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Überbein beim Pferd: 3 Typen, Behandlung und Prognose

Pferdekrankheiten
Dr. med. vet. Veronika Klein
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Das Wichtigste in Kürze

» Ein Überbein ist eine derbe, feste knöcherne Zubildung, meist am Röhrbein. Es entsteht durch eine Überreaktion der Knochenhaut auf einen Reiz.
» Nicht jedes Überbein ist ein Problem: Behandelt wird nur, wenn das Pferd Symptome wie Lahmheit zeigt. Seitliche Überbeine haben eine gute Prognose.
» Die knöcherne Zubildung selbst bleibt bestehen. Kleiner wird nach der Akutphase nur die Weichteilschwellung drumherum.

Du hast sicher schon einmal ein Überbein an einem Pferdebein gesehen: eine derbe, feste Umfangsvermehrung, meist an der Röhre, also am Mittelfußknochen zwischen Karpalgelenk und Fesselgelenk. Dahinter steckt eine knöcherne Zubildung, die einseitig oder an mehreren Gliedmaßen auftreten kann. Und kaum ein Befund wird so unterschiedlich bewertet: Für die einen ist es ein reiner Schönheitsfehler, für die anderen ein Grund zur Sorge. Die Wahrheit liegt dazwischen und hängt vor allem davon ab, wo das Überbein sitzt. In diesem Artikel erfährst du, wie Überbeine entstehen, welche drei Typen es gibt, wann behandelt werden muss und was du realistisch erwarten kannst.

Wie ein Überbein entsteht

Ein Überbein ist die Antwort des Knochens auf Reizung: Die Knochenhaut (das Periost, die empfindliche Haut, die jeden Knochen umgibt) reagiert auf einen einmaligen oder immer wiederkehrenden Reiz mit einer Überreaktion und bildet neues Knochengewebe. Die Auslöser lassen sich in zwei Gruppen teilen:

  • Traumatisch: Das Pferd streift sich selbst mit dem gegenüberliegenden Huf (das sogenannte Streichen), bekommt einen Tritt von einem anderen Pferd, verletzt sich an einem Gegenstand oder tritt gegen die Boxenwand.
  • Mechanische Dauerbelastung: Eine Gliedmaßenfehlstellung oder eine fehlerhafte Hufbearbeitung verändert die Zug- und Druckkräfte an den Bändern des Beins. Die Ansatzstellen an der Knochenhaut werden dadurch chronisch überlastet.

Und es gibt eine dritte, oft übersehene Möglichkeit: Auch der Knochenstoffwechsel selbst kann beteiligt sein, etwa durch Fütterungsfehler oder hormonelle Störungen. Dann treten Überbeine scheinbar spontan auf, ohne dass ein Trauma erkennbar wäre. Gerade bei mehreren Überbeinen ohne erklärbaren Auslöser lohnt der Blick auf die Ration.

Die Akutphase: Erst Entzündung, dann Knochen

Im akuten Stadium findest du am betroffenen Bein alle klassischen Entzündungszeichen: Wärme, Schwellung, Schmerz und Funktionseinschränkung (die Rötung als fünftes Zeichen ist beim Pferd schlecht zu sehen). Die Entzündung kann sich auf das darüberliegende Karpalgelenk ausbreiten, das Vorderfußwurzelgelenk. Dann zeigen die Pferde meist eine deutlichere Lahmheit.

Wichtig fürs Verständnis: Nach dem Abklingen der akuten Entzündung wirkt die Schwellung kleiner. Zurückgegangen ist aber nur das gereizte Weichteilgewebe drumherum. Die knöcherne Zubildung selbst bleibt in aller Regel bestehen. Wer also hofft, das Überbein „wegzubekommen“, wird meist enttäuscht; das realistische Ziel ist ein reizfreies, lahmfreies Pferd.

Die drei Typen: seitlich, hinten, tief

Je nach Lage am Bein werden Überbeine in seitliche, hintere und tiefe eingeteilt. Die Unterscheidung ist keine Haarspalterei, denn an ihr hängt die Prognose. Fast immer spielen dabei die Griffelbeine eine Rolle: die beiden dünnen, stiftförmigen Knochen, die links und rechts am Röhrbein entlanglaufen.

Skelettpräparat eines Pferdebeins von vorn mit rot markierten Positionen der tiefen, hinteren und seitlichen Überbeine am Röhrbein

Zur Orientierung: Das Skelettpräparat zeigt die drei typischen Positionen am Röhrbein von vorn. Seitliche Überbeine sitzen gut sichtbar vorn-seitlich an den Griffelbeinen, hintere an deren Innenseite, tiefe versteckt oben zwischen den Griffelbeinen direkt unter dem Karpalgelenk.

Seitliche Überbeine: sichtbar und meist gutmütig

Sie sitzen an der Vorderseite der Griffelbeine. Wenn du frontal vor deinem Pferd stehst, kannst du sie gut sehen. Sie entstehen durch Reizung der Knochenhaut an den Bandansatzstellen, besonders ungünstig ist eine zehenweite Stellung der Gliedmaßen. In der Entstehungsphase zeigen die Pferde eine Stützbeinlahmheit (das Pferd entlastet das Bein in dem Moment, in dem es darauf fußt), gelegentlich auch Remontenkrankheit genannt, weil sie oft junge Pferde im Anreiten trifft. Natürlich kann auch hier ein simpler Schlag die Ursache sein.

Hintere Überbeine: unsichtbar, aber näher an den Sehnen

Sie liegen an der Innenseite der Griffelbeine und sind von außen kaum zu sehen. Das Problem: Dort verlaufen die Beugesehnen und der Fesselträger. Ein hinteres Überbein kann diese Strukturen reizen und darüber eine Lahmheit auslösen. Es entsteht eher durch wiederkehrende Überlastung als durch einen Schlag, denn für eine Trittverletzung liegt die Stelle zu geschützt.

Tiefe Überbeine: die versteckten Schmerzquellen

Die tiefen Überbeine sitzen am Ursprung des Fesselträgers, genau zwischen den beiden Griffelbeinen an der Rückseite der Gliedmaße, direkt unter dem Karpalgelenk. Von außen sind sie praktisch nicht zu sehen und auch kaum zu tasten. Typisch ist eine chronische Lahmheit, deren Quelle erst in der Lahmheitsdiagnostik gefunden wird: Die Leitungsanästhesie (eine gezielte örtliche Betäubung einzelner Nervenabschnitte) grenzt den schmerzenden Bereich ein, die Bildgebung zeigt dann das tiefe Überbein.

Was noch aussehen kann wie ein Überbein

Nicht jede knöcherne Zubildung am Bein ist ein klassisches Überbein. Zwei wichtige Abgrenzungen:

Griffelbeinbruch mit Callus: Bricht ein Griffelbein, bildet der Knochen beim Heilen übermäßig viel Callus, also neues Knochengewebe an der Bruchstelle. Das ist tastbar und oft sichtbar und kann lahm machen, muss aber nicht. Je nach Lage des Bruchs reicht konservative Therapie mit Ruhe und Zeit, oder das abgebrochene Stück muss chirurgisch entfernt werden. Die Entscheidung fällt am Röntgenbild.

Schienbeinkrankheit: Eine Vorwölbung am Übergang der Röhre zum Karpalgelenk, die vor allem bei jungen Vollblütern im Rennsport auftritt. Das noch nicht ausgereifte Skelett der Zwei- und Dreijährigen versucht, sich der intensiven Belastung anzupassen. Vorbeugen lässt sich mit weicherem Boden und mit Intervalltraining statt stundenlanger Dauerbelastung: kurze Abschnitte höherer Intensität mit Pausen dazwischen, das gleiche Prinzip wie das HIIT-Training beim Menschen.

Diagnostik: Röntgen, Ultraschall, Anästhesie

Bei einem lahmenden Pferd mit sichtbarer Zubildung gehört immer ein Röntgenbild an den Anfang, schon um einen Griffelbeinbruch auszuschließen. Im Anschluss ist ein Ultraschall sinnvoll: Er zeigt, ob das Überbein nach innen die Beugesehnen oder den Fesselträger reizt oder dort schon Schäden verursacht hat. Den endgültigen Beweis liefert die Leitungsanästhesie: Wird der verdächtige Bereich betäubt und das Pferd geht danach lahmfrei, ist klar, dass der Schmerz genau von dort kommt.

Röntgenbild eines Pferdebeins mit Pfeil auf die knöcherne Zubildung eines Überbeins am Griffelbein

Blick ins Röntgenbild: Der Pfeil zeigt auf die knöcherne Zubildung am Griffelbein. Gut zu erkennen ist, wie sich die glatte Knochenkontur an dieser Stelle vorwölbt. Genau solche Aufnahmen klären auch, ob zusätzlich ein Bruch vorliegt.

Behandlung: Was wirklich hilft (und was nicht)

Die wichtigste Regel zuerst: Nicht jedes Überbein braucht eine Therapie. Behandelt wird nur, wenn das Pferd klinische Symptome zeigt, allen voran Lahmheit. Ein reizloses Überbein ohne Beschwerden ist ein kosmetischer Befund, kein Patient.

Wenn behandelt wird, dann gestaffelt nach Phase:

  • Akutphase: Kälte, Ruhe und ein Stützverband. Die Ruhe ist entscheidend, damit keine weiteren Zug- und Druckkräfte auf die gereizte Knochenhaut wirken. Später kann auf Wärme gewechselt werden.
  • Entzündung bremsen: Entzündungshemmende Salben, zum Beispiel mit DMSO oder Cortison, können lokal helfen. Alternativ oder ergänzend gibt es Entzündungshemmer als Paste ins Maul. Manche Behandler setzen auch Blutegel an. Eine weitere Möglichkeit ist, Cortison direkt an das Überbein zu injizieren, damit die gereizte Knochenhaut gar nicht erst übermäßig Knochen anbaut.
  • Wieder antrainieren: Nach der Ruhephase folgen kontrollierte Schrittbewegungen, bevor das Pferd schrittweise zurück in die Arbeit geht.
  • Ursache abstellen: Steckt eine Fehlstellung dahinter, muss die Hufbearbeitung angepasst werden. Ohne Hufkorrektur bleibt der Reiz und mit ihm das Risiko, dass alles von vorn beginnt.

Zu den beliebten Suchanfragen nach der „besten Salbe“ oder Hausmitteln gehört deshalb eine ehrliche Antwort: Salben können die Entzündung in der Akutphase dämpfen, aber keine Salbe der Welt löst die knöcherne Zubildung wieder auf. Wer dir das verspricht, verkauft Hoffnung.

Operation: möglich, aber ohne Garantie

Bei hinteren und tiefen Überbeinen, die dauerhaft Schmerzen verursachen, gibt es die Möglichkeit der chirurgischen Entfernung, teils kombiniert mit einem Nervenschnitt. Beides hat klare Grenzen: Nach einem Nervenschnitt ist das Bein nicht mehr voll belastbar, und auch die Entfernung selbst ist keine Garantie. Überbeine können nach der OP wiederkommen, und dann sogar größer als vorher. Diese Entscheidung gehört in ein ausführliches Gespräch mit dem Tierarzt.

Prognose: Der Sitz entscheidet

Bei den seitlichen Überbeinen ist die Prognose gut: Ist die Verknöcherung einmal abgeschlossen, gehen die Pferde in aller Regel lahmfrei, und es muss nicht weiter eingegriffen werden. Bei den hinteren und tiefen Überbeinen ist die Prognose schlechter, weil sie in direkter Nachbarschaft zu Beugesehnen und Fesselträger liegen und diese immer wieder reizen können.

Reha und Vorbeugung: Das Management gehört auf den Prüfstand

Viele Überbeine entstehen durch wiederkehrende Reize: falsches Training, eine unbehandelte Fehlstellung, versäumte Hufbearbeitung oder eine Fütterung, die den Knochenstoffwechsel belastet. Deshalb gehört vor jedes Reha-Programm die Frage: Wo lässt sich das Management verbessern? Bei der Fütterung sind vor allem Mangelzustände oder Imbalancen von Calcium und Phosphor ausschlaggebend; hier lohnt sich eine Rationsberechnung. Der Aufbau des Reha-Programms selbst gehört individuell geplant, gemeinsam mit Tierarzt und Therapeuten. Wie schnell beim Wiederantrainieren die größten Fehler passieren, liest du im Artikel über die 3 größten Aufbau-Fehler nach Verletzungen, und falls dein Pferd zunächst still stehen muss, hilft dir der Ratgeber zur Boxenruhe beim Pferd. Geht es um die Hufbearbeitung als Ursache, findest du im Artikel Barhuf oder Hufeisen die Perspektiven dazu.

Kurz gesagt: Ein Überbein ist selten ein Drama, aber immer eine Botschaft. Es zeigt dir, dass an dieser Stelle über längere Zeit etwas zu viel Reiz angekommen ist. Wer die Ursache findet und abstellt, hat mehr für sein Pferd getan als mit jeder Salbe.

Häufige Fragen

Nur wenn das Pferd Symptome zeigt, vor allem Lahmheit. Ein reizloses Überbein ohne Beschwerden ist ein kosmetischer Befund und braucht keine Therapie. Zeigt das Pferd eine Lahmheit, gehören Röntgen und Ultraschall an den Anfang, um Lage und Ursache zu klären.

Die knöcherne Zubildung selbst bleibt in aller Regel bestehen. Was nach der Akutphase zurückgeht, ist die Schwellung des gereizten Weichteilgewebes drumherum, dadurch wirkt das Überbein kleiner. Das realistische Ziel ist ein reizfreies, lahmfreies Pferd, nicht ein unsichtbares Bein.

In der akuten Entzündungsphase können entzündungshemmende Salben, etwa mit DMSO oder Cortison, die Reizung dämpfen. Auflösen kann keine Salbe die knöcherne Zubildung. Wichtiger als jede Salbe sind Ruhe in der Akutphase und das Abstellen der Ursache.

Ein wachsendes Überbein spricht dafür, dass der auslösende Reiz weiter wirkt, zum Beispiel eine Fehlstellung, eine unpassende Hufbearbeitung, wiederkehrende Überlastung im Training oder ein gestörter Knochenstoffwechsel durch Fütterungsfehler. Dann gehören Ursachensuche und tierärztliche Abklärung auf den Plan.

Meistens nicht. Gerade seitliche Überbeine sind nach abgeschlossener Verknöcherung oft reine Schönheitsfehler mit guter Prognose. Beobachten solltest du trotzdem: Wird das Überbein größer, wird die Stelle warm oder beginnt das Pferd zu lahmen, sollte der Tierarzt draufschauen.

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