Grundlage dieses Artikels ist eine der frühen Podcast-Folgen von Dr. Veronika Klein zur Lösungsphase aus medizinischer Sicht, 2026 überarbeitet und erweitert. Bei Pferden in der Reha gehört das Aufwärmprogramm mit dem Tierarzt abgestimmt.
Das Wichtigste in Kürze
» Nach langer Stehzeit verkleben die Gelenke: Die Gelenkschmiere nimmt ab, und die volle Beweglichkeit muss im Aufwärmen erst wiederhergestellt werden.
» Die Lösungsphase heißt konkret: mindestens 10 Minuten Schritt, bei Kälte länger, und zwar vor dem Reiten, Longieren, Laufenlassen und Freispringen.
» Viele Sehnenschäden entstehen nicht durch den „schlechten Boden", sondern durch vorgeschädigte Gewebe nach Bewegungsmangel und zu kurzem Aufwärmen.
Pferde sind Lauftiere: Von Natur aus sind sie rund 16 Stunden am Tag in langsamer Bewegung und legen dabei 15 bis 30 Kilometer zurück, im Schritt, geradeaus, mit dem Kopf unten am Futter. Und jetzt die ehrliche Frage: Wie sieht der Tag deines Pferdes aus? Wer Boxenzeit und Bewegungszeit einmal dokumentiert, landet selbst bei optimistischer Rechnung (eine Stunde Reiten, eine Stunde Führanlage, zwei Stunden Winterauslauf) bei rund 20 Stunden Stehzeit. Genau deshalb ist die Lösungsphase kein Ritual aus der Reitlehre, sondern medizinische Notwendigkeit: Sie macht ein Stehtier für die nächste Stunde wieder zum Lauftier.
Das gilt übrigens nicht nur für Boxenpferde: Bei gefrorenem oder tief matschigem Boden bewegen sich auch Offenstallpferde kaum, und auch für sie ist ein Bewegungsprogramm mit ordentlicher Aufwärmphase dann Gold wert.
Was Stehzeit im Körper anrichtet
Studien an ruhiggestellten Pferden zeigen, wie schnell sich die Chemie und Biomechanik des Bewegungsapparats verändert: Die Grundsubstanz der Gewebe verliert Wasser und Glykosaminoglykane, vereinfacht gesagt die Gelenkschmiere. Die Folge sind Mikroadhäsionen, kleine Verklebungen in und um die Gelenke, die alle umliegenden Strukturen betreffen: Bänder, Kapseln und Faszien. Die volle Gelenkbeweglichkeit muss nach der Stehzeit durch wiederholte Bewegung erst wieder hergestellt werden. Passiert das nicht, sondern geht es kalt in die Arbeit, entstehen Gewebeschäden, die am Ende in Lahmheiten münden können. Schauen wir uns die Gewebe einzeln an.
Knochen: Ohne Belastung porös
Der Knochen baut sich das ganze Leben lang um und reagiert ständig auf Belastung und Entlastung. Fehlt der Reiz, entsteht eine Inaktivitätsosteoporose: Der Abbau überwiegt, der Knochen wird schwächer. Bei Fohlen und Jährlingen, die den Winter über in der Box stehen, kann das direkte Folgen haben, von Gelenkchips bis zur erhöhten Anfälligkeit für Frakturen der Gleichbeine. Auch die Überbeine an der Innenseite der Röhre entstehen meist nicht durch einen Tritt, sondern durch Fehlbelastung junger, unvorbereiteter Gliedmaßen.
Knorpel: Der Schwamm, der Bewegung braucht
Der Gelenkknorpel ist die Gleitfläche zwischen zwei Knochen und wird nicht durchblutet. Er ernährt sich wie ein Schwamm über eine Sog-Pump-Wirkung: Belastung presst ihn aus, Entlastung lässt ihn sich mit Gelenkflüssigkeit vollsaugen. Ohne diesen Wechsel verliert er Elastizität und degeneriert, bis im Spätstadium Knochen auf Knochen reibt: Arthrose. Und weil Knorpel sich kaum regenerieren kann, ist Vorbeugung durch Bewegung praktisch die einzige wirksame Strategie.
Muskulatur: Unterernährt und verhärtet
Bewegung bedeutet Durchblutung: Nährstoffe und Sauerstoff hinein, Abfallprodukte hinaus. Ein wenig bewegter Muskel ist unterversorgt, lagert Stoffwechselprodukte ein und verhärtet. Wird so ein Muskel dann ohne Aufwärmen belastet, ermüdet er schnell, und im schlimmsten Fall steht am Ende der Muskelfaserriss. Dazu kommt die unbequeme Mathematik der Muskelatrophie: Abgebaut wird etwa dreimal schneller, als wieder aufgebaut ist. Das Prinzip kennt jeder von sich selbst: sechs Tage Bürostuhl und sonntags fünf Kilometer joggen, und am Montag schmerzt so einiges. Sechs Tage Wiese und dann drei Stunden Ausritt mit Reitergewicht funktionieren genauso wenig. Wie kluger Aufbau geht, steht im Artikel über den Muskelaufbau beim Pferd.
Sehnen: Begrenzt dehnbar, schlecht heilbar
Sehnen verbinden Muskeln mit Knochen und sind nur begrenzt dehnbar. Sie enthalten wenige Nerven und Blutgefäße und regenerieren entsprechend schlecht. Ohne Vorbereitung überdehnen sie, Fasern reißen, der Sehnenschaden ist da. Und hier lohnt ein ehrlicher Blick auf eine beliebte Erklärung: Wenn hundert Pferde über denselben „schlechten Boden" laufen und eines mit Sehnenschaden vom Platz geht, war der Boden nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das eigentliche Problem waren vorgeschädigte Sehnen, durch Bewegungsmangel oder eine über lange Zeit zu kurze Aufwärmphase. Das hört niemand gern, aber es erklärt, warum Vorbeugen hier so viel wirksamer ist als jede Ausrede.
Was die Lösungsphase leistet
Das Aufwärmen im Schritt und lockeren Trab erfüllt drei medizinische Aufgaben auf einmal:
- Es stimuliert die Knochenstabilität durch dosierte Belastung.
- Es verteilt die Gelenkschmiere und stellt die volle Gelenkbeweglichkeit wieder her, wovon auch der Knorpel lebt.
- Es durchblutet die Muskulatur und macht die Sehnen geschmeidig und dehnbar.
Als Faustregel gilt: Mindestens 10 Minuten Schritt, bei kaltem Wetter eher länger. Und zwar vor allem, was danach kommt: vor dem Reiten genauso wie vor dem Longieren, dem Laufenlassen und dem Freispringen. Gerade das kalte Laufenlassen im Winterpaddock gehört zu den unterschätzten Verletzungsquellen. Übrigens gilt das alles auch für die Reiterin: Ein paar Aufwärmübungen im Sattel machen deine eigenen Gelenke geschmeidig, und die Mitreiter haben auch etwas davon.
10 Punkte für die Praxis
- Keine Stehtage, außer bei tierärztlich verordneter Boxenruhe. Keine Zeit? Dann lieber 10 Minuten Schritt als gar nichts.
- Lange Aufwärmphasen, besonders bei Kälte: mindestens 10 Minuten Schritt, vor jeder Aktivität.
- Abwechslung in der Arbeitsphase statt monotoner, einseitiger Belastung.
- Cooldown nicht vergessen: 10 Minuten Schritt zum Abtransport der Stoffwechselprodukte, sonst war das Training umsonst. Alles dazu im Artikel über das richtige Abwärmen.
- Zweimal täglich bewegen ist erlaubt: Eine Stunde Halle sind oft nur zwei bis drei Kilometer, für ein Lauftier wenig.
- Befestigte Winterausläufe einfordern und die Haltung optimieren, wo es geht: jeden Tag ein bisschen besser statt jammern.
- Führanlage und Laufband sind als Zusatzprogramm besser als Boxenstehen, jede bewegte Minute zählt.
- Regelmäßige Körperarbeit: Physiotherapie, Osteopathie oder Chiropraktik unterstützen Gelenke, Muskeln und Sehnen.
- Ausrüstung kontrollieren: Sattel, Trense und Beschlag regelmäßig prüfen lassen.
- Raus aus der Komfortzone: Stangen, Gelände, Bodenarbeit, Doppellonge, mal Dressur, mal Springen. Das Bewegungssystem dankt Abwechslung mit Haltbarkeit. Ideen liefert der Artikel zur Bodenarbeit.












