Grundlage dieses Artikels ist das Podcast-Gespräch von Dr. Veronika Klein mit Christina von Team HUF (Hufbearbeitung und Hufgesundheit). Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Hufbearbeiter oder Tierarzt, sondern hilft dir, die richtigen Fragen zu stellen.
Das Wichtigste in Kürze
» Strahlfäule (auch Huffäule) ist mehr als ein stinkender Strahl. Ein Problem beginnt schon, wenn der Strahl unterentwickelt ist und seine Funktion als Stoßdämpfer nicht mehr erfüllt.
» Die Ursache ist selten mangelnde Hygiene, sondern meist die innere Versorgung (Nährstoffe, Eiweiß), zu wenig Bewegung und oft der Stoffwechsel (EMS, Cushing). Der Strahl ist das Symptom, nicht der Kern.
» Behandlung heißt Basics statt Pülverchen: trocken halten mit Zinksalbe und Watte-Tamponaden, nichts wegschneiden, vor allem Fütterung und Bewegung angehen. Scharfe Sprays und Wasserstoffperoxid meiden.
Kaum ein Huf-Thema wird so unterschätzt wie die Strahlfäule. Für die meisten fängt sie erst an, wenn der Strahl schmierig wird und übel riecht. Christina von Team HUF, die sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara auf Hufbearbeitung und Hufgesundheit spezialisiert hat, sieht das Problem viel früher beginnen. Für diesen Artikel habe ich mit ihr gesprochen, und ihre zentrale Botschaft ist zugleich die entlastendste: Bei Strahlfäule geht es selten um mangelnde Hygiene, und du als Pferdebesitzer hast fast alles selbst in der Hand.
Strahlfäule (auch Huffäule genannt) ist eine durch Fäulnisbakterien und Pilze verursachte Zersetzung des Strahlhorns am Pferdehuf. Sie zeigt sich klassisch durch einen schmierigen, schwarzen und übel riechenden Strahl, ist aber vor allem ein Warnsignal: Der Huf kann seine Funktion als Stoßdämpfer nicht mehr erfüllen.
Strahlfäule beginnt nicht erst, wenn der Huf stinkt
Die klassischen Symptome kennen die meisten:
- übel riechender, fauliger Geruch des Strahls
- matschige, schmierige Konsistenz
- schwarze, bröckelige Zersetzung des Strahlhorns
- schmerzhafte Reaktion des Pferdes auf Druck
Christina geht aber einen Schritt weiter. Für sie beginnt das Problem schon, wenn der Strahl insgesamt unterentwickelt ist oder die mittlere Strahlfurche sehr tief wird. Das muss noch gar nicht faulig oder stinkig sein. Entscheidend ist, ob der Strahl seine Funktion erfüllen kann oder nicht, weil ihm schlicht das Material fehlt. Eine sehr tiefe Mittelfurche ist zudem heikel: Kommst du beim Auskratzen bis in den Ballen, bist du oft schon sehr nah am Leben, und das Pferd reagiert empfindlich.
Warum ein kranker Strahl mehr ist als ein Huf-Problem
Der Huf ist ein mechanisches Wunderwerk. Der Strahl arbeitet dabei als Stoßdämpfer und als Sinnesorgan, und über den Hufmechanismus pumpt der Huf bei jedem Schritt Blut. Ist der hintere Hufbereich unterentwickelt, ist das Belasten für das Pferd schmerzhaft. Es versucht dann, genau diesen Bereich zu vermeiden. Damit kann der Huf seine Aufgabe als Stoßdämpfer nicht mehr richtig ausführen, und das hat Folgen für den gesamten oberen Bewegungsapparat. Ein vermeintlich kleines Strahlproblem strahlt also weit in den Körper aus. Genau deshalb lohnt es sich, früh hinzuschauen, auch wenn Strahlfäule aus rein schulmedizinischer Sicht kein Weltuntergang ist.




Ursachen: Warum Hygiene selten der wahre Grund ist
Es wird oft nebenbei gesagt, Strahlfäule liege an schlechter Hufhygiene, weil kein Sauerstoff an den Strahl komme. Sowohl aus Christinas Erfahrung in der Hufbearbeitung als auch aus meiner tierärztlichen Praxis ist das aber selten die eigentliche Ursache. Hygiene kann eine Rolle spielen, aber meist nur dann, wenn das Horn ohnehin schon von schlechter Substanz ist. Sie ist der Verstärker, nicht der Auslöser.
Ein eindrückliches Beispiel: Bei Team HUF leben halbwilde Pferde, die nicht matschfrei stehen und deren Hufe sich nicht immer auskratzen lassen. Keines dieser Pferde hat Probleme mit dem Strahl, weil die Grundsubstanz des Horns so gut ist. Was steckt also wirklich dahinter?
- Die innere Versorgung. Der häufigste Grund ist eine nährstoffmäßig unzureichende Versorgung, oft Mängel oder Imbalancen bei den Spurenelementen, häufig auch fehlendes Eiweiß im Heu. Ist die Hornqualität schlecht, haben Bakterien und Pilze leichtes Spiel.
- Haltung und Bewegung. Team HUF fasst die Grundlagen im Kürzel HUF zusammen: Haltung, Untergrund, Fütterung. Der Huf entwickelt sich über den Wechsel aus Belastung und Entlastung, also über Bewegung. Bei Bewegungsmangel wird der Huf schlecht durchblutet, und dem Strahl fehlt die Massage durch den Bodenkontakt.
- Der Stoffwechsel. Auffällig häufig geht Strahlfäule mit Stoffwechselproblemen einher, etwa bei Pferden mit Cushing (PPID) oder EMS und Insulinproblematiken. Der schlechte Strahl ist dann ein Symptom, das eigentliche Thema liegt woanders.
Ein wichtiger Hinweis, der überrascht: Auch übergewichtige, augenscheinlich gut genährte Pferde können massive Mängel haben. Oft ist von manchen Nährstoffen zu viel und von anderen zu wenig im Futtertrog, oder die Verhältnisse zueinander stimmen nicht, sodass sie sich gegenseitig blockieren. Das Pferd ist dann trotz voller Näpfe schlecht versorgt. Auch Leberprobleme können mit hineinspielen.
Behandlung von Strahlfäule: Basics statt Pülverchen
Der Markt ist voll von Sprays, Tinkturen und Salben. Der Ansatz, den Team HUF verfolgt, kommt dagegen verblüffend einfach und günstig daher und beruht auf wenigen Prinzipien:
- Trocken halten mit Zinksalbe. Eine ganz normale Zinksalbe wirkt wie ein Kleber und hält den Bereich trocken. Christina sagt selbst, nicht die Zinksalbe ist das Wundermittel, sondern das Prinzip dahinter.
- Watte-Tamponaden stopfen. Die runden Watte-Röllchen vom Zahnarzt passen perfekt in die seitlichen oder die mittlere Strahlfurche. Richtig ausgestopft und zweimal pro Woche erneuert, geben sie genug Druck, damit sich Strahlmaterial aufbauen kann, aber nicht so viel, dass es dem Pferd unangenehm ist. Wichtig: echte Watte-Röllchen nehmen, keine Pads oder Watte, die die Feuchtigkeit aufsaugt und nass hält.
- Nichts wegschneiden. Das ist der größte Unterschied zur gängigen Praxis. Alles Material, das da ist, schützt und komprimiert das neu wachsende Horn. Wird ein unterentwickelter Bereich noch mehr geschwächt oder die äußere Schicht weggenommen, bietet das Bakterien und Pilzen nur noch mehr Angriffsfläche.
- Den Strahl nicht zum Tragen zwingen. Häufig werden Trachten oder Eckstreben stark gekürzt, damit der Strahl mehr Bodenkontakt bekommt. Das geht meist nach hinten los, weil ein unterentwickelter Strahl gar nicht in der Lage ist, Last aufzunehmen.
Und ganz entscheidend: Parallel die innere Ursache angehen. Wer gleichzeitig die Fütterung oder eine Stoffwechselproblematik in den Griff bekommt und äußerlich mit Zinksalbe und Tamponaden unterstützt, sieht oft schon innerhalb weniger Wochen einen riesigen Unterschied. Von zusätzlichen Huf-Zusatzfuttermitteln rät sie dagegen eher ab: Was extra reingegeben wird, muss auch verstoffwechselt werden, und das bringt ein ohnehin belastetes System eher noch mehr durcheinander. Sinnvoller ist eine professionelle Futterberatung und, wenn möglich, eine Heuanalyse.
Welches Mittel hilft am besten gegen Strahlfäule?
Auf der Suche nach dem besten Mittel gegen Strahlfäule landen viele bei scharfen Produkten: Wasserstoffperoxid, Kupfersulfat, Jodoformäther oder diverse Spezial-Sprays und Tinkturen. Solche aggressiven Mittel nutzt Team HUF bewusst nicht, denn je nach Tiefe der Furche kommen sie gefährlich nah ans lebende Gewebe und können mehr schaden als nutzen. Zinksalbe ist harmloser und beliebter, aber auch sie ist kein Zaubermittel: Ihr eigentlicher Nutzen liegt darin, den Strahl trocken zu halten und die Watte-Tamponade zu fixieren. Das beste Mittel gegen Strahlfäule ist deshalb keine Flasche aus dem Regal, sondern die Kombination aus Trockenheit, sanft stützender Tamponade und dem Beheben der inneren Ursache. Genau deshalb kannst du dir die meisten teuren Huf-Zusatzfutter und Spezialsprays sparen.
Bewegung und schlaue Böden: Kies als Geheimtipp
So wichtig das äußerliche Versorgen ist, der größte Hebel ist die Bewegung. Die meisten Hufprobleme kommen daher, dass sich das Pferd zu wenig bewegt und der Hufmechanismus dadurch kaum arbeitet. Über Bewegung wird der Huf durchblutet, und der Strahl bekommt die Massage, die er braucht.
Team HUFs absoluter Lieblingsboden ist Kies in feiner Körnung (etwa 2 bis 8 Millimeter), etwas tiefer aufgeschüttet, sodass man selbst gut barfuß hindurchlaufen kann. Dieser Boden komprimiert das Hufmaterial sanft von unten, trägt alles mit, ohne punktuellen Druck zu erzeugen, und lässt gerade den hinteren Hufbereich und den Strahl gut aufbauen. Die Pferde können sich sogar ein Stück weit hineinbohren und selbst entscheiden, wo sie Last aufnehmen. Wer keine Paddock-Trail-Anlage hat, kann mit einem kleinen Kiesbereich oder einem Barfußpark im Kleinen viel erreichen. Mehr dazu, warum Bewegungsmangel so viele Probleme verursacht, findest du im verlinkten Artikel.
Genau hier, beim Blick aufs ganze Pferd statt auf das einzelne Symptom, setzt die KKP Welt an. Dem Thema Huf und Bewegung haben wir dort einen ganzen Monat gewidmet, gemeinsam mit Team HUF und einem tierärztlichen Fachvortrag. Wenn du lernen möchtest, deine Hufe selbst zu beurteilen und die Bewegung deines Pferdes ehrlich einzuschätzen, findest du in der KKP Welt genau dazu mehr.







