Grundlage dieses Artikels ist das Podcast-Gespräch von Dr. Veronika Klein mit Carolina Kadel, Pferdeergotherapeutin und Gründerin von 360 Grad Pferd, im Rahmen der Serie zum Vier-Phasen-Modell. Bei Reha-Pferden gehört der Trainingsaufbau mit dem Tierarzt abgestimmt.
Das Wichtigste in Kürze
» Bodenarbeit ist alles vom Boden aus, vom Führtraining bis zur Handarbeit. Gerade die belächelten Basics entscheiden über Sicherheit und Stresslevel.
» Übungen auf instabilen Untergründen, Stangen und Podesten wecken die Propriozeption, kräftigen den Rumpf und schulen die Koordination.
» Nach Verletzungspausen schlafen die Propriozeptoren ein. Viele Reha-Rückfälle sind Koordinationsdefizite, und genau da setzt Bodenarbeit an.
Bodenarbeit gilt vielen als nette Beschäftigung für Schlechtwettertage, als Freizeitreiter-Thema oder als das, was man macht, wenn man „nicht richtig reitet". Dabei steckt in der Arbeit vom Boden aus eines der wirksamsten Werkzeuge für die Gesunderhaltung überhaupt: Sie kräftigt den Rumpf ohne Reitergewicht, weckt eingeschlafene Nerven, macht den Alltag sicherer und gehört in der Reha zu den wichtigsten Bausteinen gegen den Rückfall. Für dieses Gespräch habe ich mir Carolina Kadel eingeladen, Pferdeergotherapeutin und Gründerin von 360 Grad Pferd, mit der ich über gesunderhaltendes Training vom Boden gesprochen habe.
Was ist Bodenarbeit überhaupt? Eine enge Definition gibt es nicht, und das ist auch gut so: Bodenarbeit ist alles, was du vom Boden aus mit deinem Pferd machst. Das beginnt beim Halfter anziehen, Holen und Anbinden, geht über das Führtraining und reicht bis zu Handarbeit, Longenarbeit und Freiarbeit.
Führtraining: Die belächelte Basis
Ausgerechnet die vermeintlich einfachste Übung wird am meisten unterschätzt. Erstaunlich viele Pferde lassen sich von links noch ordentlich führen, aber von rechts wird es schwierig, und mit Abstand geführt zu werden kennen die meisten gar nicht. Das ist mehr als ein Schönheitsfehler: Wenn die Basics nicht sitzen, entsteht Stress für Pferd und Mensch, und es wird schnell gefährlich.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Beim Vortraben für die Lahmheitsuntersuchung ist ein junges Pferd der Besitzerin aus der Hand geflutscht, hat einen Bogen geschlagen und sie umgerannt. Das Pferd blieb heil, die Besitzerin hatte einen Kreuzbandriss. Genau solche Situationen lassen sich mit regelmäßigem Führtraining vermeiden: von links führen, von rechts führen, mit Abstand führen, anhalten, über einen kleinen Parcours. Und ganz praktisch: Das Vortraben auf hartem Boden, das der Tierarzt bei jeder Lahmheitsabklärung braucht, ist eine Übung, die fast niemand übt, bis sie gebraucht wird. Auch fürs Verladen und für Turnier-Situationen zahlt sich diese Basis aus, denn ein Pferd, das sich sicher führen lässt, hat schlicht weniger Stress, und chronischer Stress ist ein bekannter Weg in Richtung Magenprobleme.
Lauftiere, keine Tragetiere: Warum Bodenarbeit Training ist
Pferde sind nicht dafür gemacht, Reitergewicht zu tragen. Wer reiten will, muss den Körper seines Pferdes darauf vorbereiten, allen voran die Bauchmuskulatur, ohne die der Rücken unter dem Reiter nicht aufgewölbt werden kann. Das gilt ausdrücklich nicht nur für Sportpferde: Gerade das Freizeitpferd, das aus Zeitgründen ein- bis zweimal pro Woche geritten wird und dann stundenlang durch den Wald trägt, erbringt an diesen Tagen eine Höchstleistung, auf die es trainiert sein muss. Bodenarbeit ist dafür das ideale Werkzeug, weil sie Rumpf, Koordination und Kondition aufbaut, ohne dass zusätzliches Gewicht auf dem Rücken liegt. Mit Elementen aus der Ergotherapie wird daraus gezieltes Körpertraining: Stangen, Podeste, Wippen und instabile Untergründe (es dürfen auch schlicht Kissen aus dem Haushalt sein) verbessern das Körpergefühl, kräftigen die Rumpfmuskulatur und schulen die koordinativen Fähigkeiten. Nebenbei verbessert die gemeinsame Arbeit die Kommunikation, und die Beziehung profitiert mit.
Propriozeption: Die eingeschlafenen Nerven wecken
Hinter dem sperrigen Begriff steckt der Schlüssel, warum Bodenarbeit in der Reha so wertvoll ist. Propriozeptoren sind sensorische Nervenzellen, über die das Pferd seine Gelenkstellung, den Muskeltonus und die Position seines Körpers im Raum wahrnimmt. Werden diese Nervenbahnen nicht genutzt, etwa während einer Verletzungspause, schlafen sie ein. Und nur wenn sie aktiv sind, funktioniert das Zusammenspiel der Muskeln, das die Gelenke schützt.
Das erklärt ein Phänomen, das in der Praxis viele frustriert: Pferde, die nach einer Pause wieder antrainiert werden und nach wenigen Wochen erneut lahm gehen. Oft steckt dahinter kein Gewebeproblem, sondern ein Koordinationsdefizit: Die Schutzreflexe waren noch nicht wieder wach. Genau hier setzt die Bodenarbeit an, als aktiver Rückfallschutz: Spaziergänge über wechselnde Untergründe (Sandweg, Waldboden mit Wurzeln, Wiese), Stangen im Schritt, später instabile Untergründe. So werden die Propriozeptoren geweckt und die Muskulatur ohne Reitergewicht wieder aufgebaut, bevor sich jemand in den Sattel setzt. Wie sich das in den Gesamtaufbau einfügt, zeigt der Artikel zum Aufbautraining in den ersten drei Monaten.
Für welche Pferde? Für alle.
- Reha-Pferde: Muskelaufbau ohne Reitergewicht, Propriozeptionstraining als Rückfallschutz, dosierbare Belastung.
- Turnier- und Sportpferde: Viele springen hohe Sprünge, lassen sich aber kaum vernünftig führen. Dazu lassen sich schwierige Lektionen vom Boden aus anbahnen, ohne dass Sitz- oder Einwirkungsfehler stören, und Stimmkommandos etablieren, die man mit in den Sattel nimmt.
- Jungpferde: Führtraining, Verladetraining und Umweltgewöhnung senken den Stress in neuen Situationen deutlich.
- Freizeitpferde und Rentner: Rumpfkraft und Koordination fürs Tragen und für die Trittsicherheit, plus sinnvolle Beschäftigung.
Und für den Winter ist Bodenarbeit ohnehin das Mittel der Wahl: Wenn es dunkel ist und die Böden schlecht sind, lässt sich vom Boden aus fast immer sinnvoll arbeiten. Ein schöner Ansatz aus dem Gespräch: sich für jeden Winter eine neue Aufgabe vornehmen, vom Spanischen Schritt bis zum Führen mit Abstand. Wie die Einheiten in den Wochenplan passen, steht im Trainingsplan-Artikel.









