Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zum Übertraining, 2026 grundlegend erweitert um ihr Gespräch im Podcast „Embodied Riding" zur Frage „Mach ich mein Pferd kaputt?". Bei kranken oder auffälligen Pferden ersetzt keine Messmethode die tierärztliche Abklärung.
Das Wichtigste in Kürze
» Übertraining ist eine chronische Überlastungsreaktion mit vielen Faktoren: Training, Fütterung, Stress, Schlaf und Krankheit wirken zusammen.
» Die klarste messbare Grenze: Ist die Atemfrequenz gleich hoch oder höher als der Puls, ist das System überlastet und das Training wird sofort gestoppt.
» Die Erfahrung aus tausenden Pulsmessungen zeigt aber: Rund 95 Prozent der Freizeitpferde werden eher kaputt geschont als übertrainiert.
„Mach ich mein Pferd kaputt?" Diese Frage treibt fast alle Pferdemenschen um, und meistens steckt die Angst vor dem Zuviel dahinter: Übertraining, Überforderung, das Bild vom ausgebrannten Sportpferd aus den Medien. Die Angst ist berechtigt, denn Übertraining gibt es wirklich. Aber sie hat eine zweite, viel häufigere Seite: Aus Sorge wird so wenig gemacht, dass genau dadurch Schäden entstehen. In diesem Artikel bekommst du beides: die Warnzeichen für echtes Übertraining, die Anzeichen fürs Kaputt-Schonen, und vor allem messbare Werte, mit denen du die Grenze für dein individuelles Pferd findest, statt zu raten.
Übertraining ist eine chronische Überlastungsreaktion des Körpers, und sie hat selten nur eine Ursache. Neben dem Training selbst spielen die Fütterung, Stress (Haltungsform, Turniere, Herdenwechsel, Rangkämpfe), die Schlafqualität, Krankheiten und mentale Überforderung zusammen. Wer nur auf die Trainingseinheiten schaut, übersieht oft den eigentlichen Auslöser.
Übertraining erkennen: Die Warnzeichen
Die ersten Anzeichen einer Überlastung sind unscheinbar und entwickeln sich über Wochen: Der Leistungsstand stagniert oder fällt ab, das Pferd wirkt müde oder steht dauerhaft unter Strom, der Appetit verändert sich, die Erholung nach Einheiten dauert länger als sonst. Bei der Trainingsbelastung zählen Intensität und Volumen zusammen: Auch der mehrstündige gemütliche Ausritt ist Belastung, und Hangtraining oder Steigungen erhöhen die Intensität deutlich, besonders bei jungen Pferden.
Weil diese Zeichen schleichend kommen, hilft eine einfache Dokumentation: Notiere über zwei Wochen täglich Appetit und Bewegungsdrang deines Pferdes anhand einer festen Skala. Ein gesundes Pferd bewegt sich gern und frisst zuverlässig. Verändern sich beide Werte über Tage, ist das ein früher Hinweis, lange bevor eine Lahmheit oder ein Leistungseinbruch sichtbar wird.


Bewertungsskalen für Appetit und Bewegungsdrang: Mit diesen beiden einfachen Skalen dokumentierst du täglich in wenigen Sekunden, wie es deinem Pferd geht. Interessant ist nie der einzelne Tag, sondern der Trend über zwei Wochen.
Der unterschätzte Faktor: Schlaf
Kaum ein Faktor wird beim Thema Überlastung so übersehen wie der Schlaf. Pferde brauchen für den Tiefschlaf die Seitenlage, und dafür müssen sie sich sicher fühlen. In Boxenhaltung ist der Blickkontakt zu Artgenossen wichtig, weil die Nachbarn als „Wächter" fungieren. Im Offenstall muss die Herdenkonstellation passen: Rangniedrige Pferde kommen im schlechtesten Fall gar nicht erst in den Liegebereich und ruhen sich nie vollständig aus. Ein chronisch unausgeschlafenes Pferd kann keine Leistung bringen, egal wie gut der Trainingsplan ist. Wie du Schlafprobleme erkennst, liest du im Artikel über den Schlaf der Pferde.
Die andere Seite: Kaputt geschont statt übertrainiert
Jetzt zur unbequemen Wahrheit aus der Praxis: Aus tausenden Pulsmessungen und Rückmeldungen im Trainingskurs zeigt sich, dass rund 95 Prozent der Pferde eher zu wenig als zu viel arbeiten. Übertraining kommt vor, aber es ist in der Freizeitreiterei die Ausnahme. Die Regel ist das Kaputt-Schonen, und das hat handfeste körperliche Folgen. Die Eingeweidelast eines Großpferds beträgt rund 250 Kilogramm. Ein Pferd, das überwiegend steht und döst, lässt diese Last dauerhaft am Rücken hängen: Das Becken kippt, der Brustkorb sackt ab, und am Ende stehen Rückenschmerzen und Trageerschöpfung.
Woran du erkennst, dass dein Pferd eher zu wenig arbeitet:
- Rittigkeitsprobleme in beide Richtungen: Das Pferd ist triebig und langsam, oder es rennt weg und kompensiert.
- Verhaltensauffälligkeiten am Putzplatz: Beißen, Treten, Grantigkeit. Viele Teilnehmer berichten, dass ihre „Grumpy Mare" nach ein paar Wochen echten Trainings plötzlich tiefenentspannt am Anbinder steht.
- Stolpern, oft als Müdigkeit einer untrainierten Muskulatur.
- Hängebauch: Er wird meist der Fütterung zugeschrieben, ist aber zu 80 bis 90 Prozent ein Trainingsmangel.
- Husten beim Antraben: Die Lunge wird nur so weit belüftet, wie sich das Pferd bewegt. Im Stehen tauscht sie rund 50 Liter Luft pro Minute aus, im Galopp über 1.000. Wer monatelang nur Schritt geht, blockiert die Selbstreinigung. Mehr dazu im Artikel über den Lungensport.
Messbar statt Bauchgefühl: Puls und Atemfrequenz
Die Grenze zwischen zu viel und zu wenig findest du nicht im Gefühl, sondern in zwei Werten, die du selbst messen kannst. Wie das praktisch geht (an der Flanke zählen, Stethoskop, Pulsuhr), steht im Artikel zur Atemfrequenz beim Pferd. Für die Überlastungsfrage sind drei Regeln entscheidend:
- Liegt die Atemfrequenz in Ruhe über 30, ist das Pferd heute nicht trainierbar.
- Erreicht die Atemfrequenz unter Belastung den Puls, war es zu viel: anhalten, beruhigen lassen, dann gegebenenfalls ruhig weitermachen.
- Steigt die Atemfrequenz über den Puls, ist das System überlastet: Training sofort beenden.
Praktisch fürs Reiten: Im Galopp ist jeder Atemzug an einen Galoppsprung gekoppelt. Stell dir einen Intervall-Timer, zähle eine Minute lang die Sprünge, und du hast die Atemfrequenz, ohne abzusteigen.
Der Puls verrät übrigens mehr als nur Anstrengung. Bei Arthrose-Pferden steigt er in Wendungen messbar an, wenn das schmerzhafte Bein innen ist: dauerhaft höhere Werte auf einer Hand sind ein ernstzunehmender Schmerzhinweis. Aber Vorsicht mit dem Umkehrschluss: Ein unauffälliger Puls beweist keine Schmerzfreiheit. Sehnenpferde etwa zeigen ihre Schmerzen im Puls oft gar nicht. Und ein hochfliegendes Vögelchen kann den Puls auf 200 treiben, ohne dass trainiert wurde: Aufregung, Adrenalin und mentale Anspannung zählen mit. Beurteile Messwerte deshalb immer im Gesamtbild der Einheit.
Die Regenerationszeit: Der einfachste Test von allen
Wenn du nur eine einzige Messung in deinen Alltag einbaust, dann diese: den Erholungspuls. Du belastest dein Pferd, bleibst nach der höchsten Belastung stehen und zählst den Puls eine Minute nach dem Anhalten aus (mit Stethoskop oder Pulsuhr, gern noch einmal nach zwei und fünf Minuten):
- Fällt der Puls nach einer Minute unter etwa 64 bis 68, war die Einheit für die aktuelle Fitness deines Pferdes gut zu leisten. Für eine Bewegungseinheit oder einen aktiven Ruhetag ist das genau richtig.
- Liegt er nach einer Minute über 68, hat die Einheit einen echten überschwelligen Trainingsreiz gesetzt. Wenn das dein Ziel war: perfekt.
- Liegt er auch nach fünf Minuten noch um 70, war der Reiz mittelgradig bis kräftig. Dann gehören in die Folgetage Erholung und Bewegung statt des nächsten harten Reizes.
Wichtig: Diese Regenerationslogik gilt nur für den Puls. Die Atemfrequenz bleibt nach der Belastung deutlich länger erhöht, weil sie zusätzlich CO2 abatmet und die Körpertemperatur reguliert. Und sie gilt vor allem für Ausdauerarbeit: Beim Krafttraining korreliert der Puls kaum noch mit der Anstrengung (probiere selbst aus, wie wenig dein Puls bei Liegestützen steigt im Vergleich zum Laufen).









