Das Wichtigste in Kürze
» Tensegrales Training betrachtet den Pferdekörper als verbundenes Spannungsnetzwerk aus Muskeln, Faszien, Sehnen und Knochen statt als Sammlung von Einzelteilen.
» Die Methode identifiziert und löst Blockaden, bevor das eigentliche Training beginnt, und schließt so die Lücke zwischen Therapie und Training.
» Tensegrales Training ist kein Allheilmittel: Bei Schmerzen und unklaren Problemen bleibt die tierärztliche Diagnostik die Grundlage jeder Entscheidung.
Tensegrität beschreibt ein Bauprinzip, bei dem feste und elastische Elemente so zusammenspielen, dass eine Struktur gleichzeitig stabil und flexibel ist. Genau dieses Konzept überträgt das tensegrale Pferdetraining auf den Pferdekörper: Muskeln, Faszien, Sehnen und Knochen bilden ein zusammenhängendes Spannungsnetzwerk, in dem jede Veränderung an einer Stelle auf den gesamten Körper wirkt. Kaum eine Trainingsmethode sorgt in der Pferdewelt aktuell für so viel Gesprächsstoff: Für die einen ist sie ein revolutionärer Ansatz, für die anderen ein kurzlebiger Trend. Zwischen Lobeshymnen und Skepsis fällt es schwer, sich ein objektives Bild zu machen.
Auch ich wurde immer wieder gefragt: „Was hältst du vom tensegralen Training?" Meine Antwort war lange dieselbe: Ich bilde mir erst eine Meinung, wenn ich etwas selbst erlebt und verstanden habe. Deshalb habe ich selbst eine Ausbildung im tensegralen Training absolviert. Für die Podcast-Folge zu diesem Artikel habe ich außerdem mit Anna Jantscher gesprochen, Expertin für tensegrales Training, bekannt von Herz- und Hirnpferdetraining. Kurz vor dem Abschluss meiner Ausbildung teile ich hier meine Erfahrungen, meine Erkenntnisse und auch meine kritische Auseinandersetzung mit der Methode.
Was ist tensegrales Pferdetraining?
Der Begriff „tensegral" stammt ursprünglich aus der Architektur. Er beschreibt Konstruktionen, in denen sich feste Stäbe und elastische Zugelemente gegenseitig stabilisieren. Das Ergebnis ist ein Gefüge, das Belastungen abfedern kann, ohne seine Form zu verlieren: stabil und beweglich zugleich. Übertragen auf die Anatomie des Pferdes bedeutet das einen Perspektivwechsel. Wir betrachten den Körper nicht mehr als Ansammlung einzelner Muskeln, Gelenke und Knochen, sondern als komplexes, biotensegrales Netzwerk, in dem alles miteinander verbunden ist.
Die praktische Konsequenz: Jede Mobilisierung, jede Berührung und jede Veränderung an einer Stelle wirkt sich auf den gesamten Pferdekörper aus. Eine Verspannung in der Schulter beeinflusst die Hinterhand, eine Blockade im Rücken verändert die Kopfhaltung. Wer nur das Symptom an einer Stelle behandelt, übersieht das Netzwerk dahinter. Wie sich solche Verspannungen körperlich äußern, habe ich im Artikel über Muskelverspannungen beim Pferd ausführlich beschrieben.
Was das Training anders macht
Tensegrales Training setzt nicht beim eigentlichen Reiten oder der Bodenarbeit an, sondern eine Ebene früher: bei den fundamentalen Voraussetzungen für gesunde Bewegungsfreude. Es geht darum, die natürliche Tragfähigkeit des Pferdes zu stärken, die Körperspannung zu optimieren und eine korrekte Reaktion auf Druck zu etablieren. Viele Übungen wirken auf den ersten Blick vertraut, denn sie ähneln Elementen aus anderen Reitweisen und Trainingsansätzen.
Der entscheidende Unterschied liegt im Fokus: Zuerst wird der individuelle Pferdekörper analysiert. Wo sitzen Blockaden? Wo weicht das Pferd aus? Erst wenn diese Baustellen identifiziert und gelöst sind, beginnt das eigentliche Training, egal ob Dressur, Springen, Western oder Freiarbeit. Die Methode ist also keine eigene Reitweise, sondern ein vorgeschaltetes Fundament für jede Disziplin.
Zwischen Therapie und Training: meine Perspektive als Fachtierärztin
Für mich persönlich waren die tensegralen Übungen ein Schlüsselerlebnis, weil sie eine Lücke schließen, die mich als Therapeutin lange beschäftigt hat. Als Tierärztin und Chiropraktikerin ist es meine Aufgabe, Verspannungen aufzulösen und Blockaden zu beseitigen, damit das Pferd die körperlichen Voraussetzungen für die gewünschte Aktivität erfüllt, sei es Reiten, Fahren oder Bodenarbeit.
Aber meine Behandlungen sind punktuell. Was passiert zwischen den Terminen? Wie kann der Pferdebesitzer selbst aktiv dazu beitragen, dass die Behandlung nachwirkt und sich der Körper langfristig verbessert? Genau hier setzt das tensegrale Training an. Es gibt dir als Pferdemensch Werkzeuge an die Hand, mit denen du die Lösungsarbeit in die tägliche Bewegung integrierst. Aus einer punktuellen Therapie wird so ein kontinuierlicher Prozess, den du selbst gestaltest.
Tensegrales Training beim Pferd: Übungen und Prinzipien
Die konkreten Übungen lernst du am besten unter Anleitung, denn sie werden immer an den individuellen Pferdekörper angepasst. Die Prinzipien dahinter lassen sich aber gut beschreiben, und sie zeigen, wie sich tensegrales Training im Alltag anfühlt:
- Beobachten vor Bewegen: Am Anfang steht die Analyse. Wie steht dein Pferd? Wie verteilt es sein Gewicht? Wie bewegt es sich ohne Einwirkung? Erst aus diesem Bild ergeben sich die passenden Übungen.
- Korrekte Reaktion auf Druck: Das Pferd lernt, auf feine Signale weich zu antworten, statt sich dagegen zu verspannen. Diese Grundlage zieht sich durch alle weiteren Übungen.
- Körperspannung optimieren: Ziel ist weder ein schlaffes noch ein dauerhaft angespanntes Pferd, sondern eine elastische Grundspannung, aus der heraus Bewegung leicht wird.
- Blockaden lösen statt überdecken: Statt mehr Tempo oder mehr Wiederholungen wird an der Stelle gearbeitet, an der die Bewegung stockt.
- Integration in den Alltag: Die Lösungsarbeit gehört nicht in eine isolierte Trainingseinheit, sondern in die tägliche Bewegung, vom Führen bis zum Aufwärmen.
Wichtig zu verstehen: Es geht nicht darum, möglichst viele neue Übungen zu sammeln. Es geht darum, mit wenigen, bewusst ausgeführten Elementen die Voraussetzungen zu schaffen, damit dein Pferd jede andere Arbeit gesünder ausführen kann.
Dein Pferd ist dein verlässlichster Kompass
Woran erkennst du, ob du auf dem richtigen Weg bist? Die Antwort ist einfach: Beobachte dein Pferd und sein Bewegungsmuster. Es ist der ehrlichste Indikator für deinen Erfolg. Achte auf subtile Veränderungen: Wirkt dein Pferd entspannter? Wird der Blick weicher? Verändert sich die Haltung der Ohren? Entspannen sich die Nüstern? Atmet es ruhiger und tiefer?
Ein praktischer Tipp: Filme dich beim Training und analysiere die Aufnahmen später in Ruhe. Oft fühlt sich die eigene Körperwahrnehmung anders an, als die Bewegung von außen aussieht. Wie du systematisch hinschaust, zeigt dir auch die Ganganalyse mit drei einfachen Beobachtungspunkten.
Genauso wichtig sind die Warnsignale. Verspannt sich dein Pferd? Legt es die Ohren an? Schnappt es nach dir? Weicht es aus? Solche Reaktionen zeigen dir deutlich, dass du etwas verändern musst. Und nicht zuletzt: Reflektiere deine eigene innere Haltung. Bist du entspannt, konzentriert und positiv gestimmt, oder gestresst und voller Erwartungen? Dein Pferd spürt deine Emotionen und reagiert darauf.
Wann kann die Muskulatur deines Pferdes dich wieder tragen?
Die Frage „Wann kann ich wieder reiten?" lässt sich nicht pauschal beantworten. Eine Grenze ist aber absolut: Schmerzen sind ein Ausschlusskriterium. Wenn dein Pferd im Stand oder in der Bewegung Schmerzen zeigt, solltest du dich auf keinen Fall in den Sattel setzen.
In anderen Fällen kann das Reiten, angepasst an die individuellen Bedürfnisse deines Pferdes, sogar förderlich sein und Tragfähigkeit und Stabilität verbessern. Beobachte dein Pferd genau, achte auf seine Signale und respektiere seine Grenzen. Und erlaube dir auch diesen Gedanken: Nicht jedes Pferd muss geritten werden. Manchmal ist weniger mehr. Finde gemeinsam mit deinem Pferd die Balance zwischen Bewegung, effektivem Training und Ruhe.
Kritik am tensegralen Training: die Schattenseiten
Trotz aller Vorteile birgt die Methode Herausforderungen, über die zu selten gesprochen wird. Die erste betrifft die Pferdemenschen selbst: Manche verlieren sich in den Details, entwickeln Schuldgefühle und zweifeln plötzlich an allem, was sie bisher mit ihrem Pferd gemacht haben. Wichtig ist, die Leichtigkeit und die Freude am Umgang mit dem Pferd nicht zu verlieren. Integriere das Gelernte in dein Training, aber verliere dich nicht in Perfektionismus. Dein Pferd ist ein Lebewesen, keine Maschine.
Die zweite Herausforderung ist die Komplexität des Systems. Wer biotensegrale Zusammenhänge verstehen will, braucht anatomisches Grundwissen und die Fähigkeit, feine Signale des Pferdekörpers zu deuten. Professionelle Begleitung durch erfahrene Trainerinnen und Trainer ist deshalb unerlässlich.
Und schließlich wird tensegrales Training manchmal als Allheilmittel dargestellt. Das ist es definitiv nicht. Es kann viele Probleme lösen, aber eben nicht alle. Eine gründliche Diagnostik durch den Tierarzt ist und bleibt die Basis für ein gesundes und leistungsfähiges Pferd. Erst wenn medizinische Ursachen ausgeschlossen oder behandelt sind, entfaltet das Training seine Stärken.
Mein Fazit: Werkzeug statt Wundermittel
Tensegrales Training ist kein Wundermittel, sondern ein wertvolles Werkzeug, um die Gesundheit und das Wohlbefinden deines Pferdes zu fördern. Es ermöglicht dir, die Zusammenhänge im Pferdekörper besser zu verstehen und dein Training individuell anzupassen. Beobachte dein Pferd genau, lass dich von erfahrenen Trainern begleiten und habe realistische Erwartungen. Es geht nicht um Perfektion, sondern um ein harmonisches Miteinander, das euch beiden Freude bereitet, die Beweglichkeit deines Pferdes fördert und eure Bindung stärkt.
Warum diese Methode für mich auch ein Beispiel dafür ist, wie die Pferdewelt alte Dogmen hinterfragt, liest du im Gespräch mit der Tensegral-Ausbilderin Birte Ewaldsen: 25 Jahre bis zur Praxis: Tensegrales Training bricht Dogmen.







