Das Wichtigste in Kürze
» Ab etwa 15 Jahren gilt ein Pferd als alt: Der Verschleiß nimmt zu und die Reparaturprozesse des Körpers werden langsamer.
» PPID (früher Cushing) betrifft rund 20 % der Pferde über 15, dazu kommen Zahnprobleme, Arthrose sowie Herz- und Augenveränderungen.
» Die beste Vorsorge: Zahnkontrolle, Hufpflege, Impfungen und angepasste Fütterung. Einfach auf die Wiese stellen ist keine Rente.
Alter ist keine Krankheit. Dieser Satz steht bewusst am Anfang, denn ein altes Pferd kann völlig gesund sein. Trotzdem verändert sich etwas: Die Organsysteme zeigen Verschleiß, Ermüdungserscheinungen nehmen zu und die Reparaturprozesse des Körpers laufen langsamer ab. Im Umkehrschluss heißt das: Rentner brauchen mehr Vorsorge, nicht weniger Aufmerksamkeit. In diesem Artikel bekommst du den Überblick, welche Erkrankungen beim alten Pferd häufiger werden, woran du sie erkennst und was du vorbeugend tun kannst.
Ab wann ist ein Pferd alt?
Darüber streitet sich die Literatur, und es variiert je nachdem, was man liest. Als Daumenregel gelten Pferde ab 15 Jahren als alt. Dabei lohnt der Blick auf die Größe: Ein Pony hat mit 15 vielleicht gerade die Hälfte seines Lebens hinter sich, ein Großpferd dagegen schon zwei Drittel. Individuelle Faktoren spielen also immer mit hinein.
Insgesamt steigt die Zahl der alten Pferde, und die Pferde werden immer älter. Das hat gute Gründe: Das Management rund ums Pferd ist deutlich besser geworden, die Pflege aufwendiger, und die Tiermedizin hat sich in Diagnostik und Therapie enorm weiterentwickelt. Unsere Pferde sind heute schlicht besser umsorgt als früher.
PPID: die häufigste Hormonstörung im Alter (früher Cushing)
Beim Hormonhaushalt steht eine Erkrankung ganz vorn: PPID, ausgeschrieben Pituitary Pars Intermedia Dysfunction. Früher hieß sie Equines Cushing-Syndrom. Und sie ist alles andere als selten: Rund 20 % der Pferde über 15 sind betroffen, bei den über 30-Jährigen noch mehr.
Typisches PPID-Bild: Das Pony auf dem Foto zeigt das abnorm lange, wellige Fell, das viele betroffene Pferde auch im Sommer tragen. Genau dieses Fell und ein verzögerter Fellwechsel gehören zu den auffälligsten Anzeichen.
Weitere Symptome sind eine erhöhte Infektionsanfälligkeit, Muskelschwund, häufig ein Senkrücken und Hängebauch und leider oft eine Hufrehe. Ganz typisch ist außerdem die Fettumverteilung mit Fettdepots direkt über den Augen: Wo normalerweise Kuhlen sind, wölbt sich bei betroffenen Pferden eine Schwellung nach vorn.
Was passiert da im Körper? PPID ist eine Störung der Hirnanhangsdrüse, ausgelöst durch die Degeneration von Nervenzellen im Gehirn. Diese Nervenzellen produzieren beim jungen, fitten Pferd Dopamin, einen Botenstoff, der die Hirnanhangsdrüse hemmt. Degenerieren die Zellen im Alter, fehlt diese Bremse, und die Drüse produziert vermehrt das Hormon ACTH. Genau das macht sich die Diagnostik zunutze: Über eine Blutprobe wird der ACTH-Wert bestimmt.
Spannend ist der Unterschied zum Menschen und zum Hund: Dort ist beim Cushing der Cortisolwert erhöht, beim Pferd zeigten Studien das nicht. Deshalb wurde die Erkrankung beim Pferd umbenannt und heißt heute PPID. Die ganze Geschichte dazu liest du im Artikel Cushing beim Pferd gibt es nicht.
Abzugrenzen ist PPID vom Equinen Metabolischen Syndrom (EMS). Auch das EMS löst häufig Hufrehe aus und zeigt Fettdepots, die betroffenen Pferde sind adipös, also übergewichtig. Der wichtigste Unterschied: EMS tritt eher bei jüngeren Pferden auf, PPID eher bei älteren.
Zähne: Wickelkauen, EOTRH und schleichende Abmagerung
Pferdezähne nutzen sich über die Jahre ab und wachsen nicht unbegrenzt nach. Beim alten Pferd wird das Kauen dadurch mühsamer, und es zeigt sich ein sehr typisches Bild: das Wickelkauen. Rund um Heuraufe oder Heunetz findest du eingespeichelte Heuwickel. Das Pferd kaut auf dem Heu herum, bekommt es aber nicht klein, schluckt es nicht ab und spuckt es wieder aus. Auch lange Fasern im Kot sind ein Warnsignal: Sie zeigen, dass das Futter schlecht gekaut und schlecht verdaut wurde.
Die Folgen: Verdauungsprobleme (dazu gleich mehr) und Abmagerung. Das Pferd steht zwar am Futter, nimmt aber kaum Energie auf und baut ab.
So sieht das aus: Bei diesem Pferd zeichnen sich die Rippen deutlich unter dem Fell ab. Wenn dein alter Rentner so aussieht, gehören als Erstes die Zähne kontrolliert und die Ration überprüft.
Eine zweite Zahnerkrankung des älteren Pferdes ist EOTRH, eine schmerzhafte Zahnwurzelerkrankung der Schneidezähne. Testen kannst du das ganz einfach: Halte deinem Pferd eine Möhre hin. Kann es sie nicht abbeißen, weil das Abbeißen an den Schneidezähnen wehtut, ist das ein deutlicher Hinweis. Die Zähne werden mit der Zeit locker, der Schmerz besteht nicht nur beim Abbeißen, sondern dauerhaft, und viele Pferde zeigen ein Schmerzgesicht. Auf lange Sicht müssen die betroffenen Zähne gezogen werden. Das sieht wild aus, ein Pferd ohne Schneidezähne, aber die Tiere kommen damit erstaunlich gut zurecht und können sogar weiter grasen.
Vorbeugen ist besser: regelmäßige Zahnkontrolle, und beim alten Pferd die Fütterung anpassen, damit genug Energie ankommt, notfalls mit eingeweichtem, quasi vorverdautem Futter. Grundsätzlich gilt: Pferde, die ihr Leben lang viel Raufutter gefressen haben, haben meist weniger Zahnprobleme. Magert dein Pferd trotz angepasster Fütterung weiter ab, arbeite die Ursachen systematisch durch: Der Artikel Pferd nimmt ab: Die 5 Ursachen systematisch prüfen gibt dir die Checkliste dazu.
Referenzbild Ernährungszustand: Dieses Pferd liegt etwa bei einem Body Condition Score von 3. Rippen und Schulterpartie treten deutlich hervor. Spätestens bei diesem Bild ist tierärztliche Abklärung überfällig.
Bewegungsapparat: Arthrose, Sehnen und Hufrehe
Arthrose: Wenn die Gelenke verschleißen
Das Paradebeispiel beim alten Pferd ist der Spat, die Arthrose im Sprunggelenk. Betroffene Pferde zeigen häufig eine Lahmheit und eine vermehrte Gelenkfüllung im Bereich des Sprunggelenks, die Beugeprobe ist positiv, und im Röntgenbild zeigen sich die Veränderungen an den kleinen Gelenken.
Blick ins Röntgenbild: Am Gelenkrand sind unruhige, ausgefranste Konturen durch knöcherne Zubildungen zu erkennen. Genau solche Veränderungen entstehen, wenn ein Gelenk über Jahre gegen Entzündung und Verschleiß ankämpft.
Wie kommt es dazu? Lange Belastung und Aktivität durchs Reiten, übermäßige Belastung, ein über lange Zeit unpassender Beschlag oder auch Chips können im Laufe des Lebens Schäden anrichten. Der Gelenkknorpel wird geschädigt, der Knochen darunter entzündet sich, die Gelenkflüssigkeit wird schlechter, die Beweglichkeit eingeschränkt, und am Ende steht die Lahmheit.
Bei der Arthrose ist die Palette an Therapiemöglichkeiten breit: von Entzündungshemmern und Schmerzmitteln über Gelenkinjektionen mit Cortison oder Hyaluronsäure bis zu Eigenbluttherapie und Stammzelltherapie. Und natürlich ist der Markt voll von Ergänzungsfuttermitteln, die die Gelenke geschmeidig machen sollen. Hier lohnt ein nüchterner Blick gemeinsam mit dem Tierarzt, was im Einzelfall wirklich sinnvoll ist.
Sehnen: Das Gewebe wird spröder
Durch mehrere Studien ist klar belegt: Die Elastizität des Sehnengewebes nimmt im Alter ab, die Festigkeit lässt nach. Daraus folgt ein deutlich erhöhtes Risiko für Sehnenerkrankungen, und wenn etwas kaputtgeht, laufen die Reparaturprozesse langsamer. Umso wichtiger wird die Lösungsphase: Beim älteren Pferd sollte sie verlängert werden, dazu viel Bewegung, eine angepasste Arbeitsphase und unterstützend Physiotherapie oder Chiropraktik. Alles, was das Pferd beweglich hält, beugt hier vor.
Hufrehe: keine Alterskrankheit, aber im Alter häufiger chronisch
Die Hufrehe tritt genauso bei jungen Pferden auf und ist keine klassische Alterserkrankung. Bei älteren Pferden sehen wir aber häufiger die chronische Form. Das hat mehrere Gründe: Die Hufpflege wird beim Rentner oft weniger ernst genommen, die Fütterung ist nicht mehr so genau angepasst wie beim Pferd im Training, und manchmal wird der Rentner auf die Wiese gestellt, ohne dass täglich jemand genau hinschaut. Dazu kommt das PPID, das selbst Hufrehe auslösen kann, und da PPID bei alten Pferden häufig ist, steigen auch die Rehefälle.
Verdauung: Kolik hat im Alter andere Ursachen
Koliken sind bei alten Pferden nicht häufiger als bei jungen, aber sie haben andere Ursachen. Zwei Formen stechen heraus:
- Pendelnde Lipome: Das sind gutartige Fettgeschwulste in der Bauchhöhle, die im Alter häufiger vorkommen. Sie bewegen sich dort frei und können sich leider um den Dünndarm wickeln. Dann kommt es zur Strangulation des Darms und zu sehr schweren Koliken. Vorbeugen lässt sich hier leider nicht.
- Verstopfungen: Sie entstehen oft durch schlecht gekautes Futter, also als direkte Folge der Zahnprobleme. Hier kannst du vorbeugen: Bewegung, Bewegung, Bewegung und freier Zugang zu Wasser. Im Winter lohnt es sich, warmes Wasser anzubieten, das trinken Pferde deutlich lieber als eiskaltes. Dazu die Zähne regelmäßig kontrollieren und bei nicht behebbaren Problemen das Futter anpassen, zum Beispiel auf eingeweichtes Schlappfutter.
Tumoren: selten, aber die Haut im Blick behalten
Krebs ist beim Pferd zum Glück kein so häufiges Problem. Wenn, dann ist am ehesten die Haut betroffen, seltener der Verdauungstrakt. Die Diagnostik ist schwierig: Gerade das Lymphom lässt sich oft erst nach dem Tod des Pferdes sicher feststellen. Was dagegen fast jeder kennt, sind die Schimmelmelanome, die Umfangsvermehrungen, die man häufig an der Schweifrübe sieht. Warum fast jeder alte Schimmel sie entwickelt, wann sie gefährlich werden und warum frühes Handeln zählt, liest du ausführlich im Artikel über das Schimmel-Melanom.
Atemwege: COB wird ohne Management schlechter
Die chronisch obstruktive Bronchitis (COB, heute meist Equines Asthma genannt) ist nicht heilbar und wird im Alter meistens schlechter. Die gute Nachricht: Mit einem guten Management lässt sich das Fortschreiten bremsen, und viele Pferde haben lange symptomfreie Phasen. Es ist also eine in der Regel fortschreitende Erkrankung, die sich mit konsequentem Management gut im Griff behalten lässt. Die Grundlagen dazu findest du im Überblick über Atemwegserkrankungen beim Pferd.
Herz und Auge: die stillen Veränderungen
Herzerkrankungen kommen beim Pferd vor, wenn auch nicht so häufig wie beim Menschen. Man geht davon aus, dass etwa ein Fünftel der alten Pferde Herzveränderungen hat. Meistens fällt es beim Abhören auf, etwa vor einer Sedierung oder beim Impftermin: ein Herzgeräusch. Wichtig zu wissen: Ein Herzgeräusch ist nicht gleich ein Herzfehler. Ob tatsächlich eine Funktionsstörung vorliegt, lässt sich nur in einer spezialisierten Klinik mit EKG und Herzultraschall klären. Diese Abklärung sollte immer erfolgen, denn eine Herzerkrankung kann die reiterliche Nutzung einschränken und im Zweifel auch für den Menschen im Sattel gefährlich werden.
Und die Augen: Studien zeigen, dass 90 % der alten Pferde Augenveränderungen haben. Sehr häufig ist die Trübung der Linse, der Katarakt, den man auch vom Menschen kennt. Betroffene Pferde sehen schlechter, erschrecken sich deshalb schneller und bewegen sich langsamer und vorsichtiger. Nimm das deinem Pferd nicht übel: Es ist nicht bösartig, es sieht schlicht nur noch Schatten, die sich bewegen. Ändere die gewohnte Umgebung möglichst wenig, das verunsichert die Pferde. Ansonsten kommen sie mit eingeschränktem Sehvermögen erstaunlich gut zurecht.
Vorsorge: Was jeder Rentner braucht
Fassen wir zusammen: Im Alter haben die Organsysteme Verschleiß, die Reparaturprozesse sind langsamer, und deshalb sehen wir mehr Erkrankungen als bei jungen Pferden. Besonders betroffen sind der Hormonhaushalt (PPID), der Bewegungsapparat (Arthrose, Sehnen, Hufrehe), die Zähne (Abnutzung und EOTRH), die Atemwege (COB) sowie Herz und Auge.
Genau daraus ergibt sich das Vorsorgeprogramm für jeden Rentner:
- Regelmäßige Kontrolle durch den Tierarzt, inklusive Blick auf die Zähne
- Hufpflege nicht vernachlässigen, auch wenn nicht mehr geritten wird
- Impfungen weiterführen: Gerade Tetanus sollte bei jedem Rentner aktuell sein
- Auch ein Rentner braucht weiterhin seine Wurmkur
- Viel angepasste Bewegung und eine angepasste Fütterung
Wenn dein Pferd nicht mehr geritten wird, such eine Alternative, die es in Bewegung hält. Die Pferde einfach auf die Wiese zu stellen und sich selbst zu überlassen, ist definitiv keine angepasste Rente. Rentner brauchen eine angepasste Haltung, Fütterung und ein Management drumherum, und ja, das ist für Pferdemensch und Tierarzt gleichermaßen eine Herausforderung. Wie das im Alltag konkret aussieht, von der Heucobs-Fütterung bis zur Mobilisation, liest du im Praxis-Ratgeber Alte Pferde gesund erhalten.
Ein alter Pferdekörper verzeiht weniger Nachlässigkeit, aber er dankt jede Aufmerksamkeit. Mit regelmäßiger Kontrolle, angepasster Fütterung und dem Wissen um die typischen Baustellen kann dein Rentner noch viele gute Jahre haben.







