Das Wichtigste in Kürze
» Ab etwa 15 Jahren lohnt der genauere Blick: Gewebe, Zähne und Muskulatur altern auch dann, wenn dein Pferd noch wie ein junger Hüpfer wirkt.
» Die Negativspirale aus Zahnproblemen, Abmagerung, Muskelabbau und Schmerz ist das eigentliche Risiko im Alter, und Heuaufnahme ist die erste Stellschraube.
» Probleme beim Aufstehen und unerklärliche Wunden am Karpalgelenk sind oft Schlafmangel durch Arthrose. Mobilisation und Schmerzmanagement helfen.
Alte Pferde im Fokus: Zusammen mit Dr. Lena Kottmeier von Pferdepraxiswissen widmen wir uns in diesem Artikel unseren lieben alten Pferden. Denn damit alte Pferde auch bis ins hohe Alter viel Lebensfreude versprühen, brauchen unsere Oldies ein gutes Management. Lena ist die Einzige, die zweimal bei mir im Podcast zu Gast war, und die alten Pferde sind ihr Herzensthema. Unsere Folge dazu hieß „Fifty Shades of Grey, ergraute Pferde im Fokus". Wahrscheinlich finden nur wir den Titel lustig.
Ein altes Pferd stellt uns als Pferdemenschen oft vor ganz neue Herausforderungen: Arthrose, Zahn- und Gewichtsverlust, Schlafmangel und eine altersgerechte Fütterung sind nur ein paar davon. Damit du weißt, worauf du bei deinem alten Pferd achten solltest, haben wir es für dich zusammengefasst. Und weil die häufigsten Suchanfragen zu diesem Artikel „altes Pferd hat Probleme beim Aufstehen" und „altes Pferd kommt nicht mehr hoch" lauten, bekommt genau dieses Thema hier einen eigenen Abschnitt.
Die Basis dieses Artikels ist die Podcastfolge mit Lena. Ergänzt habe ich ihn um die Inhalte meines Webinars „Das alte Pferd, Vorbereitungen für die kalte Jahreszeit": Schmerzgesicht, Pulsmessung, Temperaturampel, Zahn-Check mit der Möhre, feuchte Wärme und die Frage, wie viel Bewegung ein altes Pferd wirklich braucht.
Ab wann gilt ein Pferd als alt und wie alt können Pferde werden?
Ab wann dein Pferd als alt bezeichnet werden kann, ist so pauschal eigentlich gar nicht zu beantworten. Alterungsprozesse sind sehr individuell und von vielen Faktoren wie Rasse, Größe, Haltung, Fütterung, Training und Krankheitsgeschichte abhängig. Lena hat darauf eine schöne Antwort gefunden: Ein Pferd ist alt mit 17 Jahren, 4 Monaten und 3 Tagen, nicht vorher und nicht später. Natürlich Spaß. Auch die Wissenschaft ist sich nicht einig. Als groben Marker kannst du dir das 15. Lebensjahr merken. Lena selbst sieht es großzügiger: Mit 15 ist ein Pferd nicht mehr jung, alt würde sie es erst ab 18 nennen. Ich sage auch immer, ab 15 darf man sich Gedanken darüber machen und einfach mal ins Management mehr reinschauen, ob das Pferd wirklich mehr Unterstützung braucht.
Die Lebenserwartung liegt so bei plus minus 30 Jahren. Große Pferde erreichen das selten, Ponys eher, das älteste Pony in Lenas Behandlung war 42. Als Faustzahl gilt: Ein Pferd von 10 Jahren entspricht etwa einem Menschen von 35. Und unsere Pferde werden immer älter. Das liegt nach Lenas Einschätzung nur zu einem kleinen Teil an uns Tierärzten. Die Haltung ist vielerorts pferdegerechter geworden, vor 30 Jahren gab es noch Ständerhaltung und kleine dunkle Boxen. Der größte Unterschied ist unsere Beziehung zum Pferd: Es ist kein Arbeitsgerät mehr, für viele Menschen ist es ein Familienmitglied. Und die Verhaltensforschung hat uns messbare Werte an die Hand gegeben, um zu erkennen, wie es einem Pferd wirklich geht.
Ein wichtiger Punkt, den ich im Webinar immer wieder erlebe: Wenn ich sage, das ist schon ein älteres Semester, wird das fast empört abgestritten. Der ist doch erst 18, das ist doch noch kein Alter. Körperlich und mental mag das Pferd noch total fit sein. Gleichzeitig ist das Gewebe dieser Pferde nun mal schon 18 Jahre auf dieser Welt. Es hat eine andere Regenerationszeit, und der Muskelabbau läuft viel schneller als bei einem drei-, fünf- oder zehnjährigen Pferd. Habe deshalb immer im Hinterkopf: Auch wenn du einen alten jungen Hüpfer hast, das Gewebe hat andere Zeiten. Was im Alter häufiger wird, zeigt der Artikel über Krankheiten beim alten Pferd.
Woran du merkst, dass dein Pferd alt wird
Die ersten Zeichen sind nach Lenas Erfahrung meist klein und subtil. Es kann sein, dass sich Krankheiten häufen und du plötzlich zweimal im Jahr den Tierarzt brauchst, obwohl das Pferd früher nie einen gebraucht hat. Es kann sein, dass das Pferd nicht mehr so gut frisst oder abnimmt, obwohl du an der Fütterung nichts verändert hast. Vielleicht fällt dir auf, dass der Fellwechsel nicht mehr so gut funktioniert. Oder die Rangordnung verschiebt sich: Ein Pferd, das immer ranghoch war, wird plötzlich durchgereicht. Das habe ich selbst schon ein paar Mal live beobachtet. Die alten Herrschaften genießen dann meist so eine Art Welpenschutz, der Zweite übernimmt die Führung und begleitet sie, aber sie sind auf gar keinen Fall mehr Herdenführer. Und häufig ist es einfach das Bauchgefühl: Ich habe das Gefühl, mein Pferd ist nicht mehr ganz so, wie es früher mal war. Auch dieses Bauchgefühl ist ein guter Hinweis.
Weil der Alterungsprozess schleichend abläuft, empfehle ich, ab dem 15. Lebensjahr regelmäßig ein Gesundheitstagebuch zu führen, damit du Veränderungen frühzeitig erkennst. Schau dir dazu gerne meine Gesundheitsampel an. Veränderungen, die du bei deinem Pferd dokumentieren könntest:
- Gesundheitlicher Zustand: Häufen sich Krankheiten?
- Futterverwertung: Nimmt dein Pferd ab? Ab 15 einmal im Monat das Gewichtsband anlegen, damit du es früher mitbekommst und nicht erst, wenn du die Winterdecke runternimmst und plötzlich alle Rippen siehst.
- Fellwechsel: Fällt dieser deinem Pferd schwerer? Ein abnorm langes, welliges Fell im Sommer gehört abgeklärt, siehe Cushing beim Pferd.
- Interaktion in der Herde: Hat sich die Rangordnung verändert? Wie ist das Sozialverhalten?
- Muskelabbau: Muskelt dein Pferd schwerer auf oder verliert es an Muskeln trotz gleichem Training?
- Verhalten: Jede Verhaltensveränderung sollte wahrgenommen werden. Wenn dein Pferd etwas tut, was es letzte Woche noch nicht getan hat, egal was, notiere es und besprich es mit deinen Therapeuten.
Sich so Zahlen und Fakten zu schaffen, ist nie verkehrt. Und noch ein Hinweis aus dem Webinar, der mir wichtig ist: Sei nicht das aufgeschreckte Huhn, das kopflos durch die Gegend rennt, weil es ein Detail gesehen hat. Zoome raus wie der Adler und schau dir das Gesamtbild an. Ein Detail beweist nie etwas und widerlegt nichts, es gilt immer die Gesamtsituation. Die hängende Opa-Lippe zum Beispiel ist untypisch für ein Schmerzgesicht, aber es gibt auch Pferde mit hängender Lippe, die Schmerzen haben. Das eine schließt das andere nicht aus.
Die Negativspirale: Zähne, Abmagerung, Muskelabbau, Schmerz
Wenn du dir aus diesem Artikel nur ein Bild merkst, dann dieses. Die Zahnsubstanz des Pferdes wächst nicht nach, und mit den Jahren entwickelt das Gebiss deutlich mehr Baustellen. Manche Pferde werden so alt, dass eigentlich keine Kauleiste mehr da ist. Das führt zur Abmagerung. Dazu kommen Arthrose und Kälte, die Pferde bewegen sich weniger, und zusätzlich zur Abmagerung kommt der Muskelschwund. Denn wenn ich Substanz verliere, verliere ich als älteres Pferd nicht nur Fettgewebe, sondern in der Regel auch Muskelmasse, und die wieder draufzumachen ist viel schwieriger. Nehmen wir ein Jungpferd im Vergleich zu einem alten Pferd: Wenn beide gleich viel nichts tun, baut das alte Pferd viel mehr und viel schneller Muskeln ab. Und wenn dann noch Schmerz dazukommt, das muss nicht nur Arthrose sein, dann bewegen wir uns im Kreis.
Diese Spirale sehe ich als großes Problem. Wenn man einmal drinsteckt, das Pferd ist lahm, hat abgemagert und die Muskulatur ist nicht mehr vorhanden, dann ist es sehr schwierig und mit sehr viel mehr Aufwand verbunden, da wieder rauszukommen. Viel einfacher ist es, die Weichen vorher zu stellen: dass es im Winter nicht zu einer starken Abmagerung kommt und dass die Schmerzen so gut gehandhabt werden, dass das Pferd sich gerne bewegt. Was das konkret heißt, gehen wir jetzt Station für Station durch.
Fütterung von alten Pferden: Heuaufnahme zuerst
Fütterung bei alten Pferden ist ein ganz wichtiges Thema: zum einen, weil sich die Bedürfnisse verändern und die Futterverwertung weniger effektiv wird, zum anderen, weil viele ältere Pferde mit Zahnproblemen zu kämpfen haben. Besonders Letzteres sorgt oft dafür, dass ältere Pferde nicht mehr ausreichend Heu fressen können und damit das Grundnahrungsmittel wegfällt. Heu als Basisfutter ist aber für Pferde essenziell.
Lena hat dazu einen Fall erzählt, der mir im Kopf geblieben ist. Sie wurde zu einer Stute gerufen, die erschreckend dünn war, und die Besitzer kannte sie als liebevolle, erfahrene Pferdemenschen. Sie wussten, dass die Stute kaum noch intakte Zähne hatte, hatten gesehen, dass sie das Heu nur noch kaut und nicht schluckt, und hatten angefangen zuzufüttern: Mash, Rübenschnitzel, ein paar Haferflocken, eine schöne Suppe. Über den Sommer ging das gut, ab Herbst wurde die Stute immer dünner. Heucobs kannten sie nicht. Die Stute hatte schlicht kein Raufutter mehr bekommen. Lenas Schluss daraus, und er ist ihr allererster Tipp an alle, die ein altes Pferd betreuen: Achte auf die Heuaufnahme. Wiege zur Not nach, wie viel Heu dein Pferd noch frisst. Ein Ziel für ein schlankes Pferd wären etwa zwei Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Körpergewicht. Frisst dein Pferd deutlich weniger, investiere in Heucobs. Gut eingeweicht und mehrfach am Tag gefüttert können Pferde damit sehr alt werden.
Das ist logistisch eine riesige Herausforderung, ich habe das mit dem Pferd meiner Schwester durchexerziert. Sie fährt zum Futtermittelwerk und lädt kiloweise Heucobs, weil die fertigen Tüten bei dem Verbrauch nicht reichen. Wenn du zu Hause so ein Pferd hast: Klopf dir heute mal auf die Schulter. Du machst eine großartige Leistung. Heucobs sind teuer, wenn man sie zentnerweise verfüttert, aber dafür kannst du fast alles andere weglassen. Alle Pulverchen, Wundermittel und Sirups stehen lassen, lieber in Heucobs investieren. Ich bin ein riesiger Fan von Clean Eating, auch beim Pferd. Alles, was vorne reinkommt, muss der Körper wieder verstoffwechseln.
Zwei Ergänzungen aus dem Webinar. Erstens: Wer nur noch Heucobs füttern kann, weil die Zähne nicht mehr da sind, muss immer Mineralfutter zugeben. Zweitens die Protein-Falle. Wenn alle sagen, du hast ein altes, abgemagertes Pferd, gib doch mal Protein, und dann werden Erbsenflocken, Sojaschrot, Bierhefe und Luzerne gekauft, dann ist die Ration schnell massiv überversorgt. Ein zu hoher Proteinanteil belastet Leber und Niere, und gerade bei den Älteren ist das ein Thema. Ich bin deshalb kein Fan davon, pauschal Öl und eine Proteinquelle zu empfehlen. Dein Pferd ist ein Individuum. Eine Rationsberechnung für den Winter und eine für den Sommer halte ich für unfassbar gut investiertes Geld. Und wenn ein Pferd abnimmt, muss natürlich die Ursache gefunden werden. Bei alten Pferden sind es häufig die Zähne, aber eben nicht immer, siehe die fünf Ursachen für Gewichtsverlust.
Wenn du dich tiefergehend mit der Fütterung von alten Pferden beschäftigen möchtest, dann schau gerne in das E-Book von Dr. Lena Kottmeier mit Beispielrechnungen, in denen sich die meisten Leute mit ihrem Pferd wiederfinden.
Zähne: Der Check vor dem Winter und der Möhren-Test
Die allermeisten Pferde jenseits der 20 oder 25 bekommen irgendwann Zahnprobleme, und das ist eine der größten Herausforderungen im Management. Mein dringender Rat: Zahnkontrolle vor dem Winter. Solange die Pferde auf der Weide stehen, kaschiert das Saftfutter vieles. Wenn im Herbst das Gras aus dem Speiseplan verschwindet und Heu und Stroh den ganzen Tag auf dem Speiseplan stehen, dann setzt sich Raufutter in den Zahnzwischenräumen fest, das tut sehr weh, und die Abmagerung kommt. Lässt du die Zähne erst dann kontrollieren, wenn das Pferd schon abgemagert hat, musst du es wieder auffüttern und wieder auftrainieren, und das dauert im Alter viel länger. Je nach Zahnsubstanz kann eine Kontrolle zweimal im Jahr sinnvoll sein, frag deinen Pferdezahnarzt, was er empfiehlt.
Woran du Zahnprobleme erkennst: Wickelkauen ist der Klassiker, manchmal siehst du die Wickel vor dem Fressplatz liegen, auch wenn du das Pferd nie kauen siehst. Ganze Haferkörner im Kot, ein paar sind normal, aber wenn es immer mehr werden, genauer hinschauen. Starkes Einspeicheln, das das Pferd sonst nicht zeigt. Und ein Bild, das ich im Webinar gezeigt habe: einseitiger, eitriger Nasenausfluss und nur ein geschwollener Lymphknoten. Da eitert eine Zahnwurzel, und weil es nicht nach unten kann, läuft es durch die Nase ab. Das riecht bestialisch. Dann bringt es nichts zu denken, das Pferd hat etwas an der Lunge, und Schleimlöser und Kräuter zu füttern. Und von unten ins Maul geschaut sieht man in der Regel nichts, weil es die Wurzel ist. Es braucht ein seitliches Röntgenbild.
Ein Sonderfall sind die Schneidezähne: EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis) ist eine schmerzhafte Erkrankung von Zahnwurzeln und Zahnhalteapparat der Schneidezähne. Betroffene Pferde fangen an, mit dem Kopf zu schlagen, weil die Trense gegen die Vorderzähne klappert, sie haben teils unangenehmen Mundgeruch, und manchmal fällt es beim Zahntermin auf, weil die gewohnte Sedierung plötzlich nicht mehr ausreicht. Der Test dafür ist so einfach, dass du ihn einmal die Woche machen kannst: Halte deinem Pferd eine Möhre hin und lass es abbeißen. Mit gesunden Schneidezähnen klappt das problemlos, mit EOTRH nicht. Das Ende vom Lied ist meist, die Schneidezähne ziehen zu lassen. Das klingt hart, aber die Pferde überstehen es gut und brauchen die Schneidezähne zum Grasen nicht, wenn es abgeheilt ist. Herbst und Winter sind für diesen Eingriff bessere Zeitfenster als der Hochsommer mit Hitze und Fliegen. Vitalpilze werden dafür immer wieder genannt, auch wir haben sie in der Praxis abgegeben: Das sind Erfahrungswerte, keine Studienwerte, und sie machen es auf keinen Fall gesund oder weg.
Arthrose und Gelenkschmerzen beim alten Pferd: Wer rastet, der rostet
Im Laufe des langen Lebens deines Pferdes entwickelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann auch eine Arthrose. Im Grunde bedeutet Arthrose nichts anderes als Verschleiß der Gelenke. Lena hat es so gelernt: Wenn du denkst, du hast keine Arthrose, warst du noch nicht im MRT. Ein Stück weit ist das normal. Probleme macht eine Arthrose an zwei Punkten. Eine aktivierte Arthrose, also ein entzündliches Stadium, kann Schmerzen bereiten, und dein Pferd zeigt eine Lahmheit. Und sind die großen Gelenke betroffen, kann es deinem Pferd Schmerzen bereiten, die Gelenke zu beugen, sich hinzulegen und wieder aufzustehen. Mehr zur Diagnostik und Behandlung findest du im Artikel Arthrose beim Pferd.
Sehr viele alte Pferde betrifft auch der Spat, eine Arthrose der kleinen Sprunggelenke. Je steiler das Sprunggelenk, desto wahrscheinlicher werden diese straffen Gelenke irritiert. Isländer bringen ein sehr steiles Sprunggelenk rassebedingt mit und haben statistisch mehr Spat. Über Muskelspannung und Training lässt sich der Winkel des Sprunggelenks beeinflussen und die Gelenke entlasten. Kälte kann eine Arthrose zum Problem machen, muss aber nicht. Es gibt auch Pferde, die bei kälterem Wetter viel besser laufen. Auch da gilt es, es bei deinem Pferd herauszufinden.
Bewegung ist das A und O
Solange die Arthrose nicht im akuten Schub ist, sollte viel kontinuierliche Bewegung stattfinden. Erfahrungsgemäß führt der Winter leider zum Gegenteil: Die Weiden sind zu, es wird früher dunkel, es ist kalt, es wird matschig, die Halle ist voll, und auch wir Pferdemenschen verbringen weniger Zeit im Stall. Umso weniger wir sie bewegen, desto schneller drehen wir uns in der Spirale. Man muss bedenken, dass sich schon nach 24 Stunden Stillstand die Gelenkschmiere biochemisch verschlechtert. Der Knorpel ernährt sich durch Belastung und Entlastung, er ist per se nicht durchblutet. Wie ein Schwamm braucht er den Wechsel, um sich mit Gelenkschmiere vollzusaugen. So bleibt er elastisch und kann als Stoßdämpfer dienen. Wenn es nur der extra Spaziergang ist oder die Pflegebeteiligung, die noch eine Runde mit dem Pferd geht: Es zählt.
Ein einfacher, messbarer Wert für das Training deines Arthrose-Pferdes ist die Pulsmessung. Schmerz führt zu einer erhöhten Herzfrequenz. Wenn du weißt, wie der Ruhepuls deines Pferdes ist, kannst du Schmerzen und Stress detektieren, die du von außen nicht siehst. Und beim Reiten: Bei einer schmerzhaften Kronengelenksarthrose vorne links wird der Puls auf der Hand, auf der das linke Bein innen ist, wahrscheinlich höher sein, weil die Wendungen ein Problem darstellen. Niedrigere Werte auf der gesunden Seite, höhere auf der kranken. Dann weißt du, dass diese Bewegung für dein Pferd gerade nicht oder noch nicht geeignet ist.
Mobilisation, die du selbst machen kannst
Lenas Mobilisationstipp aus der Praxis, der vor allem die Beweglichkeit des Karpalgelenks erhält: Stell dich ähnlich wie zum Hufe auskratzen neben das Pferd, hebe das Bein an und beuge das Karpalgelenk sanft, nicht mit Gewalt, so weit es sich noch beugen lässt. Bleib etwa zehn Sekunden in dieser Position, strecke das Bein langsam wieder und wiederhole das fünf- bis sechsmal. Bänder und Gelenkkapsel müssen sich so immer ein kleines bisschen dehnen, und die Beweglichkeit bleibt erhalten, sowohl fürs Hinlegen als auch fürs Aufstehen. Und wenn dein Pferd es beherrscht, ist der spanische Schritt ganz toll: Er mobilisiert das Schultergelenk und das Schulterblatt. Ich habe das mit meinem geübt, schon bevor er 15 geworden ist.
Das Regelmäßige ist dabei so wichtig. Zweimal die Woche wäre super. Selbst wenn ich nur einmal zur Physio gehe, verändert das mein Leben nicht, ich muss die Übungen zu Hause machen. Beim Pferd ist die Mobilisation schneller gemacht, als man sich selbst körperlich betätigen muss. Dazu das passive Durchbewegen der Gliedmaßen: Das ist keine Therapie, sondern eine Wellnessanwendung durch dich. Du nimmst die Gelenke einzeln in die Hand und bewegst sie in die Richtung, die sie können, einmal am Tag. Für die Wirbelsäule empfehle ich das laterale Schaukeln und das Widerristschaukeln, das nehmen die Pferde super an. Wichtig: Dein Pferd muss sich dabei jederzeit wohlfühlen. Zeigt es Abwehr, konsultierst du deinen Therapeuten.
Und dann die feuchte Wärme, meine Hausaufgabe aus dem Webinar. Das Solarium macht die Haare trocken, aber Tiefenwirkung für die Muskulatur bekommst du nur mit feuchter Wärme. Du brauchst eine Schüssel mit warmem Wasser, ein Handtuch, eine Wärmequelle (großes Knickkissen, Wärmflasche ohne kochendes Wasser oder das Solarium) und eine Decke. Handtuch eintauchen, auswringen, auf den Bereich legen, zum Beispiel die Lendenwirbelsäule, Wärmequelle darüber, Pferd gut eindecken. Dieses Sandwich bleibt etwa fünf Minuten liegen. Danach das feuchte Handtuch entfernen, Wärmequelle und Decke bleiben, bis das Pferd darunter vollständig trocken ist. Nicht warmer Rücken, Decke ab, sonst kühlt es wieder aus. Moorkissen gehen genauso. Gerade vor dem Reiten bei älteren Patienten und bei Rückenproblemen ist das ein pragmatischer Helfer, den du beim Fertigmachen nebenbei einbauen kannst.
Probleme beim Aufstehen: Schlafmangel bei alten Pferden erkennen
Wie oben bereits angesprochen, kann Schlafmangel bei alten Pferden ein großes Problem darstellen. Pferde müssen sich zum Schlafen zumindest für einen kurzen Zeitraum flach hinlegen, um in die REM-Schlafphase zu kommen, die für die Regeneration besonders wichtig ist. Ist das aus den verschiedensten Gründen nicht mehr möglich, entwickeln sie die sogenannte Pseudo-Narkolepsie: einen so starken Schlafmangel, dass die Pferde irgendwann von der Müdigkeit übermannt werden und einfach in sich zusammensacken. Beim alten Pferd ist der Grund meist die Arthrose. Die Pferde trauen sich nicht mehr hinzulegen, weil sie nicht sicher sind, wieder hochzukommen, oder sie können es schlicht nicht mehr.
Lena nennt das ein klassisches Thema nach dem Motto: Man muss etwas kennen, um es zu erkennen. Denn das Zusammenbrechen passiert vor allem nachts, wenn niemand am Stall ist. Was du siehst, sind die Folgen: Wunden, die scheinbar aus dem Nichts entstehen, vor allem an den Vorderbeinen, vorne am Fesselgelenk oder am Karpalgelenk, teilweise auch am Kopf, an der Oberlippe oder am Zahnfleisch, weil die Pferde beim Niederstürzen aufschlagen. Deswegen wird der Tierarzt gerufen, aber das ist eigentlich gar nicht das Problem. Zeigt dein Pferd an diesen Stellen wiederholt ungeklärte Verletzungen, solltest du kontrollieren, ob es ausreichend schläft. Wie du das prüfst und welche weiteren Anzeichen es gibt, steht im Artikel Wie Pferde schlafen.
Was du tun kannst, wenn dein altes Pferd Probleme beim Aufstehen hat:
- Die Ursache klären. Beim alten Pferd steht die Arthrose der großen Gelenke ganz vorn, aber auch Sicherheit spielt eine Rolle: Eines der größten Bedürfnisse von Pferden ist Sicherheit. Ein rangniedriges Pferd, das nicht zu jeder Zeit im Ruheraum stehen darf, legt sich seltener ab. Schlafmangel betrifft deshalb auch jüngere Pferde, wenn Herde oder Stallgestaltung nicht passen.
- Schmerzmanagement mit dem Tierarzt. Medikamente in bestimmten Phasen müssen abgesprochen werden, aber ein Pferd, das sich vor Schmerzen nicht mehr hinlegt, braucht sie unter Umständen.
- Mobilisation. Die Karpalgelenk-Übung und das passive Durchbewegen erhalten genau die Beweglichkeit, die zum Ablegen und Aufstehen nötig ist.
- Liegefläche und Boden. Weiche, trockene Liegeflächen mit gutem Halt beim Aufstehen und Ausläufe ohne tiefen Matsch. Für den Winter lohnt es sich, Ausläufe befestigen zu lassen. Ich weiß, das ist nicht alles so einfach, aber es lohnt sich immer wieder zu fragen und zu suchen.
- Beobachten. Wunden am Karpalgelenk, Müdigkeit tagsüber, Einknicken beim Dösen: Notiere es und besprich es mit deinem Tierarzt.
Schmerzen erkennen: Schmerzgesicht, Puls und ein Foto pro Woche
Schmerzen sind ein großes Thema bei den älteren Pferden, und Pferde sind stille Leider. Die erlernte Hilflosigkeit ist bei ihnen ein großes Thema, sie schreien nicht wie ein Mensch und jaulen nicht wie ein Hund. Als Fluchttiere zeigen sie Schmerz sehr ungern, weil das Schwäche anzeigt. Wenn man weiß, wo man genauer hinguckt, ist es trotzdem oft offensichtlich. Führen Schmerzen auch zu Abgeschlagenheit? Absolut. Wer selbst schon chronische Schmerzen hatte, weiß: Apathie ist da ein ganz großes Problem.
Meine absolute Empfehlung für Schmerzpatienten: Mach ein Seitenprofilfoto vom Kopf deines Pferdes, einmal die Woche, und lege es in einen Ordner auf dem Handy. Achte auf das Schmerzgesicht: die typische Dreiecksfalte über dem Auge, kräuselige Falten an den Nüsternrändern und am Maul, ein angespanntes, flaches Kinn statt des entspannten Kinns. Es muss nicht die perfekte Bestimmung sein. Fang mit den Falten und dem dreieckigen Auge an und lass es nach und nach mehr werden. Wenn du unsicher bist, lass jemand Unabhängigen auf die Fotos schauen, der nicht die Sätze im Kopf hat, na ja, der ist ja alt, na ja, der läuft sich ja ein. Und wenn du das Gefühl hast, dein Pferd fühlt sich beim Training nicht wohl, mach das Foto vor, während und nach dem Training. Fängst du jetzt an, hast du ein relativ neutrales Sommergesicht als Ausgangspunkt und kannst den Verlauf durch den Winter beobachten. Die 24 Anzeichen für Schmerz unter dem Reiter findest du im Schmerz-Ethogramm.
Dazu die körperlichen Parameter: Puls, Atmung, Temperatur, wie im Gesundheitscheck beschrieben, und einmal im Monat der Body Condition Score. Auch da: Du musst nicht sofort den perfekten Score bestimmen. Mach deinen ersten schlechten Body Condition Score, deine Hände dürfen lernen. Ob es 4,78 oder 5,2 ist, ist am Ende nicht entscheidend, du willst wissen, ob es weniger wird, mehr wird oder gleich bleibt. Bei Verdacht auf chronische Schmerzen kann außerdem ein Entzündungswert im Blut helfen, das Serum-Amyloid A (SAA). Es zeigt nicht alles an, aber bei vielen Problemen des Bewegungsapparats und bei inneren Entzündungen kann man es gut verwenden.
Wie viel Bewegung braucht ein altes Pferd?
Ich habe im Webinar gelesen: Ich reite mein Pferd gar nicht mehr. Die Frage ist aber nicht reiten oder nicht reiten, sondern bewegen. An der Hand kann man Pferde auch arbeiten, auch solche Pferde. Sie gar nicht mehr zu bewegen oder nur anzugucken, kann im Winter zum Problem werden. Und ich sage ausdrücklich: Nur Schritt gehen oder gar nichts mit dem Pferd machen, finde ich problematisch. Ein Pferd ist mit dem Kopf unten 16 bis 18 Stunden am Tag unterwegs und hat teilweise 30 Kilometer natürliches Bewegungspensum. Wenn wir mit Kopf oben spazieren bummeln, ist das zwischendurch völlig fein, aber die Eingeweidelast von bis zu 250 Kilogramm zieht am Bauch nach unten, und bei langen Stehzeiten kommt es zum Absacken des Brustkorbs und zum Hohlkreuz. Wenn oben der Rumpfträger, der obere Stoßdämpfer, nicht arbeitet, geht die Belastung in die unteren Gelenke. Das ist gerade für alte Sehnen-, Fesselträger- und Arthrosepatienten ungünstig. Auch im Schritt ist also nicht die Frage, was du tust, sondern wie: Über Stangen latschen mit Kopf hoch, Bauch hängend und Lendenwirbelsäule im Hohlkreuz bringt gar nichts.
Aktivsein im Alter hilft ungemein, eine gesunde Körperhaltung zu behalten. Der Aufwand, um Muskelmasse zu halten, ist beim alten Pferd höher, in der Ration wie im Training, und der Aufbau dauert länger. Was dabei wirklich hilft, steht im Artikel Muskelaufbau beim Pferd. In meinem Trainingskurs sind ganz viele Senioren. Es geht nicht darum, dass du reitest, sondern darum, dass du dein Pferd fit hältst, bewegst und auch trainierst, mit Pulsmessung als messbarem Wert. Und nicht vergessen: Auch die Pferde mit Husten und Asthma sind im Alter ein riesiges Thema, dazu gibt es den Lungensport-Artikel.







