Grundlage dieses Artikels ist eine Podcast-Folge, in der Dr. Veronika Klein gemeinsam mit ihrem Mann Hendrik Klein (verantwortlich für Technologie und KI bei Kernkompetenz Pferd) über KI-generierte Trainingspläne spricht. Bei kranken Pferden ersetzt kein Plan, ob von Mensch oder Maschine, die tierärztliche Begleitung.
Das Wichtigste in Kürze
» Für gesunde Pferde ist KI eine gute Inspirationsquelle. Für Reha- und kranke Pferde wird der Vorlagen-Plan schnell zum Rückfall-Risiko.
» KI halluziniert: Datenlücken werden statistisch plausibel gefüllt, mit erfundenen Minutenangaben und teils erfundenen Quellen, vorgetragen mit voller Überzeugung.
» Die KI kennt weder Puls noch Sehnenbefund noch Trainingszustand deines Pferdes: Dein Pferd ist dein Kompass, nicht die KI.
„Ich habe ChatGPT nach einem Trainingsplan für mein Pferd nach Krankheit gefragt, und das ist passiert." Mit so einem Reel fing es an, und bei uns gingen die Alarmglocken los. Nicht, weil wir KI-Skeptiker wären, im Gegenteil: Bei Kernkompetenz Pferd arbeiten wir täglich mit KI, von der Podcast-Transkription bis zu den Frage-Chatbots in unseren Kursen. Genau deshalb wissen wir aber auch, wo die Grenzen liegen. Für dieses Gespräch saß ausnahmsweise Hendrik mit am Mikrofon, der bei KKP die Technik und die KI verantwortet, und gemeinsam haben wir sortiert, was ChatGPT bei Trainingsplänen kann, was nicht, und woran du den Unterschied erkennst.
Das Kernproblem hat in der Praxis einen Namen: das Vorlagen-Dilemma. Wer nach einer Krankheit mit einer generischen Vorlage antrainiert, egal ob aus dem Internet oder aus der KI, erlebt überdurchschnittlich oft einen Rückfall. Warum das so ist, zeigt der Blick hinter die Kulissen der KI.
Punkt 1: Die Trainingsdaten entscheiden alles
Jede KI steht und fällt mit den Daten, mit denen sie trainiert wurde. ChatGPT wurde mit praktisch allem trainiert, was online verfügbar war, und genau das ist Fluch und Segen zugleich: In diesem riesigen Datenberg stecken zwangsläufig veraltete Informationen, Fehlinformationen und große Lücken, gerade in der Veterinärmedizin. Ein Beispiel aus dem Selbsttest: Auf die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Cushing-Bluttest liefert die KI den alten Mythos, das gehe nur morgens, und vermischt dabei den ACTH-Test mit dem Insulin-Test fürs Equine Metabolische Syndrom. Der aktuelle Stand (Tageszeit egal, nüchtern unnötig, und die Erkrankung heißt heute PPID) steht zwar in der Fachliteratur, aber das Internet ist voll mit der alten Version, und die KI kann nicht wissen, welche stimmt.
Zum Vergleich: Die Frage-Chatbots in unseren Kursen sind bewusst nur mit kuratierten Inhalten trainiert, mit den Kursmaterialien und hunderten Stunden aufgezeichneter Fragerunden aus sechs Jahren. Sie greifen nicht aufs offene Netz zu. Die Datenbasis ist kleiner, aber jede Information darin ist fachlich geprüft. Das ist der ganze Unterschied.
So sieht das in der Praxis aus: Der Trainingskurs-Chatbot beantwortet die Frage nach dem Unterschied zwischen Training und Bewegung, und zwar ausschließlich auf Basis der geprüften Kursinhalte, inklusive Veronikas Merksatz. Kann er eine Frage aus den Trainingsdaten nicht beantworten, sagt er genau das, statt zu raten.
Punkt 2: Schutzmechanismen, die sich umgehen lassen
Seriöse KI-Modelle haben Leitplanken: Nach einem Trainingsplan für die eigene Reha nach Krankheit gefragt, verweisen sie an medizinisches Fachpersonal. Diese Mechanismen sind aber leicht zu umgehen, mit dem Klassiker „mach es für einen Freund", und beim Pferd greifen sie oft gar nicht erst. Genau so entsteht das Reel vom Anfang: Für den Menschen verweigert, fürs Pferd geliefert. In unseren Kurs-Chatbots kommt ein zweiter, menschlicher Schutzmechanismus dazu: Die Antworten werden gelesen, fachlich kontrolliert und bei Bedarf korrigiert wieder eingespeist.
Punkt 3: Die KI kennt dein Pferd nicht
Der entscheidende Punkt ist banal und wird trotzdem übersehen: Ein Reha-Trainingsplan steht und fällt mit Informationen, die keine KI hat.
- Den Trainingszustand: Puls- und Regenerationswerte, der Fitnesstest, die abgetastete Sehne. „Mein Pferd hat eine gute Kondition" ist für eine KI keine verwertbare Aussage.
- Die Vorerkrankung im Detail: Wann ist die Lunge eines Asthma-Pferdes überlastet, wann unterfordert? Welche Gewebeanpassungszeiten braucht die verletzte Sehne nach einem Reiz?
- Deine Trainingsmöglichkeiten: Gelände oder Halle, bergig oder flach, Doppellonge oder nicht, dazu Haltung, Fütterung, Böden, Wetter, Pollen.
Theoretisch könntest du all das in den Prompt packen. Praktisch führt das eher zu schlechteren Ergebnissen, weil mit der Informationsmenge auch die Wahrscheinlichkeit für Fehlinterpretationen steigt. Und ganz ehrlich: Wer den Gesundheits- und Trainingszustand seines Pferdes täglich selbst einschätzen kann (und genau das braucht es, um mit irgendeinem Plan sicher zu arbeiten), der braucht die Vorlage nicht mehr. Die Werkzeuge dafür stehen im Trainingsplan-Artikel und im Artikel zur Atemfrequenz.
Punkt 4: Halluzination und Übergeneralisierung
KI-Modelle wollen immer eine gute Antwort liefern, auch wenn die Datenlage es nicht hergibt. Fachleute nennen das Halluzination: Datenlücken werden mit statistisch plausiblen Erfindungen gefüllt. Im Trainingsplan liest sich das dann völlig glaubwürdig: „5 Minuten Schritt, 5 Minuten Trab, am nächsten Tag 10 Minuten Galopp", nur dass die 10 Minuten nirgends herstammen, sie passten einfach ins Muster. Gerade im Reha-Bereich, wo auch die Wissenschaft wenige harte Zahlen hat, füllt die KI besonders viel auf, teils mit Daten aus der Humanmedizin. Selbst Quellenangaben werden erfunden: In den USA verlor ein Anwalt seine Reputation, weil er KI-recherchierte Urteile einreichte, die es nie gab.
Dazu kommt die Übergeneralisierung: Pauschalaussagen, die die KI häufig gefunden hat, landen ungeprüft im Plan. „Cavaletti sind immer gut für die Rückenmuskulatur" klingt harmlos, ist aber für ein Pferd mit Arthrose in den unteren Gliedmaßen genau falsch: Die Schwebephase mit Einbeinstütze und Fliehkräften ist für diese Gelenke ungeeignet. Das Pauschalaussagen-Problem hat die Pferdewelt zwar auch ohne KI, aber die KI serviert es in perfekter Formulierung.
Punkt 5: Das große Selbstbewusstsein
Das vielleicht größte Risiko ist die Konfidenz: Die KI klingt hundertprozentig sicher, auch wenn ihre Datengrundlage dünn ist. Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, in makellosen Sätzen. Wer das spezifische Fachwissen nicht hat, kann fehlerhafte Antworten kaum von richtigen unterscheiden, gerade weil die Texte so gut geschrieben sind. Deshalb gilt für jede KI-Antwort zu Gesundheitsthemen: kritisch gegenprüfen, Quellen kontrollieren, und im Zweifel Tierarzt oder Therapeutin fragen.
Wofür KI beim Pferd richtig gut ist
Nach all der Kritik die andere Seite, denn wir nutzen KI täglich und mit Begeisterung. Ihre Stärke liegt im Messen, Vergleichen und Analysieren: KI-Ganganalyse-Apps erkennen Asymmetrien, die das menschliche Auge erst ab etwa 25 Prozent Abweichung sieht, und werden bereits von Kliniken eingesetzt. In der Entwicklung sind Apps zur Diagnose von Augenerkrankungen, und in der Humanmedizin stellt KI-Dermatologie Diagnosen auf Basis von mehr Fällen, als hundert Fachärzte in ihrem Berufsleben sehen. Auch als Inspirationsquelle für Abwechslung im Training eines gesunden Pferdes ist ChatGPT völlig legitim. Die Grenze verläuft nicht bei der Technik, sondern beim kranken Pferd: Dort braucht jede Empfehlung die Rückkopplung an den echten Zustand des Tieres.









