Grundlage dieses Artikels ist ein Podcast-Gespräch, in dem Dr. Veronika Klein als Gast im Podcast „Du inhalierst nicht allein" von bitopEQUI über das Training von Lungenpferden im Winter spricht, ergänzt um Inhalte aus ihrem Webinar „Pferdetraining im Winter". Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung: Auffällige Atmung, Husten oder Leistungsabfall gehören in tierärztliche Abklärung.
Das Wichtigste in Kürze
» Die normale Atemfrequenz eines Pferdes liegt in Ruhe bei 8 bis 16 Atemzügen pro Minute. Ab 20 gilt sie als erhöht.
» Gezählt wird an der Flanke, nie an den Nüstern: Schnuppern sieht aus wie Atmen und verfälscht das Ergebnis.
» Liegt die Ruhe-Atemfrequenz bei 30 oder höher, ist dein Pferd an diesem Tag nicht trainierbar. Bewegung bleibt trotzdem wichtig.
Wie oft atmet dein Pferd in einer Minute? Wenn du das aus dem Stand beantworten kannst, gehörst du zu einer kleinen Minderheit. Dabei ist die Atemfrequenz einer der aussagekräftigsten Werte, die du ganz ohne Gerät an deinem Pferd erheben kannst. Sie verrät dir, ob dein Pferd gesund ist, ob es heute trainierbar ist und wie anstrengend die letzte Einheit wirklich war. Für Pferde mit Atemwegserkrankungen wie equinem Asthma ist sie sogar der wichtigste Kompass überhaupt. In diesem Artikel lernst du die Normalwerte kennen, erfährst, wie du richtig zählst (und welchen Fehler dabei fast alle machen), und bekommst ein System an die Hand, mit dem du Training und Bewegung über Atmung und Puls steuerst. Auch und gerade im Winter, wenn kalte Luft die Lunge zusätzlich fordert.
Die normale Atemfrequenz eines gesunden Pferdes liegt in Ruhe bei 8 bis 16 Atemzügen pro Minute, im Durchschnitt etwa 10. Werte ab 20 gelten als erhöht. Liegt die Ruhe-Atemfrequenz bei 30 oder darüber, ist das Pferd an diesem Tag nicht trainierbar und die Ursache gehört tierärztlich abgeklärt.
Was ist die normale Atemfrequenz beim Pferd?
In Ruhe atmet ein gesundes Pferd etwa 8 bis 16 Mal pro Minute, als Durchschnittswert kannst du dir 10 Atemzüge merken. Pro Atemzug bewegt ein Großpferd dabei rund 5 Liter Luft. Das ergibt ein Atemminutenvolumen von etwa 50 Litern: So viel Luft strömt in einer Minute durch die Lunge, wenn dein Pferd einfach nur dasteht.
Unter Belastung ändert sich dieses Bild dramatisch. Im Galopp steigt die Atemfrequenz auf bis zu 120 Atemzüge pro Minute, und jeder einzelne bewegt etwa 9 Liter. Das sind rund 1.000 Liter pro Minute, das Zwanzigfache des Ruhewerts. Praktisch zu wissen: Im Galopp nimmt das Pferd pro Galoppsprung genau einen Atemzug. Wenn du die Sprünge zählst, kennst du die Atemfrequenz.
Diese Zahlen erklären nebenbei, warum Bewegung für die Lunge so wichtig ist. Die Lunge reinigt sich selbst, indem das Pferd sich bewegt und dabei möglichst oft den Kopf senkt. Ein Pferd, das nur steht, belüftet seine Lunge mit 50 Litern pro Minute und hält damit nur die oberen Etagen des verzweigten Atemwegsbaums sauber. Erst mit steigender Belastung kommt Luft bis in die tiefen Verästelungen. Dazu später mehr, denn genau hier liegt der Schlüssel für Pferde mit Atemwegsproblemen.
Eine Besonderheit am Rande: Isländer haben von Natur aus eine etwas höhere Atemfrequenz, aber keinen erhöhten Puls. Auch deshalb lohnt es sich, die individuellen Normalwerte des eigenen Pferdes zu kennen, statt nur mit Tabellenwerten zu arbeiten.
Atemfrequenz messen: An der Flanke zählen, nicht an den Nüstern
Der häufigste Fehler beim Messen: vorne an den Nüstern zählen. Das klingt naheliegend, führt aber fast immer zu falschen Werten. Denn ein Pferd schnuppert ständig, und Schnuppern sieht aus wie Atmen, ist aber keins. Dieses kurze Lufteinziehen passiert viel häufiger als ein echter Atemzug und lässt dich locker das Doppelte zählen.
So geht es richtig: Stell dich auf die linke Seite deines Pferdes, etwa auf Kopfhöhe, ganz nah am Pferd, und schau seitlich an ihm vorbei auf die Flanke, also den hinteren Bauchbereich. Dort siehst du, wie sich der Rumpf weitet und wieder zusammenfällt. Ein Heben und Senken zusammen zählt als ein Atemzug. Zähle eine Minute lang mit, fertig.
Wenn du die Bewegung in Ruhe kaum erkennen kannst, weil dein Pferd sehr flach atmet, gibt es einen einfachen Trick: Belaste dein Pferd erst leicht, ein paar Minuten Schritt oder ein paar Runden Trab, sofern seine Gesundheit das zulässt. Mit der Anstrengung atmet es häufiger und tiefer, und das Zählen fällt deutlich leichter. Bei Pferden mit Atemwegsproblemen ist die Atmung an schlechten Tagen ohnehin deutlicher sichtbar, vor allem wenn eine Bauchatmung dazukommt, bei der die Bauchmuskulatur sichtbar mitarbeitet.
Erhöhte Atemfrequenz beim Pferd: Wann du aufmerksam werden solltest
Ab etwa 20 Atemzügen pro Minute in Ruhe gilt die Atemfrequenz als erhöht. Dahinter können harmlose Gründe stecken: Das Pferd hat sich gerade bewegt, es ist heiß, es ist aufgeregt. Es können aber auch ernste Ursachen sein, von Schmerzen über Fieber bis zur Atemwegserkrankung. Ein einmalig erhöhter Wert ist noch kein Alarm, ein dauerhaft erhöhter Wert gehört in tierärztliche Abklärung.
Eine klare rote Linie gibt es trotzdem: Liegt die Atemfrequenz in Ruhe bei 30 oder höher, ist dein Pferd an diesem Tag definitiv nicht trainierbar. Das heißt nicht, dass es in der Box stehen soll. Ruhiges Bewegen, etwa ein Spaziergang, hält die Belüftung der Lunge aufrecht und ist ausdrücklich erwünscht. Aber ein Trainingsreiz, der Atmung und Puls weiter nach oben treibt, ist an so einem Tag tabu.
Und noch ein Warnsignal, das viele unterschätzen: Husten. Pferde haben einen sehr hohen Hustenschwellenwert und husten viel seltener als wir Menschen. Husten ist beim Pferd deshalb nie normal, sondern ein Spätsymptom. Auch wenn dein Pferd bei Bewegung an kalter Luft nur ein-, zweimal anstößt, ist die Lunge bereits gereizt. Das muss kein Asthma sein, aber es ist ein Grund, genauer hinzuschauen, die Atemfrequenz regelmäßig zu zählen und die Beobachtungen mit deinem Tierarzt zu besprechen. Wie du dein Pferd systematisch durchcheckst, zeigt dir auch der Gesundheitscheck mit den PAT-Werten.
Bewegung ist nicht Training: Der Unterschied, der über Gesundheit entscheidet
Um die Atemfrequenz als Steuerinstrument zu nutzen, brauchst du eine Unterscheidung, die in der Praxis ständig verwischt wird: Bewegung und Training sind medizinisch zwei völlig verschiedene Dinge.
- Bewegung nutzt etwa 30 bis 40 Prozent der maximalen Kapazität des Körpers. Der Organismus bleibt in seiner Komfortzone, es verändert sich nichts. Spaziergänge, entspannte Schritttouren und Weidezeit sind Bewegung.
- Training beginnt erst bei etwa 60 bis 70 Prozent der maximalen Kapazität. Hier setzt du einen überschwelligen Reiz, auf den der Körper mit Anpassung reagiert: Der Stoffwechsel wird effizienter, Gefäße und Sauerstofftransport verbessern sich, das Pferd wird belastbarer.
Beides ist wichtig, und ein guter Plan kombiniert beides im Wechsel mit aktiven Ruhetagen. Aber nur Training verändert den Körper. Wer sein Pferd ausschließlich schonend bewegt, hält es nicht gesund, sondern lässt es schleichend abbauen. Man kann ein Pferd auch kaputt schonen. Die Erfahrung aus der Auswertung von mehreren hundert Puls- und Streckenmessungen im Freizeitbereich ist eindeutig: Rund 90 Prozent der Pferdemenschen machen zu wenig, nicht zu viel. Die meisten Pferde könnten deutlich mehr, und ihre Gesundheit würde davon profitieren. Wie ein sinnvoller Aufbau aussieht, liest du im Artikel über Muskelaufbau beim Pferd.
Als grobe Faustregel für die Wochenplanung: Drei Trainingseinheiten pro Woche verbessern ein System, zwei halten das Niveau, eine einzige reicht nicht, dann wird es schlechter. Für ein erkranktes Pferd, das sein Niveau halten soll, sind zwei bis drei echte Trainingsreize pro Woche das Ziel. An den übrigen Tagen stehen Bewegung oder ein aktiver Ruhetag mit Mobilisation und lockerem Schritt auf dem Plan. Wie du daraus einen kompletten Wochenplan baust, zeigt der Trainingsplan-Artikel.
Puls und Atmung zusammen: So steuerst du dein Training mit Zahlen
Woher weißt du, ob du gerade bewegst oder trainierst? Über die Herzfrequenz. Die maximale Herzfrequenz eines Pferdes liegt näherungsweise bei 220 Schlägen pro Minute. Sie im Belastungsversuch tatsächlich zu erreiten, ist gefährlich, gehört ausschließlich unter medizinische Aufsicht und ist für kranke Pferde keine Option. Für die Praxis reicht die Rechengröße völlig: Aus ihr ergeben sich deine Trainingszonen. 30 bis 40 Prozent davon ist Bewegung, ab 50 bis 60 Prozent beginnt der überschwellige Bereich, 60 bis 70 Prozent ist gezieltes Ausdauertraining.
Als Orientierung, wo sich der Puls in den Gangarten bewegt: im Schritt etwa 50 bis 70, im Trab um die 100, im Galopp ab etwa 130 Schlägen pro Minute, mit großen individuellen Unterschieden. Ein untrainiertes Pferd schießt schon im Trab in hohe Bereiche, ein sehr fittes Pferd galoppiert entspannt bei niedrigen Werten. Ein Asthma-Pferd bekommt weniger Sauerstoff und erreicht hohe Frequenzen deshalb schneller, manchmal schon im Schritt. Genau das macht die Messung so wertvoll: Sie zeigt dir, was eine Einheit für dein individuelles Pferd wirklich bedeutet.
Du brauchst dafür nicht zwingend Technik. Eine Pulsuhr misst zwar exakt in der Bewegung und ist gerade bei erkrankten Pferden eine echte Hilfe. Aber es geht auch mit der Hand oder, noch einfacher, mit einem Stethoskop: hinter dem linken Ellbogen aufsetzen, Herzschläge zählen. In Ruhe und im Schritt klappt das problemlos. Für Trab und Galopp gibt es einen Trick: Miss direkt nach der Belastung. Bleib stehen, zähle sofort, nach einer Minute und nach zwei Minuten. Diese Regenerationswerte von Puls und Atmung verraten dir zuverlässig, wie anstrengend die Einheit war und wie schnell sich dein Pferd erholt.
Zwei Regeln dazu: Erstens treiben auch Aufregung, Adrenalin und mentale Anspannung den Puls nach oben, ganz ohne Trainingseffekt. Ein Jungpferd in fremder Umgebung hat hohe Werte, weil es aufgeregt ist, nicht weil es trainiert. Mentale und körperliche Belastung musst du auseinanderhalten. Zweitens, und das ist die wichtigste Sicherheitsregel für Lungenpferde: Die Atemfrequenz darf niemals gleich hoch oder höher sein als die Pulsfrequenz. Passiert das, war die Intensität zu hoch und das Training wird sofort gestoppt.
Damit du diese Werte nicht im Kopf jonglieren musst: Im kostenlosen Lungentagebuch hältst du Atemfrequenz, Puls und deine Beobachtungen strukturiert fest und erkennst über Wochen Muster, die dir sonst entgehen würden.









