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Pferd bei Hitze: Was ab 40 Grad wirklich zählt

Experten-Interview
Dr. Veronika Klein
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Das Wichtigste in Kürze

» Die thermoneutrale Zone des Pferdes liegt bei 5 bis 25 Grad. Ob Hitze zum Problem wird, hängt stark von der Luftfeuchtigkeit ab.
» Zwischen Hitzestress und lebensbedrohlichem Hitzeschlag liegen Welten, viele Maßnahmen sind erst im echten Notfall wirklich relevant.
» Abspritzen und Elektrolyte sind meist überflüssig, wichtiger ist der Blick auf Puls, Atmung und Temperatur.

Kaum knackt das Thermometer in Deutschland die 40-Grad-Marke, brechen die immer gleichen Debatten los: Darf ich mein Pferd jetzt noch reiten? Muss ich es abspritzen, und wenn ja, wo fange ich an? Brauche ich Elektrolyte, eine Kühldecke, Kühlgamaschen? Genau diese Fragen ordnen wir hier in Ruhe ein, gemeinsam mit Karin Goltz. Ein knappes halbes Jahr nachdem wir uns angeschaut haben, wie Pferde gesund und fit durch den Winter kommen, drehen wir den Spieß um und sprechen über das andere Extrem: den richtig heißen Sommer.

Denn viel von der Aufregung entsteht dadurch, dass drei sehr unterschiedliche Zustände in einen Topf geworfen werden: dem Pferd ist ein bisschen warm, das Pferd hat Hitzestress, oder das Pferd steht kurz vor dem Hitzeschlag. Wer diesen Unterschied versteht, spart sich die meisten Diskussionen und trifft trotzdem die besseren Entscheidungen.

Was im Pferdekörper passiert, wenn es heiß wird

Wird es warm, nimmt das Pferd Wärme aus der Umgebung auf, und wenn es sich bewegt, produziert die Muskulatur zusätzlich eigene Wärme. Das Gehirn registriert diesen Anstieg und startet die Thermoregulation. Daran beteiligt sind unter anderem die Schilddrüse, die Nebenniere und das vegetative Nervensystem, auf Organebene arbeiten vor allem Muskulatur, Haut und Atmung mit.

Nach außen sichtbar wird das dann als Schwitzen, verändertes Verhalten, erhöhte Atem- und Herzfrequenz. Beim Menschen sieht man zusätzlich die stärkere Hautdurchblutung am roten Gesicht, beim Pferd fällt das weniger auf. All diese Vorgänge haben ein Ziel: die Körperkerntemperatur zu halten. Und die ist deutlich enger gefasst als viele denken, sie liegt bei etwa 37 bis 38,2 Grad.

Davon zu unterscheiden ist die thermoneutrale Zone. Das ist der Umgebungstemperaturbereich, in dem das Pferd seine Kerntemperatur ohne großen Energieaufwand halten kann, angegeben wird er meist mit 5 bis 25 Grad. Das ist also nicht die Temperatur, die das Pferd anstrebt, sondern der Komfortbereich, in dem die Klimaanlage quasi im Leerlauf läuft. Wie weit diese Zone individuell reicht, hängt von Fell, Rasse, Wind, Schatten und Luftfeuchtigkeit ab.

Ab wann sprechen wir überhaupt von Hitze?

Hitze allein an einer Gradzahl festzumachen, greift zu kurz. Ein gut trainiertes Pferd hat eine höhere Hitzetoleranz als ein untrainiertes, ein Pferd mit viel Fell tut sich schwerer als ein kurzhaariges. Und was für uns außergewöhnlich ist, ist anderswo Alltag: In Dubai sind sehr hohe Temperaturen normal, und die Pferde dort kommen erstaunlich gut damit zurecht.

Der Grund heißt Luftfeuchtigkeit. Das Pferd gibt Wärme unter anderem über den Schweiß ab, genauer über dessen Verdunstung. Ist die Luft schon voller Wasser, kann der Schweiß kaum noch verdunsten, und dieser Kühlweg fällt weitgehend aus. Deshalb stecken Pferde die trockene Hitze in Dubai locker weg, während dieselbe Temperatur bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit, wie sie zum Beispiel in Costa Rica herrscht, richtig haarig wird. Temperatur immer zusammen mit der Luftfeuchtigkeit betrachten, das ist die wichtigste Faustregel überhaupt.

Dazu kommen weitere Faktoren, die entscheiden, wie gut ein einzelnes Pferd mit Hitze klarkommt:

  • Wie viel Fell trägt es noch, und wie gut ist es trainiert?
  • Ist es übergewichtig? Fett isoliert und erschwert die Wärmeabgabe.
  • Wie alt ist das Pferd, ist es krank, trägt es eine Decke?
  • Gibt es Luftbewegung, also ein Windchen oder Zugluft, oder steht es zum Beispiel im Hänger?

Erst das Gesamtbild aus Umgebungswärme, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Windstille und Muskelarbeit ergibt, ob aus Wärme tatsächlich Stress wird. Kritisch wird es typischerweise bei Temperaturen über 30 Grad in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit.

Schwitzen, Salzverlust und die Frage nach Elektrolyten

Beim Schwitzen verliert das Pferd nicht nur Wasser, sondern auch Mineralstoffe: Natrium, Chlorid, Kalium, Kalzium und Magnesium. Einschätzen lässt sich der Verlust über den sogenannten Schweißscore von 0 bis 5, von trocken bis tropfend. Bei Score 1 ist das Fell klebrig, bei Score 4 wird es schaumig. Für dieses charakteristische Aufschäumen sorgt übrigens das Eiweiß Latherin, das den Schweiß im Fell verteilt.

Schon bei Score 1 gehen etwa 1 bis 4 Liter Schweiß verloren. Rechnet man das hoch, wird eine Ergänzung ungefähr ab Score 3 überhaupt erst zum Thema. Ein anschauliches Beispiel: Bei rund 5 Litern Schweißverlust verliert das Pferd etwa 15 Gramm Natrium. Um das über Salz auszugleichen, müsste es rund 30 Gramm Salz aufnehmen. Und jetzt die berühmte Frage: Wer leckt mal eben 30 Gramm von einem Salzleckstein ab? Das ist schlicht unrealistisch, ein Leckstein deckt einen echten Mehrbedarf nicht ab.

Die gute Nachricht: Meistens ist eine Ergänzung gar nicht nötig. In 10 Kilo Heu stecken je nach Qualität 10 bis 50 Gramm Natriumchlorid, ein großer Teil des Bedarfs kommt also über die normale Ration. Relevant wird das Nachsalzen erst bei intensiver, schweißtreibender Arbeit, und die betreibt kaum jemand freiwillig bei 40 Grad. Es ergibt schlicht keinen Sinn, ein Pferd bei solchen Temperaturen bis zum Tropfen zu arbeiten.

Wenn du wirklich ergänzen willst, lohnt es sich, den Bedarf einmal rationell auszurechnen und das Heu anzuschauen. Pragmatisch reicht dann oft nicht jodiertes, nicht fluoriertes Kochsalz aus dem Supermarkt, ein Pinnchen übers Futter. Mehrere Esslöffel sind in aller Regel nicht nötig. Fertige Elektrolytprodukte sind eine Option, etwa einmalig nach einer Einheit mit hohem Schweißscore, aber kein Muss.

Zwei Dinge sind dabei entscheidend: Gib Elektrolyte niemals ins einzige Trinkwasser. Durch den veränderten Geruch oder Geschmack gehen manche Pferde dann nicht mehr an die Tränke, und das ist bei Hitze fatal. Elektrolyte also immer separat verabreichen. Und: reines, frisches Wasser muss immer zusätzlich frei verfügbar bleiben.

Woran du Hitzestress erkennst

Können Pferde frei wählen, verändert sich ihr Verhalten von allein: Sie bewegen sich weniger und suchen Schatten auf. Auf einer Anlage mit Wiese sieht man gut, wie sie sich selbst aussuchen, wann sie wo stehen. Schon daran lässt sich ablesen, ob einem Pferd zu warm ist.

Objektiver wird es mit messbaren Werten. Der Klassiker ist die Rektaltemperatur. In Ruhe liegt sie bei 37 bis 38,2 Grad. Zeigt sie in Ruhe über 40 oder 41 Grad, ist Holland in Not. Wichtig: direkt nach intensiver Bewegung sind 41 Grad nicht ungewöhnlich, hier muss man das Pferd erst rund zwei Stunden akklimatisieren lassen, bevor die Messung aussagekräftig ist. Dieselbe Messung beendet übrigens auch die ewige Fliegendecken-Diskussion, statt zu diskutieren einfach die Temperatur prüfen.

Dazu kommen Atem- und Herzfrequenz. Bei Hitzestress geht die Herzfrequenz auf über 60 Schläge pro Minute hoch, die Atemfrequenz Richtung 80. Geblähte Nüstern, starkes Schwitzen und ein unruhig wirkendes Pferd runden das Bild ab. Das ist dann nicht mehr der entspannte Sommertag, an dem die Thermoregulation sauber läuft, sondern ein Schritt darüber: Hitze macht Stress, und die Klimaanlage kommt nicht mehr hinterher.

Genau deshalb lohnt es sich, sein Pferd im entspannten Normalzustand zu kennen. Wer Puls, Atmung und Temperatur ein paar Mal in Ruhe notiert hat, erkennt Abweichungen im Ernstfall sofort. Wie so ein einfacher Check vom Kopf bis zum Schweif abläuft, haben wir im Beitrag zum Gesundheitscheck beim Pferd ausführlich beschrieben.

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Haltung im Sommer: der Stall als Brennglas

Es gibt diese alarmierenden Grafiken für Hunde- und Kinderautos, die zeigen, wie schnell die Temperatur im geschlossenen Wagen steigt. Genau daran muss man denken, wenn man in einen Stalltrakt kommt, in dem die Pferde tagsüber eingestallt sind und der so ungünstig liegt, dass kein Lüftchen geht. Morgens ist es dort vielleicht noch kühl, mittags stehen locker 40 Grad im Raum, ohne dass es jemandem auffällt.

Pferdeherde auf sandigem Paddock im Sommer, zwei Pferde dösen liegend in der Sonne, andere stehen im Schatten eines Unterstands.

Der Schlüssel heißt Luftbewegung. In den USA hängen Ventilatoren ganz selbstverständlich in den Stallgassen, teils gibt es eine feine Wasserberieselung von oben. Für deutsche Verhältnisse ist das meist überdimensioniert, aber ein Ventilator ist die einfachste Maßnahme, die ein Pferdemensch umsetzen kann, ohne den ganzen Stall umzubauen, und teuer ist so ein Teil auch nicht. Wichtig bleibt: Ventilatoren unterstützen die Zirkulation, sie ersetzen aber keine echte Frischluftzufuhr.

Und ganz ehrlich: Ein Stall ohne Fenster, mit Heulagerung darüber und nur einer Tür auf einer Seite, in dem die Hitze steht, ist nicht nur im Sommer ein Problem. So eine Haltung gehört grundsätzlich hinterfragt, denn das Pferd ist ein Klimawiderständler, der mit unterschiedlichen Temperaturen hervorragend zurechtkommt, sofern man es lässt. Die Extremsituation im Sommer wirkt hier wie ein Brennglas, sie lenkt den Blick auf Haltungsbedingungen, die das ganze Jahr über nicht optimal sind. Bringt man das Pferd nicht raus in den Schatten, bleiben Ventilator und Beregnung, um Entlastung zu schaffen. Nicht weil es kurz vor dem Kollaps steht, sondern weil es schlicht unangenehm warm ist.

Wasser: mehr als nur die Selbsttränke

Ein Pferd hat im Normalfall einen Wasserbedarf von etwa 25 bis 40 Liter am Tag, bei Hitze und Arbeit kann er auf 50 bis 70 Liter und mehr steigen. Zusätzlich anbieten musst du im Prinzip nichts, wenn Wasser ohnehin rund um die Uhr frei verfügbar ist. Worauf es ankommt, ist die Kontrolle: Wird der Kot trocken, werden die Schleimhäute pappig, bleiben beim Dehydratationstest die Hautfalten stehen, dann hat das Pferd zu wenig getrunken.

Zwei Fuchspferde auf einem Paddock Trail bei Sonnenschein, eines trinkt aus einer flachen Wasserpfütze am Wegrand.

In so einem Fall lohnt ein Blick auf die Selbsttränke, oft ist der Wasserfluss zu gering eingestellt. Selbsttränken sind ohnehin ein heikles Thema, denn Pferde trinken von Natur aus lieber aus stehendem Gewässer, und Studien zeigen, dass sie aus offenen Gefäßen mehr trinken als aus der Selbsttränke. Ein zusätzlicher Bottich ist deshalb fast immer sinnvoll, nicht nur bei Hitze.

In der Gruppenhaltung kommt ein soziales Problem dazu: Ist die Wasserstelle weit weg oder räumlich abgetrennt, werden rangniedere Pferde verdrängt und laufen ungern allein zum Trinken. Eine zweite Wasserstelle entschärft das. Und das Wasser sollte nicht in der prallen Sonne stehen und sich aufheizen.

Ein Aspekt, der gern unterschätzt wird, ist die Sauberkeit. Krähen tunken mit Vorliebe geklautes Futter vom Komposthaufen in die Tränke, da finden sich schon mal Eierschalen, Vogelfüße oder Käsereste. Und eine einzige Eierschale reicht, damit die Pferde nicht mehr ans Wasser gehen. Auch geteilte Wasserstellen mit Bienen oder Wespen können dazu führen, dass ein in die Nase gestochenes Pferd den Bottich meidet. Ein simpler Trick gegen Krähen: aufgehängte CDs, die glitzern und die Vögel verscheuchen. Schau dir also einmal ganz genau an, unter welchen Bedingungen dein Pferd sein Wasser aufnehmen muss.

Und was passiert, wenn ein Pferd trotz Bedarf nicht mehr trinkt? Pferdeschweiß ist hyperton, das Pferd verliert also relativ viel Salz. Dadurch kann ein Negativkreislauf entstehen: Durch den Salzverlust lässt das Durstgefühl nach, das Pferd erscheint nicht durstig, obwohl bereits weniger Blutvolumen zirkuliert. Dieser sich selbst befeuernde Kreislauf ist ein Fall für den Tierarzt, der dann über eine Infusion Flüssigkeit und Elektrolyte direkt in die Vene gibt.

Training bei Hitze: was geht, was du lassen solltest

Auch beim Training lohnt die Unterscheidung nach Zeitpunkt. Am Anfang des Sommers sind die Pferde noch nicht an die Hitze gewöhnt, und die Akklimatisierung dauert rund 14 bis 21 Tage. In dieser Phase auf keinen Fall in der Mittagshitze trainieren, die Systeme laufen schlicht noch nicht rund. Nicht umsonst reisen Sportpferde zu Events in heißen Regionen deutlich früher an, damit sie sich akklimatisieren und dann wieder normal in ihrem Trainingszustand laufen können.

Zu Sommerbeginn heißt das: kürzer trainieren, weniger intensive Galopp- und Intervallarbeit, dafür mehr Schritt, Bodenarbeit, Spazierengehen, ruhig auch mal früher absatteln und führen. Sind Pferd und Mensch dann akklimatisiert, das Pferd gesund, nicht übergewichtig und ohne dichtes Fell, muss man in der Mitte des Sommers nicht mehr so streng sein.

Komplett ausfallen sollte das Training, wenn mehrere ungünstige Faktoren zusammenkommen: sehr hohe Temperatur plus hohe Luftfeuchtigkeit, keinerlei Schatten auf dem Platz, keine Luftbewegung, dazu ein Pferd, das noch nicht akklimatisiert, übergewichtig, krank, alt ist oder ein dichtes Fell trägt. In solchen Situationen wurden zuletzt zu Recht sogar Turniere abgesagt. Wer dagegen ein gut trainiertes, gesundes Pferd hat und bei um die 30 Grad ruhig weiterarbeitet, muss sich nicht rechtfertigen, während ein untrainiertes Pferd schon bei 25 Grad große Probleme bekommen kann. Es kommt eben immer darauf an. Warum trainierte Pferde grundsätzlich robuster sind und wie sich Leistungsfähigkeit gezielt aufbauen lässt, erklären wir im Beitrag zum Konditionstraining für Pferde.

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Kühldecken und Kühlgamaschen: sinnvoll oder Deko?

Kühlgamaschen haben ihre Berechtigung, aber nur lokal. Bei einem Problem am Bein, etwa zur Kühlung der Sehne bei einem Sehnenschaden, sind sie eine gute Sache. Um den ganzen Körper wegen Hitzestress herunterzukühlen, taugen sie nicht. Die Wärme sitzt bei Überhitzung in den großen Muskelgruppen, und die kühlt man nicht über ein bisschen Stoff am Bein.

Kühldecken sieht Karin kritisch. Die Kühlwirkung hält nicht lange an, danach heizt es darunter eher auf, sodass man sie ständig wechseln oder die Kühlakkus dauernd tauschen müsste. Rechnet man den Wasser- und Energieverbrauch dagegen, den man betreibt, um Wasser einzufrieren und für ein paar Minuten aufs Pferd zu legen, bleibt der praktische Nutzen überschaubar. Auch nasse Decken bergen die Gefahr eines Hitzestaus darunter. Der Wasserschlauch ist hier klar die bessere Wahl.

Dass Material am Bein bei Wärme nicht harmlos ist, zeigt sich übrigens auch beim ganz normalen Reiten. Wie stark sich unter Gamaschen ein Hitzestau unter dem Beinschutz aufbauen kann und warum das den Sehnen langfristig schadet, ist einen eigenen Blick wert.

Richtig abkühlen: warum die Abspritz-Diskussion meist überflüssig ist

Kommen wir zur Frage, an der sich in jedem Sommer die Gemüter erhitzen: Wie spritze ich mein Pferd am schlauesten ab, und ab welchem Bein darf ich anfangen? Die ehrliche Antwort lautet: An einem 30-Grad-Tag, an dem deinem Pferd ein bisschen warm ist, kannst du es machen, wie du willst. Dein Pferd ist meilenweit von einem Hitzschlag entfernt, und ein plötzlicher Herzstillstand, nur weil du vorne statt hinten begonnen hast, ist reine Legende.

Braunes Pferd wird am Hinterbein mit dem Wasserschlauch abgespritzt, Wasserstrahl läuft über Fell und Fessel auf den Boden.

Ein Pferd einmal vom Schweiß zu befreien, ist trotzdem schön und angenehm, gerade fliegentechnisch fühlt sich ein sauberes Pferd besser an. Viele Pferde gehen bei Wärme von sich aus ins Wasser, ob wegen der Abkühlung oder für eine Schlammschicht gegen die Fliegen, sei dahingestellt. Du überhitzt dein Pferd durch eine kurze Dusche nicht, du schadest ihm aber auch nicht, und einen großen gesundheitlichen Mehrwert schaffst du bei einem nur leicht erwärmten Pferd ebenfalls nicht. Hast du also heute nicht geduscht, brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben, im Gegenteil, dann hast du Wasser gespart.

Ganz anders sieht es im echten Notfall aus. Und hier lohnt sich zu verstehen, wie lange echtes Kühlen dauert. Einmal mit dem Schlauch über den Hintern zu gehen, bedeutet vielleicht fünf Sekunden Wasser auf einer Muskelgruppe. Das hat mit dem Herunterkühlen eines richtig erhitzten Gluteus nichts zu tun. Um eine große Muskelgruppe wirklich abzukühlen, reden wir über 10 bis 15 Minuten kontinuierliches Übergießen mit so viel kühlem Wasser wie möglich. Genau das sieht man auf Vielseitigkeitsturnieren, wo mit Eimern gearbeitet wird und das Wasser dauerhaft über das Pferd läuft. Kaltes Wasser verursacht dabei keinen Schock, und das ständige Abziehen mit dem Schweißmesser ist nicht nötig, das fließende Wasser verdrängt das warme von selbst.

Der Notfall: Hitzeschlag erkennen und handeln

Ein Hitzeschlag ist ein lebensbedrohlicher Notfall, und hier greifen plötzlich alle Maßnahmen, die vorher keine Rolle spielten. Typische Anzeichen: Das Pferd schwitzt trotz Hitze nicht mehr, taumelt, wirkt apathisch oder verwirrt, verweigert Futter, hat geblähte Nüstern, einen anhaltend hohen Puls und eine Rektaltemperatur von über 40,5 bis 41 Grad. Es steht kurz vor dem Kollaps.

Dann gilt: sofort den Tierarzt rufen und gleichzeitig aggressiv am ganzen Körper kühlen, über die großen Körperregionen, Hals, Brust und Rumpf, 10 bis 15 Minuten lang mit so viel Wasser wie möglich. Das Pferd nicht weiter umherführen, denn jede Muskelarbeit erzeugt zusätzliche Wärme. Elektrolyte als Paste ins Maul haben hier nichts verloren, der Ausgleich muss über die Vene laufen. Der Tierarzt hängt das Pferd an eine Infusion, das ist die einzige Chance. In diesem einen Fall verbrauchst du Wasser aus klarer medizinischer Indikation, und zwar so viel wie es geht.

Sonnenbrand: rosa Nasen brauchen Schutz

Zum Schluss noch ein Thema, das uns vom Menschen vertraut ist: Sonnenbrand. Ein schwarzes Pferd juckt das nicht, du kannst tiefenentspannt bleiben. Empfindlich sind die unpigmentierten, rosa Hautstellen, etwa bei Pferden mit großer Laterne oder Blesse, besonders unten am Maul. Stehen diese Pferde den Tag über in der prallen Sonne, fangen die hellen Stellen an, sich zu pellen.

Pigmentierte Haut ist dagegen kein Problem, niemand muss sein braunes Pferd eincremen, nicht einmal den sonst so empfindlichen Fuchs. Für die rosa Partien helfen ein UV-Netz mit Nasenschutz oder wasserfeste Sonnencreme, morgens einmal ein Schwung reicht meist. Bei der Wahl darf es ruhig eine mineralische Sonnencreme sein, und wenn du eine solche im Haus hast, kannst du sie auch für die Pferdenase nutzen.

Achtung bei plötzlichen, schweren Hautreaktionen: Dahinter kann eine Photosensibilität stecken, ausgelöst durch Stoffe, die über das Futter aufgenommen werden, teils als Hinweis auf ein Leberleiden. Das ist dann kein normaler Sonnenbrand mehr, sondern ein gesundheitliches Problem, das der Tierarzt abklären sollte.

Fazit: mit Vitalwerten statt mit Bauchgefühl durch den Sommer

So dramatisch, wie die alljährlichen Social-Media-Debatten es glauben machen, ist der Sommer für die meisten Pferde nicht. Wer sein Pferd im Ruhezustand kennt und Puls, Atmung und Temperatur vor, während und nach dem Training im Blick behält, sieht schnell, wie gut sein Pferd regeneriert, und bekommt automatisch Ruhe in die Sache. Betrachte die Temperatur immer zusammen mit der Luftfeuchtigkeit, dafür gibt es fertige Hitzeformeln, dann hast du eine klare Idee, ob Sorge angebracht ist oder nicht.

Die Abspritz-Diskussion kannst du dir in der Regel sparen, Elektrolyte meistens ebenso. Was wirklich zählt: gute Vorbereitung, solides Training für eine bessere Hitzetoleranz und ein wacher Blick auf die Haltungsbedingungen, gerade dort, wo es wirklich Sinn ergibt. Dann bleibt vom heißen Sommer vor allem eines: Zeit, ihn mit dem Pferd zu genießen.

Häufige Fragen

Eine feste Gradzahl gibt es nicht. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonne, Wind und Trainingszustand. Kritisch wird es meist ab etwa 30 Grad in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit, weil der Schweiß dann kaum noch verdunsten kann. Ein gut trainiertes Pferd steckt Wärme deutlich besser weg als ein untrainiertes.

Wenn deinem Pferd nur ein bisschen warm ist, musst du nicht abspritzen. Eine kurze Dusche schadet nicht und ist angenehm, bringt gesundheitlich aber kaum etwas. Echtes Kühlen bedeutet 10 bis 15 Minuten kontinuierliches Übergießen der großen Muskelgruppen mit reichlich Wasser. Nötig ist das erst bei starkem Hitzestress oder im Notfall Hitzeschlag.

Meistens nicht. Ein großer Teil des Bedarfs wird über das Heu gedeckt, in 10 Kilo stecken 10 bis 50 Gramm Natriumchlorid. Erst bei starkem Schwitzen ab etwa Schweißscore 3 lohnt eine gezielte Ergänzung, dann reicht oft nicht jodiertes Kochsalz. Gib Elektrolyte nie ins einzige Trinkwasser und stelle immer reines Wasser zusätzlich bereit.

Ein gesundes, gut trainiertes und akklimatisiertes Pferd darf bei rund 30 Grad ruhig moderat bewegt werden. Ausfallen sollte das Training bei hoher Luftfeuchtigkeit, fehlendem Schatten, Windstille oder bei Pferden, die untrainiert, übergewichtig, krank oder alt sind. Die Hitzeakklimatisierung dauert etwa 14 bis 21 Tage, zu Sommerbeginn also vorsichtiger starten.

Warnzeichen sind ausbleibendes Schwitzen trotz Hitze, Taumeln, Apathie oder Verwirrtheit, Futterverweigerung, geblähte Nüstern, anhaltend hoher Puls und eine Rektaltemperatur über 40,5 Grad. Das ist ein lebensbedrohlicher Notfall: sofort den Tierarzt rufen, das Pferd am ganzen Körper aggressiv kühlen und nicht weiter umherführen.

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