Das Wichtigste in Kürze
» EOTRH ist eine schmerzhafte Erkrankung der Schneidezähne, die schleichend beginnt und meist Pferde ab etwa 15 Jahren trifft.
» Erste Zeichen sind Zungenspiel, plötzliche Kopfscheu und Mühe beim Abbeißen einer Möhre. Sicherheit bringt nur das Röntgenbild.
» Heilen lässt es sich nicht. Werden die kranken Zähne gezogen, ist der Schmerz weg, und die Pferde kommen gut zurecht.
EOTRH ist eine schmerzhafte, fortschreitende Erkrankung der Schneidezähne und manchmal auch der Hengstzähne beim Pferd. Die Zahnwurzeln lösen sich auf, gleichzeitig bildet sich übermäßig Zahnzement. Betroffen sind vor allem Pferde ab etwa 15 Jahren. Heilen lässt sich EOTRH nicht, aber wenn die erkrankten Zähne gezogen werden, ist der Schmerz weg, und die Pferde kommen damit erstaunlich gut zurecht. Das Tückische: Die Erkrankung kommt schleichend, und viele Pferde fressen lange scheinbar normal weiter.
Dieser Artikel beruht auf meiner Podcastfolge mit der Tierärztin Dr. Karin Palmer, geprüfte Pferdedentalpraktikerin nach IGFP. Ich habe ihn im Oktober 2026 neu aufgebaut und mit der aktuellen Studienlage abgeglichen, neue Erkenntnisse sind im Text mit Quellen verlinkt.
Was ist EOTRH beim Pferd?
Die Abkürzung steht für Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. Der Name beschreibt, was im Kiefer passiert: Körpereigene Zellen bauen die Zahnwurzel ab (Resorption), und im Anschluss lagert sich übermäßig Zahnzement an (Hyperzementose). So hat es die Arbeitsgruppe beschrieben, die der Erkrankung 2008 ihren Namen gegeben hat (Staszyk und Kollegen, 2008). Karin Palmer fasst es im Podcast so zusammen: „Letztendlich lösen sich da die Zahnwurzeln auf und es kommt zu einer Zubildung von Zahnzement.“
Betroffen sind die Schneidezähne und manchmal die Hengstzähne, Backenzähne nur sehr selten. Am stärksten trifft es meist die äußeren Schneidezähne, und zwar auf beiden Seiten gleich (Rehrl und Kollegen, 2023). Der Zahnhalteapparat ist entzündet, und das tut weh.
Zur Orientierung: An diesem begehbaren Schädelmodell siehst du vorne die Schneidezähne, dahinter einzeln den Hengstzahn und nach der Lücke die Backenzähne. Bei EOTRH sitzt das Problem vorne, an den Wurzeln im Kiefer. Kauen können die Pferde hinten in der Regel weiter. Im Bild: Dr. Karin Palmer.
Wichtig ist Karin Palmers Hinweis zum Alter: „Ich muss aber auch gleich sagen, dass es nicht unbedingt eine Erkrankung des alten Pferdes ist.“ Das jüngste Pferd, von dem sie auf einem Kongress gehört hatte, war 15 Jahre alt, und die ersten Fälle, die ihr einfallen, waren 18 bis 22 Jahre alt. Es muss also nicht der 30-Jährige sein, der plötzlich stark veränderte Schneidezähne hat. Die Studien passen dazu: Beschrieben werden vor allem Pferde über 15 Jahre, einzelne Fälle auch früher.
Wie häufig ist EOTRH?
Häufiger, als die meisten denken. Es kommt aber sehr darauf an, was man zählt. In einer Berliner Untersuchung wurden die Schneidezähne von 142 Pferden ab zehn Jahren geröntgt: 94 Prozent zeigten mindestens leichte Veränderungen, 62 Prozent mittlere bis schwere. Kein Pferd über 14 Jahre war ganz ohne Röntgenbefund (Rehrl und Kollegen, 2018). Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass leichte Veränderungen wahrscheinlich zum normalen Altern des Zahns gehören. 94 Prozent heißt also nicht, dass 94 Prozent krank sind.
Bei 154 Islandpferden ab 15 Jahren in Niedersachsen wurde die Diagnose EOTRH bei 72 Prozent gestellt, und viele dieser Pferde standen vorher gar nicht unter Verdacht (Tretow und Kollegen, 2023). Schaut man dagegen nur auf Pferde mit sichtbaren Zeichen, sind es deutlich weniger: Am Tierspital Zürich hatten gut 10 Prozent von 838 Zahnpatienten klinisch erkennbares EOTRH (Igel und Kollegen, 2023).
Was verursacht EOTRH?
Das ist bis heute nicht geklärt. Karin Palmer nannte im Podcast die Punkte, die diskutiert werden: die Länge der Schneidezähne und der vermehrte Druck auf die Zahnfächer, ein bakterieller Befall und ein Selenmangel. Was sagt die Forschung heute dazu?
- Druck auf den Zahnhalteapparat: Das ist weiterhin die führende Hypothese, bewiesen ist sie nicht.
- Bakterien: In erkrankten Proben fanden sich bestimmte Bakterien in allen Fällen, bei gesunden Pferden allerdings auch in gut der Hälfte (Sykora und Kollegen, 2014). Ob sie Ursache oder Folge sind, ist offen.
- Selen und andere Blutwerte: In der Untersuchung an den 154 Islandpferden unterschieden sich Vitamine und Spurenelemente im Blut nicht zwischen betroffenen und nicht betroffenen Pferden. Die Autoren sprechen von einer vorwiegend lokalen Entzündung in der Maulhöhle (Tretow und Kollegen, 2026).
- PPID (früher Cushing): Ein Zusammenhang wird oft vermutet. In derselben Untersuchung ließ er sich nicht nachweisen. Mehr zu PPID im Artikel Cushing beim Pferd (PPID).
Zwei Beobachtungen sind bemerkenswert. Wallache und Hengste waren in mehreren Studien häufiger betroffen als Stuten. Und Islandpferde, die in Island leben, hatten ein fast achtmal geringeres Risiko als Islandpferde in Deutschland (Hain und Kollegen, 2026). Die Autoren vermuten einen Zusammenhang mit der natürlichen Lebensweise dort, die meisten Pferde stehen neun bis zwölf Monate im Jahr auf der Weide. Bewiesen ist das nicht.
Woran erkenne ich EOTRH im Anfangsstadium?
„Es sind so subtile Symptome“, sagt Karin Palmer. Man müsse den Besitzern die richtigen Fragen stellen, dann kämen die Hinweise. Darauf achtet sie:
- Das Pferd spielt mit der Zunge oder hat die Zunge oft zwischen den Schneidezähnen, weil es dem Druck ausweichen will
- Es tut sich schwer, von einer Möhre abzubeißen
- Es trinkt schlechter, vor allem an Selbsttränken, bei denen es mit den Zähnen drücken muss, und im Winter bei kaltem Wasser
- Es wird plötzlich kopfscheu und will sich vorne nicht mehr anfassen lassen
- Es schreckt zurück, wenn beim Auftrensen das Gebiss gegen die Zähne klackert
Aus meiner Praxis kommen noch drei Punkte dazu. Die Pferde können abmagern, weil sie chronische Schmerzen haben. Sie haben teilweise einen wirklich unangenehmen Mundgeruch. Und manchmal fällt es beim Zahntermin auf: Ein Pferd, das mit seiner üblichen Sedierung immer gut zurechtkam, wehrt sich plötzlich gegen das Maulgatter oder schon gegen das Hineinfassen. Dann gibt man mehr Sedierung, und es wird trotzdem nicht besser. Das kann daran liegen, dass es wehtut, wenn man die Zähne anfasst. Und wenn das Pferd im Winter schlecht trinkt, denke ich auch an die Verstopfungskolik als Folge.
Am Zahnfleisch selbst sieht man im Verlauf: Es geht zurück, es ist gerötet, es bilden sich Wülste über den Wurzeln, und es entstehen Fistelkanäle, aus denen Eiter kommt. Genau diese Zeichen hingen in einer Untersuchung auch mit dem Röntgenbefund zusammen. Zahnstein und lockere Zähne dagegen nicht (Tretow und Kollegen, 2025). Zahnstein allein ist also kein Hinweis auf EOTRH.
Was du hier siehst: Die Oberlippe ist angehoben. Das Zahnfleisch über dem äußeren Schneidezahn ist zurückgegangen und gerötet, darüber wölbt sich ein Wulst, und der Zahn wirkt dadurch sehr lang. So sieht EOTRH aus, wenn es von außen bereits deutlich zu erkennen ist. Im Anfangsstadium ist am Zahnfleisch oft noch nichts zu sehen.
Der Möhren-Test
Das ist deine Aufgabe für zu Hause, einmal die Woche: Halte deinem Pferd eine mitteldicke Möhre hin und lass es abbeißen. Du hältst die Möhre nur fest und hebelst nicht mit. Mit gesunden Schneidezähnen klappt das problemlos. Tut sich dein Pferd schwer oder versucht es, die Möhre mit der Zunge gleich nach hinten zu schieben, ist das ein Hinweis.
Eine Einschränkung gehört dazu: Eine Studie, die den Test beim Pferd überprüft hat, gibt es nicht, und manche Pferde zeigen trotz deutlicher Befunde nichts. Ein bestandener Möhren-Test schließt EOTRH deshalb nicht aus. Dasselbe gilt für den Satz, den ich so oft höre: „Der frisst doch noch.“ Fressen ist kein verlässlicher Hinweis, weil hinten ja noch gekaut werden kann. Pferde leiden stumm. Wie du Schmerz im Gesicht erkennst, steht im Artikel zum Schmerz-Ethogramm.
Wie wird EOTRH diagnostiziert?
Häufig sieht man es von außen schon: Die Oberlippe wird angehoben, und Zahnfleisch, Wülste und Fisteln geben den Hinweis. Sicher beurteilen lässt sich die Erkrankung aber nur im Röntgenbild, weil sie an der Wurzel im Kiefer beginnt. Frühe Stadien kommen an Zähnen vor, die von außen völlig normal aussehen (Rehrl und Kollegen, 2023). Für die Röntgenbefunde gibt es Einteilungen in Stadien, zum Beispiel von 0 (ohne Befund) bis 3 (schwer verändert). Oft ist der Tierarzt bei der Zahnkontrolle der Erste, der es sieht. Auch deshalb gehört beim älteren Pferd zu jeder Zahnkontrolle ein genauer Blick auf die Schneidezähne.
Wie wird EOTRH behandelt?
Eine Behandlung, die EOTRH heilt oder sicher aufhält, gibt es nicht. Die Erkrankung schreitet fort. Was den Schmerz zuverlässig beendet, ist das Ziehen der betroffenen Zähne. Darin sind sich die Studien einig (Lorello und Kollegen, 2016).
Das heißt nicht, dass sofort alle Schneidezähne raus müssen. Karin Palmer beschreibt ihr Vorgehen so: „Dein Pferd hat EOTRH, wir müssen alle Schneidezähne ziehen: Davon sind wir eigentlich alle abgekommen.“ Entschieden wird nach Röntgenbefund und klinischem Bild, Zahn für Zahn. Der eine kann noch bleiben, die äußeren müssen gezogen werden. Weil die Erkrankung heute früher erkannt wird, komme die Entfernung aller Schneidezähne seltener vor.
Zeigt ein Pferd erste Symptome, kürzt sie als Erstes die Schneidezähne, damit Druck von ihnen genommen wird. Ihrer Erfahrung nach tritt EOTRH bei Pferden mit regelmäßiger Schneidezahnbehandlung seltener auf. Die Studienlage dazu ist uneinheitlich, in der Untersuchung an den Islandpferden zeigten Zahnbehandlungen keinen messbaren Einfluss.
Und Zusatzfutter? Das wird gern probiert. Karin Palmers Antwort: Das Allheilmittel ist noch nicht gefunden worden. Das deckt sich mit der Literatur: Eine belegte medikamentöse Behandlung oder Fütterung gegen EOTRH gibt es nicht. Ich sage es deutlich, weil ich das Zögern oft erlebe: Wenn ein Pferd Fisteln hat, auf die man drücken kann und es kommt Eiter heraus, dann ist das ein Entzündungsprozess im Körper, der jeden Tag wehtut. Die Pferde bauen ab und sind wirklich groggy. Da hat am Ende keiner etwas davon.
Zum Zeitpunkt: Aus meiner Perspektive ist Herbst oder früher Winter sinnvoller als der Hochsommer, wenn es heiß ist und die Fliegen dazukommen. Nur nicht bei tiefem Frost.
So sieht die Extraktion aus
Die Zähne werden am stehenden, sedierten Pferd unter örtlicher Betäubung gezogen. Die folgenden Aufnahmen stammen von einer Schneidezahn-Extraktion bei EOTRH. Sie zeigen einen Eingriff im Maul, und dabei blutet es. Die Bilder mit viel Blut sind deshalb zugeklappt, du entscheidest selbst, ob du sie sehen möchtest.
Achtung: Auf diesem Bild ist viel Blut zu sehen.Schneidezahn-Extraktion bei EOTRH: Tierärztin hält die Lippen des sedierten Pferdes auseinander, am Zahn ist frisches Blut zu sehenBild trotzdem anzeigen

Im Video siehst du, wie ein Schneidezahn aus dem Zahnfach herausgearbeitet wird:
Achtung: Auf diesem Video ist viel Blut zu sehen.Video trotzdem anzeigen
Achtung: Auf diesem Bild ist viel Blut zu sehen.Maul eines Pferdes direkt nach dem Ziehen eines Schneidezahns bei EOTRH mit offenem, blutendem ZahnfachBild trotzdem anzeigen

Das ist dasselbe Maul wie auf dem Foto weiter oben, direkt nach dem Ziehen des äußeren Schneidezahns. Das leere Zahnfach blutet zunächst und heilt in den folgenden Wochen zu.
Der gezogene Zahn: Links die helle Zahnkrone, die im Maul zu sehen war. Der größere Teil des Zahns saß im Kiefer, an ihm haftet noch Gewebe aus dem Zahnfach.
Was kostet die Zahn-OP bei EOTRH?
Einen seriösen Pauschalpreis kann ich dir nicht nennen, und ich würde jeder Zahl misstrauen, die ohne Röntgenbild genannt wird. Abgerechnet wird nach der Gebührenordnung für Tierärzte. Die Rechnung setzt sich zusammen aus Untersuchung, Röntgenaufnahmen, Sedierung und örtlicher Betäubung, den Extraktionen selbst (je nach Zahl der Zähne und Schwierigkeit), Medikamenten und der Nachsorge, in der Klinik zusätzlich aus dem Aufenthalt. Lass dir nach dem Röntgen einen Kostenvoranschlag geben.
Wie lebt ein Pferd ohne Schneidezähne?
Besser, als du denkst. Der Tag, an dem die Zähne gezogen werden, ist kein schöner Tag für das Pferd, das unterschreibe ich sofort. Ich mag auch keinen Zahnarzt. Aber danach? Karin Palmer: „Die blühen teilweise so dermaßen auf, wenn dieser Schmerz weg ist.“ Manche Pferde nehmen wieder zu. Gras fressen geht nach ihrer Erfahrung auch: Das lange Gras nehmen die Pferde mit den Lippen und reißen es ab, schwierig ist nur ganz kurzes Gras. Sind die Wunden abgeheilt, braucht das Pferd die Schneidezähne zum Grasen nicht.
Was du wissen solltest: Bei einigen Pferden hängt danach die Zunge heraus, vor allem in der Entspannung. Viele lernen mit der Zeit, sie wieder drin zu behalten.
Eine Besitzerbefragung bestätigt das Bild. Nach dem Ziehen aller Schneidezähne verbesserten sich Ernährungszustand, Fressgeschwindigkeit und Verhalten, die Pferde ließen weniger Heu fallen und wehrten sich weniger beim Auftrensen. Über 90 Prozent der 48 Besitzer würden den Eingriff bei einem anderen Pferd wieder machen lassen (Rainbow, 2024). In der KKP Welt höre ich dasselbe. Eine Teilnehmerin schrieb im Webinar: seit fünf Jahren ohne Schneidezähne, „sind jetzt total happy“. Und immer wieder der Satz: Hätte ich den Test früher gekannt.
Muss ein Pferd wegen EOTRH eingeschläfert werden?
In aller Regel nein. EOTRH ist schmerzhaft, aber mit dem Ziehen der betroffenen Zähne gut beherrschbar, und die Prognose für die Lebensqualität ist danach gut. In der Fachliteratur sind einzelne Pferde beschrieben, die eingeschläfert wurden, nachdem die Besitzer das Ziehen der schwer veränderten Zähne abgelehnt hatten (Rahmani und Kollegen, 2019). Das ist der eigentliche Punkt: Unbehandelt bedeutet EOTRH chronischen Schmerz. Die Entscheidung für den Eingriff ist deshalb fast immer die Entscheidung für das Pferd. Wenn bei einem sehr alten Pferd mehrere schwere Erkrankungen zusammenkommen, hilft dir der Artikel Pferd einschläfern: Ablauf und Zeitpunkt.
Welche Zahnerkrankungen sind beim alten Pferd sonst häufig?
EOTRH ist nur ein Teil des Bildes. Ich habe Karin Palmer gefragt, was sie beim alten Pferd am häufigsten sieht:
- Lockere Zähne: Die Zahnsubstanz ist aufgebraucht. „Der typische Griff ins Maul und plötzlich hole ich einen Zahn raus, weil einfach nur die Wurzeln in der Höhle drin waren.“
- Das glatte Gebiss: Den Backenzähnen fehlt die Struktur, sie können das Heu nicht mehr zermahlen. Das sind die Pferde, die Heuröllchen machen und wieder fallen lassen (Wickelkauen).
- Lücken zwischen den Backenzähnen (Diastemata): Der Zahn verjüngt sich nach unten und wird immer weiter herausgeschoben, so entstehen Lücken. Dort setzt sich Heu hinein, das Zahnfleisch entzündet sich, und die Pferde riechen deutlich aus dem Maul.
- Meißelzähne: Fehlt der Gegenspieler, weil er ausgefallen ist, wird der gegenüberliegende Zahn immer länger und muss gekürzt werden.
- Kanten: Die normale Abnutzung, die es auch beim jungen Pferd gibt.
Die Folge ist oft die lange, langsame Abmagerung, weil die Pferde nicht mehr genug kauen können. Wie du dabei systematisch vorgehst, steht im Artikel Pferd nimmt ab: Die 5 Ursachen systematisch prüfen. Schlecht gekautes Futter ist außerdem ein Risiko für die Schlundverstopfung.
Wie verbreitet das ist, zeigt eine britische Untersuchung an 200 Pferden und Ponys ab 15 Jahren: Bei 95 Prozent fand der Tierarzt Zahnbefunde, aber nur ein Viertel der Besitzer hatte ein Zahnproblem angegeben (Ireland und Kollegen, 2012). Was sich ab 15 sonst noch ändert, liest du in Alte Pferde fit halten und Krankheiten beim alten Pferd.
Wie oft sollten alte Pferde zur Zahnkontrolle?
„Das Pferd ist alt, das braucht keine Zahnbehandlung mehr“: Diesen Satz hört Karin Palmer immer noch. Er stimmt nicht. Alte Pferde brauchen eher häufiger eine Kontrolle. Das heißt nicht, dass jedes Mal behandelt werden muss. Dazu kommt: Alte Pferde werden oft nicht mehr so viel geritten, dann fällt auch nicht auf, wenn sie sich in einer Wendung plötzlich herausheben.
Ihre Empfehlung: mindestens einmal im Jahr, bei besonderen Befunden alle sechs Monate. Und immer noch einmal vor dem Winter. Denn häufig kommen die Anrufe im Januar, Februar, März: Der hat so abgebaut über den Winter. Das hätte man unter Umständen abfangen können, wenn vorher jemand hineingeschaut, einen lockeren Zahn gezogen und die Kanten geglättet hätte. Sieht man viele glatte Zähne, kann man das Futter rechtzeitig auf eingeweichte Heucobs umstellen.
Im Frühjahr wird dann gern ein Blutbild gemacht, und das Naheliegende, die Zähne, wird vergessen. Also: Schreib dir die Zahnkontrolle für den Herbst in den Kalender. Ist das Pferd erst abgemagert, dauert das Auffüttern und Auftrainieren beim alten Pferd viel länger als das Vorbeugen.
Zahnbehandlung mit oder ohne Sedierung?
Die ewige Streitfrage. Karin Palmers Antwort ist eindeutig: Sie sediert. Der erste Grund ist die Sicherheit für Besitzer und Behandler, wenn das Pferd ruhig steht. Der zweite: „Gründlich, sorgfältig und in Ruhe untersuchen kann man nur, wenn das Pferd sediert ist.“ Sie sieht immer wieder Pferde, die über Jahre ohne Sedierung behandelt wurden und bei denen man an den letzten Backenzähnen erkennt, dass dort niemand hingekommen ist.
Das kann ich nur unterschreiben. Wir sedieren auch, wenn wir nähen, und Komplikationen durch die Sedierung habe ich bei gründlicher Voruntersuchung so gut wie nie gesehen. Aus meinen Anfängen kenne ich dagegen eine Geschichte, die ich nicht vergesse: ein unsediertes Pferd, der Arm des Kollegen bis hinter den Ellbogen im Maul, das Pferd schlägt mit dem Kopf. Er hat nie wieder als Tierarzt gearbeitet.
Es bleibt eine Entscheidung im Einzelfall. Karin Palmer hört vorher Herz, Atmung und Darm ab und misst Fieber. Ein hochgradig atemwegskrankes älteres Pferd hat sie deshalb nicht sediert, nur vorsichtig geraspelt und auf einen besseren Tag vor dem Winter verschoben.
Wo finde ich jemanden für die Zähne meines Pferdes?
Karin Palmer hat in München studiert und promoviert, war vier Jahre in der Pferdepraxis und arbeitet heute als Pferdedentalpraktikerin rund um Ludwigshafen. IGFP steht für Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne. Auf der Website der IGFP gibt es einen Bereich für Pferdebesitzer und eine Suche nach Postleitzahl, über die du Pferdedentalpraktiker mit entsprechender Ausbildung in deiner Nähe findest.
Und wenn du selbst therapeutisch arbeitest, als Futterberaterin oder Physiotherapeutin: Schau über den Tellerrand. Wenn ich eine Futterberatung mache und die Zähne sind nicht in Ordnung, dann geht das am Ziel vorbei. Das Pferd nimmt nicht zu, und die Futterberatung kann nichts dafür.









