Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zur Hufrehe. Er ersetzt keine tierärztliche Behandlung: Hufrehe ist ein Notfall, bei Verdacht rufe bitte sofort deinen Tierarzt, auch nachts, am Wochenende und an Feiertagen.
Das Wichtigste in Kürze
» Hufrehe ist eine schmerzhafte Entzündung des Hufbeinträgers, bei der sich das Hufbein senken oder drehen kann. Sie ist immer ein Notfall und muss sofort behandelt werden, auch am Wochenende.
» 70 bis 90 Prozent der Fälle sind hormonell bedingt (EMS, PPID, Insulin-Dysregulation). Fruktan und Übergewicht sind Auslöser bzw. Risikofaktoren, nicht die eigentliche Ursache, deshalb immer auf die Grunderkrankung testen.
» Im akuten Schub: Ursache abstellen, Hufe kühlen (Crush-Ice, erste 72 Stunden), weich aufstallen, Boxenruhe und sofort den Tierarzt rufen.
Hufrehe ist eine der Diagnosen, vor denen sich Pferdemenschen am meisten fürchten, und das zu Recht. Sie ist schmerzhaft, sie ist ein Notfall, und sie erfordert ein Leben lang Aufmerksamkeit. Gleichzeitig hält sich hartnäckig ein Missverständnis: dass zu viel frisches Gras und ein bisschen Übergewicht schuld seien. Die Wahrheit ist komplexer und für die Behandlung entscheidend. Dieser Artikel gibt dir den fachlichen Überblick: was Hufrehe genau ist, woran du sie erkennst, was im Notfall zu tun ist und warum die eigentliche Ursache fast immer tiefer liegt.
Hufrehe (auch kurz Rehe) ist eine schmerzhafte Entzündung des Hufbeinträgers, also der Aufhängung des Hufbeins in der Hornkapsel. Durch die Entzündung lockert sich diese Verbindung, das Hufbein kann sich absenken oder rotieren, und das Pferd wird deutlich lahm. Hufrehe ist immer ein Notfall.
Was passiert bei Hufrehe im Huf?
Das Hufbein, der Knochen im Inneren des Hufs, liegt nicht einfach auf der Sohle auf. Es ist über den Hufbeinträger in der Hornkapsel aufgehängt, einer feinen, verzahnten Klebeschicht aus ineinandergreifenden Lamellen, die den Knochen passgenau in der Kapsel hält. Bei einer Hufrehe entzündet sich genau diese Verbindungsschicht.
Die Folge: Die Aufhängung lockert sich, und das Hufbein kann sich in der Kapsel absenken (Hufbeinsenkung) oder nach vorne kippen (Hufbeinrotation). Genau diese Verlagerung verursacht den enormen Schmerz und die Lahmheit. In den meisten Fällen sind nur die Vorderhufe betroffen, in schweren Verläufen alle vier.
Ursachen: Warum Hufrehe fast nie nur vom Gras kommt
Hufrehe ist eine multifaktorielle Erkrankung. Es gibt mehrere Wege, die zur selben Entzündung führen:
- Giftstoffe (toxisch): zum Beispiel bei einer Nachgeburtsverhaltung (die Nachgeburt geht bei der Stute nicht ab), einer schweren Darmentzündung oder der Aufnahme von Giftpflanzen. Dabei treten Giftstoffe in die Blutbahn über.
- Kohlenhydratüberladung: der Klassiker, wenn ein Pferd nachts in die Futterkammer ausbüxt und Getreide frisst, oder über fruktanreiches Gras.
- Überbelastung (Belastungsrehe): etwa langes Galoppieren auf sehr hartem, trockenem Boden. Sie entsteht auch, wenn ein Bein wegen einer Verletzung dauerhaft nicht belastet werden kann und das andere die ganze Last trägt, weil der gesunde Wechsel aus Be- und Entlastung fehlt.
Das Entscheidende aber, und das ist der wichtigste Punkt dieses Artikels: 70 bis 90 Prozent aller Hufreheerkrankungen sind hormonell bedingt. Die Auslöser sind eine Insulin-Dysregulation, meist im Rahmen von zwei Erkrankungen:
- EMS (Equines Metabolisches Syndrom): eher bei jüngeren Pferden ab etwa 5 Jahren. Alles zu Ursache, Diagnose und Management steht im großen EMS-Artikel.
- PPID (früher Cushing): in der Regel bei älteren Pferden ab etwa 15 Jahren. Mehr dazu im Artikel über Cushing beim Pferd.
Übergewicht, jahreszeitliche Einflüsse und Bewegungsmangel sind dabei Risikofaktoren, nicht die eigentliche Ursache. Deshalb gilt heute: Bei jedem Rehefall mit unklarer Ursache sollten Bluttests auf eine hormonelle Grunderkrankung gemacht werden. Und in der Behandlung muss immer die Grunderkrankung mitbehandelt werden, nicht nur die Lahmheit. Wie gefährlich ein paar Kilo zu viel wirklich sind, liest du in 5 Mythen über dicke Pferde.
Der Fruktan-Mythos: nur die halbe Wahrheit
Kaum ein Thema wird im Frühjahr so heiß diskutiert wie Fruktan. Fruktane gehören zu den schnell fermentierbaren Kohlenhydraten. Im Dickdarm werden sie rasch von Bakterien abgebaut, es kommt zu einer Dysbiose mit einer Zunahme milchsäurebildender Bakterien, dann zur Freisetzung von Endotoxinen (Giftstoffen), die ins Blut gelangen und über eine Durchblutungsstörung der Huflederhaut die Rehe auslösen können.
Der Fruktangehalt im Gras schwankt stark, abhängig von Pflanzenart, Tages- und Jahreszeit, Licht und Temperatur. Besonders hoch ist er, wenn kalte Nächte um den Gefrierpunkt auf warme, sonnige Tage folgen, wie im Frühjahr und Herbst.
Jetzt kommt der entscheidende Punkt aus der aktuellen Forschung: In Studien wurde gesunden Pferden gezielt viel Fruktan verabreicht. Das Ergebnis: Ein gesundes Pferd kann gar nicht so viel frisches Gras aufnehmen, wie es bräuchte, um eine Hufrehe auszulösen. Ganz anders bei einem Pferd mit Insulin-Dysregulation: Hier reicht eine deutlich kleinere Menge, die schon in einer einzigen Stunde gefressen ist. Fruktan spielt also eine Rolle, aber die eigentliche Ursache bleibt die hormonelle Störung. Wer sein Pferd sicher anweiden will, findet konkrete Tipps im Artikel Pferde anweiden.
Symptome: So erkennst du eine Hufrehe
Ein akuter Reheschub zeigt sich meist deutlich:
- Bewegungsunwille: Die Pferde wollen sich nicht mehr bewegen.
- Warme Hufe und ein deutlich pochender Puls an der Mittelfußarterie. Diesen Puls kannst du selbst ertasten, lass ihn dir vom Tierarzt zeigen und übe daran, wie sich ein Puls nach der Bewegung anfühlt.
- Die typische Rehehaltung: Die Pferde stellen die Hinterbeine unter den Körper und die Vorderbeine nach vorne heraus, um die schmerzenden Zehen zu entlasten. Das sieht ungewöhnlich aus und wird von Laien manchmal für ein Rücken- oder Hinterhandproblem gehalten.
- Trachtenfußung: Wenn die Pferde sich doch bewegen, setzen sie den hinteren Teil des Hufs zuerst auf und rollen nach vorne ab, statt den Huf plan aufzusetzen.
Weil sich die Tiere kaum bewegen wollen, wird Hufrehe manchmal mit einem Kreuzverschlag verwechselt. Wie du Lahmheiten grundsätzlich einordnest, zeigt der Artikel zur Ganganalyse.
Diagnose: Warum das Röntgenbild entscheidend ist
Die akute Rehe erkennt der Tierarzt an der Klinik. Ob sie in ein chronisches Stadium übergegangen ist, also ob sich das Hufbein bereits verlagert hat, lässt sich aber nur auf dem Röntgenbild sicher feststellen. Deshalb werden Röntgenbilder angefertigt und im Verlauf wiederholt, um zu beurteilen, ob Senkung oder Rotation eingetreten sind oder sich verschlimmern.
Ein häufiges Missverständnis: Hufringe (Rehringe) sind kein Beweis für eine Hufrehe. Sie können ein Hinweis auf eine chronische Rehe sein, entstehen aber genauso durch eine Futterumstellung oder andere Einflüsse, ganz ohne Zusammenhang zur Rehe.
Hufrehe ist ein Notfall: Was du sofort tun musst
Ein akuter Reheschub muss sofort behandelt werden, auch an Wochenenden und Feiertagen. Er kann nicht bis zum nächsten Tag warten. Was jetzt zählt:
- Tierarzt sofort verständigen.
- Die Ursache abstellen, soweit bekannt, also zum Beispiel kein Kraftfutter mehr, sofort von der Weide, oder die Nachgeburt ablösen lassen.
- Die Hufe kühlen, am besten in Crush-Ice-Wasser. Das ist besonders in den ersten 72 Stunden entscheidend.
- Weich aufstallen: die Box tief einstreuen, und in den ersten Tagen des akuten Schubs Boxenruhe halten.
Der Tierarzt fertigt Röntgenbilder an und verabreicht Medikamente. Zur Entlastung der tiefen Beugesehne werden Verbände mit einer Erhöhung angelegt, dafür kommen Gipse, Hufschuhe oder Hufkissen infrage. Ist das Pferd später wieder lahmfrei, kann der Schmied anhand der Röntgenbilder einen orthopädischen Beschlag anbringen, auch Hufschuhe sind eine Alternative.
Nach dem akuten Schub: die Ursache finden
Wenn der akute Schmerz abgeklungen ist, geht die eigentliche Arbeit los. Jetzt sollten die Labortests auf eine hormonelle Grunderkrankung (EMS oder PPID) durchgeführt werden, nicht während starker Schmerzen, denn das verfälscht die Werte. Ein gesundes Rehepferd sollte anschließend regelmäßig bewegt werden, damit der Hufmechanismus aktiv bleibt und der Huf gut durchblutet wird.
Denn Hufrehe endet nicht mit dem akuten Schub. Sie erfordert eine lebenslange Anpassung des Managements, vor allem bei Fütterung, Bewegung und Haltung. Welche neuen Erkenntnisse es aus der internationalen Forschung dazu gibt und wie sich das Rückfallrisiko konkret senken lässt, liest du im zweiten Teil: Hufrehe verstehen und managen, neue Erkenntnisse.
Chronische Hufrehe und Prognose
Von einer chronischen Hufrehe spricht man, wenn der akute Fall durch die Verlagerung des Hufbeins in ein dauerhaftes Stadium übergegangen ist. Wie gut die Prognose ist, hängt stark davon ab, wie schnell im akuten Schub gehandelt wurde, wie ausgeprägt Senkung und Rotation sind und ob die Grunderkrankung konsequent behandelt wird. Viele Rehepferde führen bei gutem Management ein stabiles, schmerzfreies Leben. Entscheidend ist, die Ursache dauerhaft im Griff zu behalten, statt nur den nächsten Schub abzuwarten.
Zusammengefasst: Hufrehe ist eine Entzündung des Hufbeinträgers mit multifaktoriellen Auslösern. Fruktan spielt eine Rolle, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn weitaus häufiger ist die Rehe hormonell bedingt. Übergewicht und Bewegungsmangel sind Risikofaktoren. Im akuten Schub gilt: kühlen, entlasten, Tierarzt rufen, denn Hufrehe ist und bleibt ein Notfall.







