Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge „So zerstörst du dein Training" von Dr. Veronika Klein über das Cooldown beim Pferd. Bei Pferden mit Vorerkrankungen gehört die Trainingsgestaltung mit dem Tierarzt abgestimmt.
Das Wichtigste in Kürze
» Der Muskel wächst nicht in der Trainingseinheit, sondern in der Regeneration danach. Ohne Cooldown verschenkst du den Trainingseffekt.
» Ein gutes Cooldown kann die Abbauzeit des Laktats um bis zu 50 Prozent verkürzen und verhindert Verspannungen und Gelenkprobleme.
» Die 3 Stufen: mindestens 10 bis 15 Minuten Schritt (ideal mit Austraben), bei Bedarf gezielte Kühlung, danach 20 bis 30 Minuten Beobachtung.
Das Bild kennt jeder Stall: Ein Pferd wird aus der Box geholt, gesattelt, nach zwei Runden Schritt angetrabt, kurz darauf galoppiert und gesprungen, und nach 30 Minuten steht es pumpend und nassgeschwitzt wieder in der Box. Dort macht es sein „Abwärmen" dann im Stehen. Über die Aufwärmphase wird in der Pferdewelt viel gesprochen, über die Arbeitsphase noch mehr. Das Cooldown dagegen wird stiefmütterlich behandelt, dabei entscheidet ausgerechnet dieser letzte Teil darüber, ob die Einheit davor überhaupt etwas gebracht hat. Etwas provokant gesagt: Ohne Abwärmen war dein Training für die Katz.
Der Grund steckt in einem einfachen Prinzip: Der Muskel wächst nicht in der Trainingseinheit, sondern in der Regenerationszeit danach. Und genau diese Regeneration bereitet das Cooldown vor. Wer sie sabotiert, trainiert im schlechtesten Fall in den Abbau statt in den Aufbau.
Warum das Cooldown so wichtig ist: 3 Prozesse
1. Laktatabbau und Muskelregeneration
Bei der Muskelarbeit entsteht Laktat, ein Stoffwechselprodukt, das wieder abgebaut werden muss. Studien zeigen: Ein gut durchgeführtes Cooldown kann die Abbauzeit des Laktats um bis zu 50 Prozent verkürzen. Die kontrollierte Bewegung im Schritt hält die Durchblutung aufrecht, transportiert die Stoffwechselprodukte ab und verhindert Verspannungen, die sonst eher zu Muskelabbau als zu Muskelaufbau führen. Wie der Aufbau danach weitergeht, liest du im Artikel über den Muskelaufbau beim Pferd.
2. Thermoregulation
Das Pferd hat im Vergleich zum Menschen ein ungünstiges Verhältnis von Körpermasse zu Körperoberfläche: Es produziert im Training viel Wärme, kann sie aber schlechter loswerden. Die aufgebaute Wärme muss kontrolliert abgegeben werden, hauptsächlich über Haut und Atmung. Ein abruptes Trainingsende unterbricht diesen Prozess, das Pferd bleibt überhitzt in der Box stehen.
3. Die Psyche
Bist du schon einmal völlig verschwitzt und außer Atem direkt vom Sport ins Bett gegangen? Eben. Mental herunterzukommen gehört genauso zum Training wie mental anzukommen. Ein ruhiger, positiver Abschluss lässt das Pferd die Einheit verarbeiten, und es geht beim nächsten Mal lieber mit dir an die Arbeit.
Die 3 Stufen des Abwärmens
Stufe 1: Die Bewegungsphase
Mindestens 10 bis 15 Minuten Schritt, idealerweise nach einem ruhigen Austraben. Das unterstützt den Laktatabbau, hält die Durchblutung in Gang und lässt Puls und Atmung kontrolliert sinken. Ein abruptes Ende ohne diese Phase kann zu Muskelverkrampfungen und sogar Gelenkproblemen führen. Ein Tipp mit doppeltem Nutzen: Steig ab und geh die letzten Minuten neben deinem Pferd. Dein eigener Körper bekommt sein Cooldown gleich mit, und der Pferderücken wird nach der Arbeit entlastet.
Stufe 2: Gezielte Kühlung (bei Bedarf)
Nach intensiven Einheiten, bei Hitze oder hoher Luftfeuchtigkeit hilft dem Pferd wegen seines ungünstigen Masse-Oberflächen-Verhältnisses eine Wasserkühlung, vor allem an den unteren Gliedmaßen. Ob diese Stufe nötig ist, hängt von Intensität und Wetter ab. Was bei echter Sommerhitze zusätzlich gilt, steht im Artikel über das Sommer-Management.
Stufe 3: Die Beobachtungsphase
In den 20 bis 30 Minuten nach dem Training beobachtest du Atmung und Allgemeinbefinden. Ein gesundes Pferd erholt sich in dieser Zeit deutlich, die Atmung wird ruhiger und gleichmäßiger. Zwei Werte helfen dabei enorm: Die Puls-Regenerationszeit verrät dir, ob die Einheit ein echter Trainingsreiz oder eine Bewegungseinheit war (die Zahlen dazu stehen im Artikel über das Übertraining). Die Atemfrequenz dagegen bleibt nach der Belastung länger erhöht, weil sie zusätzlich CO2 abatmet und die Körpertemperatur mitreguliert. Sie lässt sich deshalb nicht wie der Puls als Regenerationsmaß lesen. Für Asthma- und Hustenpferde gilt besonders: Das Verhältnis von Atmung zu Puls ist die rote Warnlampe. Nähert sich die Atemfrequenz dem Puls oder übersteigt ihn, war es zu viel. Wie du beide Werte misst, zeigt der Artikel zur Atemfrequenz beim Pferd.
Das Cooldown ans Pferd anpassen
Wie lang und intensiv das Abwärmen ausfällt, hängt von fünf Faktoren ab:
- Trainingsintensität: Je härter die Einheit, desto wichtiger das systematische Cooldown.
- Außentemperatur: Bei Hitze braucht die Thermoregulation mehr Unterstützung, bei Kälte dauert das Trockenwerden länger.
- Kondition: Ein gut trainiertes Pferd erholt sich schneller. Durch das Training bilden sich mehr rote Blutkörperchen und mehr Kapillaren rund um die Muskulatur, die Wärmeabgabe über die Haut wird effektiver, und die Zellen ermüden später.
- Alter: Ältere Pferde brauchen oft etwas länger.
- Gesundheitszustand: Pferde mit Vorerkrankungen, allen voran Atemwegspatienten, werden im Cooldown mit messbaren Werten begleitet statt nach Gefühl.









