Dieser Beitrag geht auf eine Podcastfolge von Dr. Veronika Klein zurück und wird bei neuen Erkenntnissen aktualisiert. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung deines Pferdes.
Das Wichtigste in Kürze
» Das Körpergewicht allein sagt nichts über den Ernährungszustand aus. 500 kg sind beim Pony Übergewicht und beim großen Warmblüter Untergewicht.
» Beim Body Condition Score beurteilst du sechs Körperregionen auf einer Skala von 1 bis 9. Der Zielbereich liegt bei 5 bis 6.
» Ab einem Wert von 7 ist Übergewicht nachweislich schädlich, weil Fettgewebe hormonell aktiv ist und EMS sowie Hufrehe begünstigt.
Zwei Pferde stehen nebeneinander, beide wiegen 500 Kilogramm. Beim etwas größeren Pony ist das deutliches Übergewicht. Beim großen Warmblüter mit Vollblutanteil ist dasselbe Gewicht Untergewicht. Die Zahl allein beantwortet die Frage also nicht, die du eigentlich stellst: Ist mein Pferd zu dick, zu dünn oder genau richtig?
Genau dafür gibt es den Body Condition Score, kurz BCS. Er beschreibt nicht, wie schwer dein Pferd ist, sondern in welchem Ernährungszustand es sich befindet. Du brauchst dafür kein Gerät, keine Waage und kein Labor. Du brauchst deine Hände, ein paar Minuten Zeit und das Wissen, wo du hinfassen musst. Das lernst du hier.
Was ist der Body Condition Score beim Pferd?
Der Body Condition Score ist ein standardisiertes Bewertungssystem für den Ernährungszustand. Beurteilt werden sechs Körperregionen auf einer Skala von 1 bis 9, wobei 1 für ausgehungert steht und 9 für extrem verfettet. Aus den sechs Einzelwerten wird der Mittelwert gebildet, und dieser Mittelwert ist der Body Condition Score deines Pferdes.
Das System hat eine Entwicklungsgeschichte. Das erste stammt von 1983 aus Texas, von Henneke, und war für Quarter Horses gedacht, mit Blick auf die Fruchtbarkeit von Zuchtstuten. 1988 folgten Carroll und Huntington mit einem Pony Condition Score auf einer Skala von 0 bis 5, 1990 Martin-Rosset mit einer verkürzten Variante, die nur Brustwand und Schweifansatz bewertete.
Für unsere Pferde am wichtigsten ist die Fassung von Schramme, die 2004 gemeinsam mit Professorin Ellen Kienzle an der Ludwig-Maximilians-Universität München veröffentlicht wurde. Sie wurde an 181 Warmblutpferden entwickelt und dann an weiteren 140 Pferden überprüft, nachzulesen auch in der zugrunde liegenden Dissertation. Der entscheidende Unterschied zum amerikanischen Original: Ab einem Wert von 5 fließt Muskulatur nicht mehr in die Bewertung ein. Das amerikanische System hatte gut bemuskelte Warmblüter systematisch zu hoch bewertet, weil es nicht sauber zwischen Muskel und Fett unterschied. Ein durchtrainiertes Sportpferd landet mit der angepassten Fassung also nicht mehr fälschlicherweise im Bereich „zu dick“.
Die drei Fragen, die sich in jeder Region wiederholen
Das Schöne am BCS ist, dass du dir nicht sechs verschiedene Verfahren merken musst. In jeder Region stellst du dieselben drei Fragen. Wenn du die einmal verinnerlicht hast, kannst du jedes Pferd beurteilen.
Frage 1: Kannst du die Knochenpunkte sehen oder fühlen?
Das ist die wichtigste Frage, und die Antwort folgt einer klaren Logik. Wenn du die Knochenpunkte sehen und fühlen kannst, ist das Pferd mager. Wenn du sie nicht sehen, aber durch die Haut ertasten kannst, liegt es im Idealbereich. Und wenn du sie weder sehen noch fühlen kannst, dann liegt eine Fettschicht darüber, das Pferd ist zu dick.
Frage 2: Wie verläuft die Körperoberfläche?
Leg die flache Hand auf die Region und streiche darüber. Drei Möglichkeiten: Die Fläche ist eingefallen, sie ist gerade, oder sie wölbt sich nach außen. Eingefallen bedeutet mager, gerade ist der Idealbereich, gewölbt heißt, dass Fett aufliegt.
Am Rücken funktioniert das besonders gut. Leg die Handfläche hinter dem Widerrist quer auf die Sattellage und nimm sie wieder weg. Bildet deine Hand ein Dach, weil die Dornfortsätze herausstehen? Liegt sie flach auf? Oder wölbt sie sich nach oben, weil sich links und rechts der Wirbelsäule Fettpolster auftürmen?
Frage 3: Lässt sich eine Hautfalte abheben?
Bei sehr mageren Pferden bekommst du keine Falte zu fassen, die Haut liegt direkt auf dem Gewebe und lässt sich nicht verschieben. Im Idealbereich ist die Haut leicht verschieblich, eine kurze Falte lässt sich unter Spannung abheben. Bei fetten Pferden greifst du eine richtige Speckfalte, die sich spannungsfrei abheben lässt.
Die sechs Körperregionen im Einzelnen
Fang vorne am Pferd an und arbeite dich nach hinten. So vergisst du keine Region. Nimm dir für den ersten Durchgang bewusst Zeit, das dauert am Anfang zehn Minuten und später drei.
1. Der Hals
Die Knochenpunkte am Hals sind die Halswirbel. Der erste Halswirbel, der Atlas, ist immer gut zu tasten, direkt hinter dem Genick. Bei Pferden, die nicht im Übergewicht sind, kannst du auch die Halswirbel drei, vier und fünf ertasten. Sie liegen relativ weit unten über der Drosselrinne. Lass dir diese Punkte einmal von deiner Tierärztin oder deiner Physiotherapeutin zeigen, am besten an einem Skelett, dann sitzt es sofort.
Dann die Körperoberfläche: Streiche mit der flachen Hand über die Halsseite. Ist sie eingefallen, gerade oder gewölbt? Achte zusätzlich auf den Übergang zum Widerrist. Findest du dort eine Kuhle oder einen deutlichen Absatz, spricht man vom Axthieb, und das deutet auf Untergewicht hin.
Die Besonderheit am Hals ist das Kammfett, also das Fett, das auf dem Nackenband sitzt. Es gibt eine Faustregel, die im Stall gut funktioniert: Greif im Bereich des Genicks das Nackenband, taste dich nach unten, und alles was darüber liegt, ist Kammfett. Die Höhe in Zentimetern entspricht ungefähr dem Score. Vier Zentimeter Kammfett bedeuten also etwa einen Wert von 4, fünf Zentimeter einen Wert von 5.
Vorsicht bei Friesen. Die haben rassetypisch deutlich mehr Kammfett, ohne deshalb übergewichtig zu sein. Hier musst du das Gesamtbild beurteilen und nicht nur den Hals.
Referenzbild: BCS 7. Das Pferd auf dem Foto hat einen deutlich verbreiterten, festen Mähnenkamm. Das Fett sammelt sich mittig statt gleichmäßig verteilt zu sein. So sieht Übergewicht am Hals aus, wenn es bereits im gesundheitlich kritischen Bereich liegt. Nimm dieses Bild als Vergleich, wenn du bei deinem eigenen Pferd unsicher bist.
2. Die Schulter
An der Schulter tastest du das Schulterblatt und vor allem die Schulterblattgräte, einen Knochenkamm, der sich sehr leicht finden lässt. Bei sehr dünnen Pferden kannst du zusehen, wie sich das Schulterblatt beim Laufen nach vorne und hinten bewegt.
Geh dann hinter die Schulter in den Bereich hinter dem Ellbogen, wo der Sattelgurt liegt. Dort tastest du die sechste bis achte Rippe. Sichtbar, fühlbar oder weg? Und genau dort, vor dem Ellbogen, versuchst du deine Hautfalte abzuheben. Bekommst du überhaupt Haut zu fassen, weil Fett darunter liegt, oder ist das nicht möglich?
3. Rücken und Kruppe
Hier sind die Knochenpunkte die Dornfortsätze der Wirbelsäule. Streiche mit den Fingern direkt über den Rücken. Weiter hinten, hinter der Sattellage, kannst du bei mageren Pferden zusätzlich die Querfortsätze der Lendenwirbelsäule fühlen, die seitlich abstehen.
Für die Körperoberfläche nimmst du den Handflächen-Test von oben: Dach, Gerade oder Wölbung. Bei stark übergewichtigen Pferden bildet sich links und rechts der Wirbelsäule so viel Fett, dass in der Mitte eine regelrechte Rinne entsteht.
4. Die Brustwand
Das ist die einfachste Region, weil jeder weiß, wo die Rippen sitzen. Schau zuerst aus einigen Metern Entfernung: Kannst du die Rippen zählen? Wenn ja, ist dein Pferd zu dünn. Wenn nicht, geh hin und taste mit leichtem, streichendem Druck. Im Idealbereich fühlen sich die Rippen an wie Bleistifte unter einer Decke, du spürst sie deutlich, ohne drücken zu müssen.
Musst du kräftig drücken, um überhaupt etwas zu finden, oder sinken deine Fingerkuppen in weiches Gewebe ein, liegt Fett darüber.
Referenzbild: BCS 3. Hier siehst du das Gegenstück. Die Rippen sind schon aus der Entfernung erkennbar, die Knochenpunkte an Hüfte und Schweifansatz treten deutlich hervor. Zusammen mit dem Halsbild weiter oben hast du damit zwei Eckpunkte, zwischen denen sich fast alle Pferde einordnen lassen: 3 ist deutlich zu dünn, 7 ist deutlich zu dick, und dazwischen liegt bei 5 bis 6 der Bereich, in dem du dein Pferd haben willst.
5. Die Hüfte

Drei Knochenpunkte sind hier wichtig, auf dem Bild rot markiert: Der Hüfthöcker sitzt seitlich, der Sitzbeinhöcker im hinteren Bereich und der Kreuzhöcker oben auf.
Die Hüfthöcker liegen ungefähr dort, wo beim Menschen der Gürtel sitzt, das kannst du an dir selbst nachfühlen. Am Skelett siehst du gut, wie deutlich diese Punkte hervorstehen, wenn kein Gewebe darüber liegt.
Bei mageren Pferden stehen sie entsprechend spitz und scharfkantig hervor. Mit zunehmender Fettauflage runden sich die Kanten ab, bis die Knochen unter einem Fettmantel verschwinden. Die Besonderheit dieser Region ist die Hungergrube vor dem Hüfthöcker, die bei mageren Pferden deutlich eingefallen ist.
6. Der Schweifansatz
Zieh gedanklich eine Linie vom Sitzbeinhöcker zu den ersten Schwanzwirbeln. Ist diese Linie eingefallen, gerade oder gewölbt? Rund um den Schweifansatz lagern Pferde sehr leicht weiches, schwammiges Fett ein. Bei stark übergewichtigen Tieren werden daraus richtige Wülste.
Warum der Bauch nicht zählt
Ein Punkt, der viele überrascht: Der Bauchumfang wird beim Body Condition Score bewusst nicht bewertet. Ein dicker Bauch sagt vor allem etwas darüber aus, wie gut Blinddarm und Grimmdarm gerade gefüllt sind, und wie es um die Bauchmuskulatur steht. Über den Körperfettanteil sagt er wenig.
Ein Heubauch ist deshalb kein Übergewicht. Umgekehrt kann ein Pferd mit unauffälligem Bauch am Hals, an der Kruppe und am Schweifansatz deutlich zu viel Fett tragen. Deshalb tastest du die sechs definierten Regionen ab, statt dich vom Gesamteindruck leiten zu lassen.
Welcher Wert ist normal?
Bei mittelalten Pferden liegt der Zielbereich zwischen 5 und 6. Jungpferde, die noch im Muskelaufbau sind, dürfen etwas darunter liegen, bei 4 bis 5.
Und dann gibt es eine Grenze, die keine Geschmacksfrage ist: Ab einem Wert von 7 ist Übergewicht nachweislich gesundheitsschädlich. Das ist keine Ästhetik-Debatte, dahinter steht Physiologie. Fettgewebe ist kein passiver Vorratsspeicher, sondern ein hormonell aktives Organ. Es schüttet Botenstoffe aus, die in den gesamten Stoffwechsel eingreifen.
Die Folge ist eine Insulinresistenz, und damit sind wir beim Equinen Metabolischen Syndrom. Der erhöhte Insulinspiegel schädigt die Aufhängung des Hufbeins in der Hufkapsel, und daraus entsteht die endokrine Hufrehe, die häufigste und gefährlichste Form dieser Erkrankung. Dazu kommt die rein mechanische Belastung von Gelenken und Sehnen, eine schlechtere Wärmeregulation im Sommer und weniger Ausdauer.
Wie schnell aus „ein bisschen zu viel“ ein ernstes Problem wird, haben wir in den 5 Mythen über dicke Pferde aufgeschrieben.
Untergewicht ist genauso wenig harmlos. Ein Wert unter 4 weist auf eine katabole Stoffwechsellage hin, also auf einen Zustand, in dem der Körper Substanz abbaut. Dahinter stecken oft Zahnprobleme, chronische Schmerzen, Parasiten oder schlicht eine Ration, die den Bedarf nicht deckt. Das Immunsystem leidet mit. Wenn dein Pferd ohne erkennbaren Grund abnimmt, gehört das abgeklärt, bevor du einfach mehr fütterst. Mehr dazu findest du im Beitrag über plötzlichen Gewichtsverlust.
Der Mähnenkamm verdient einen eigenen Blick
Es gibt Pferde, deren Gesamt-BCS völlig in Ordnung aussieht, die aber trotzdem ein Stoffwechselproblem haben. Der Grund: Bei einer Insulin-Dysregulation lagert sich Fett bevorzugt an bestimmten Stellen ab, allen voran am Mähnenkamm, über der Schulter und am Schweifansatz.
Für diese regionale Fettverteilung gibt es ein eigenes System, den Cresty Neck Score auf einer Skala von 0 bis 5. Ab Stufe 3 gilt er als eigenständiges Warnsignal: Der Kamm ist deutlich verbreitert, das Fett sammelt sich mittig statt gleichmäßig verteilt, und es bilden sich erste Falten. Bei Stufe 5 kippt der Kamm unter seinem eigenen Gewicht dauerhaft zur Seite.
Wenn dir das an deinem Pferd auffällt, sprich es bei der nächsten tierärztlichen Untersuchung an, auch wenn der Rest unauffällig wirkt.
Rasse einordnen, bevor du dich erschreckst
Die Skala wurde an Warmblutpferden entwickelt und validiert. Bei anderen Rassen gehört Augenmaß dazu, sonst kommst du zu falschen Schlüssen:
- Araber und Englische Vollblüter zeigen oft auch im Idealzustand einen leichten Axthieb vor dem Widerrist. Bei einem Warmblut würde dasselbe Bild auf einen Wert von 3 bis 4 hindeuten.
- Kaltblüter, Iberer, Ponys und Friesen lagern genetisch bedingt mehr Kammfett ein. Ein breiterer Hals ist hier nicht automatisch Übergewicht.
- Tinker und Quarter Horses haben eine stark bemuskelte Hinterhand, die optisch eine geteilte Kruppe erzeugt. Beim Warmblut wäre das ein sicheres Zeichen für einen Wert von 8 oder 9, hier ist es schlicht Muskelmasse.
- Hengste tragen geschlechtsbedingt einen ausgeprägteren Hals. Bis zu sieben Zentimeter Kammfett sind hier tolerierbar.
Und was ist mit dem Gewicht?
Der Ernährungszustand ist die eine Hälfte der Antwort. Die andere ist das Körpergewicht in Kilogramm, und das brauchst du für zwei Dinge sehr konkret, gleich mehr dazu.
Das Problem: Kaum ein Stall hat eine Pferdewaage. Geschätzt wird trotzdem ständig, und zwar erstaunlich schlecht. Abweichungen von 50 bis über 150 Kilogramm sind auch bei erfahrenen Pferdeleuten normal. Mit einem Maßband kommst du deutlich näher heran.
Dafür haben wir einen Rechner gebaut. Er nutzt die Gleichungen aus derselben Münchner Arbeitsgruppe, die auch hinter der BCS-Fassung steht. Du gibst fünf Maße ein, und weil der Ernährungszustand als Faktor in der Formel steckt, kommt dein BCS gleich mit hinein:








