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Darf man lahme Pferde reiten? Ein ehrlicher Blick

Pferdetraining
Dr. Veronika Klein
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Das Wichtigste in Kürze

» Schmerz ist das Ausschlusskriterium: Ein im Schritt lahmes Pferd wird nicht trainiert, sondern gehört in die tierärztliche Diagnostik.
» Ein Wiederbefundszeichen macht die Entscheidung ehrlich: ein messbares Zeichen wählen, verändern und prüfen, ob es besser oder schlechter wird.
» Ein lahmes Pferd zu reiten gehört in Fachhand mit Egofreiheit, nicht in Laienhände, und online ausschließlich in lahmfreien Gangarten.

Wenige Fragen spalten die Pferdewelt so sehr wie diese: Darf man ein lahmes Pferd noch reiten oder trainieren? In den sozialen Medien wird daraus schnell ein Schlagabtausch aus Halbwahrheiten, in die eine oder die andere Richtung. Die ehrliche Antwort ist unbequem, weil sie nicht in einen Satz passt. Sie lautet: Es kommt darauf an, und es braucht sehr viel Expertise, um im Einzelfall richtig zu entscheiden. Genau darum geht es in diesem Artikel, entstanden aus einem Gespräch mit einer erfahrenen Ausbilderin aus dem tensegralen Training über die Grauzone zwischen Taktunreinheit und Lahmheit.

Wann ist ein Pferd zu lahm zum Reiten?

Es gibt eine Grenze, die nicht verhandelbar ist: Schmerz. Zeigt ein Pferd im Schritt eine Lahmheit, ist die Sache klar. Dann wird nicht trainiert, longiert oder geritten, dann gehört das Pferd in die tierärztliche Diagnostik. Darüber muss man nicht diskutieren.

Schwieriger wird es in der Grauzone davor. Ein Pferd, das nicht mehr ganz physiologisch läuft, ist ja noch nicht zwangsläufig lahm. Ist das, was wir sehen, eine Asymmetrie, mit der wir arbeiten können, um das Pferd gerader zu bekommen? Ist es eine Kompensationshaltung? Oder ist es eine deutliche Taktunreinheit, vielleicht sogar eine Zügellahmheit, bei der wir sagen müssen: Hier hört das Training auf. Diese Unterscheidung ist der Kern des Problems, und sie ist keine, die man von außen mit einem Blick trifft.

Ein hilfreiches Werkzeug an dieser Stelle ist das Reitpferd-Schmerz-Ethogramm nach Sue Dyson. Wer bei einem Pferd deutlich mehr als eine Handvoll der beschriebenen Anzeichen sieht, hat eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd Schmerzen hat. Welche 24 Verhaltensmerkmale dahinterstecken, liest du im Detail im Artikel zum Schmerz-Ethogramm beim Pferd. In so einem Fall ist die Entscheidung eindeutig: nicht weiterarbeiten.

Person dokumentiert das Verhalten eines Pferdes mit einem Ethogramm-Bogen, systematische Schmerz- und Verhaltensbeobachtung.“

„Der Tierarzt hat nichts gefunden": Warum das oft nicht reicht

Auf die Frage, ob eine Lahmheit abgeklärt sei, kommt sehr häufig die beruhigende Antwort: „Ja, der Tierarzt war schon dran, der hat nichts gefunden." Früher habe ich das so stehen lassen. Der Kollege wird schon wissen, was er tut. Heute bin ich deutlich skeptischer geworden, und ich frage bewusst provokativ nach: Was genau wurde denn gemacht?

In sehr vielen Fällen lautet die Antwort dann: Das Pferd wurde vorgetrabt, es gab keine manifeste Lahmheit, also weitermachen. Manchmal wurde noch ein Röntgenbild gemacht oder ein Ultraschall auf irgendeine Stelle gehalten. Das ist aber etwas völlig anderes als eine echte Lahmheitsdiagnostik. Denn selbst ein auffälliges Röntgenbild beweist ohne diagnostische Anästhesie nicht die klinische Relevanz. Erst wenn man den betroffenen Bereich anästhesiert und die Lahmheit daraufhin verschwindet, weiß man, dass der Befund tatsächlich die Ursache ist.

Zwischen „einmal vorgetrabt und ein Bild vom Sprunggelenk gemacht" und „in der Klinik durchuntersucht, geröntgt, geschallt, mit diagnostischen Anästhesien abgeklärt" liegen Welten. Beides wird im Alltag mit demselben Satz beschrieben: „Der ist abgeklärt." Deshalb reicht mir dieser Satz allein nicht mehr. Und selbst bei einer wirklich gründlichen Abklärung gilt: Auch wir übersehen Dinge, auch unsere Geräte können nicht in alles hineinschauen. Demut gehört zu diesem Thema dazu.

Wiederbefundszeichen: das Werkzeug für ehrliche Entscheidungen

Wenn die Grauzone so groß ist, wie trifft man dann überhaupt eine verantwortbare Entscheidung? Das wichtigste Werkzeug dafür heißt Wiederbefundszeichen. Die Idee ist einfach und ehrlich zugleich: Man wählt am vorgestellten Pferd ein klar erkennbares, wiederkehrendes Zeichen aus, verändert dann gezielt etwas, und schaut anschließend nüchtern, ob sich das Zeichen verbessert, gleich bleibt oder verschlechtert hat.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Pferd stolperte ständig, im Schritt wie im Trab, rund zehnmal in fünf Runden. Das war unser Wiederbefundszeichen, greifbar und zählbar. Nach einer halben Stunde gezielter Arbeit stolperte es nicht mehr. Genau das macht das Prinzip für Pferdemenschen so wertvoll: Es ist etwas Handfestes, an dem sich Veränderung objektiv festmachen lässt, statt an einem diffusen Bauchgefühl.

Welches Zeichen relevant ist, ist dabei völlig individuell. Es kann das Stolpern hinten sein, das Kopfdrehen nach links, eine bestimmte Taktunreinheit auf der Kreisbahn. Der entscheidende Punkt: Sobald das Wiederbefundszeichen nicht veränderbar ist, sich nicht verbessert oder sogar verschlechtert, gilt sofort Stopp und weitere tierärztliche Abklärung. Wer systematisch hinschauen lernen will, findet in der Ganganalyse mit drei einfachen Beobachtungspunkten einen guten Einstieg.

Egofreiheit gehört dazu

Ein Wiederbefundszeichen ist nur so gut wie die Ehrlichkeit dessen, der es beurteilt. Die größte Gefahr ist, guruhaft zu werden und zu glauben, man könne jedes lahme Pferd wieder gerade reiten. Genau das ist der Denkfehler. Zur nötigen Expertise gehört deshalb immer auch Egofreiheit: das Wissen darum, wann man aufhört. Manchmal gelingt es, ein austherapiertes Pferd wieder in ein schmerzfreies Leben zu begleiten, und dann wäre es schade gewesen, es allein wegen des Glaubenssatzes „lahme Pferde reitet man nicht" nicht zu versuchen. Genauso oft ist der Verzicht die richtige Entscheidung. Beides zu unterscheiden erfordert Erfahrung, Empathie und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.

Warum lahme Pferde in Fachhand gehören

Aus all dem folgt eine klare Grenze. Ein Besitzer würde bei seinem Pferd keine chiropraktische Manipulation selbst durchführen, das bliebe selbstverständlich in Fachhand. Genau dasselbe muss für das Arbeiten an der Grenze zur Lahmheit gelten. Ein lahmes Pferd zu reiten oder zu bewegen gehört in fachkundige Hände, die mit Wiederbefundszeichen arbeiten und jederzeit bereit sind, anzuerkennen, wenn andere Hilfe nötig wird.

Warum diese Vorsicht? Ein Beispiel zeigt es deutlich. Ein Pferd lief hinten nicht sauber, die Diagnostik wurde vom Besitzer abgelehnt, stattdessen kamen nacheinander verschiedene Therapeuten. Nach jeder Behandlung wurde es kurz besser, weil Verspannungen und Schmerzen gelöst wurden. Für viele klingt das nach Erfolg: „Es war nicht das Bein, es war der Rücken." Aber die Ursache blieb, es wurde weitergeritten, und am Ende stand ein zerstörter Fesselträger. Drei Monate waren ins Land gezogen, mehrere Therapeuten waren dran gewesen, und das Pferd war irgendwann einfach kaputt. Behandlung, die ein Bein-Problem kurzfristig überdeckt, kann so am Ende mehr schaden als nützen.

Online nur in lahmfreien Gangarten

Für die Arbeit auf Distanz, etwa in einem Online-Trainingskurs, gibt es deshalb eine kompromisslose Regel: Unterrichtet wird ausschließlich in lahmfreien Gangarten. Wer nicht vor Ort steht, kann nicht beurteilen, ob ein Pferd im Trab wegen eines Gewebeschadens lahmt oder wegen einer Kompensationshaltung. Diese Einschätzung ist zu riskant, um sie aus der Ferne zu treffen. Zeigt ein Pferd im Trab eine Lahmheit, muss vor Ort Unterstützung geholt und eine Diagnostik gemacht werden. In dieses Feld gehört kein Online-Training. Manche Dinge sehen aus der Nähe anders aus, als sie es aus der Distanz je könnten.

Mut zur Hässlichkeit: dem Pferd die Bewegung überlassen

Es gibt noch eine zweite, ganz andere Erkenntnis aus dem tensegralen Training, die weniger mit Lahmheit und mehr mit unserer Haltung als Reiter zu tun hat. Als klassisch ausgebildete Reiterin war mein erster Reflex, alles zu verwalten: Hier den Schenkel anders hinlegen, dort außen begrenzen, ständig ins Mikromanagement gehen. Das Pferd sollte sich in genau der einen Form bewegen, die sich für mich richtig anfühlt.

Der Perspektivwechsel bestand darin, dem Pferd stattdessen die Bewegungserfahrung selbst zu überlassen. Denk an ein Kind, das laufen lernt. Niemand würde ihm ein Laufkorsett anschnallen, damit es sofort aufrecht geht. Es wackelt, fällt hin, steht wieder auf und findet über all diese Erfahrungen seine eigene Mitte. Ein Yogameister kann eine Position lange halten, weil er alle anderen Positionen durchlaufen hat. Beim Reiten aber wollen wir sofort das Laufkorsett anlegen: zwei Hände, zwei Beine, Gewichtshilfe, Gerte, Sporen. Wir verwalten, damit sich alles richtig anfühlt.

Die Alternative heißt „Mut zur Hässlichkeit". Läuft das Pferd über die Schulter weg, lasse ich es das eine Weile tun, bis es selbst merkt, dass es unangenehm ist, und eine andere Lösung findet. Ich lasse die Tür offen, durch die ich es am Ende gerne hätte, und wenn es hindurchgeht, bestätige ich das. So lernt das Pferd die Unterscheidung von richtig und falsch aus eigener Erfahrung, statt sie permanent aufgezwungen zu bekommen. Das fühlt sich für Reiter oft falsch an und sieht von außen unschön aus. Aber am Ende dieser Schleife der Hässlichkeit liegt oft mehr echte, ehrliche Bewegung, mit funktionierenden Stoßdämpfern und einem Pferd, das seine Form selbst einnimmt, statt hineingepresst zu werden.

Eigenverantwortung statt Abhängigkeit

Dieser Gedanke zieht sich durch die gesamte Arbeit bei Kernkompetenz Pferd. Die höchsten Werte sind Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Es geht nicht darum, dass Pferdemenschen von fremdem Wissen abhängig werden, sondern darum, dass sie selbst kompetent werden.

Deshalb beantworte ich bewusst bestimmte Fragen nicht. Wer schreibt „Mein Pferd hat einen Sehnenschaden, was soll ich machen?", bekommt keine fertige Anleitung. Wer dagegen schreibt „Mein Pferd hat an dieser Lokalisation einen Sehnenschaden, wir sind in diesem Heilungsverlauf, ich habe mir diesen Trainingsplan überlegt, was sagst du dazu?", bekommt eine echte Rückmeldung. Genauso beim Body-Condition-Score: Ich sage nicht auf ein Foto hin, welchen Wert ein Pferd hat. Ich möchte, dass Pferdemenschen die Erfahrung in den eigenen Händen machen, Fettdepots zu ertasten, auch wenn sie die ersten Male danebenliegen. Ob es am Ende 5,5 oder 6,2 ist, spielt kaum eine Rolle. Es geht um die Kompetenz dahinter, nicht um die Zahl.

Genau diese Haltung, dem Pferd wie dem Menschen den Raum zum eigenen Lernen zu geben, ist der rote Faden, der das tensegrale Training mit der übrigen Trainingsphilosophie verbindet. Wie dieser Ansatz alte Denkmuster in der Pferdewelt aufbricht, liest du im ersten Teil des Gesprächs: 25 Jahre bis zur Praxis: Tensegrales Training bricht Dogmen.

Fazit: eine Frage der Verantwortung

Ob ein lahmes oder taktunreines Pferd noch geritten werden darf, lässt sich nicht mit einem Glaubenssatz beantworten, weder mit „niemals" noch mit „klar, kann man". Schmerz bleibt die klare Grenze. Im Schritt lahme Pferde gehören zum Tierarzt. In der Grauzone davor braucht es Wiederbefundszeichen, echte Diagnostik statt eines beiläufigen „nichts gefunden", und vor allem die Egofreiheit, rechtzeitig aufzuhören. Manchmal ist genau das behutsame Arbeiten der Weg zurück in ein schmerzfreies Leben, und manchmal ist der Verzicht die einzig richtige Entscheidung. Beides zu unterscheiden, gehört in fachkundige Hände.

Häufige Fragen

Pauschal nein, im Detail kommt es darauf an. Ein im Schritt lahmes Pferd wird nicht geritten, sondern tierärztlich abgeklärt. In der Grauzone zwischen Asymmetrie und Lahmheit kann behutsames Arbeiten unter fachkundiger Anleitung sinnvoll sein, aber nur mit Wiederbefundszeichen und der Bereitschaft, sofort aufzuhören. In Laienhände gehört diese Entscheidung nicht.

Eine Lahmheit ist Ausdruck von Schmerz oder einer strukturellen Störung und ist ein klares Stoppsignal. Eine Taktunreinheit oder Asymmetrie kann auch aus Verspannung, Kompensation oder Ausbildungsdefiziten entstehen und muss nicht zwingend schmerzhaft sein. Die beiden sicher zu unterscheiden erfordert viel Erfahrung und im Zweifel eine tierärztliche Abklärung.

Ein Wiederbefundszeichen ist ein klar erkennbares, wiederkehrendes Zeichen am Pferd, zum Beispiel häufiges Stolpern oder ein Kopfdrehen. Man wählt es bewusst aus, verändert dann gezielt etwas am Training und prüft anschließend nüchtern, ob es sich verbessert, gleich bleibt oder verschlechtert. So wird eine Entscheidung an etwas Messbarem festgemacht statt an einem Bauchgefühl.

Nicht automatisch. Entscheidend ist, was genau untersucht wurde. Ein reines Vortraben oder ein einzelnes Röntgenbild ist keine vollständige Lahmheitsdiagnostik. Ohne diagnostische Anästhesie ist die klinische Relevanz eines Befundes nicht bewiesen. Wenn dein Pferd deutlich unphysiologisch läuft, lohnt es sich, gezielt nachzufragen und im Zweifel weiter abzuklären.

Damit ist gemeint, dem Pferd die Bewegungserfahrung selbst zu überlassen, statt es permanent mit Händen, Beinen und Gewicht in eine Form zu managen. Das sieht vorübergehend unschön aus und fühlt sich für den Reiter ungewohnt an. Am Ende steht aber oft eine ehrlichere, funktionellere Bewegung, weil das Pferd seine Balance selbst gefunden hat.

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