Das Wichtigste in Kürze
» Die Hauptgründe für die Abgabe sind fehlende Reitbarkeit, hohes Alter und Scheidung, und aktuell die finanzielle Lage. Ein Tierheim könnte täglich 30 Pferde aufnehmen.
» Ein Tierheim für Pferde stabilisiert die Tiere erst körperlich und mental, mit Hufkorrektur, Zähnen und Impfschutz, bevor es sie vermittelt, mit sechs Monaten Probezeit.
» Der Paddock Trail als Haltung wirkt wie eine Therapie: Seit 15 Jahren kein Reheschub mehr auf dem Hof. Helfen kannst du mit Patenschaft, Spende oder Reichweite.
Was passiert, wenn das Telefon nicht mehr stillsteht, aber die Tröge leer bleiben? Im Rahmen der Podcasthon-Woche, dem weltweit größten Wohltätigkeits-Podcast-Event, das Bewusstsein für Wohltätigkeitsorganisationen schaffen will, habe ich Nina vom Klepperstall e.V. eingeladen, einem Tierheim für Pferde. Wir sprechen über die dunkle Seite der Pferdewelt: Täglich wollen Menschen hunderte Pferde abgeben, aus finanziellen Nöten, wegen persönlicher Schicksalsschläge oder weil das Pferd nicht mehr reitbar ist. Wer soll das tragen? Wie viel Geld braucht es? Wie geht man mit diesen Pferden um, und wie kannst du helfen? Das Thema Tierschutz im Pferdebereich bekommt zu wenig Aufmerksamkeit, und ich möchte meine Reichweite dafür nutzen. Wir waren übrigens beide für den Equestrian Creator Award in der Kategorie Purpose nominiert, das passte also zusammen.
Wie aus einem Pensionsstall ein Tierheim wurde
Die Idee, ein Tierheim für Pferde zu gründen, hatte Ninas Familie eigentlich nie. Sie kauften vor 15 Jahren eine landwirtschaftliche Immobilie, ursprünglich sollte ein Pensionsstall entstehen. Dabei blickten sie hinter die Kulissen der Pferdewelt und lernten die Kehrseite kennen. Also beschlossen sie, einen Tierschutzverein zu gründen und ein bisschen Tierschutz zu machen, ein, zwei Pferden zu helfen. Daraus ist ein Riesenprojekt geworden, das sie überrannt hat. Das musste mich schmunzeln lassen, denn 2017 dachte ich auch, ich mache ein paar Audios für meine Pferdebesitzer als Podcast. Die besten Projekte sind die, in die man hineinstolpert und mit denen man wachsen darf.
Gnadenhof, Tierheim oder Pferdeklappe: Wo liegt der Unterschied?
Bei Katzen und Hunden weiß jeder, wie das Tierheim funktioniert. Bei Pferden habe ich mich selbst gefragt, wo der Unterschied zwischen den drei Einrichtungen liegt. Nina erklärt es so: Auf einem Gnadenhof ziehen die Pferde ein und dürfen bis an ihr Lebensende bleiben, als Altersruhesitz oder Krankheitsruhesitz, eine Weitervermittlung findet in der Regel nicht statt. Die Pferdeklappe war ein anderes System: Eine Klappe, an der Tiere anonym abgegeben werden konnten, inzwischen nach Ninas Wissen geschlossen, weil es überhandnahm. Sie vermittelt sehr schnell weiter, im Prinzip ein Durchgangshof mit dem Ziel, das Pferd innerhalb kurzer Zeit in ein neues Zuhause zu bringen.
Ein Tierheim für Pferde wie der Klepperstall arbeitet dagegen wie ein Tierheim für Hunde oder Katzen. Die Pferde kommen an, vorausgesetzt, es ist Platz da, das ist das größte Problem, und bleiben erst einmal eine ganze Zeit. Bei Pferden sind viele versteckte Krankheiten unterwegs, die man vorher nicht kennt, etwa ein Spat. Dazu das Verhalten: Welcher Mensch passt zu diesem Pferd, was kann es leisten, woran hat es Spaß? Manche Pferde sind nach zwei, drei Monaten vermittelbar, andere bleiben ein, zwei Jahre, weil sie erst wieder zu normalen Pferden werden müssen, so geprägt sind sie vom bisherigen Leben. Mental gesund, körperlich gesund, Stabilität erlangt, das ist die Grundlage.
Warum Pferde im Tierheim landen
Nina ist da ganz ehrlich: Der Hauptgrund ist nicht reitbar. Sobald kein Nutzen mehr aus dem Pferd gezogen werden kann, ist es überflüssig, ganz böse gesagt. Das gilt nicht für alle Menschen, es gibt auch schlimme Schicksale, aber es ist der häufigste Grund. Auffällig ist die Quote bei Pferden über 20 Jahren. Und oft ist es eine Scheidung. Im Moment kommt ein vierter Grund dazu: Die finanzielle Lage. Das Telefon steht nicht still, der Klepperstall könnte täglich 30 Pferde aufnehmen.
Das mit den alten Pferden fühle ich sehr. Es klingt immer so schön, das Pferd bis zum Ende zu begleiten. Aber viele wollen reiten, und ein altes und ein junges Pferd sind finanziell nicht drin. Verkaufen funktioniert nicht, weil das alte Pferd nicht mehr geritten werden kann und die Betreuung mit Krankheiten teurer ist. Wir haben selbst zwei ältere Pferde in der Familie. Das Pferd meiner Schwester hat fast keine Zähne mehr: Heucobs besorgen, jeden Tag auflösen, stundenlang füttern, und einen Stall finden, der ein Pferd aufnimmt, das zugefüttert werden muss und wegen Arthrose und Lunge nicht in einer eingestreuten Box stehen soll. Das war der größte Schmerz. Die Fütterungssysteme im Offenstall sind nicht auf Heucobs ausgelegt, also wird händisch gefüttert. Das ist ein höherer finanzieller und zeitlicher Aufwand, den viele nicht leisten können oder wollen, während gleichzeitig der Sport wegfällt, für den sie das Hobby begonnen hatten. Was ein altes Pferd braucht, steht im Artikel Alte Pferde fit halten.
Dazu kommt: Pferde werden immer älter, weil die Medizin schneller eingreifen kann und die Pferdewelt bewusster geworden ist. Ethisch sind sie in der Regel keine Schlachtpferde mehr, das ist keine Option. Und dann die Wirtschaftslage. Es kursiert die Prognose, dass die Pferdewelt bis 2030 um ein Drittel schrumpft. Ich bin der Ansicht, wir werden kleiner werden. Und wohin dann mit all diesen Pferden?
Ohne Unterstützung: Wie sich ein Pferde-Tierheim finanziert
Wegen der finanziellen Lage hat der Klepperstall deutlich reduziert: Rund 30 Pferde am Hof plus Pflegestellen, insgesamt etwa 50. Im Jahr davor waren es 100 Pferde im Eigentum. Da ist eine Grenze erreicht. Im Tierschutz ist es nach wie vor schwierig, Gelder zu bekommen, und gerade bei Pferden gibt es keinerlei Unterstützung von offizieller Seite, alles ist Eigeninitiative. Nina kritisiert das deutlich: Wer in der Pferdewelt groß ist, ob Organisation oder Firma, könnte im Tierschutz viel mehr tun. Ich kann das nur unterstreichen. Influencer werden mit Produktzusendungen überhäuft, dem Tierheim ist das noch nie passiert.
So kannst du helfen
Mit Geld kann das Tierheim am meisten tun, das sagt Nina offen. Sachspenden und Futterspenden sind willkommen, gut erhaltene Sachen gehen in den Second-Hand-Laden am Hof, dessen Einnahmen wieder den Tieren zugutekommen. Aber den Tierarzt kann man weder mit einem Halfter noch mit einer gespendeten Decke bezahlen. Am besten helfen Patenschaften und Mitgliedschaften, die langfristig und monatlich unterstützen, oder Futter und Heu, die größten Kostenpunkte. Eine Patenschaft geht ab fünf Euro im Jahr los, ohne Vertragslaufzeit und jederzeit kündbar, damit jeder die Möglichkeit hat, auch die Nachbarin mit der kleinen Rente, die dann ihr Patenpony auf dem Hof hat. Zur Einordnung: Ein Pferd kostet im Schnitt rund 200 Euro im Monat, wenn alles gut läuft, ohne Spezialbeschlag und Spezialfutter, aber inklusive Entwurmung und Impfung. Ich habe in der Folge spontan entschieden, dass Kernkompetenz Pferd eine Patenschaft in dieser Höhe übernimmt. Tu Gutes und sprich darüber. Wer keinen finanziellen Spielraum hat, hilft mit Aufmerksamkeit: Den Podcast teilen, dem Klepperstall auf Instagram folgen, über das Thema sprechen. Reichweite ist heute ein wertvolles Gut.
Haltung als Therapie: Der Paddock Trail des Klepperstalls
Wer bei Tierheim an einen kleinen Raum mit 30 Katzen denkt, liegt hier falsch. Die Anlage ist ein Traum für die Pferde, und ich bin ein großer Paddock-Trail-Fan. Der Klepperstall will mit gutem Vorbild vorangehen und hat alle Varianten am Hof: Boxen, Offenstall, Paddock und den Paddock Trail, angepasst an jedes Pferd. Weide gibt es, soweit möglich, nicht mehr, nur eine karge Kräutersaat, damit auch die Rehepferde und die stoffwechselkranken Pferde mit den anderen in der Herde laufen können. Im Sommer sind die Pferde 24 Stunden draußen, im Winter müssen sie inzwischen hereingeholt werden, weil die Böden es nicht schaffen. Vom Heu zum Wasser legen sie einen Kilometer zurück, dazu Mineralbar, Kratzbürsten, eine Totholzecke und Kletterhügel hinten auf dem Trail. Die Pferde lieben es.
Ein Phänomen, das Nina beschreibt: Die Rehepferde therapieren sich fast von selbst. Sie kommen an, die Leute wissen seit Jahren nicht weiter, nichts funktioniert. Der Klepperstall verändert eigentlich nichts, außer dass eine gute Hufbearbeitung stattfindet und die Pferde auf dem Trail laufen dürfen. Seitdem, in 15 Jahren, hat der Hof keinen Reheschub mehr produziert. Das zeigt, dass diese Haltung das Bestmögliche ist, was man Pferden bieten kann. Auch Pferde aus reiner Boxenhaltung blühen auf: Ein 14-Jähriger, der in seine Papiere hineingeboren wurde und dessen Weg nicht so lief wie geplant, kannte nur die Box. Jetzt leuchten die Augen, er buckelt, rennt und spielt mit seinen Artgenossen. Wie ein Paddock Trail funktioniert und was Hufrehe mit Haltung zu tun hat, liest du in den verlinkten Artikeln.
Nicht jedes Pferd kommt im Offenstall zurecht
Das muss man auch einsehen, sagt Nina: Es gibt Pferde, die es nicht mehr schaffen, zurück in ein normales Pferdeleben zu kommen. Die brauchen die Struktur, ihre Box, ihren Rückzugsbereich, und der Klepperstall bringt sie in Pflegestellen unter. Meine bittere Erfahrung ist dieselbe. Ich sage immer: Das Pferd ist per se für den Offenstall geeignet, aber es braucht den passenden Offenstall und vor allem die passende Herde. Manche Pferde haben nie gelernt, mit anderen Pferden zu sprechen, und eine Integration würde ein Jahr oder länger dauern. Das kann keiner leisten, und es ist für alle gefährlich. Andere sind körperlich so kaputt, dass die Mehrbewegung nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig sind das viel weniger Fälle, als die Leute sich einreden. Viele trauen sich nicht, es auszuprobieren, oder geben zu schnell auf, weil sie selbst so nervös sind. Und oft gibt es den passenden Offenstall in der Nähe schlicht nicht. Wenn sich jemand traut umzubauen, kommt dann manchmal keiner, weil die Leute sich doch nicht trauen, obwohl sie es sich so lange gewünscht haben.
Ein Pferd adoptieren: So läuft die Vermittlung
Ja, man kann beim Klepperstall ein Pferd bekommen, und die Vermittlung ist sehr erfolgreich. Der Weg ist bewusst anders als ein Verkaufsinserat: Die Pferde werden nicht inseriert, auch nicht auf der Homepage. Die Erfahrung war, dass Menschen zu viele Kompromisse eingehen, wenn sie ein Pferd sehen, das eigentlich nicht ihrer Vorstellung entspricht. Stattdessen meldet man sich und sagt, was man sucht, was das Pferd machen soll, welche Aufgaben es erfüllen soll und wie die Haltung im neuen Zuhause aussieht. Dann schaut das Tierheim, ob ein passendes Pferd da ist. Man kommt, lernt das Pferd kennen, so oft und so lange man möchte, das Pferd wird bei ernstem Interesse reserviert. Es folgt eine Platzkontrolle, persönlich oder per Videotelefonie, denn vermittelt wird bis nach Schweden.
Und dann die Neuerung, die ich sehr feiere: Das Pferd geht zunächst sechs Monate auf Probe. Das Tierheim bleibt in dieser Zeit Eigentümer, und die neue Besitzerin kann entspannt und ohne Druck prüfen, ob die Konstellation im Alltag passt. Früher kamen Pferde zurück, weil die Herde oder die Haltung doch nicht harmonierte. Seit der Probezeit kommt tatsächlich kein Pferd mehr zurück, weil die Leute sich mehr Zeit nehmen, die Pferde zu integrieren und kennenzulernen. Manche rufen nach einem Monat an und sagen, das Pferd geht hier auf keinen Fall mehr weg, dann wird das Eigentum übertragen. Sehr durchdacht, sehr strukturiert, gewachsen aus Erfahrungen, was schiefgegangen ist. Wer ein Pferd aus dem Tierschutz übernimmt, sollte zudem wissen, wie er Verhaltensauffälligkeiten deutet und einen Gesundheitscheck macht.
Den Scheinwerfer auf die dunkle Seite richten
Es gibt dunkle Seiten in der Pferdewelt, und sie werden gerade nicht kleiner. Neben den lauten Skandalen, Profireiter, die Pferde schlagen, oder Reiten auf blanken Schlaufzügeln, bekommt dieses Thema keine Bühne: Pferde werden aus persönlichen, privaten und finanziellen Gründen oder wegen Reituntauglichkeit massenhaft abgegeben. Das ist kein viraler Post und keine Schlagzeile. Ich glaube, da dürfen wir den Scheinwerfer drauflegen, so unangenehm es ist. Wenn du eine Patenschaft oder eine Sachspende übernehmen kannst, findest du den Klepperstall e.V. online und auf Instagram. Und wenn nicht: Teile diese Folge. Aufmerksamkeit hilft auch. Wie die perfekte Pferdehaltung aus tiermedizinischer Sicht aussieht, liest du im Artikel Gibt es die perfekte Pferdehaltung?.







