Dieser Beitrag geht auf eine Podcastfolge von Dr. Veronika Klein zurück und wird bei neuen Erkenntnissen aktualisiert. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung deines Pferdes.
Das Wichtigste in Kürze
» Gewichtsverlust hat fünf mögliche Bereiche: Futter, Futteraufnahme, Futterverwertung, Energieverbrauch und Erkrankungen außerhalb des Verdauungstrakts.
» Eine unauffällige Kotprobe schließt Parasiten nicht aus. Magendasseln, verkapselte kleine Strongyliden und Lungenwürmer sind darin grundsätzlich nicht zu finden.
» Miss regelmäßig nach und schreib die Werte auf. Für den Tierarztbesuch ist die Verlaufsdokumentation wichtiger als der einzelne Wert.
Dein Pferd nimmt ab, und du weißt nicht warum. In der Pferdepraxis ist das einer der häufigsten Gründe für einen Tierarztbesuch, besonders im Herbst und Winter. Die Ursachen sind so vielfältig, dass planloses Herumprobieren selten weiterhilft: Mehr Kraftfutter, ein anderes Mineralfutter, eine Wurmkur auf Verdacht. Manchmal klappt es, oft nicht.
Was hilft, ist ein System. Alles, was zu Gewichtsverlust führen kann, lässt sich fünf Bereichen zuordnen. Wenn du diese fünf Punkte der Reihe nach durchgehst, findest du entweder die Ursache selbst, oder du kannst deiner Tierärztin sehr präzise sagen, was du bereits ausgeschlossen hast. Das spart Zeit, Geld und Diagnostik.
Das Bild mit dem Eimer
Stell dir vor: Vor deinem Pferd steht ein Eimer mit Futter. Das Pferd frisst, schluckt, verdaut und scheidet aus. Wenn am Ende zu wenig Energie im Körper ankommt, kann das Problem an vier Stellen dieser Kette liegen, oder ganz außerhalb davon:
- Liegt es im Eimer, also am Futter selbst?
- Liegt es beim Fressen, also an der Futteraufnahme?
- Liegt es im Körper, also an der Verdauung und Verwertung?
- Ist der Verbrauch gestiegen, ohne dass die Ration angepasst wurde?
- Oder liegt das Problem ganz woanders, außerhalb des Magen-Darm-Trakts?
Dieses Bild ist der ganze Trick. Es sortiert ein unübersichtliches Problem in fünf Schubladen, und jede Schublade kannst du einzeln aufmachen.
Warum das Thema im Winter hochkommt
Auffällig oft fällt der Gewichtsverlust in den kalten Monaten auf, und das hat mehrere Gründe, die zusammenkommen.
Zum einen steigt der Energiebedarf. Ein Pferd, das im Offenstall steht, heizt bei Minusgraden dauerhaft mit, und diese Wärme muss aus dem Futter kommen. Bleibt die Ration gleich wie im Sommer, entsteht ein Defizit, ohne dass sich sonst irgendetwas verändert hat.
Zum anderen fällt der Verlust im Winter später auf. Unter dem dicken Winterfell sieht man die Rippen nicht mehr, und viele Pferde tragen zusätzlich eine Decke. Man sieht sein Pferd also seltener wirklich an, und wenn im Frühjahr das Fell fällt, ist der Schreck groß.
Daraus folgt eine praktische Regel: Pferde sollten eher mit ein paar Reserven in den Winter gehen als zu knapp. Und gerade in dieser Zeit lohnt es sich, regelmäßig mit den Händen unter das Fell zu fühlen, statt sich auf den optischen Eindruck zu verlassen.
Punkt 1: Das Futter
Der erste Bereich ist der, den du komplett selbst überprüfen kannst, und erstaunlich oft liegt hier schon die Antwort. Vier Dinge können schieflaufen.
Die Menge ist zu gering. Das klingt banal, aber in der Praxis sind die wenigsten Rationen für das einzelne Pferd durchgerechnet. Es wird in den Trog geschüttet, und dabei kommt von manchem zu viel und von anderem zu wenig zusammen. Oder schlicht insgesamt zu wenig für das, was das Pferd leisten soll.
Die Ration passt nicht mehr zur Situation. Ein Pferd im Offenstall braucht bei Wintereinbruch deutlich mehr Energie als im Sommer. Eine Ration, die das ganze Jahr gleich bleibt, kann deshalb gar nicht durchgehend richtig sein. Auch Weidegang, Trainingspausen oder eine überstandene Krankheit verändern den Bedarf.
Der Zugang zum Futter ist behindert. Das ist der Punkt, der im Offenstall am häufigsten übersehen wird. Ein rangniedriges Pferd wird von der Raufe weggeschickt und frisst deshalb zu wenig, obwohl objektiv genug da ist. Oder es lahmt und legt den Weg zur Raufe nicht mehr so oft zurück. Beobachte dein Pferd dazu einmal eine Stunde lang in Ruhe, das sagt mehr als jede Rationsberechnung.
Die Qualität stimmt nicht. Ist das Heu muffig oder staubig, lassen Pferde es liegen oder fressen deutlich weniger davon.
Alle vier Punkte sind Managementfehler. Das Pferd ist dabei gesund, es gibt nichts zu behandeln. Deshalb lohnt es sich, hier gründlich zu sein, bevor du in die Diagnostik einsteigst.
Punkt 2: Die Futteraufnahme
Frisst dein Pferd schlechter als sonst, dann beobachte genau, wie es frisst. Nimmt es das Futter gar nicht erst auf, kaut es auffällig oder hat es Probleme beim Schlucken?
Appetitlosigkeit
Der erste Griff bei mangelndem Appetit ist das Fieberthermometer. Fieber senkt den Appetit zuverlässig. Auch Magengeschwüre führen dazu, dass weniger gefressen wird, weil das Pferd etwas empfindet, das unserem Sodbrennen ähnelt. Typisch dafür: Das Pferd frisst schlecht Kraftfutter und zeigt gelegentlich direkt nach der Kraftfuttergabe leichte Koliksymptome. Mehr dazu findest du im Beitrag über Magenprobleme beim Pferd.
Die Zähne
Als Nächstes gehören die Zähne kontrolliert. Scharfe Spitzen und Kanten machen das Kauen schmerzhaft. Eine entzündete, eiternde Zahnwurzel erkennst du oft am deutlich unangenehmen Mundgeruch. Jeder, der schon einmal eine Zahnwurzelbehandlung hatte, weiß, dass an Kauen dann nicht zu denken ist.
Schluckbeschwerden
Schluckprobleme sind immer ernst zu nehmen. Die Ursachen reichen von einem verkanteten Stück Holz im Gaumen bis zu Erkrankungen des Nervensystems. Auch die Druse gehört dazu: Bei ihr schwellen die inneren Lymphknoten am Kehlkopf so stark an, dass das Schlucken nicht mehr richtig funktioniert. Bei einer Schlundverstopfung kommt das Futter gar nicht erst im Magen an.
Alles aus diesem Abschnitt gehört tierärztlich abgeklärt. Zur Darstellung der Speiseröhre stehen eine Endoskopie oder ein Kontraströntgen zur Verfügung.
Punkt 3: Die Futterverwertung
Hier frisst das Pferd normal, aber es kommt zu wenig an. Aufspaltung und Aufnahme der Nährstoffe in Magen und Darm sind gestört. In Frage kommen Magengeschwüre, Darmentzündungen mit oder ohne Durchfall, Parasiten, Tumore im Magen-Darm-Trakt und Lebererkrankungen.
Darmentzündungen entstehen zum Beispiel durch Sand im Darm, durch bestimmte Medikamente oder durch Stress. Sand ist dabei der Punkt, den man leicht selbst prüfen kann: Wer auf sandigen Paddocks oder kurz abgefressenen Weiden füttert, ohne dass das Futter in Raufen oder auf Matten liegt, sollte ihn zumindest im Hinterkopf haben. Lebererkrankungen lassen sich über ein Blutbild eingrenzen, mehr dazu im Beitrag über erhöhte Leberwerte beim Pferd.
Auch Kotwasser und Durchfall gehören in diesen Bereich, wobei Kotwasser allein noch kein Grund für Gewichtsverlust ist. Kommt beides zusammen, ist das ein deutlicherer Hinweis darauf, dass im Darm etwas nicht stimmt.
Warum eine unauffällige Kotprobe nichts beweist
Bei Parasiten gibt es einen Punkt, der im Stall regelmäßig zu Fehlschlüssen führt: Eine negative Kotprobe schließt einen Befall nicht aus. Magendasseln, in der Darmwand verkapselte kleine Strongyliden und Lungenwürmer findest du darin grundsätzlich nicht.
Bandwürmer sind ebenfalls schwer nachzuweisen. Wird bei einem Pferd im Bestand ein Bandwurmei gefunden, geht man davon aus, dass die ganze Herde betroffen ist, auch wenn bei den übrigen nichts gefunden wurde. Entsprechend wird dann der gesamte Bestand behandelt. Für Bandwürmer gibt es zusätzlich einen Speicheltest, der empfindlicher ist als die Kotprobe.
Punkt 4: Der Energieverbrauch
Manchmal stimmt mit Futter und Verdauung alles, aber der Bedarf ist gestiegen, ohne dass jemand die Ration angepasst hat. Das passiert bei Trächtigkeit, bei einem säugenden Fohlen bei Fuß, bei hartem und langem Training, aber auch durch Stress, durch Kälte, durch chronische Erkrankungen, durch Tumore und durch Schmerz.
Schmerz ist dabei der am häufigsten übersehene Faktor. Ein chronisch lahmes Pferd steht dauerhaft unter geringgradigen Schmerzen, und das kostet Energie. Am Futter liegt es dann nicht.
Der Punkt hat eine unangenehme Eigenschaft: Er wirkt nach beiden Seiten. Ein Pferd mit dauerhaften Schmerzen verbraucht nicht nur mehr, es bewegt sich oft auch weniger zur Raufe und frisst dadurch weniger. Zwei Effekte, die in dieselbe Richtung ziehen und sich gegenseitig verstärken. Deshalb lohnt bei unklarem Gewichtsverlust immer auch der Blick darauf, wie sich dein Pferd bewegt, und nicht nur darauf, was im Trog landet. Einen Überblick, worauf du dabei achten kannst, gibt der Gesundheitscheck.
Punkt 5: Wenn es gar nicht am Verdauungstrakt liegt
Wenn ein Pferd Masse verliert, ist das nicht immer ein Futterproblem. Gerade wenn Pferde in Rente gehen und weniger gearbeitet werden, bauen sie Muskulatur ab. Und Muskulatur lässt sich nicht anfüttern, das ist schlicht unmöglich.
Diese Pferde nehmen eine andere Körperform an: Kruppe und Rücken werden weniger, der Bauch hängt stärker durch. Das sieht nach Abmagerung aus, ist aber in erster Linie fehlende Muskulatur. Der Unterschied ist wichtig, weil die Antwort darauf Training heißt und nicht mehr Kraftfutter. Wie du ältere Pferde gut begleitest, steht im Beitrag über alte Pferde.
Daneben gibt es Muskelerkrankungen, bei denen tatsächlich Muskelgewebe abgebaut wird, zum Beispiel PSSM.
Erst messen, dann raten
Bevor du in die Ursachensuche einsteigst, brauchst du eine Zahl. „Er sieht dünner aus“ ist keine belastbare Grundlage, und die Wahrnehmung täuscht massiv, wenn man ein Pferd täglich sieht. Genau deshalb fällt schleichender Gewichtsverlust oft erst Besuchern auf.
Wenn du eine Pferdewaage in der Nähe hast, ist das ideal. Hast du keine, kommst du mit einem Maßband deutlich weiter als mit dem Auge. Die absoluten Zahlen sind dann etwas ungenauer, aber genau darauf kommt es hier gar nicht an: Entscheidend ist die Richtung. Ob dein Pferd über vier Wochen zu- oder abgenommen hat, lässt sich so zuverlässig feststellen.








