausdauer
Stufe 3 beginnt dort, wo es sportspezifisch wird: ab etwa Klasse L, bei Distanzritten ab 80 Kilometern, bei mehrtägigen Wanderritten. Hier werden sportartspezifische Muskulatur, Symmetrie und Langzeitausdauer aufgebaut, denn an der Leistungsgrenze steigt mit der Ermüdung die Verletzungsgefahr steil an. Der klassische Fehler: Leistungen aus Stufe 3 werden zu früh abgefragt. Das S-Dressurpferd kann den fliegenden Wechsel auch nach drei Monaten Sehnenpause noch, aber es kann ihn auf diesem Trainingsstand nicht ohne Verschleiß leisten. Können und Leisten-Können sind zwei verschiedene Dinge. Bindegewebe braucht zwei bis vier Jahre Anpassungszeit, bis es stabil ist, und diese Zeit lässt sich nicht abkürzen. Eine praktische Orientierung: Was das FN-Aufgabenheft ab Klasse L/M abfragt, gehört in Stufe 3 und vorher nicht ins Programm.
Wie oft trainieren? Die 3/2/1-Regel
Für die Wochenstruktur gibt es eine einfache Faustregel: Drei Trainingsreize pro Woche verbessern ein Körpersystem, zwei halten das Niveau, einer ist zu wenig, dann baut es ab. Dazwischen liegen Bewegungstage (Spaziergänge, Weide, lockeres Longieren) und aktive Ruhetage mit Mobilisation oder einem Physiotag. Wichtig dabei: „Kondition" ist kein einzelnes Ziel, sondern besteht aus fünf Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination, Beweglichkeit), und jede braucht eigene Einheiten und Methoden. Setz deshalb pro Einheit einen klaren Fokus, statt aus dem Bauch heraus von allem etwas zu machen. Du kannst nicht alle fünf in einer Stunde abdecken, und wer sich in nur eine Methode verrennt, wird dem Pferd genauso wenig gerecht.
Auch mit wenig Zeit ist ein pferdegerechter Plan möglich: Eine minimale Frequenz mit passender Intensität holt aus wenigen Einheiten das Maximum heraus, und wer die Gewebeanpassungszeiten kennt, weiß auch, wie lange Pausen möglich sind, ohne dass alles abbaut.









