Das Wichtigste in Kürze
» Die Passform der Unterlage zählt mehr als das Material: Zu kleine Pads machen Druckpunkte, zu große scheuern, zu dicke ruinieren den Sattelsitz.
» Echtes Lammfell reduziert in Studien den Druck am besten, wirkt wie eine Klimaanlage und ist durch Wollwachs antibakteriell und hautfreundlich.
» Der Sattel muss mit der Unterlage angepasst werden. Ein perfekt sitzender Sattel plus dickes Pad ergibt keinen passenden Sattel mehr.
Löcher, Kränze, Gel, Kunstfell, Memory-Schaum: Der Markt für Sattelunterlagen ist bunt, und die Auswahl fühlt sich oft nach Geschmackssache an. Dabei entscheidet die Unterlage mit darüber, ob dein perfekt angepasster Sattel überhaupt noch passt. Für diese Folge der Equipment-Reihe habe ich mir eine Kollegin eingeladen: Alexa von Lützau, Tierärztin mit Schwerpunkt Rittigkeitsdiagnostik, Pferdechiropraktikerin und Certified Equine Ergonomist, die Sattelanalysen für Pferd und Reiter durchführt und beim Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei in der Leistungsdiagnostik tätig war. Aus ihrer Praxiserfahrung heraus hat sie damals eine eigene Lammfell-Sattelunterlage entwickelt. Hier kommen ihre Antworten auf die Fragen, die sich jeder Pferdemensch stellen sollte.
Zur Einordnung: Alexas Marke VL Horsecare gibt es inzwischen nicht mehr. Die fachlichen Informationen aus dem Gespräch, von der Passform bis zur Lammfell-Pflege, gelten aber unverändert und sind produktunabhängig.
Das größte No-Go: nicht das Material, die Passform
Auf die Frage nach dem absoluten No-Go fällt Alexas Antwort überraschend aus: Es gibt kein verbotenes Material. Die Probleme entstehen bei der Passform. Drei Klassiker:
- Zu kleine Lammfelle mit Fellkranz: Liegt der aufgenähte Fellkranz genau unter den Sattelkissen, entstehen dort Druckpunkte, die sich auch in Satteldruckmessungen deutlich zeigen. Ausgerechnet das hübsche Detail wird zum Problem.
- Zu große Pads: Sie scheuern an der Haut über der Lendenwirbelsäule.
- Zu dicke Pads: Sie verändern die Sattelpassform komplett. Eine wirklich gute Sattelanpassung lässt sich durch ein schlecht gewähltes Pad massiv verschlechtern.
Was eine falsche Unterlage im Pferdekörper anrichtet
Aus der Sattelanalyse: Alexa vermisst den Pferderücken mit dem Messzirkel. Oft verrät schon die Rückenlinie und Muskulatur, wie Sattel und Unterlage liegen, bevor überhaupt jemand das Pferd angefasst hat.
Die Liste der Befunde, die Alexa in ihrer Chiropraktik-Praxis im Zusammenhang mit unpassenden Sattel-Unterlagen-Kombinationen sieht, ist lang: Scheuerstellen (zum Vergleich: das kratzende Turniershirt-Etikett am Hals, nur eben unter Sattel und Gewicht), verstopfte Talgdrüsen, besonders bei hautsensiblen Pferden, Schulterschmerzen und Empfindlichkeit am Widerrist, wenn es vorn zu eng wird, und Abwehrreaktionen beim Streifen über die Brust.
Und es geht weiter in die Tiefe: Drücken Druckpunkte in den Rücken, weicht das Pferd aus und drückt den Rücken weg. Alexas Bild dazu: Stell dir einen schiefen Rucksack mit spitzen Gegenständen vor, die dir beim Gehen in den Rücken piksen, auch du machst dann ein hohles Kreuz. Auf dem weggedrückten Rücken funktioniert korrektes Reiten nicht mehr. Dazu kommen festsitzende Rippen, die Pferden richtig wehtun und sich als vermeintliche „Unarten“ zeigen: Buckeln, Steigen, Stehenbleiben vorm Sprung oder ein kleiner Hüpfer beim Antraben, wenn die Schulter bei zu engem Sattel gegen das Kopfeisen stößt. Wer solche Signale bei seinem Pferd kennt, sollte neben dem Sattel auch die Unterlage prüfen lassen, denn beides gehört zusammen bewertet, wie auch der Artikel über den Sattel als Einflussfaktor auf die Pferdegesundheit zeigt.
Warum Lammfell? Die natürliche Klimaanlage
Dass Alexa beim Material beim echten Lammfell gelandet ist, hat handfeste Gründe:
- Druckreduktion: In Studien schneidet Lammfell als die Unterlage mit der besten Druckverteilung ab, auf Platz zwei folgen Pads aus reiner Wolle.
- Klimaregulierung: Die Fasern nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie als Wasserdampf wieder ab, rund siebenmal schneller als synthetisches Kunstfell. Das Pferd sitzt nicht im eigenen Schweiß.
- Hautschutz: Lammfell enthält Wollwachs (Lanolin), einen natürlichen Hautschutz, der auch in der Wundheilung eingesetzt wird.
- Antibakteriell: Das Fell besteht fast vollständig aus Proteinen, auf denen sich Bakterien ungern ansiedeln, und durch die Wachsschicht reinigt es sich weitgehend selbst.
Besonders profitieren hautsensible Pferde: die Kandidaten, die auf jede Fliege reagieren, sich ungern putzen lassen (die Prinzessinnen auf der Erbse), zu verstopften Talgdrüsen neigen oder als geschorene Pferde ständig Scheuerstellen entwickeln. Für sie kann ein passendes Lammfell direkt auf dem Rücken einen spürbaren Unterschied machen.
Fell direkt auf den Rücken: Ein dafür gemachtes Lammfell-Pad liegt ohne Schabracke direkt auf dem Pferd. So kommen Klimaregulierung, Wollwachs und Druckverteilung ohne Umweg an der Haut an. Nach dem Reiten ist der Rücken allenfalls leicht feucht statt klitschnass.
Die 4 häufigsten Fehler mit Sattelunterlagen
- Sattel ohne Unterlage anpassen lassen. Der Klassiker: Der Sattler passt den Sattel perfekt an, danach kommt ein dickes Pad drunter, und die ganze Anpassung ist dahin. Gerade dickere Unterlagen gehören mit zum Termin. Wie eine professionelle Anpassung abläuft, liest du im Artikel über Sattel anpassen: Wissenschaft trifft Praxis.
- Falsche Größe. Das Pad muss zur Sattelgröße und zur Sattellage des Pferdes passen: zu klein macht Druckpunkte, zu groß scheuert.
- Hitzestau durch Kunstfaser. Unter synthetischen Unterlagen staut sich im Sommer massiv Hitze. Alexas Faustregel: Alles Künstliche staut mehr Wärme als die natürliche Faser. Der Hitze-Gedanke lohnt übrigens auch bei Kunstfell-Gamaschen: Sehnengewebe besteht aus Proteinen, und dauerhafte Überhitzung tut ihm nicht gut.
- Falsche oder fehlende Pflege. Ein verklumptes, plattgelegenes Fell verliert genau die Stoßdämpfung, für die man es gekauft hat.
Lammfell richtig pflegen: die 5 Regeln
Damit das Fell seine Eigenschaften behält, braucht es erstaunlich wenig, aber das regelmäßig:
- Nach dem Reiten das Fell nicht in den Schrank stopfen, sondern luftig aufhängen, aber nicht in der prallen Sonne trocknen.
- Trocken mit einer Drahtbürste (die klassische Hundebürste mit Metallpinnen) ausbürsten: Schweiß und Dreck raus, das Fell bleibt fluffig, und genau diese Fluffigkeit ist die Stoßdämpfung.
- Selten waschen. Jede Wäsche spült Wollwachs aus. Regelmäßiges Ausbürsten ersetzt die meisten Wäschen.
- Wenn waschen, dann mit speziellem Lammfell-Waschmittel, dem Wollwachs zugesetzt ist.
- Beim Kauf auf Einkammerbarkeit achten: Die Unterlage muss sich am Widerrist einkammern lassen und dort frei bleiben, sonst entstehen Druck und Schmerzen in der Seitwärtsbiegung. Diesen Test kannst du heute noch an deiner eigenen Unterlage machen.
Und Kunstfell?
Alexas ehrliche Einschätzung: Kunstfell-Unterlagen hält sie für verzichtbar. Sie dämpfen zwar etwas, stauen aber Hitze, halten deutlich kürzer und bieten keine der natürlichen Eigenschaften des echten Fells. Die nachvollziehbare Ausnahme: Wer aus ethischen Gründen kein Tierprodukt nutzen möchte. Für alle anderen gilt: Die Ersparnis beim Pad ist schnell aufgebraucht, wenn dafür Physiotherapeut oder Chiropraktiker öfter anrücken müssen. Equipment lohnt den kritischen Blick an jeder Stelle, vom Pad bis zum passenden Gebiss.
Das Fazit aus dem Gespräch: Die Sattelunterlage ist kein Deko-Artikel, sondern Teil des Systems Sattel. Wähle sie nach Passform, Größe und Material statt nach Optik, lass den Sattel mit der Unterlage anpassen, und pfleg dein Lammfell mit Bürste statt Waschmaschine. Dein Pferd quittiert es mit einem lockeren Rücken.








