Grundlage dieses Artikels ist ein Podcast-Gespräch von Dr. Veronika Klein als Gast bei der Ernährungsberaterin Isabel Knaus im Podcast „Heu, Hafer & Co.“. Wir haben die Inhalte für den Blog verschriftlicht und fachlich eingeordnet.
Das Wichtigste in Kürze
» Muskeln lassen sich nicht anfüttern. Muskulatur wächst nur durch Training mit einem echten Trainingsreiz.
» Bewegung, Ausbildung und Training sind drei verschiedene Dinge. Die meisten Pferde werden viel bewegt, aber selten trainiert.
» Der Muskel wächst am Pausentag, nicht in der Einheit. Regeneration, Schlaf und Fütterung entscheiden mit.
„Kann man beim Pferd Muskeln anfüttern?" Diese Frage begegnet in der Praxis ständig, meist verbunden mit der Hoffnung auf ein Pulver oder eine Spritze, die aus einem schwach bemuskelten Pferd ein rundes, kräftiges macht. Die ehrliche Antwort ist unbequem und befreiend zugleich: Nein, Muskeln lassen sich nicht anfüttern. Muskulatur wächst durch Training, genauer durch den richtigen Trainingsreiz zur richtigen Zeit. Fütterung kann diesen Prozess unterstützen, ersetzen kann sie ihn nicht.
Mein Motto dazu lautet: train dirty, eat clean. Zuerst kommen die Hausaufgaben, also Training, Haltung und eine durchdachte Ration. Erst danach lohnt sich der Blick auf Zusätze. Wer diese Reihenfolge umdreht und mit dem Pflaster beginnt, während das Fundament fehlt, verbrennt in aller Regel nur Geld und riskiert Nebenwirkungen.
Warum man Muskeln nicht anfüttern kann
Ein Muskel wächst, wenn er einen Grund dazu bekommt. Dieser Grund heißt in der Trainingslehre überschwelliger Reiz. Der Körper muss aus seiner Komfortzone heraus, er muss merken: Hier hat meine Kraft nicht ganz gereicht. Genau darauf reagiert er, indem er sich anpasst und beim nächsten Mal ein wenig kräftiger ist. Ohne diesen Reiz gibt es keinen Anlass für den Körper, Muskulatur aufzubauen, egal wie hochwertig gefüttert wird.
Ein Zusatzfutter oder eine Spritze kann höchstens sicherstellen, dass dem Körper die Bausteine nicht fehlen. Es kann aber niemals den Reiz ersetzen, der den Bau überhaupt erst auslöst. Deshalb ist die Vorstellung, Muskeln über das Futter aufzubauen, ein Denkfehler. Das Futter liefert das Material, das Training gibt den Auftrag.
Bewegung, Ausbildung und Training sind nicht dasselbe
Ein großer Teil der Verwirrung entsteht, weil wir das Wort Training für fast alles benutzen. Dabei lohnt es sich, drei Dinge sauber zu trennen, die im Alltag ständig durcheinandergeworfen werden.
- Ausbildung bedeutet, dem Pferd etwas beizubringen. Wie gebe ich die Hilfe zum Rückwärtsrichten, wie setze ich eine Galopphilfe. Hier lernt das Pferd, mental wie koordinativ.
- Bewegung ist alles, was das Pferd in Gang hält, ohne es gezielt zu fordern. Ein lockerer Spaziergang, das Herumlaufen in der Herde, eine ruhige Runde.
- Training im engeren Sinn heißt, einen überschwelligen Reiz zu setzen, damit sich der Körper anpasst. Nur das baut Muskulatur auf.
Das Bild, das diese Unterscheidung am besten erklärt, ist ein Kind. Krabbeln und dann laufen zu lernen, das ist die Ausbildung. Danach folgen Routine und Sicherheit, das Kind kann irgendwann rennen. Und erst viel später, mit ganz anderem Körper, wäre es reif für ein Marathontraining. Wer beim dreijährigen Pferd, das gerade erst in der Ausbildung steht, schon mit hartem Krafttraining beginnt, überspringt Stufen und handelt sich körperliche Probleme ein.
Die große Überraschung bei fast allen Pferdemenschen, die einmal anfangen genau hinzuschauen, ist dieselbe: Sie bewegen ihr Pferd viel, aber sie trainieren es selten. Wir können etwas nur trainieren, das das Pferd bereits kann. Der Galoppablauf oder die Lektion muss sitzen, bevor ich sie ins körperliche Training nehme. Wie sich Ausbildung, Bewegung und Training zu einem sinnvollen Plan zusammenfügen, zeigt der Trainingsplan für Freizeitpferde im Detail.
Das Drei-Stufen-Modell: erst Stabilität, dann Kraft
Bevor überhaupt die Frage nach Muskelaufbau sinnvoll ist, gehört ein Blick auf die Stufe, auf der dein Pferd gerade steht. Denn Training baut sich in drei Stufen auf, und jede hat ihre Aufgabe.
In der ersten Stufe bereiten wir die Gewebe auf Belastung vor. Faszien, Knochen und vor allem Sehnen brauchen deutlich länger als Muskeln, um stabil zu werden. Krafttraining ist hier ausdrücklich noch nicht dran, im Gegenteil: Wir wollen an dieser Stelle gar nicht viel Muskelmasse, weil kräftige Muskeln an noch nicht gefestigten Sehnen ziehen und diese schwächen würden.
In der zweiten Stufe folgen Grundlagenausdauer und Kraftausdauer, um den Rumpftrageapparat zu stabilisieren. Und erst in der dritten Stufe kommt das eigentliche, spezielle Krafttraining. Diese Reihenfolge ist kein Selbstzweck. Sie schützt die Strukturen, die das spätere Kraftplus überhaupt erst tragen müssen.
Warum aufgemuskelte Jungpferde ein Warnsignal sind
Wir sind daran gewöhnt, schöne, runde, fertig aussehende Pferde zu sehen, im schlimmsten Fall schon dreijährig. Daraus ist ein gefährlicher Trugschluss entstanden, nämlich dass ein aufgemuskeltes Pferd automatisch ein gut trainiertes und gesundes Pferd sei. Ein früh stark bemuskelter Drei- oder Vierjähriger ist aus meiner Sicht aber kein gesundes, sondern ein übertrainiertes Pferd. Ein starker Muskel zieht an Ursprungs- und Ansatzsehne. Sind diese Sehnen vorher nicht stabilisiert worden, werden sie durch die kräftige Muskulatur dauerhaft belastet und geschädigt. Was von außen imposant wirkt, kann innen ein Schaden in Entstehung sein.
Der Pausentag: hier wächst der Muskel
Ein Satz, der viele überrascht: Der Muskel wächst nicht in der Trainingseinheit, sondern in der Pause danach. Wenn ich einen überschwelligen Reiz gesetzt habe, hat der Muskel Energie verbraucht. In der Regenerationszeit füllt er diese Reserven nicht nur wieder auf, er legt eine Schippe drauf, um beim nächsten Mal besser gewappnet zu sein. Dieses Prinzip heißt Superkompensation, und dafür braucht der Körper Zeit.
Deshalb ist der Ruhetag kein Luxus, sondern medizinisch der eigentliche Bauabschnitt. Ich nenne ihn lieber aktiven Ruhetag als Pausentag, weil Pause zu oft mit Stillstand verwechselt wird. Ein Stehtag, an dem das Pferd in der Box steht, wäre ein absolutes No-Go. Der aktive Ruhetag kann ein Schrittspaziergang sein, eine lockere Longeneinheit oder ein kleiner Ausritt. Wie viel Ruhe nötig ist, hängt davon ab, wie stark der Reiz am Vortag war. Ein leichter Reiz braucht kürzere Regeneration, ein sehr intensives Training entsprechend länger. Als grober Daumenwert gelten für Muskelgewebe etwa 48 Stunden.
Wie so ein Ruhetag konkret aussieht, ist sehr individuell. Für ein Pferd mit Asthma sieht er anders aus als für ein Vielseitigkeitspferd, das gewohnt ist, fünfmal die Woche zehn Minuten am Stück zu galoppieren, und wieder anders für den 25-jährigen Rentner. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie hoch war der Reiz am Vortag, und was für ein Pferd habe ich überhaupt vor mir, wie gut trainiert ist es und wie effizient arbeitet sein Stoffwechsel? Aus den Antworten ergibt sich, ob heute ein ruhiger Spaziergang, eine lockere Longeneinheit oder ein kleiner Ausritt das Richtige ist. Wichtig ist nur das eine Prinzip: Bewegung ja, Stillstand in der Box nein.
Wenn perfektes Training trotzdem nichts bringt
Jetzt kommt der Punkt, der oft übersehen wird. Du kannst vorne perfekt trainiert und den idealen Reiz gesetzt haben. Wenn die Regeneration danach nicht funktioniert, bleibt der Muskelaufbau trotzdem aus. Und die Ursache liegt dann gar nicht im Training selbst.
Schläft das Pferd ausreichend, und kommt es dabei überhaupt in die Tiefschlafphase, oder steht es die meiste Zeit? Hat es Stress in der Herde? Leidet es unter chronischen Schmerzen oder einem Magengeschwür? All das hemmt die Regeneration und damit den Aufbau. Gerade Magengeschwüre sind hier ein häufiger, unterschätzter Bremsklotz, mehr dazu im Artikel über Magenprobleme beim Pferd. Wer Muskelaufbau will, muss also nicht nur ans Training denken, sondern an das ganze System aus Schlaf, sozialem Umfeld und Gesundheit.









