Dies ist eine KKP-Welt-Partnerfolge mit Christina von Team HUF, basierend auf den Erkenntnissen der internationalen No-Laminitis-Konferenz der ECIR Group. Der Artikel ersetzt keine tierärztliche Behandlung: Hufrehe ist ein Notfall, bei Verdacht sofort den Tierarzt rufen.
Das Wichtigste in Kürze
» Ursachenforschung ist Pflicht: Hufrehe ist ein Symptom, keine eigenständige Krankheit. Nur wer die Ursache kennt (Stoffwechsel, Belastung oder Sepsis), kann wirksam behandeln.
» Insulin im Fokus: Rund 90 Prozent der Fälle sind endokrin bedingt (HAL). Ein kontrollierter Insulinspiegel ist für die Schmerzfreiheit oft entscheidender als der Hufbeschlag.
» Management entscheidet: Genetik ist ein Risiko, kein Schicksal. Wer sich konsequent an das ECIR-Protokoll aus Diagnostik, Fütterung und Bewegung hält, sieht bei rund 95 Prozent der Pferde eine Besserung.
Gesundheit entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch das, was jeden Tag passiert, nicht perfekt, sondern realistisch und damit langfristig umsetzbar. Genau unter diesem Gedanken haben sich in der Kernkompetenz Pferd Welt mehrere Fachbereiche zusammengeschlossen: Team HUF (Hufbearbeitung), Delightful Riding (Training), eine Futterexpertin, eine Verhaltenstierärztin und Dr. Veronika Klein als Fachtierärztin. Diese Partnerfolge zur Hufrehe stammt von Christina von Team HUF, die seit über 20 Jahren mit dem Thema arbeitet und jährlich die internationale No-Laminitis-Konferenz der ECIR Group (Equine Cushing and Insulin Resistance Group) besucht.
Gerade in der kalten Jahreszeit häufen sich die Reheschübe, die meisten davon Rückfälle bei Pferden, die schon einmal betroffen waren. Höchste Zeit also, den aktuellen Stand der Forschung anzuschauen, denn vieles davon ist in Deutschland noch nicht angekommen. Die medizinischen Grundlagen (was Hufrehe genau ist, die Symptome und was im akuten Notfall zu tun ist) findest du im Artikel Hufrehe erkennen und im Notfall handeln. Hier geht es um das Verstehen und das langfristige Managen.
Hufrehe ist nicht gleich Hufrehe: die drei Ursachen
Bevor man behandelt, muss die entscheidende Frage geklärt werden: Warum hat dieses Pferd gerade jetzt eine Hufrehe? Denn viele denken noch, eine Rehe sei einfach eine Rehe und man behandle die Hufe. So ist es aber nicht. Man unterscheidet drei Hauptformen:
- Sepsis-assoziierte Rehe: durch schwere Allgemeinerkrankungen, Entzündungen oder eine Endotoxämie (etwa nach schwerer Kolik oder Nachgeburtsverhaltung). Diese Pferde sind systemisch krank, haben oft Fieber und Durchfall. Ein absoluter Klinik-Notfall, in der Praxis eher selten.
- Belastungsrehe: Hier fehlt der physiologische Wechsel aus Be- und Entlastung im Huf, oft weil ein Pferd ein verletztes Bein nicht belasten kann und das andere die Dauerlast trägt. Mehr zu den Risiken langer Stehzeiten im Artikel über Boxenruhe beim Pferd.
- Endokrine Rehe (HAL): die mit Abstand häufigste Form, rund 90 Prozent der Fälle, eng verknüpft mit dem Stoffwechsel und einem zu hohen Insulinspiegel.
Endokrine Rehe: wenn das Insulin zum Problem wird
Die moderne Forschung nennt sie heute HAL, Hyperinsulinämie-assoziierte Laminitis. Ein zu viel an Insulin im Blut führt direkt zu den schmerzhaften Prozessen im Huf. Dass die Ursache im Insulin gesucht wird und nicht am Huf, ist wissenschaftlich gut belegt. Studien zeigen: Sobald der Insulinspiegel sinkt, lässt der Schmerz meist nach, und zwar weitgehend unabhängig davon, ob das Pferd einen Spezialbeschlag trägt oder nicht. Die Hufform ist in der akuten Schmerzphase oft zweitrangig.
Das Ziel muss also sein, den Stoffwechsel zu regulieren, über Fütterung, Bewegung, Stresslevel und Haltung. Die hormonellen Grundlagen beschreiben die Artikel zum Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) beim jüngeren und zu PPID (Cushing) beim älteren Pferd, und warum schon wenig Übergewicht gefährlich ist, zeigt 5 Mythen über dicke Pferde.
Diagnostik: mehr als nur Blutwerte
Ein Bluttest ist ein wichtiger Baustein, aber nie die ganze Wahrheit. In der Praxis nutzen wir oft das EMS/ECS-Profil mit Insulin, Glucose, ACTH, Triglyceriden und Gamma-GT. Doch es gibt immer wieder falsch-negative und falsch-positive Ergebnisse. Heißt: Die Werte können gut aussehen, während das Pferd deutliche Symptome zeigt, oder umgekehrt. In solchen Fällen gilt: Glaube immer dem Pferd, nicht nur dem Papier, und schau nie nur auf die Hufe, sondern aufs ganze Pferd.
Damit die Werte aussagekräftig sind:
- Das Pferd sollte zuckerarm gefüttert sein, also möglichst nur Heu.
- Kein Stress und kein hartes Training unmittelbar vor der Blutabnahme.
- Bei Unsicherheit das Heu vorher wässern, um einen Teil des Zuckers auszuwaschen.
Wie du ein Blutbild beim Pferd grundsätzlich liest, erfährst du im verlinkten Artikel. Bessere Testverfahren mit geringerem Fehlerrisiko sind in der Forschung in Sicht, aber noch nicht kommerziell verfügbar.
Neue Erkenntnisse von der No-Laminitis-Konferenz
Zwei Themen der letzten Konferenz sind für die Praxis besonders spannend:
Genetik ist ein Risiko, aber kein Schicksal. Die Forschung (unter anderem von Elaine Norton) zeigt bei verschiedenen Rassen wie Welsh Ponys, Morgan Horses und Arabern genetische Risikofaktoren für EMS. Manche Marker überschneiden sich zwischen den Rassen, andere sind rassespezifisch. Entscheidend ist aber: Was die Erkrankung wirklich auslöst, ist das Management. Ein Pferd mit hohem genetischem Risiko kann durch gute Haltung, Fütterung und Bewegung trotzdem gesund und belastbar bleiben. Ein Gentest bringt wenig, wenn das Pferd die Probleme ohnehin schon zeigt. Auffällig war auf der Konferenz allerdings, dass in den untersuchten Gruppen bis zu 80 Prozent der Pferde übergewichtig waren.
Das ECIR-Protokoll wirkt. Eine Auswertung der großen ECIR-Falldatenbank ergab: Bei Pferden, deren Besitzer sich konsequent an das Protokoll aus Diagnostik, Fütterung und Bewegung halten, verbessern sich rund 95 Prozent. Nur etwa 2,5 Prozent sprechen trotz guter Umsetzung nicht an. Das ist eine enorm ermutigende Zahl, gerade für alle, die glauben, bei ihrem Rehepferd sei nichts mehr zu machen.
Management: Fütterung, Bewegung und Teamarbeit
Hufrehe ist kein Problem, das ein Profi allein löst. Es braucht ein Team aus Besitzer, Tierarzt und Hufbearbeiter, jeder mit seiner Rolle. Der Besitzer ist für das tägliche Management verantwortlich:
- Fütterung: radikale Zuckerreduktion, kein Gras, kein Müsli. Die Basis ist zuckerarmes, bei Bedarf gewässertes Heu, ergänzt um ein passendes, zuckerfreies Mineralfutter zur Deckung der Nährstoffe. Ein spezielles Wunder-Zusatzfutter braucht ein Rehepferd nicht, und ein magisches Entgiften gibt es nicht: Der Hebel ist der Insulinspiegel, nicht die nächste Kur.
- Bewegung: angepasstes Training ist die beste Medizin gegen Insulinresistenz, weil es die Zellen wieder insulinempfindlicher macht, aber erst nach der akuten Phase. Tipps für den Wiedereinstieg findest du unter Antrainieren nach Verletzung.
- Stress reduzieren: Stress treibt Cortisol hoch, was wiederum das Insulin beeinflusst.
Hufrehe ist kein Todesurteil
Die Diagnose Hufrehe ist heute kein Todesurteil mehr. Mit den modernen Protokollen der ECIR Group und einem tieferen Verständnis der hormonellen Zusammenhänge führen sehr viele Rehepferde wieder ein schmerzfreies, aktives Leben. Es braucht Wissen, Disziplin und einen langen Atem, gerade nach einem Rückfall. Und es hilft ungemein, damit nicht allein zu sein: Viele Menschen mit einem Rehepferd fühlen sich unverstanden und alleingelassen. Genau da setzt die Idee an, gemeinsam statt allein an der Gesundheit des Pferdes zu arbeiten.







