Das Wichtigste in Kürze
» Rund 30 Prozent einer Herde sind Hochausscheider und halten den Wurmdruck hoch. Die Kotprobe findet genau diese Pferde, statt alle blind zu behandeln.
» Es gibt nur vier Wirkstoffgruppen und keine neuen in Sicht. Jede unnötige Wurmkur fördert Resistenzen, deshalb gehört nach jeder Behandlung die Wirksamkeitskontrolle.
» Eine Kotprobe schließt die Wurmkur nicht aus. Winterbehandlung gegen Bandwurm und Magendasseln bleibt oft sinnvoll, der Zeitpunkt richtet sich nach dem Wetter.
Suchst du eine sinnvolle Entwurmungsstrategie für dein Pferd? Dann bist du hier genau richtig. Heute geht es um Entwurmung beim Pferd mit Strategie. Eine Strategie folgt immer einem fundierten Plan und wird durchdacht und konsequent durchgezogen. Und weil das Thema die Gemüter deutlich erhitzt hat und jedes Jahr im Herbst die Frage aufkommt, ob die Nikolaus-Entwurmung sein muss, habe ich mir professionelle Unterstützung geholt: Nana Keck ist seit über 30 Jahren Tierarzthelferin, hat sich auf Kotuntersuchungen beim Pferd spezialisiert und macht mit ihrem Labor Koprolab Keck nichts anderes mehr. Es gibt ein Pferdefieber, sagt sie, und es gibt auch ein Wurmfieber. Je mehr man sich mit den kleinen Untermietern beschäftigt, desto interessanter werden sie.
Das kann ich bestätigen. Im Studium bekommt man Parasitenkunde für alle Tierarten am Rande mit, dann steigt man in die Pferdepraxis ein und denkt, man gibt halt eine Wurmkur ab. Je tiefer man ins Thema geht, desto klarer wird: Dieses „ich gebe mal eben eine Wurmkur ab" geht eigentlich gar nicht mehr. Selektiv und strategisch werden dabei oft getrennt diskutiert. Am Ende braucht man beides, und eigentlich ist es ganz einfach, wenn man es einmal verstanden hat.
Warum selektive Entwurmung beim Pferd Sinn macht
Stell dir vor, du gibst deinem Pferd regelmäßig Medikamente, ohne zu wissen, ob es sie überhaupt braucht. Genau das passiert bei der klassischen, routinemäßigen Entwurmung viermal im Jahr. Nana zitiert dazu den Parasitologen Martin Nielsen: Wir machen die Kotprobe nicht, um zu wissen, dass Würmer im Pferd sind. Jedes Pferd hat Würmer, der eine mehr, der andere weniger. Wir machen die Kotprobe, um die 30 Prozent jeder Herde zu finden, die Hochausscheider sind. In den Studien zeigt sich über Tierarten hinweg, dass rund 70 Prozent einer Herde keine behandlungsbedürftige Eiausscheidung haben. Ihr Immunsystem hindert die aufgenommenen Larven daran, erwachsen zu werden. Wer die anderen 30 Prozent gezielt behandelt, senkt den Wurmdruck für alle Pferde auf der Koppel.
Der zweite Grund ist die Resistenzbildung. Gerade die Strongyliden sind sehr gut darin, sich an Wirkstoffe zu gewöhnen. Dann gebe ich eine Wurmkur, die erwachsenen Strongyliden lachen darüber und überleben, die resistente Population wächst, und ich fühle mich sicher, weil ich ja entwurmt habe. Bei Antibiotika macht man seit Jahren Resistenztests vorher. Bei Würmern geht das nicht, deshalb bleibt nur die Wirksamkeitskontrolle hinterher. Es gibt nur vier Wirkstoffgruppen auf dem Markt, und es werden keine neuen dazukommen. Keine Pharmafirma entwickelt hier etwas Neues. Diese vier müssen wir schonen, damit wir überhaupt noch wirksame Medikamente haben. Und drittens die Umwelt: Was vorne hineingeht, kommt hinten wieder heraus, und Bienen und Insekten mögen das gar nicht. Warum blindes Entwurmen gefährlich ist, steht ausführlich im Artikel über Resistenzen.
Ein Missverständnis will Nana ausräumen: Die zeitgemäße selektive Entwurmung ist nicht gegen die chemische Entwurmung, sondern für den gezielten Einsatz. Wer beprobt, darf trotzdem eine Wurmkur geben. Das eine schließt das andere nicht aus. Sie wird als Öko-Querdenkerin betitelt, dabei entwurmt sie weder mit Kräutern, noch will sie, dass Pferde an Würmern sterben. Es geht darum, Wirkstoffe passend zum Befund einzusetzen und hinterher zu kontrollieren, ob es funktioniert hat. Auch die Winterbehandlung gehört bei ihr fest dazu.
Die Kotprobe beim Pferd richtig nehmen: Vor dem Labor
Ich bin nicht nur Tierärztin, sondern auch Pferdebesitzerin, und auch ich sammle Kotproben. Man kann dabei ganz schön viele Fehler machen. Nanas häufigster: Die Menge. Wenn ein Labor nur ein kleines Röhrchen mit Löffelchen haben will, wie man es von Hund und Katze kennt, kann die Untersuchung nicht aussagekräftig sein. Koprolab will von jedem Pferd mindestens 150 Gramm, damit die Untersuchung notfalls wiederholt werden kann. Von Shettys kommen gern mal zwei, drei Äpfelchen an. Das reicht nicht.
- Tief in den frischen Haufen greifen. Strongyliden sind Dauerausscheider, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, bei 30 Grad wie bei minus 20. Bei einem Hochausscheider ist immer nahezu die gleiche Menge Eier in den Äpfeln.
- Abkühlen lassen, nicht körperwarm eintüten. Am besten über Nacht in den Kühlschrank. Die Kühlung bremst die Weiterentwicklung der Eier. Körperwarm verpackt brütet die Probe in der Tüte vor sich hin, und nach vier, fünf Tagen sind die Larven geschlüpft. Zählen kann man sie dann immer noch, schön ist es nicht.
- Ein Tag oder drei Tage? Für Strongyliden und Spulwürmer reicht ein Tag. Der Bandwurm ist ein periodischer Ausscheider, er schickt nur ab und zu Eipakete nach draußen. Über drei Tage gesammelt erhöht sich die Nachweissicherheit. Die Proben dürfen die drei Tage im Kühlschrank liegen und gehen dann gemeinsam los.
- Kühlakku? Wichtiger ist die Kühlung vorher. Ein Akku verlängert die Kühlung um drei, vier Stunden, mehr nicht. Was im Labor ankommt: Eingefrorene Colaflaschen, nasse Küchenrolle im Gefrierbeutel, alles ausgelaufen. Lieber eine Nacht Kühlschrank.
- Alle Pferde am selben Tag. Bei uns im Stall sammeln wir für alle Pferde an einem Tag und ich bringe die Kiste sofort zur Post, statt dass jeder irgendwann etwas hineinlegt und das Paket drei Tage bei 30 Grad unterwegs ist.
Jahreszeit und Alter
Die Werte verändern sich über die Weidesaison. Im März und April sind die Strongyliden-Werte meist niedrig, oft war die Winterwurmkur gerade erst, und es dauert, bis wieder eine Population im Darm Eier ausscheidet. Über den Sommer scheiden sie normal aus, im Herbst steigt die Eizahl noch einmal, weil die Würmer ihre Larven vor dem Winter auf die Wiese bringen wollen. Und im September und Oktober findet Nana deutlich häufiger Bandwurmeier als im Rest des Jahres: Der goldene Herbst mit feuchten Wiesen ist die optimale Zeit für die Moosmilbe, den Zwischenwirt des Bandwurms.
Beprobt werden alle Altersstufen, auch Fohlen und Jungpferde. Aber: Die Richtlinien zur zeitgemäßen selektiven Entwurmung sind für erwachsene Pferde erstellt worden. Bei Jungpferden ist die Immunität noch nicht ausgereift, der Wurmbefall verändert sich viel schneller, also muss deutlich häufiger beprobt werden. Für Jungpferde rät Nana immer zur Winterbehandlung, je nach Bestand auch zur Sicherheitsentwurmung im Sommer. Das ist manchmal schwer zu vermitteln: Wir beproben immer, aber eine Probe schließt keine Wurmkur aus.
Im Labor: Was McMaster kann und was nicht
Die klassische Untersuchung für die selektive Entwurmung ist die McMaster-Eizählung. Sie liefert für Strongyliden einen genauen Wert, die Eier pro Gramm Kot (EPG). Unter 200 EPG gilt ein Pferd als nicht behandlungsbedürftig, darüber schon, und je höher der Wert, desto eher ändert sich die Strategie und die Wahl des Medikaments. Nanas Spitzenreiter lag bei 6.800 EPG. Ein Top-Leistungspferd, nur wegen eines Sehnenschadens aus dem Sport genommen, die neuen Besitzer hatten spaßeshalber eine Probe eingeschickt. Äußerlich sah es nicht nach einem verwurmten Pferd aus. Man sieht es den Pferden in den seltensten Fällen an. Ein dünnes Pferd muss keine Würmer haben, und ein glänzendes kann Hochausscheider sein. Die McMaster-Zählung ist außerdem die Basis der Wirksamkeitskontrolle: Wert vorher, Wurmkur, nach 14 Tagen neuer Wert. Erwartet werden mindestens 98 Prozent weniger Eier.
Was viele nicht wissen: Für Spulwürmer und Bandwürmer ist die Aussagekraft der McMaster-Methode begrenzt, weil nur eine kleine Kotmenge verarbeitet wird. Koprolab hat deshalb umgestellt und macht als Erstuntersuchung die kombinierte Sedimentation-Flotation mit der fünffachen Menge. Sie gibt eine Übersicht über Strongyliden, Spulwürmer und Bandwürmer, gelegentlich auch Oxyuren, allerdings nur als vereinzelt, geringgradig, mittelgradig oder hochgradig. Werden Strongyliden oder Spulwürmer gefunden, folgt der McMaster für die genaue Eizahl. Beim Bandwurm ist die Eizahl unerheblich, ein Eipaket stammt von einem Wurm, hier zählt nur positiv oder negativ. Dazu kommen je nach Frage die Larvenanzucht zur Unterscheidung kleiner und großer Strongyliden, das Trichter-Auswanderungsverfahren für den Lungenwurm (beim Pferd als Fehlwirt wenig aussagekräftig, besser in der Bronchoskopie), die reine Sedimentation für Kokzidien und Leberegel und der Tesa-Abklatsch für Oxyuren, wenn das Pferd sich den Schweif scheuert. Magendassel-Larven findet man in der Kotprobe gar nicht.
Ich finde es fatal, wenn ein Labor nur einen McMaster macht und einen Befund ohne ein Wort Erklärung zurückschickt. Ohne Vorbericht, also Alter, Jahreszeit, Haltung, bisherige Entwurmungen, weiß niemand, welche Untersuchungen die richtigen sind, und dem Besitzer entgehen die Fakten für die Interpretation. Kritisch ist auch die Schnellflotation in der Tierarztpraxis: Ein winziger Krümel Kot im Döschen, Flotationslösung, Deckglas, und es hängt davon ab, wer hineinschaut. Nana hat das jahrelang selbst gemacht, Schande über sie, sagt sie heute. Ich könnte die Eier unter dem Mikroskop erkennen, das habe ich gelernt, aber mir fehlen Routine und Zeit. Auch ich schicke den Kot meiner Pferde in ein spezialisiertes Labor.
Der Bandwurm: Ein Sonderfall
Weil der Bandwurm nur unregelmäßig Eier ausscheidet, ist in der Kotprobe nur der positive Befund beweisend. Ergänzend gibt es den Equisal-Speicheltest aus Großbritannien, den Koprolab seit einigen Jahren im Programm hat. Er weist Antikörper gegen den Bandwurm im Speichel nach. Der Pferdebesitzer bestellt das Testkit, nimmt die Speichelprobe selbst, die Pferde tolerieren das gut, und schickt sie ein. Gerade der negative Befund ist zuverlässig: In der Validierungsstudie waren die Pferde mit negativem Titer bei der Untersuchung des Darms tatsächlich bandwurmfrei. Wer zwei, drei Jahre hintereinander negativ testet, kann davon ausgehen, dass es im Bestand keine infizierten Pferde und keine Moosmilben auf der Wiese gibt. Der Bandwurm ist regional sehr unterschiedlich verteilt, wie die Dasselfliege auch. Nanas Empfehlung: Die Kotuntersuchungen übers Jahr, und wenn bei drei bis vier Proben im ersten Jahr kein Bandwurm gefunden wurde, im Herbst zusätzlich einmal der Speicheltest, um den Status sicher zu kennen.
Das richtige Labor finden
Laborergebnisse sind nur so gut wie ihre Interpretation. Die größte Fehlerquelle liegt nicht in der Probenentnahme und nicht in den Geräten, sondern hinterher, in der Deutung der Befunde. Nanas Kriterien für ein gutes Labor:
- Ein Tierarzt im Team. Kotuntersuchungen darf inzwischen jeder anbieten, auch Tierheilpraktiker. Eine Beratung zur Behandlung und eine Wirkstoffempfehlung dürfen aber nur Tierärzte geben. Bei Koprolab schaut sich eine Tierärztin jeden Befund mit der Anamnese an und entscheidet, welches Pferd welches Präparat bekommt. Es kann sein, dass drei Pferde behandelt werden müssen und bei jedem ein anderer Wirkstoff steht.
- Ein Vorbericht wird abgefragt: Alter, Haltungsbedingungen, Trächtigkeit, bisherige Entwurmungen. Eine tragende Stute wird anders betreut als ein 25-jähriger Wallach in der Zweierherde, und der wieder anders als ein Zweijähriger im großen Bestand.
- Der Befund braucht Zeit. Wenn am Tag der Ankunft abends schon der Befund kommt und unten standardmäßig steht, das Pferd ist behandlungsbedürftig, bitte geben Sie XY, dann hat sich niemand den Kopf gemacht. Ein guter Befund enthält Erklärungen, Behandlungsvorschläge und den Termin für die nächste Probe.
- Beratung, die man anrufen kann. Wer das erste Mal einschickt, ruft in den ersten drei Wochen ständig an. Im Lauf des ersten Beprobungsjahres werden die Anrufe weniger, man wächst hinein. Am Ende sagen viele: Jetzt habe ich es verstanden, es ist eigentlich gar nicht so schwierig.









