Menü

PSSM beim Pferd: Typ 1, MIM und der Gentest

Pferdekrankheiten
Dr. Veronika Klein
Teilen:

Grundlage dieses Artikels ist das Podcast-Gespräch von Dr. Veronika Klein mit der Pferdeinternistin Dr. Bianca Schwarz. Da sich die Forschung zu den Muskelerkrankungen des Pferdes laufend weiterentwickelt, gerade zum Formenkreis um MIM und MFM, ergänzen wir den Artikel über das Gespräch hinaus um den aktuellen wissenschaftlichen Stand und aktualisieren ihn fortlaufend.

Das Wichtigste in Kürze

» PSSM Typ 1 beruht auf der nachgewiesenen GYS1-Mutation. Der Gentest aus Haar oder Blut gilt hier als zuverlässiger Goldstandard.
» Was früher PSSM Typ 2 hieß, gilt heute als MIM oder MFM, ein strukturelles Muskelproblem. Die Gentests dafür sind wissenschaftlich nicht validiert.
» Bei unklaren Muskelerkrankungen bleibt die Muskelbiopsie der Goldstandard. Haltung und Fütterung entscheiden maßgeblich über den Verlauf.

PSSM steht für Polysaccharid-Speicher-Myopathie, auf Deutsch Kohlenhydratspeicherkrankheit. Der Name beschreibt kein Symptom, sondern ein Bild unter dem Mikroskop: In den Muskelzellen betroffener Pferde lagern sich vermehrt Speicherkohlenhydrate ein, vor allem Glykogen. Hinter dem einen Kürzel verbergen sich allerdings zwei grundverschiedene Dinge. Auf der einen Seite steht PSSM Typ 1, eine genetisch zweifelsfrei geklärte Erbkrankheit. Auf der anderen Seite steht ein diffuser Formenkreis, den man früher PSSM Typ 2 nannte und heute als Muskel-Integritäts-Myopathie (MIM) oder myofibrilläre Myopathie (MFM) versteht.

Kaum ein Begriff wird in der Pferdewelt so hitzig diskutiert und dabei so unpräzise verwendet. Irgendetwas mit Muskeln und Genen, ein komplizierter Test, und dann? Für diesen Artikel habe ich mit Dr. Bianca Schwarz gesprochen. Sie ist Diplomate des European College of Equine Internal Medicine, also europäische Fachtierärztin für Innere Medizin des Pferdes, hat in München und Zürich studiert, war ein Jahr in London und vier Jahre an der Universität Wien, anschließend Oberärztin, Klinikleitung und Teilhaberin einer Pferdeklinik. Im Rahmen ihrer Weiterbildung in Wien hat sie ein Forschungsprojekt zu PSSM Typ 1 beim Haflinger und beim Noriker durchgeführt.

Was ist PSSM beim Pferd?

Um PSSM zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Die Erkrankung ist nach dem benannt, was jemand sieht, der eine Muskelprobe unter dem Mikroskop betrachtet. Bei dieser histologischen Untersuchung fällt auf, dass in den Muskelzellen vermehrt Glykogen zu finden ist, also Speicherkohlenhydrate. Genau das war die ursprüngliche Definition von PSSM.

Im Vordergrund stand dabei ein klinisches Bild: wiederkehrende Kreuzverschlagsepisoden. Ein Kreuzverschlag, fachlich Rhabdomyolyse, ist eine akute Zerstörung von Muskulatur. Beschrieben wurde das schon in den frühen 1900er Jahren unter Namen wie „Feiertagskrankheit" oder „Monday Morning Disease". Der eigentliche Durchbruch kam 1992, als die Arbeitsgruppe um Dr. Stephanie Valberg PSSM als eigenständige Muskelerkrankung von diesen alten Sammelbegriffen abgrenzte.

Zwei Forschungsgruppen in Amerika widmeten sich der Erkrankung als Hauptforschungsgebiet. Im Mittelpunkt standen zunächst das Quarter Horse und später Kaltblutpferde, denn in Amerika waren belgische Kaltblüter und Quarter Horses primär betroffen. 2008 kam dann der eigentliche Meilenstein mit dem ersten Gentest.

PSSM Typ 1: die GYS1-Mutation

Eine der Forschungsgruppen fand heraus, dass das, was wir heute als PSSM Typ 1 bezeichnen, durch eine einzige Genmutation verursacht wird: eine Punktmutation im GYS1-Gen. Dieses Gen liefert den Bauplan für die Glykogen-Synthase 1, ein Enzym in der Muskulatur, das für die Bildung genau jener Speicherkohlenhydrate verantwortlich ist, die man später in den Muskelzellen sieht. Die Mutation tauscht an einer bestimmten Stelle einen einzigen Baustein aus und macht das Enzym dadurch dauerhaft überaktiv.

Das Besondere daran: Die meisten Speicherkrankheiten entstehen, weil ein Enzym ausfällt. Bei PSSM Typ 1 ist es umgekehrt. Das Enzym arbeitet zu viel, staut überschüssiges und teils krankhaft strukturiertes Glykogen in der Muskelzelle an, und paradoxerweise entsteht bei Belastung trotzdem ein Energiemangel, weil die Energiereserven in einer unbrauchbaren Form gebunden sind. Die Studie, die diesen Mechanismus erstmals beschrieben hat, ist frei zugänglich: Glycogen synthase (GYS1) mutation causes a novel skeletal muscle glycogenosis.

PSSM Typ 1 wird autosomal-dominant vererbt. Jedes Pferd besitzt von jeder Genanlage zwei sogenannte Allele. Ist nur eines verändert, spricht man von heterozygot, sind beide verändert, von homozygot. Schon heterozygote Träger können erkranken. Homozygote Pferde zeigen in der Regel schwerere Symptome, einen früheren Beginn und sprechen deutlich schlechter auf Management-Maßnahmen an. Interessant ist, wie alt diese Mutation ist. Sie entstand vermutlich vor 1.200 bis 1.500 Jahren, also lange bevor sich die heutigen Rassen herausbildeten. Als Pferde schwere Zugarbeit bei knappem Futter leisten mussten, war die Fähigkeit, jedes Kohlenhydrat maximal effizient zu speichern, ein Vorteil. Unter modernem Management aus viel Kraftfutter und wenig Bewegung kippt genau dieser einstige Vorteil ins Krankhafte.

Welche Rassen sind von PSSM Typ 1 betroffen?

Die Rasse ist bei diesem Thema keine Nebeninformation, sondern der Schlüssel zur gesamten Diagnostik. Das Wichtigste bei Muskelerkrankungen ist zu wissen, mit was für einem Pferd man es zu tun hat, denn die Pferderasse bestimmt das diagnostische Vorgehen.

Haflinger von schräg hinten auf dem Sandpaddock, Blick auf Kruppen- und Rückenmuskulatur einer für PSSM Typ 1 prädisponierten Rasse

Besonders häufig trägt die schweren Kaltblutrassen die GYS1-Mutation. Bei Comtois, belgischen Kaltblütern, Rheinisch-Deutschen und bretonischen Kaltblütern sowie Percherons liegt die geschätzte Häufigkeit teils bei 60 bis über 90 Prozent. Auch Haflinger und Schwarzwälder Füchse sind betroffen. Beim Quarter Horse liegt sie im Mittel um 10 Prozent, in stark bemuskelten Halter-Linien höher. Bei Warmblütern, englischen Vollblütern, Trabern und Arabern tritt PSSM Typ 1 dagegen so gut wie nie auf. Diese Pferde können sehr wohl muskuläre Probleme haben, nur ist die Ursache dann fast immer eine andere.

Symptome: woran du eine Muskelerkrankung erkennst

Die klassische PSSM-Typ-1-Symptomatik tritt bevorzugt in den ersten Minuten der Belastung auf, oft schon nach 10 bis 20 Minuten leichter Arbeit, und besonders dann, wenn zuvor eine Ruhephase lag. Typisch sind:

  • Wiederkehrende Kreuzverschläge, gefolgt von stark erhöhten Muskelenzymen im Blut (Creatinkinase CK und Aspartat-Aminotransferase AST)
  • Eine harte, schmerzhafte Gluteal- und Oberschenkelmuskulatur
  • Steifheit, Bewegungsunwille, Muskelzittern
  • Schweißausbrüche, die in keinem Verhältnis zur Arbeit stehen
  • Abbau der Rücken- und Kruppenmuskulatur
Schimmel seitlich in der Box, deutlich abgebaute Muskulatur an Kruppe und Rücken

In schweren Fällen wird bei einem Kreuzverschlag so viel Muskelfarbstoff (Myoglobin) freigesetzt, dass der Urin sich dunkel, fast kaffeebraun verfärbt. Das ist ein Notfall, der die Nieren belasten kann. Das Tückische an den milderen Anzeichen ist ihre Unspezifität. Steifheit und Muskelabbau passen auf zahlreiche andere Erkrankungen, und genau das macht die Abgrenzung so schwierig.

Dunkles Pferd von hinten oben fotografiert, Blick über Kruppe und Rückenlinie auf die Muskelkontur

Warum Rittigkeitsprobleme kein Beweis für PSSM sind

Ein Punkt, der in der Praxis ständig für Verwirrung sorgt: Rittigkeitsprobleme gehören ausdrücklich nicht auf die Liste der führenden Symptome von PSSM Typ 1. Wenn wir von einer klaren Muskelsymptomatik sprechen, dann meinen wir Kreuzverschläge mit erhöhten Muskelenzymen und schmerzhafte, verkrampfte Muskulatur, nicht ein Pferd, das sich schlecht stellen lässt. Wie sich schmerzhafte, verspannte Muskulatur körperlich äußert und was dabei im Gewebe passiert, habe ich im Artikel über den Rigorkomplex im lebenden Pferd ausführlich beschrieben.

Von PSSM Typ 2 zu MIM und MFM: der Paradigmenwechsel

Und hier kommt die wichtigste Entwicklung der letzten Jahre. Nachdem PSSM Typ 1 genetisch geklärt war, blieb eine wachsende Gruppe von Pferden übrig, die muskuläre Symptome zeigten, im GYS1-Test aber negativ waren. Wenn man bei ihnen eine Muskelbiopsie machte, sah man manchmal eine unspezifische Glykogenansammlung. Weil eine genetische Zuordnung fehlte, warf man all diese Fälle in einen Topf und nannte ihn „PSSM Typ 2".

Es wurde jedoch schnell klar: PSSM Typ 2 ist keine einzelne Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Muskelprobleme. Deutlich wird das an den Rassen. Quarter Horses mit PSSM-Typ-2-Biopsie zeigten oft das klassische Bild mit Kreuzverschlägen und hohen Muskelenzymen. Warmblüter mit derselben Diagnose zeigten dagegen fast nie Kreuzverschläge und hatten meist völlig normale CK- und AST-Werte. Ihre Probleme äußerten sich diffus: chronische Rittigkeitsprobleme, fehlender Vorwärtsdrang, Taktverlust, Verspannungen, Schreckhaftigkeit, schlechter Muskelaufbau. Das kann kein reiner Energiestoffwechsel-Defekt sein.

Tiefergehende Untersuchungen mit Elektronenmikroskopie, wieder maßgeblich aus der Gruppe um Stephanie Valberg, lösten das Rätsel. Bei diesen Warmblütern und Arabern lag gar keine Speicherstörung vor. Ihr Problem war strukturell: Das Stützgerüst der Muskelzelle war beschädigt. Charakteristisch waren fehlgelagertes Desmin, ein Strukturprotein, und Risse in den sogenannten Z-Scheiben, den Grenzen der kleinsten Kontraktionseinheiten im Muskel. In diesen Rissen lagert der Körper reaktiv Glykogen ein, und genau das hatte man früher fälschlich als „Speicherkrankheit" gedeutet. Diese eigenständige Erkrankung heißt heute myofibrilläre Myopathie (MFM), die klinische und histopathologische Erstbeschreibung ist hier nachlesbar: Clinical and histopathological features of myofibrillar myopathy in Warmblood horses.

Im deutschsprachigen Raum hat sich für diesen Formenkreis der Begriff Muskel-Integritäts-Myopathie (MIM) etabliert. Er trifft den Kern: Es geht um die strukturelle Integrität der Muskelzelle, nicht um ihren Kohlenhydratstoffwechsel. Wer heute von MIM oder MFM spricht statt von PSSM Typ 2, benennt also nicht dasselbe mit einem neuen Etikett, sondern beschreibt ein anderes, genauer verstandenes Krankheitsprinzip.

Der Gentest: was er kann und was nicht

Bei PSSM Typ 1 ist die Lage klar. Der DNA-Test auf die GYS1-Mutation aus einer Haarwurzel- oder Blutprobe gilt heute als Goldstandard und weist die Erkrankung mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit nach. Die früher übliche Muskelbiopsie ist für den reinen Nachweis von PSSM Typ 1 nicht mehr nötig.

Tierärztin untersucht ein dunkelbraunes Pferd mit dem Stethoskop im Freien, klinische Untersuchung als Basis jeder Diagnostik

Trotzdem ist ein Gentest keine vollständige Diagnose, sondern ein Baustein. Wie viel dieser Baustein wert ist, hängt vom Pferd ab. Ein Quarter Horse oder Haflinger mit klaren Muskelsymptomen und positivem GYS1-Test hat damit im Wesentlichen eine bestätigte Diagnose. Bei einem Warmblut oder Vollblüter dagegen ist PSSM Typ 1 sehr selten, hier wäre bei muskulären Problemen die Muskelbiopsie der eigentliche diagnostische Schritt.

Positiv heißt nicht automatisch krank

Auf dem Testergebnis steht auch beim heterozygoten Pferd „positiv". Muss dieses Pferd dann zwangsläufig erkranken? Ein „immer" gibt es in der Medizin nicht. Ein positiver Test bedeutet ein hohes Risiko, dass das Pferd irgendwann Symptome zeigt, mehr als eine Risikoabschätzung ist nicht möglich. Die vermehrte Einlagerung wäre in der Biopsie etwa ab dem zweiten Lebensjahr sichtbar, klinisch auffällig wird ein Quarter Horse aber oft erst mit etwa fünf Jahren. Die Veränderung ist also längst da, bevor das Pferd Symptome zeigt.

Warum die Wissenschaft den PSSM-Typ-2-Gentest ablehnt

Seit einiger Zeit bieten kommerzielle Labore auch Gentests für PSSM Typ 2 beziehungsweise MIM an, meist über sechs sogenannte P-Varianten. Und hier wird es ernst, denn diese Tests gelten in der Fachwelt als nicht validiert. Das ist keine Randmeinung, sondern der Konsens großer, verblindeter Studien.

Porträt von Dr. med. vet. Bianca C. Schwarz, DipECEIM, europäische Spezialistin für Innere Medizin des Pferdes

Damit ein Gentest als medizinisch valide gilt, muss eine getestete Variante bei nachweislich erkrankten Pferden deutlich häufiger vorkommen als bei nachweislich gesunden. Genau diesen Beweis bleiben die P-Varianten schuldig. Eine Studie an Warmblütern und Arabern fand keinen statistisch signifikanten Unterschied in der Häufigkeit der Varianten zwischen kranken und gesunden Tieren: Commercial genetic testing for type 2 polysaccharide storage myopathy and myofibrillar myopathy does not correspond to a histopathological diagnosis (Valberg und Kollegen, Equine Veterinary Journal 2021).

Noch deutlicher wurde eine größere Untersuchung an 392 Quarter Horses. Sie zeigte, dass der Test 57 Prozent der völlig gesunden Pferde fälschlich als krank eingestuft hätte, während zugleich 40 Prozent der bioptisch nachweislich erkrankten Pferde keine der Varianten trugen. Nachzulesen ist das hier: Absence of myofibrillar myopathy in Quarter Horses with a histopathological diagnosis of type 2 polysaccharide storage myopathy and lack of association with commercial genetic tests (Equine Veterinary Journal 2022). Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Varianten sogar in mehrere tausend Jahre alten prähistorischen Pferden und in Przewalski-Pferden nachweisen lassen, was klar für harmlose, natürliche Genvarianten spricht.

Entsprechend eindeutig fallen die offiziellen Stellungnahmen aus. Die Universität Utrecht fasst den Stand für Pferdebesitzer verständlich zusammen (PSSM in horses: a summary of the scientific facts), und der britische Tierärzteverband BEVA warnt ausdrücklich vor diesen Tests, weil auf ihrer Basis bereits gesunde Tiere aus der Zucht genommen oder sogar euthanasiert wurden (BEVA warns against unvalidated genetic tests). Damit deckt sich die Einschätzung aus dem Podcast: Für Dr. Bianca Schwarz und viele ihrer Kollegen ist der Typ-2-Test derzeit schlicht nicht interpretierbar.

Warum berichten dann so viele Besitzer von Besserung?

Wenn die Wissenschaft den Test so klar ablehnt, wie passt dazu, dass viele Besitzer nach einem positiven Testergebnis und der passenden Umstellung von einer deutlichen Besserung berichten? Der Widerspruch löst sich auf, wenn man genau hinschaut. Die Symptome, die zum Test führen, also Verspannung, Leistungsabfall, Taktverlust, Schreckhaftigkeit, sind maximal unspezifisch. Sie treten genauso bei Magengeschwüren, Stress, unpassendem Sattel, falschem Training oder schlichten Fütterungsmängeln auf.

Ein Pferd mit positivem Test wird umgehend auf eine sehr hochwertige Ration umgestellt, meist ohne Zucker und Stärke, dafür mit viel hochwertigem Eiweiß, Vitamin E und Spurenelementen. Eine solche Optimierung verbessert den Zustand fast jedes zuvor mangelhaft versorgten oder gestressten Pferdes, ganz unabhängig davon, welche Genvarianten es zufällig trägt. Die Besserung beweist also nicht den Test, sondern die Wirkung guter Fütterung. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass man mit dem Etikett „MIM" aufhört, nach der wahren, oft gut behandelbaren Ursache zu suchen, etwa nach Magengeschwüren beim Pferd.

Es gibt mehr als PSSM: andere Muskelerkrankungen

Bei aller Konzentration auf PSSM gerät leicht in Vergessenheit, wie groß die Palette der Muskelerkrankungen wirklich ist. Dazu gehören unter anderem:

  • Die myofibrilläre Myopathie (MFM), die strukturelle Erkrankung aus dem MIM-Formenkreis
  • Die Myosin-Heavy-Chain-Myopathie (MYHM) beziehungsweise immunmediierte Myositis (IMM), eine validierte Autoimmunerkrankung vor allem bei Quarter Horses, bei der ein Pferd binnen weniger Tage einen großen Teil seiner Oberlinienmuskulatur verlieren kann
  • Die maligne Hyperthermie, eine gefährliche Störung des Calciumstoffwechsels, die vor allem unter Belastung oder Narkose lebensbedrohlich wird
  • Vitamin-E-abhängige Erkrankungen wie die Equine Motor Neuron Disease durch chronischen Vitamin-E-Mangel
  • Vergiftungsbedingte Myopathien, etwa die atypische Weidemyopathie durch Hypoglycin A aus dem Bergahorn

Diese Erkrankungen lassen sich überwiegend nur über eine Muskelbiopsie sichern, denn Biopsien werden nicht nur unter dem Lichtmikroskop, sondern auch elektronenmikroskopisch untersucht. Einen Überblick über die verschiedenen Formen und den Energiestoffwechsel der Muskulatur findest du im Artikel zu den Muskelerkrankungen beim Pferd. Es ist gut, dass wir für einzelne Erkrankungen Gentests haben. Das darf nur nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel größer der Rest ist.

Fütterung und Management: warum PSSM 1 und MIM sich unterscheiden

Jetzt kommt der Teil, den du selbst in der Hand hast. Und hier liegt ein entscheidender Unterschied, den viele nicht kennen: Die richtige Fütterung hängt davon ab, ob es sich um PSSM Typ 1 oder um MIM beziehungsweise MFM handelt.

Bei PSSM Typ 1: wenig Stärke, mehr Fett

Weil bei PSSM Typ 1 jede Aufnahme schnell verfügbarer Kohlenhydrate die überaktive Glykogen-Synthase weiter anheizt, ist die zentrale Stellschraube die Reduktion von Zucker und Stärke. Wichtig ist die Klarstellung, die auch im Podcast fällt: Ein Pferd wird nicht kohlenhydratfrei ernährt, Heu bleibt die Basis. Es geht ausschließlich um schnell verfügbare Kohlenhydrate und Stärke, also Kraftfutter, Hafer und Mais. Braucht ein Sportpferd zusätzliche Energie, holt man sie über Fette und Öle, die die Muskelzelle unabhängig vom Glykogen verwerten kann.

Wie viel dieser Ansatz bringt, zeigen Studien an PSSM-Typ-1-Pferden eindrücklich. Werden Haltung und Fütterung gemeinsam optimiert, berichten rund 90 Prozent der Besitzer über mildere Symptome. Wird nur ein einziger Faktor verändert, also nur die Haltung oder nur das Futter, sind es nur etwa 50 Prozent. Wer also das Futter umstellt, das Pferd aber weiter mit Stehtagen in der Box lässt, verschenkt den halben Effekt. Strikte Boxenruhe ist ohnehin kontraproduktiv, PSSM-Pferde brauchen tägliche, gleichmäßige Bewegung, idealerweise im Offenstall.

Bei MIM und MFM: Eiweiß und Antioxidantien statt Fett

Bei den strukturellen Myopathien greift der Fett-Ansatz oft nicht, denn hier fehlt keine Energie, hier ist das Baugerüst der Zelle beschädigt. Der Hebel verschiebt sich deshalb auf hochwertiges Eiweiß und auf Antioxidantien. Sinnvoll bleibt auch hier ein niedriger Zucker- und Stärkegehalt, vor allem um begleitende Magengeschwüre zu vermeiden. Den Muskel wieder aufzubauen gelingt aber nur mit den richtigen Baustoffen, also den essenziellen Aminosäuren, und mit einem gezielten Schutz vor oxidativem Stress.

Für den antioxidativen Ansatz gibt es inzwischen belastbare Daten. Eine Studie an trainierten Vollblütern zeigte, dass die Kombination aus N-Acetylcystein und Coenzym Q10 den Glutathion-Spiegel im Muskel nach Belastung deutlich erhöht, also die zelluläre Entgiftung stärkt: The Impact of N-Acetyl Cysteine and Coenzyme Q10 Supplementation on Skeletal Muscle Antioxidants and Proteome in Fit Thoroughbred Horses. Solche Konzepte gehören allerdings in fachkundige Hände und in Absprache mit dem Tierarzt, nicht auf Verdacht und nach eigenem Ermessen dosiert.

Rittigkeitsprobleme: erst die häufigen Ursachen ausschließen

Wenn ein Pferd Rittigkeitsprobleme zeigt oder abmuskelt, kann das sehr viele Ursachen haben. Und hier muss man ehrlich sein: Orthopädische Probleme, der Sattel und der Reiter sind als Grund viel häufiger als eine Muskelerkrankung. Der Versuch der Abkürzung ist verständlich. Ich habe ein Pferd mit Rittigkeitsproblemen, ich mache einen Gentest, und dann habe ich die Lösung. So einfach ist die Medizin aber nicht.

Bevor du über Gentests nachdenkst, lohnt der Blick auf das Naheliegende. Wie du systematisch hinschaust, zeigen dir die drei einfachen Punkte der Ganganalyse. Und warum der Sattel so oft im Spiel ist, liest du im Artikel über Sattelanpassung zwischen Wissenschaft und Praxis.

Fazit: wir behandeln nie ein Testergebnis, sondern immer das Pferd

PSSM ist ein Thema, bei dem sich in wenigen Jahren viel bewegt hat. Bei PSSM Typ 1 ist die Lage klar: eine geklärte Genmutation, ein zuverlässiger Test, ein wirksames Management aus wenig Stärke, mehr Bewegung und bei Bedarf Fett. Beim früheren PSSM Typ 2 hat sich das Verständnis grundlegend gewandelt. Wir sprechen heute von MIM und MFM, von einem strukturellen Problem der Muskelzelle, und die kommerziellen Gentests dafür sind wissenschaftlich nicht haltbar. Bei unklaren Fällen bleibt die Muskelbiopsie der Goldstandard.

Der wichtigste Satz zum Schluss stammt aus dem Gespräch und gilt weit über PSSM hinaus: Wir behandeln nie ein Labortestergebnis, sondern immer das Pferd. Die Klinik und die Hinweise aus der Diagnostik müssen zusammengeführt werden, damit am Ende eine sinnvolle Therapie steht. Denn nur mit einer konkreten Diagnose kann man dem Pferd wirklich helfen.

Häufige Fragen

PSSM Typ 1 ist klar definiert: eine nachgewiesene Mutation im GYS1-Gen, die das Enzym Glykogen-Synthase überaktiv macht. Der Gentest dafür ist zuverlässig. PSSM Typ 2 war dagegen nie eine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff. Heute versteht man diesen Formenkreis als MIM oder MFM, also als strukturelles Problem der Muskelzelle.

MIM steht für Muskel-Integritäts-Myopathie und ist der heute gebräuchliche Begriff für das, was früher pauschal PSSM Typ 2 hieß. Im Kern geht es nicht um eine Speicherstörung, sondern um Schäden am Stützgerüst der Muskelzelle, etwa an den Z-Scheiben und am Protein Desmin. Die eng verwandte, genauer beschriebene Form heißt myofibrilläre Myopathie (MFM).

Er gilt fachlich als nicht validiert. Große Studien fanden keinen verlässlichen Zusammenhang zwischen den getesteten Varianten und tatsächlich erkrankten Pferden. Bei Quarter Horses wären 57 Prozent gesunder Tiere fälschlich als krank und 40 Prozent kranker Tiere als gesund eingestuft worden. Tierärztliche Fachverbände raten von Zucht- oder Euthanasie-Entscheidungen auf dieser Basis ab.

Bei PSSM Typ 1 ist der Gentest auf die GYS1-Mutation aus Haar oder Blut der Goldstandard. Beim MIM- und MFM-Formenkreis gibt es keinen validen Gentest, hier bleibt die Muskelbiopsie das sichere Verfahren. Wichtig ist immer die Kombination aus Rasse, klinischem Bild und Diagnostik, ein Test allein reicht nie.

Das hängt von der Form ab. Bei PSSM Typ 1 stehen wenig Zucker und Stärke im Vordergrund, Energie kommt bei Bedarf über Fette und Öle. Heu bleibt immer die Basis. Bei MIM und MFM hilft Fett meist nicht, hier verschiebt sich der Fokus auf hochwertiges Eiweiß und Antioxidantien. In beiden Fällen sind tägliche Bewegung und der Verzicht auf Stehtage zentral.

Nicht zwangsläufig. Ein positiver GYS1-Test bedeutet ein hohes Risiko, mehr als eine Risikoabschätzung ist nicht möglich. Homozygote Pferde, bei denen beide Genanlagen betroffen sind, erkranken meist schwerer als heterozygote. Über Haltung und Fütterung lässt sich entscheidend beeinflussen, ob und wie stark die Erkrankung ausbricht.

Nur bis 2. August

2 Jahre KKP Welt und du bekommst das Geschenk

Die KKP Welt

2 Monate voller Zugang für einmalig 49 € statt 178 €. Kein Abo, keine Kündigung nötig.

Fundiertes Wissen, regelmäßige Live-Events, eine Stallgemeinschaft die dich versteht und zahlreiche Kurse inklusive. Über 760 € Kurswert und alle KKP Webinare ohne Aufpreis.

Am 2. August um 24 Uhr ist Schluss, danach gibt es die KKP Welt wieder nur regulär.

Jetzt für 49 € reinkommen

Dem Fachwissen von Dr. Veronika Klein vertrauen auch:

Mein Pferd
Ekor
WDR
Feine Hilfen
IST
Pferd+Sport
Reiter Revue
Dressur Studien