Das Wichtigste in Kürze
» Die Hufrolle ist eine anatomische Struktur aus Strahlbein, Sehne und Schleimbeutel. Die Erkrankung heißt Hufrollensyndrom.
» Ein Röntgenbild zeigt nur das Strahlbein. Sehne, Bänder und Schleimbeutel lassen sich erst im MRT sicher beurteilen.
» Entstandene Schäden heilen nicht aus. Mit Hufbearbeitung, Behandlung und angepasstem Training werden aber viele Pferde wieder lahmfrei.
„Mein Pferd hat Hufrolle“ ist ein Satz, den ich oft höre. Antworten möchte ich dann immer: Aber natürlich hat dein Pferd eine Hufrolle, und zwar vier Stück, in jedem Huf eine. Die Hufrolle ist eine anatomische Struktur. Die Erkrankung heißt Hufrollensyndrom: eine chronische Lahmheit, meist an den Vorderbeinen, ausgelöst durch Schmerzen am Strahlbein oder an den umliegenden Strukturen. Heilbar im Sinne von „wie vorher“ ist sie nicht. Das Ziel der Behandlung ist ein lahmfreies Pferd, das mit passender Hufbearbeitung und klugem Training lahmfrei bleibt. Andere Namen für dasselbe Bild sind Podotrochlose und Palmar Foot Syndrom.
Dieser Artikel beruht auf meiner Podcastfolge zur Hufrolle. Ich habe ihn im Oktober 2026 mit der aktuellen Studienlage abgeglichen, neue Erkenntnisse sind im Text mit Quellen verlinkt.
Was ist die Hufrolle beim Pferd?
Die Hufrolle ist eine anatomische Struktur im Huf. Sie besteht aus einem Knochen, dem Strahlbein, einem Schleimbeutel und einer Sehne. Das Strahlbein ist ein kleiner Knochen im Huf, über den die tiefe Beugesehne gleitet und der mit dem Hufgelenk in Verbindung steht. Zwischen der Sehne und dem Strahlbein liegt der Schleimbeutel. Zusätzlich ziehen Bänder vom Strahlbein zum Hufbein und zum Fesselbein.
Merke: Die Hufrolle besteht aus den drei „S“: Strahlbein, Sehne, Schleimbeutel.
Die Hufrolle ist also keine Krankheit. Jedes Pferd hat sie, und zwar an allen vier Beinen. Diese und ähnliche Grundlagen findest du auch im 40-Fragen-Test für Pferdemenschen.
Was bedeutet die Diagnose Hufrollensyndrom?
Kommt es zu einer Lahmheit und die Diagnose Hufrollensyndrom wird gestellt, kann die Ursache ganz unterschiedlich sein, je nachdem, welches der Teile betroffen ist:
- Das Strahlbein. Dann sind im Röntgenbild Veränderungen sichtbar, denn Knochen lässt sich im Röntgen darstellen.
- Die tiefe Beugesehne. Sie kann aufgefasert sein, es besteht also eine Sehnenentzündung. Die ist im Röntgen nicht zu sehen, weil Weichteilgewebe nur mit Ultraschall oder MRT sichtbar wird.
- Die Bänder. In einem fortgeschrittenen Stadium kann man im Röntgen an den Bandansätzen Knochenneubildungen beobachten, ansonsten lassen sich diese Bänder nur im MRT darstellen.
- Knorpel und Schleimbeutel. Der Knorpel kann geschädigt, der Schleimbeutel entzündet sein. Auch das zeigt das MRT.
Du siehst: Es gibt eine Vielzahl von Ursachen für eine Lahmheit aus dem Huf. Eine umfassende und leider teure Diagnostik ist meist nötig, um die betroffene Struktur zu finden. Erst dann lässt sich eine Prognose abgeben: Wie lange muss das Pferd Pause machen, wann kann es wieder geritten werden, kann es überhaupt wieder voll eingesetzt werden? Auch das Merck Veterinary Manual beschreibt das Hufrollensyndrom deshalb als Krankheitskomplex aus Strahlbein, Schleimbeutel, Bändern und tiefer Beugesehne und nicht als eine einzelne Erkrankung.
Woran erkenne ich ein Hufrollensyndrom?
Die Erkrankung verschlechtert sich schleichend, deshalb beginnt es meist unspektakulär:
- Stolpern
- Kürzer treten im Schritt, besonders auf hartem Boden
- Verweigern vor dem Sprung und eine schlechte Landephase
- Schwierigkeiten in engen Wendungen, in der Dressur wie im Westernreiten
- Einlaufen: Nach langem Stehen muss sich das Pferd erst einlaufen
- Abwechselndes Entlasten der Vorderbeine, indem ein Bein nach vorne ausgestellt wird
Auch neues Beschlagen kann die Lahmheit erst einmal verschlechtern. Die Beugeprobe kann positiv sein, muss sie aber nicht. Sie ist insgesamt nur ein Hinweis darauf, dass die Ursache in den unteren Gelenken sitzt.
Meistens sind beide Vorderbeine betroffen, eines davon stärker. Das macht es tückisch: Ein Pferd, das vorne beidseitig kürzer tritt, sieht nicht lahm aus, sondern klamm. Auf der engen Wendung wird es dann deutlicher. Ein Detail aus dem Training: Wenn du mit Pulsmessung arbeitest und der Puls auf einer Hand immer höher ist als auf der anderen, egal womit du anfängst, kann das ein Schmerzpuls sein, weil die Wendung wehtut. Das ist ein Hinweis, kein Beweis. Wie du Lahmheiten grundsätzlich einordnest, zeigt der Artikel zur Ganganalyse.
Was sieht man auf dem Röntgenbild der Hufrolle?
Auf dem Röntgenbild sieht man Knochen, also das Strahlbein. Die Sehne und der Schleimbeutel sind dort nicht zu sehen. Daraus entsteht ein verbreiteter Irrglaube: „Auf dem Röntgenbild sah die Hufrolle gut aus.“ Korrekt wäre: Das Strahlbein sah gut aus. Daraus folgt nicht automatisch, dass die Hufrolle in Ordnung ist.
Was du auf diesem Bild siehst: Eine Röntgenaufnahme des Hufes von vorn. Von oben nach unten liegen Fesselbein, Kronbein und Hufbein, unten erkennst du die Hufnägel. Das Strahlbein liegt hinter dem Hufgelenk und wird in dieser Ansicht von den anderen Knochen überlagert. Genau deshalb reicht ein einzelnes Bild für die Hufrolle nicht aus.
Für die Beurteilung braucht es mehrere Projektionen, also Richtungen, aus denen je ein Bild angefertigt wird. Standard sind drei: von der Seite, schräg von vorn oben und tangential von hinten oben (Dyson, 2011). In den Schleimbeutel kann zusätzlich Röntgenkontrastmittel gespritzt werden, dann wird auch diese Struktur sichtbar.
Und was heißt ein Hufrollenbefund, etwa aus einer Ankaufsuntersuchung? Erst einmal nur, dass am Strahlbein etwas zu sehen ist. Röntgenbild und Lahmheit passen nur eingeschränkt zusammen. In einer Auswertung von 510 Kaufuntersuchungen blieben 17 von 31 Pferden mit deutlichen Strahlbeinveränderungen in aktiver Nutzung, auch wenn höhere Grade insgesamt häufiger mit Lahmheit einhergingen (van Hoogmoed und Kollegen, 2003). Umgekehrt kann ein Pferd mit unauffälligem Röntgenbild einen Weichteilschaden in der Hufrolle haben. Ein Befund ist also ein Grund, genauer hinzusehen, und kein Urteil.
Wie wird das Hufrollensyndrom diagnostiziert?
Die Diagnostik läuft in Stufen:
- Leitungsanästhesie. Das ist eine lokale Betäubung im unteren Gliedmaßenbereich. Wird die Lahmheit dadurch besser oder verschwindet, sitzt das Problem im Huf.
- Röntgen. Die drei oben beschriebenen Projektionen, bei Bedarf mit Kontrastmittel im Schleimbeutel.
- Ultraschall. Er eignet sich zur Darstellung der Weichteile, ist am Huf aber schwierig. Der Untersucher muss sehr erfahren sein, der Huf frisch ausgeschnitten und am besten zwei Tage in einem Angussverband eingeweicht. Dann kann man durch den Strahl hindurch und im Ballenbereich versuchen, die Sehne darzustellen. Kleine Veränderungen sind so schwierig bis gar nicht zu sehen.
- MRT. Eine sehr sichere bildgebende Diagnostik, die allerdings teuer ist und nur in großen Kliniken durchgeführt werden kann.
Wie viel das MRT verändert hat, zeigt eine Auswertung von 199 Pferden mit Huflahmheit, bei denen Röntgen und Ultraschall die Ursache nicht erklärt hatten: Bei 59 Prozent war die tiefe Beugesehne geschädigt, bei 17 Prozent mehrere Strukturen gleichzeitig (Dyson und Kollegen, 2005). Das ist genau die Sehne, die auf dem Röntgenbild nicht zu sehen ist.
Wie entsteht ein Hufrollensyndrom?
Eine genetische Disposition wird bei Warmblütern, Quarter Horses und Vollblütern diskutiert. Quarter Horses haben sehr kleine Hufe, sind eher vorhandlastig und haben einen sehr großen Popo, möchte man sagen. Daher liegt sehr viel Last auf den kleinen Hufen. Vollblüter zeigen vermehrt flache Hufe. Insgesamt handelt es sich aber, wie so oft, um ein multifaktorielles Geschehen. Mehrere Faktoren kommen zusammen, vor allem die Fehlbelastung durch:
- Huffehlstellungen wie flache Hufe, seitlich schiefe Hufe oder untergeschobene Trachten, ebenso ein fehlerhafter Beschlag
- Exterieurmängel, etwa ein überbautes Pferd
- Falsches Training, wie zu viel Reiten auf der Vorhand, oder das Gegenteil: zu wenig Bewegung. Das schädigt den Knorpel, weil die Ernährung und damit die Versorgung des Gewebes herabgesetzt ist
Durch die Belastung kommt es dann zu Umbauvorgängen am Strahlbein und auch zur Abnutzung. Man sagt deshalb, das Hufrollensyndrom ist auch eine Reitpferdeerkrankung.
Das deckt sich mit der Fachliteratur: Als begünstigend gelten dort kleine Hufe im Verhältnis zur Körpermasse, lange Zehen mit niedrigen Trachten und zu klein gewählte Eisen, betroffen sind meist Pferde im mittleren Alter (Merck Veterinary Manual).
Ein strukturiertes und durchdachtes Training ist ein bedeutender Faktor zur Gesunderhaltung deines Pferdes. Dazu kommt eine Haltung, die dem Lauftier Pferd genügend Bewegung verschafft. Deshalb lege ich bei Kernkompetenz Pferd einen so besonderen Fokus auf Trainingskonzepte, insbesondere nach Erkrankungen wie dem Hufrollensyndrom. Warum schon das Aufwärmen dazugehört, hörst du in der Folge zur Lösungsphase aus medizinischer Sicht.
Wie wird das Hufrollensyndrom behandelt?
Die Behandlung richtet sich nach den erhobenen Befunden und ist daher sehr individuell. Allgemein lässt sich aber sagen: Hufkorrektur und Beschlag spielen die wichtigste Rolle, alles andere kommt dazu.
Welcher Beschlag hilft bei Hufrolle?
Das Ziel jeder Hufbearbeitung beim Hufrollensyndrom ist, die Hufrolle zu entlasten: Zehe kürzen, Abrollen erleichtern, Trachten und Hufbalance korrigieren. Das ist auch in der Fachliteratur der erste Schritt, vor jedem Medikament.
Welche Beschlagsform das am besten leistet, ist weniger eindeutig, als viele denken. In einer Messung an zwölf gesunden Warmblütern senkten Trachtenkeile die Kraft auf das Strahlbein um 24 Prozent gegenüber einem flachen Eisen. Eiereisen senkten sie nicht. Und barhuf lag die Kraft um 14 Prozent niedriger als mit flachem Beschlag (Willemen und Kollegen, 1999). Das waren gesunde Pferde im Trab, übertragen lässt sich das nur mit Vorsicht. Es zeigt aber: Den einen Hufrollenbeschlag gibt es nicht. Entscheidend ist, was an diesem Huf die Hebel verkürzt, und das besprechen Tierarzt und Schmied am besten gemeinsam vor dem Röntgenbild. Wie unterschiedlich Experten die Frage Eisen oder barhuf sehen, liest du im Beitrag Barhuf oder Hufeisen.
Medikamente und Injektionen
Daneben bekommt das Pferd einen Entzündungshemmer. Die Injektion von Hyaluronsäure und Kortison ins Hufgelenk oder in den Schleimbeutel kann sinnvoll sein. Eine wiederholte, also mehrmalige Behandlung mit Kortison kann aber auch negative Auswirkungen haben und sollte vermieden werden.
Wie gut und wie lange die Injektion in den Schleimbeutel wirkt, hat eine Auswertung an 25 Pferden gezeigt, bei denen andere Behandlungen nicht angeschlagen hatten: 80 Prozent waren nach zwei Wochen lahmfrei, im Mittel hielt das 4,6 Monate. Zwei Pferde mit mehrfachen Injektionen erlitten einen Riss der tiefen Beugesehne (Dabareiner und Kollegen, 2003). Die Spritze verschafft also Zeit, um Huf und Training umzustellen. Sie ersetzt beides nicht.
Eingesetzt werden auch Bisphosphonate. Das sind Medikamente, die den Knochenumbau beeinflussen. Für den Wirkstoff Tiludronat zeigte eine placebokontrollierte Studie bei der höheren Dosierung eine Besserung der Lahmheit, vor allem bei frischen Fällen (Denoix und Kollegen, 2003). In der Zulassungsstudie für Clodronat besserten sich nach 56 Tagen 74,7 Prozent der behandelten Pferde um mindestens einen Lahmheitsgrad, gegenüber 3,3 Prozent mit Placebo (Zulassungsunterlagen der US-Arzneimittelbehörde FDA, 2014). Besserung heißt dabei nicht lahmfrei, und ein Teil der Pferde war nach einem halben Jahr wieder schlechter. Laut Zulassung sind diese Mittel nichts für Pferde mit Nierenproblemen und bei Pferden unter vier Jahren nicht geprüft. Ob sie bei deinem Pferd sinnvoll sind, hängt davon ab, ob überhaupt der Knochen das Problem ist.
Stoßwelle und regenerative Verfahren
In der Podcastfolge habe ich die Stoßwellentherapie noch als positiven Einfluss genannt. Die Studienlage dazu ist dünn geblieben: Eine kleine Untersuchung an neun Pferden fand nach einer einzelnen Behandlung keinen messbaren Effekt auf die Lahmheit (Brown und Kollegen, 2005). Ich würde sie heute deshalb als Versuch einordnen und nicht als tragende Säule. Ebenso können regenerative Behandlungsmethoden in Betracht gezogen werden, Stammzellen oder PRP zum Beispiel.
Operation und Nervenschnitt
Sind alle konservativen Behandlungsmethoden ohne Erfolg, kann das Pferd auch operiert werden. Es gibt verschiedene chirurgische Techniken, dazu zählt als letzte Möglichkeit der Nervenschnitt (Neurektomie). Dabei werden die Nerven durchtrennt, die den hinteren Hufbereich versorgen. Das Pferd spürt den Schmerz nicht mehr, die Ursache bleibt.
In einer Auswertung von 50 Pferden konnten 80 Prozent nach dem Nervenschnitt in ihre frühere Nutzung zurückkehren, im Median für 20 Monate. Bei 36 Prozent gab es Komplikationen wie verbleibende Lahmheit, schmerzhafte Nervenknoten oder einen frühen Rückfall, und bei bestimmten Sehnenschäden raten die Autoren davon ab (Gutierrez-Nibeyro und Kollegen, 2015). Dazu kommt ein praktisches Risiko: Ein Huf, in dem das Pferd nichts mehr spürt, zeigt auch ein Hufgeschwür oder einen Nageltritt nicht mehr an. Der Nervenschnitt ist deshalb ein letzter Schritt. Wer mehr über die OP-Techniken wissen möchte, lässt sich am besten in einer Klinik beraten, die diese Eingriffe anbietet.
Ist das Hufrollensyndrom heilbar, und kann ich mein Pferd noch reiten?
Schon entstandene Schäden können nicht wiederhergestellt werden. Das Ziel der Behandlung ist ein lahmfreies Pferd, der gesunde Ausgangszustand kommt aber meist nicht zurück. Das bedeutet: Ein Pferd mit Hufrollensyndrom muss auch dann entsprechend gemanagt werden, wenn es wieder lahmfrei ist.
Ob dein Pferd wieder geritten werden kann, hängt vor allem davon ab, welche Struktur betroffen ist. In der schon genannten MRT-Auswertung war das Ergebnis bei Pferden mit einem reinen Sehnenschaden nur in 28 Prozent der Fälle sehr gut, und sobald das Strahlbein mitbetroffen war, blieb die Mehrheit lahm (Dyson und Kollegen, 2005). Das waren allerdings Überweisungsfälle, also eher die schwierigen. In einer anderen Auswertung kehrten nach einer Injektion in den Schleimbeutel 75 von 101 Pferden in ihre Nutzung zurück, im Mittel für knapp zehn Monate, und 35 Prozent waren bei der Nachkontrolle lahmfrei. Besser lief es, wenn die Lahmheit weniger als sechs Monate bestand (Marsh und Kollegen, 2012).
Was du daraus mitnehmen kannst: Viele Pferde lassen sich wieder nutzen, oft aber auf Zeit und mit wiederholter Behandlung. Die Fachliteratur nennt die Erkrankung fortschreitend und die Prognose vorsichtig bis mäßig (Merck Veterinary Manual). Eine pauschale Prozentzahl, wie sie manchmal kursiert, gibt die Studienlage nicht her. Früh hinschauen lohnt sich, denn je kürzer die Lahmheit besteht, desto besser sind die Aussichten.
Die Erkrankung selbst ist nicht lebensbedrohlich. Entscheidend ist, ob dein Pferd mit Hufbearbeitung, Behandlung und Management schmerzfrei bleibt. Was das im Alltag heißt, wenn ein Pferd nicht mehr voll belastbar ist, liest du im Artikel Darf man lahme Pferde reiten?.









