Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge „3 Mythen im Pferdetraining" von Dr. Veronika Klein. Die Mythen wurden von Hörerinnen und Hörern eingereicht. Bei erkrankten Pferden ersetzt keiner dieser Grundsätze die tierärztliche Abstimmung.
Das Wichtigste in Kürze
» Einen Stehtag in der Box braucht kein Pferd: Schon nach 24 Stunden Stehzeit wird die Gelenkschmiere nachweisbar minderwertiger. Pausetage ja, Stehtage nein.
» Tägliche überschwellige Reize auf dasselbe Körpersystem bauen ab statt auf. Es gilt die 3/2/1-Regel: Drei Einheiten verbessern, zwei halten, eine ist zu wenig.
» Nicht das Gelände schadet, sondern das Wie: Wer nur in der Bahn auf perfektem Boden reitet, lässt die Propriozeption einschlafen und riskiert eher Sehnenschäden.
„Pferde brauchen keine Pausetage." „Das Pferd muss täglich gearbeitet werden." „Nur ins Gelände reiten schadet dem Pferd." Drei Sätze, die so oder so ähnlich in jedem Stall fallen, gern mit großer Überzeugung vorgetragen. Und alle drei haben dasselbe Problem: Sie sind dogmatisch. Wann immer ein Satz mit „nie", „immer" oder „alle" daherkommt, sollte eine kleine Alarmleuchte angehen, denn meistens sprechen die Beteiligten von denselben Wörtern und meinen völlig verschiedene Dinge. Schauen wir uns die drei Mythen also mit der Frage an, die fast jeden Stallstreit entschärft: Wie meinst du das eigentlich?
Mythos 1: „Pferde brauchen keine Pausetage"
Bevor sich hier jemand streitet, lohnt die Gegenfrage: Was genau ist ein Pausetag? Die Bandbreite reicht vom Stehtag in der Box über den Weidetag bis zur lockeren Schrittrunde mit Massage. Und genau da liegt die Auflösung.
Eines lässt sich nämlich tatsächlich pauschal sagen: Einen Stehtag in der Box braucht kein Pferd. Schon nach 24 Stunden Stehzeit lässt sich biochemisch nachweisen, dass die Synovia, die Gelenkschmiere, qualitativ minderwertiger wird. Das ist nach einem einzelnen Tag noch umkehrbar, aber es zeigt, wie schnell Bewegungsmangel im Gewebe ankommt. Dazu kommen der Verdauungstrakt, der auf langsame, kontinuierliche Bewegung ausgelegt ist (Bewegungsmangel kann die Kolikgefahr erhöhen), und die Lunge, deren Selbstreinigung im Stehen weitgehend stillsteht. Die einzige Ausnahme ist die tierärztlich angeordnete Boxenruhe.
Ein Pausetag dagegen ist etwas völlig anderes: Sein Fokus liegt auf Regeneration und Erholung, und Bewegung ist dabei ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Wie er aussieht, hängt vom Pferd ab: Für das fitte Distanzpferd kann ein Pausetag eine Schrittrunde im Gelände mit etwas Trab sein. Für das Sehnenpferd nach drei Monaten Reha liegt die Grenze zwischen Bewegung und Training ganz woanders, und der Pausetag sieht entsprechend anders aus.
Und noch eine Ebene tiefer wird es richtig interessant: Pause wofür? Ein Trainingsreiz trifft nie „das Pferd", sondern ein bestimmtes System. Eine Ausdauereinheit fordert das Herz-Kreislauf-System, Krafttraining die Muskulatur, beim Reha-Pferd ist oft die Sehne das schwächste Glied, und beim Jungpferd arbeitet vor allem der Kopf. Es kann also sein, dass dein Pferd mental eine Pause braucht, körperlich aber problemlos eine ruhige Ausdauereinheit leisten kann, oder umgekehrt. Wer den Fokus jeder Einheit kennt, weiß auch, was am Folgetag Pause braucht.
Mythos 2: „Das Pferd muss täglich gearbeitet werden"
Auch hier zuerst die Begriffsklärung: Was heißt „gearbeitet"? Wenn damit ein echter überschwelliger Trainingsreiz gemeint ist, also eine Einheit, die den Körper aus der Komfortzone holt, dann ist der Satz schlicht falsch. Täglich denselben überschwelligen Reiz auf dasselbe Gewebe zu setzen, ist schädlich: Statt Aufbau gibt es Abbau, denn der Körper passt sich nicht während der Belastung an, sondern in der Entlastung danach. Ohne Regeneration kein Fortschritt.
Wie oft dann? Als grobe Regel gilt für das jeweils angesprochene System: Drei Trainingseinheiten pro Woche bringen Fortschritt, zwei halten das Niveau, eine ist zu wenig, dann werden Muskulatur, Gewebestabilität und Herz-Kreislauf-System schleichend schlechter. Täglich etwas mit dem Pferd machen darfst du natürlich trotzdem, nur eben nicht täglich denselben harten Reiz: Bewegungseinheiten, Ausbildung und aktive Pausetage füllen die Tage dazwischen. Wie du daraus eine Wochenstruktur baust, zeigt der Trainingsplan-Artikel, und woran du erkennst, ob eine Einheit wirklich ein Reiz war, verrät die Regenerationszeit im Artikel über das Übertraining.
Mythos 3: „Nur ins Gelände reiten schadet dem Pferd"
Was machst du denn im Gelände? Wer diesen Satz sagt, hat meist ein bestimmtes Bild im Kopf: Pferd am langen Zügel, durchhängender Rücken, Unterhals, und so wird sieben Tage die Woche durchs Gelände geschlendert. Wenn das die Definition ist, stimmt die Kritik, aber sie hat nichts mit dem Gelände zu tun: Ein Pferd, das getragen werden soll, ohne dass sein Rumpftrageapparat je trainiert wurde, nimmt Schaden, egal wo.
Denn dasselbe Gelände kann das komplette Trainingsspektrum abdecken: Hangbahntraining mit Galoppintervallen bergauf und bergab ist eine schwere Einheit für Herz-Kreislauf, Kraft und je nach Gestaltung sogar Schnelligkeit. Die lockere Ausreitrunde mit etwas Trab ist eine Bewegungseinheit. Und die Schrittrunde mit Absteigen, Führen und Sonne auf dem Fell ist ein wunderbarer Pausetag. Das Gelände ist kein Trainingsinhalt, sondern ein Trainingsort, und die Frage ist immer, mit welchem Fokus du dort unterwegs bist.
Man kann den Mythos sogar umdrehen: Nur in der Bahn auf perfektem Boden zu reiten, ist für die Sehnen bedenklicher als das Gelände. Auf ewig gleichem, ebenem Untergrund schläft die Propriozeption ein, also die Rezeptoren in den Beinen, die Unebenheiten abfangen. Kommt so ein Pferd dann doch auf die Wiese oder tieferen Boden, ist das Sehnengewebe nicht vorbereitet, und der Sehnenschaden passiert schneller als bei Pferden, die wechselnde Untergründe kennen. Warum Sehnen so lange Anpassungszeiten brauchen, erklärt der Artikel über die größten Aufbau-Fehler beim Sehnenschaden.
Eine ehrliche Einordnung gehört aber dazu: Sobald sich ein Mensch aufs Pferd setzt oder das Pferd auf einer Kreisbahn arbeitet (auch ohne Reiter), kommen Faktoren ins Spiel, für die der Pferdekörper nicht gebaut ist: die natürliche Schiefe, die Vorhandlastigkeit, einseitige Gelenkbelastungen. Von Natur aus geht ein Pferd viele Kilometer Schritt, geradeaus, mit dem Kopf unten. Unsere Haltung und unsere Nutzung haben Menge und Art der Bewegung massiv verändert. Genau deshalb braucht ein gerittenes oder longiertes Pferd Training, das es stabilisiert, im Gelände genauso wie in der Bahn.









