Das Wichtigste in Kürze
» Das Aufbautraining folgt immer einem festen 3-Stufen-Plan, der mit der Vorbereitung der Gewebe beginnt und erst danach in Ausdauer und Sport übergeht.
» Sechs bis acht Wochen Schrittarbeit ohne Reiter richten die Sehnenfasern aus und legen die stabile Basis für alles, was danach kommt.
» Krafttraining wie Springen, Cavalettis oder Versammlung gehört in den ersten drei bis vier Monaten klar zu den No-Gos.
Diese Folge gehört zu unseren Gold-Folgen — den Episoden, die in der Praxis besonders viele Pferdemenschen weitergebracht haben und die wir deshalb gerne immer wieder hervorholen. Schön, dass du dabei bist.
Du hast ein junges Pferd, kommst aus der Sommerpause, planst die Winterpause auszuleiten oder dein Pferd hatte eine längere Boxenruhe wegen einer Verletzung? Und jetzt soll es wieder losgehen mit dem Training. Erst einmal: juhu! Die Freude ist groß — und kurz darauf kommen die Fragen. Wie steigere ich die Belastung? Wie halte ich die Balance zwischen Reiz und Erholung? Wie verbessere ich konkret die Ausdauer, wenn mein Pferd schnell aus der Puste ist? Reicht mein kleiner Reitplatz überhaupt? Wie lange darf eine Trainingseinheit sein, wann ist es zu viel, wann zu wenig?
Genau diese Fragen begegnen mir in der Praxis täglich — und genau deshalb schauen wir uns hier sehr ausführlich an, wie die ersten drei Monate im Aufbautraining wirklich aussehen sollten. Am Ende soll ein ausgeglichenes, zufriedenes und vor allem gesundes Pferd stehen. Das Ziel ist meistens klar, der strukturierte Plan dahin fehlt aber. Und auch die Motivation lässt nach meiner Erfahrung schnell nach — ein bisschen wie beim guten Neujahrsvorsatz. Damit dir das nicht passiert, gehen wir Schritt für Schritt durch.
Was ist eigentlich Training — und was nur Bewegung?
Bevor wir loslegen, müssen wir kurz aufräumen, denn hier fängt es meistens schon an. Sehr grob gilt: Alles unter etwa 40 % körperlicher Auslastung ist Bewegung. Alles ab grob 50 % körperlicher Auslastung wandert in den Bereich Training. Das klingt nach einer trockenen Definition, ist aber praktisch enorm wichtig — weil dieselbe Aktivität für das eine Pferd Bewegung und für das andere harte Trainingsarbeit ist.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis: „Ich gehe mit meinem Pferd 45 Minuten Schritt und Trab im Gelände — ist das Training?" Antwort: Es kommt darauf an. Für ein Pferd direkt nach der Boxenruhe ist diese Einheit schon zu viel. Für ein Pferd, das vier- bis fünfmal pro Woche ein bis zwei Stunden in allen drei Gangarten auf L-Niveau gearbeitet wird, ist die Tour ein ruhiger Ausgleichstag. Und für ein Pferd mitten im Aufbautraining kann derselbe Ausritt der passende überschwellige Reiz sein. Ob etwas Training oder Bewegung ist, hängt also immer vom aktuellen Fitnesslevel deines Pferdes ab — und genau deshalb sollte ein Trainingsplan beides enthalten.
Denn ein Pferd wird besser, fitter und kräftiger nach einem festen Prinzip: erst kommt die Belastung, dann die Erholung, dann die Anpassung. Immer in dieser Reihenfolge. Wer den zweiten oder dritten Schritt weglässt, baut keinen Fortschritt auf, sondern Schäden. Die clevere Abwechslung zwischen Pause, Bewegung und Training erzeugt am Ende das, was wir alle wollen: mehr Ausdauer, eine tragfähige Muskulatur und ein insgesamt belastbares Pferd.
Der 3-Stufen-Plan im Aufbautraining
Egal, ob du Bodenarbeit, Distanzreiten, Kutsche fahren, Dressur, Working Equitation oder einfach gepflegtes Freizeitreiten anstrebst — jedes Aufbauprogramm folgt drei klaren Stufen, und zwar immer in derselben Reihenfolge:
- Stufe 1 — Vorbereitung der Gewebe. Sehnen, Bänder, Knochen und Faszien werden auf die kommende Belastung stabilisiert. Hier passiert noch nichts „Spektakuläres", aber alles, was später trägt, wird in dieser Phase aufgebaut.
- Stufe 2 — Grundlagen- und Kraftausdauer. Jetzt kommt der klassische Aerobik-Teil: Das Herz-Kreislauf-System wird trainiert, der Rumpfträger gezielt aufgebaut, das Pferd lernt wieder, über längere Zeit gleichmäßig zu arbeiten.
- Stufe 3 — Sport und spezielles Krafttraining. Erst hier sprechen wir wirklich von „Sport". Ausdauer wird ausgebaut, spezifische Kraft im Hinblick auf das Ziel (Dressur, Springen, Distanz, Working Equitation …) aufgebaut.
Wie weit du Stufe 3 ausbaust, entscheidet dein Ziel — Freizeitpferd oder Turnierpferd. Die Reihenfolge selbst ist aber nicht verhandelbar. Wer Stufe 1 überspringt oder zu kurz hält, zahlt das später mit Sehnenproblemen, Rückenproblemen oder einem Pferd, das immer wieder zwickt. In diesem Artikel kümmern wir uns um Stufe 1 und den Übergang in Stufe 2 — also die ersten drei Monate.
Stufe 1: Vorbereitung der Gewebe — die unterschätzten ersten 6 bis 8 Wochen
Bevor wir Sehnen, Bänder, Muskeln und Knochen belasten, müssen sie auf diese Belastung vorbereitet werden. Das gilt für Pferde nach Boxenruhe genauso wie für ein Jungpferd am Anfang seiner Karriere oder ein Pferd nach mehrwöchiger Pause aus anderen Gründen. Eine wichtige Zahl zum Mitnehmen: Der Muskelabbau startet bereits nach zehn Tagen Pause. Nach sechs bis zwölf Wochen ohne Training ist die Muskulatur praktisch komplett untrainiert — und du startest nicht „bei 80 %", sondern wirklich von ganz vorne.
Schritt 1: Ist-Zustand schriftlich festhalten
Bevor du den ersten Strick einklinkst, setz dich kurz hin und notiere möglichst detailliert:
- Wie lange war dein Pferd in Pause?
- Wo hat es in dieser Zeit gelebt — Box, Paddock, Offenstall, Weide?
- Wurde es trotzdem bewegt? Wenn ja, wie?
- Falls eine Erkrankung der Grund war: Wie lautet die genaue Diagnose?
- Welches Fitnesslevel hattest du vor der Pause?
- Welche Trainingsmöglichkeiten hast du jetzt (Reitplatz, Halle, Gelände, ebene Wege …)?
Die Diagnose ist nicht nebensächlich, sondern entscheidet maßgeblich über den Plan danach. Beispiel Hufrollensyndrom: War der Knochen, die tiefe Beugesehne oder der Schleimbeutel betroffen? Genau das verändert, welches Gewebe das schwächste Glied in der Kette ist — und an diesem schwächsten Glied orientiert sich der gesamte Wiedereinstieg.

Die strukturierte Bestandsaufnahme funktioniert am besten gemeinsam mit deinem Therapeuten oder deiner Tierärztin. Diese vier Augen sehen Asymmetrien, die du im Alltag längst nicht mehr wahrnimmst — und liefern eine ehrliche Ausgangsbasis für deinen Plan.
Schritt 2: Sechs bis acht Wochen Schritt — geführt, ohne Reiter
Jetzt heißt es: Wanderschuhe an, und später gerne auch Joggingschuhe. Denn der eigentliche Startpunkt im Aufbautraining ist nicht das Aufsteigen, sondern das Schrittführen. Sehnen und Bänder brauchen Belastung, um ihre Fasern auszurichten — ungeordnet aufgebaute Sehnenstrukturen sind das Letzte, was du willst. Knochen wird unter dosierter Belastung dichter und stabiler. Und ganz nebenbei wird dein Pferd mental auf das vorbereitet, was kommt: draußen im Gelände prasseln Reize ein, das Pferd lernt wieder loszulassen, zu schnauben, sich zu orientieren.
Konkret bedeutet das:
- Gerne sehr lange Schritteinheiten — Zeit ist hier dein Verbündeter, nicht dein Gegner.
- Möglichst ebener, eher fester Boden. Tiefer Boden ist in dieser Phase Gift.
- Der Puls bleibt im aeroben Bereich — die Energiebereitstellung läuft mit ausreichend Sauerstoff, das Pferd „arbeitet ruhig durch".
- Sechs bis acht Wochen. Ja, das klingt lang. Schiebe diese Phase trotzdem konsequent vorneweg.
Auch bei einem ungerittenen Jungpferd würde ich diese Vorbereitung nicht überspringen, sondern es als Handpferd mit auf die Spaziergänge nehmen. Du bekommst ein Pferd, das sich draußen sicher bewegt, das Trittsicherheit aufbaut, das mental wächst — und das parallel die körperliche Basis legt, ohne dass jemand auf dem Rücken sitzt. Apropos Reitergewicht: Der Rumpfträger, also der Bauchmuskel- und Hüftbeugerkomplex, der die Wirbelsäule des Pferdes unter dem Reitergewicht stabilisiert, ist nach einer langen Pause ebenfalls abgebaut. Aufzusitzen, bevor dieser Muskelkomplex wieder trägt, ist unfair und im Wortsinn rückschrittlich.
Zum Ende der Schrittphase kannst du langsam kurze Trabreprisen einbauen — Laufschuhe an, mit dem Pferd im langsamen Reisetempo joggen gehen. Du sollst ja noch mitkommen, also Reiterfitness lässt grüßen. Was viele unterschätzen: Das ist auch ein Kondi-Programm für den Mensch.
Sonderfall: Aufbau nach Arthrose, Fesselträgerschaden oder Kolik-OP
Wenn dein Pferd vor der Pause krank war, gilt eine ganz einfache Regel: Das schwächste Glied bestimmt das Tempo. Das gerade geheilte Gewebe — sei es eine Sehne, ein Band, eine Bauchnaht nach Kolik-OP, ein Gelenk mit Arthrose — ist nach Abschluss der akuten Heilung noch lange nicht voll belastbar. Daran orientieren sich die Pausentage zwischen den Einheiten, die zulässigen Bodenverhältnisse, die Streckenlänge zum Start und das Tempo der Steigerung.
Allen Pferden gemeinsam ist trotzdem: Die ersten sechs bis acht Wochen sind Schritt, ohne Reiter. Bist du dir bei einer Steigerung unsicher — etwa, ob die Sehne den nächsten Schritt mitmacht oder die Bauchnaht stabil genug ist —, lass deinen Tierarzt einen Kontrollultraschall machen. Bildgebende Diagnostik gibt dir und ihm Sicherheit, ob das vorher kaputte Gewebe den nächsten Reiz tragen kann. Das ist kein Luxus, sondern Pflicht. Wer in dieser Phase einen Aufbau-Fehler macht, verlängert die Reha um Monate. Wenn dich das Thema vertieft interessiert, lies dir gerne meinen Beitrag zu den drei größten Aufbau-Fehlern beim Sehnenschaden durch — da bringe ich an konkreten Fällen auf den Punkt, wo es typischerweise schiefläuft.
Wenn du die Schritttouren steigerst, kannst du das auf mehrere Kilometer und mehrere Stunden ausbauen — je nachdem, wie viel Zeit du hast. Mein Tipp: Geh lieber zweimal die Woche eine richtig lange Tour als jeden Tag nur zweimal zehn Minuten. Ein Pferd, das viel Schritt geht, ist mental deutlich ausgeglichener als eines, das in Mini-Häppchen abgespult wird. Und: Variiere das Tempo. Erst gemütliches Bummeln, dann flotter Schritt, am Ende echtes strammes Marschieren. Das fordert Muskeln und Kreislauf unterschiedlich — und genau diese Variation will dein Pferd.
Tracken statt schätzen — die App ist dein Trainingstagebuch
Nutze für deine Schritttouren eine simple Wander- oder Fitness-App und tracke Strecke und Zeit. Wie viele Kilometer schaffst du in einer Stunde? Wird das von Woche zu Woche flotter oder dümpelt es auf demselben Schnitt? Diese Zahlen sind Gold wert. Wenn am Ende der Woche doch mal ein Bein warm oder dick wird, hast du eine schwarz auf weiß dokumentierte Vorgeschichte: Was war die letzte Tour? Wie lang? Wie schnell? Welcher Untergrund? Statt zu raten, was zu viel war, kannst du gezielt zurückblättern und korrigieren. Wer schreibt, der bleibt — und vor allem: wer schreibt, kann später vergleichen und Muster erkennen.









