Das Wichtigste in Kürze
» Eine Vergiftung zeigt kein eindeutiges Symptom. Meist verläuft sie schleichend und fällt erst über Leberwerte oder Blutarmut auf.
» Im Notfall gilt: Aufnahme stoppen, Giftquelle sichern, kein Futter, aber Wasser, sichere Umgebung, Gesundheitscheck und Tierarzt.
» Ein paar Eicheln sind unbedenklich. Kritisch wird es bei großen Mengen, hungrigen Pferden und fehlender Zufütterung.
Eine Vergiftung beim Pferd erkennst du fast nie an einem einzelnen Symptom. Giftstoffe sind so vielfältig, wie es Menschen auf der Welt gibt, und genauso unterschiedlich sind die Anzeichen: von Kolik über Hufrehe bis zu Blutarmut oder Krämpfen. Im Verdachtsfall zählen deshalb drei Dinge: Du stoppst die Aufnahme, du sicherst die Giftquelle und du rufst mit den Werten aus dem Gesundheitscheck deinen Tierarzt an. In diesem Artikel zeige ich dir, wann ich als Tierärztin an eine Vergiftung denke, wie du im Ernstfall vorgehst, was bei Eicheln und Bergahorn wirklich dran ist und was der Tierarzt dann macht.
Woran erkenne ich eine Vergiftung beim Pferd?
Es gibt nicht das eine Symptom, bei dem ich sage: Das ist auf jeden Fall dieser Giftstoff, wir müssen jetzt genau das tun. So einfach ist es leider nicht. Allein bei den Pflanzen gibt es unfassbar viele, und durch Klimawandel und Einbringung wachsen hier inzwischen auch Arten, die gar nicht heimisch sind. Dazu kommen Schwermetalle wie Blei und Arsen, Futtermittel, die für andere Tiere in Ordnung sind, fürs Pferd aber nicht, Dünger und Chemikalien.
Bei Pflanzen kommt noch etwas dazu: Wie viel Gift in einer Pflanze steckt, hängt davon ab, auf welchem Boden sie steht und wie das Wetter war. Die Dosis ist also von Jahr zu Jahr und von Standort zu Standort unterschiedlich, obwohl es die gleiche Pflanze ist. Das gilt übrigens genauso für Heilkräuter. Auch dort schwankt der Wirkstoff.
Entsprechend breit ist das Bild. Eine Vergiftung kann sich als Hufrehe zeigen, als Kolik oder als Anämie, also Blutarmut. Ein Beispiel für die Anämie, das im Herbst und Winter immer wieder auftaucht: Zwiebelsaft als Hustenmittel. Rohe Zwiebeln, die nicht richtig durchgekocht sind, können beim Pferd die roten Blutzellen zerstören. Die Giftpflanzen-Datenbank der Universität Zürich beschreibt für Zwiebelgewächse beim Pferd genau dieses Bild: Anämie durch geschädigte rote Blutzellen.
Offensichtlich ist es nur, wenn du zusiehst: Jemand wirft Gartenschnitt über den Zaun, oder dein Pferd reißt beim Spazierengehen im Vorbeigehen etwas ab. In der Regel läuft es anders. Das Pferd nimmt unbemerkt etwas auf, oft über längere Zeit, und man weiß erst einmal gar nicht, wo es herkommt.
Wann denkt die Tierärztin an eine Vergiftung?
Als Tierärztin denke ich in drei Situationen an Giftstoffe:
- Die Befunde passen nicht zusammen. Bei einer Kolik zum Beispiel, wenn das, was ich rektal fühle, überhaupt nicht zum Verhalten, zum Puls und zu den Schleimhäuten passt.
- Mehrere Pferde im Stall sind betroffen. Wir hatten einmal einen Stall, in dem alle Pferde stark erhöhte Leberwerte hatten. Dann ist es entweder ansteckend oder es steckt in etwas, das alle aufnehmen: Futter, Weide oder Wasser. Brunnenwasser steht immer wieder im Verdacht.
- Ein Todesfall bleibt ungeklärt. Auch dann darf der Verdacht ausgesprochen werden.
Am Ende ist es ein Ausschlussverfahren, und Verdachtsfälle sind meistens sehr schwer zu beweisen. Ich habe zwei Jahre in der Pathologie gearbeitet und Pferde seziert. Ich kann mich an ein oder zwei Fälle erinnern, in denen wir bei einem ungeklärten Todesfall im Mageninhalt Eibe gefunden haben. Dann passt alles zusammen, und man kann es nachweisen. Das ist aber die absolute Ausnahme, denn die wenigsten Pferde werden überhaupt untersucht.
Viel häufiger sehen wir Vergiftungen als schleichenden Prozess. Sie fallen zuerst im Blut auf, als Anämie oder über erhöhte Leberwerte. Dann beginnt die Detektivarbeit. Was die einzelnen Werte bedeuten, liest du im Artikel zum Blutbild beim Pferd und im Beitrag zu erhöhten Leberwerten.
Welche Vergiftungen kommen beim Pferd am häufigsten vor?
Häufiger als die dramatische Giftpflanze ist etwas viel Unauffälligeres: Zusatzfutter in doppelter und dreifacher Dosierung. Mein Schwiegervater sagt dazu immer: Wenn der Ergänzer mit dem Ergänzer ergänzt wird. Ein Müsli, das schon mineralisiert und vitaminisiert ist, dazu ein paar Pulver und Kräuter, und in der Summe ist es zu viel. Ein Klassiker ist die Überversorgung mit Selen, das in hohen Mengen giftig wird. Manchmal steckt auch ein Blutbefund dahinter: Man glaubt, einen Mangel entdeckt zu haben, und füttert noch etwas dazu. Die Dosis macht das Gift.
Bei den Pflanzen sind es vor allem diese, die mir in der Praxis begegnet sind oder nach denen ich immer wieder gefragt werde:
- Jakobskreuzkraut: Der Klassiker bei erhöhten Leberwerten. Als Folge kann die Haut lichtempfindlich werden (Photosensibilität), manchmal mit offenen Stellen an den Schleimhäuten. Die Giftstoffe bleiben laut CliniTox auch in Heu und Silage wirksam.
- Bergahorn: Samen und Keimlinge lösen die atypische Weidemyopathie aus, einen schweren Muskelzerfall. Dazu unten mehr.
- Herbstzeitlose: Sie ist sehr stark giftig und bleibt es auch im Heu.
- Eibe: Sehr stark giftig, meist über Gartenschnitt.
- Eicheln: Die häufigste Frage im Herbst, siehe nächster Abschnitt.
Jakobskreuzkraut. Gelbe Blütenkörbchen in dichten Ständen, Blüte im Hochsommer. Im Heu bleibt die Pflanze giftig. Foto: Rasbak, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Herbstzeitlose, Blüte. Sie blüht im Herbst blasslila und ohne Blätter. Foto: Stefan.lefnaer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Herbstzeitlose, Blätter. Die Blätter erscheinen erst im Frühjahr. Sie sind es, die mit dem Schnitt ins Heu geraten können. Foto: Flocci Nivis, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.
Eibe. Weiche, flache, dunkelgrüne Nadeln und rote Samenmäntel. Typisch in Gärten und Hecken, deshalb die Gefahr durch Gartenschnitt. Foto: Mykola Swarnyk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Außerhalb der Pflanzen sehe ich im Frühjahr immer wieder aufgeätzte Stellen an den Maulschleimhäuten, wenn Pferde zu früh auf frisch gedüngte Wiesen gehen. Und wo überall Futter herumsteht, gibt es Ratten und Mäuse. Dann können auch Futter und Trinkwasser belastet sein.
Sind Eicheln für Pferde giftig?
Ein paar Eicheln sind kein Problem. Zwei, drei Stück sind Bitterstoffe, da würde ich sogar sagen, die sind eher förderlich. Kritisch wird es über die Menge, und die hängt an zwei Dingen: an der Eichel und am Pferd.
Die grünen Eicheln enthalten deutlich mehr von dem Giftstoff als die braunen. Das deckt sich mit der Giftpflanzen-Datenbank der Universität Zürich, die unreife Früchte als giftiger einstuft als reife. Und die wählerische Warmblutstute frisst vielleicht drei davon und denkt sich: nicht so toll. Der Haflinger, der dauerhaft alles frisst und nicht zugefüttert wird, inhaliert davon hundert. Dann kann das ein Problem werden.
Grüne Eicheln. Unreife Eicheln wie diese enthalten mehr Giftstoff als die braunen, reifen. Foto: En-cas-de-soleil, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Eine feste Zahl kann ich dir deshalb nicht geben, und ich frage mich auch, wie du die Eicheln abzählen willst, die in dein Pferd hineingehen. Meine Faustregel: Liegen sie massenweise auf der Wiese, stehen die Pferde 24 Stunden darauf und es gibt kein zusätzliches Futter, dann würde ich den Bereich absperren. Liegen da ein paar, die Pferde gehen drei Stunden raus und werden sonst zugefüttert, wäre ich tiefenentspannt. Eine akute Kolik durch Eicheln habe ich selbst noch nicht erlebt. Bei einem Pferd, das ohnehin alt oder krank ist, muss das aber nicht noch obendrauf kommen.
Meiden Pferde Giftpflanzen von selbst?
Darauf würde ich mich nicht verlassen. Das Argument höre ich oft: Pferde fressen selektiv und intuitiv, die wissen schon, was ihnen guttut. Dagegen sprechen drei Dinge.
Erstens lernen Pferde sehr viel durch Nachahmen. Wir lassen sie aber seltenst in gemischtaltrigen Herden auf großen Flächen aufwachsen, auf denen auch Giftpflanzen stehen, sodass das Jungpferd bei den alten abgucken kann, was gemieden wird. Das kannst du in unserer Aufzucht komplett streichen. Zweitens fressen sie selten natürliche, unbehandelte Futtermittel. Und drittens haben wir sehr viele Pferde mit deutlichem Übergewicht. Dort ist das Sättigungsgefühl hormonell gestört. Dieser Deckel, der sagt „Ich bin satt“, funktioniert nicht mehr. Mehr dazu steht im Artikel über die Mythen rund um dicke Pferde.
Dazu gibt es einen Versuch der Universität Leipzig mit Herbstzeitlosen im Heu. Vorgestellt wurde er auf einer Fortbildung so: Manche Pferde haben die Pflanze gemieden, andere haben sie beim Fressen einfach mit aufgenommen, und einzelne haben sie gezielt herausgesucht. Mir hat dazu einmal jemand geschrieben, sie glaube nicht, dass Pferde so etwas herauspicken. Das ist nichts, was wir glauben müssen, das ist gefilmt worden. In der veröffentlichten Arbeit (Mueller und Kollegen, 2022) fraßen fünf von sechs Pferden die Herbstzeitlose schon in den ersten Fütterungen mit, das sechste später auch. Das Fazit der Autoren: Dass Pferde die Pflanze im Heu aufnehmen, lässt sich nicht sicher ausschließen.
Wie gefährlich ist Bergahorn auf der Weide?
Giftig sind beim Bergahorn die Samen und die Keimlinge, also die zwei hellgrünen Blättchen, die im Frühjahr aus dem Boden kommen. Ursache ist der Giftstoff Hypoglycin A, der in Samen und Keimlingen steckt (Baise und Kollegen, 2016). Die Blätter des Baumes sind nicht das Problem. Wie die Erkrankung im Muskel abläuft, steht im Beitrag zu den Muskelerkrankungen beim Pferd.
Bergahorn, Samen. Das sind die geflügelten Samen, die man sich als Kind auf die Nase gesetzt hat. Foto: Auró, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Bergahorn, Keimling. Zwei längliche, hellgrüne Keimblätter, im Frühjahr oft zu Hunderten unter dem Baum. Foto: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Ob ein Pferd die Samen aufnimmt, entscheidet zu einem großen Teil das Management. Geht dein Pferd eine Stunde raus, hat Heu zur freien Verfügung und bekommt noch Kraftfutter, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering. Steht es dagegen 24 Stunden auf einer runtergefressenen, zermatschten Wiese ohne Heu, dann hat es Hunger oder Langeweile, und dann geht es da schon dran. Das gilt besonders für Haflinger und Shettys, die Labradore der Pferde. Die Keimlinge schmecken obendrein süßlich.
Eine zweite Situation habe ich mehrfach erlebt: befestigte Paddocks, an denen Bergahorn steht. Die Keimlinge wachsen zwischen den Ritzen heraus, das Pferd steht auf blankem Boden und knibbelt sie ab. Die Bäume zu fällen, ist dagegen meistens nicht nötig. Wer zufüttert und die Weidezeit im Herbst im Blick hat, hat das meiste schon getan. Für den Nachweis reicht übrigens eine Blutprobe, wenn der Verdacht im Raum steht. Eine Sektion braucht es dafür nicht.
Was tue ich, wenn mein Pferd etwas Giftiges gefressen hat?
Ruhe bewahren klingt banal, hilft aber wirklich. Einmal durchatmen, dann diese fünf Schritte:
- Giftaufnahme stoppen. Pferd weg von der Quelle, Reste aus dem Maul und aus der Reichweite.
- Giftquelle sichern. Nicht denken „Oh nein, weg damit“, sondern fotografieren, einpacken oder pressen. Es gibt inzwischen sehr gute Apps, die eine Pflanze anhand eines Fotos bestimmen. Welcher Giftstoff es war, bestimmt alles Weitere.
- Kein Futter, aber Wasser. Wasser darf dein Pferd so viel haben, wie es möchte. Damit wird der Giftstoff schneller über den Urin ausgeschieden.
- Sichere Umgebung. Bei Vergiftungen kann es zu Krämpfen und starken Koliken kommen. Bring dein Pferd dorthin, wo es sich hinwerfen kann, ohne sich, dich oder andere zu gefährden. Ich bin der größere Fan der Reithalle, wenn sie frei ist.
- Gesundheitscheck und Tierarzt. Puls, Atmung, Temperatur, Schleimhäute und die kapilläre Rückfüllzeit, kurz KRZ. Das ist die Zeit, bis die Schleimhaut nach einem Fingerdruck wieder rosa wird.
Referenzbild: Schleimhautkontrolle. So hebst du die Lippe an, um Farbe und Rückfüllzeit zu prüfen. Gesund ist ein blasses Rosa. Bei einer Vergiftung werden die Schleimhäute häufig gelb, knatschrot oder verwaschen grau.
Die Werte brauchst du für das Telefonat. Der Tierarzt hat kein Blaulicht. Wenn du ihm aber sagst, die Rückfüllzeit liegt über drei, vier Sekunden, die Schleimhäute sind rot und der Puls ist auf 80, dann kannst du sicher sein, dass er mehr auf die Tube drückt, als erlaubt ist. Und er kann dir sagen, was du tun sollst, bis er da ist. Deshalb: Übe den Check vorher. Im Ernstfall hast du keine Nerven, einen Puls zu suchen. Wie das geht, steht im Gesundheitscheck beim Pferd und im Beitrag zu den PAT-Werten.











