Grundlage dieses Artikels ist eine Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein aus dem Jahr 2018, überarbeitet 2026 und an die aktuelle Terminologie (equines Asthma als Oberbegriff) angepasst. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung: Ein hustendes Pferd gehört in tierärztliche Abklärung.
Das Wichtigste in Kürze
» Atemwegserkrankungen beim Pferd teilen sich in zwei Gruppen: infektiöse (Viren, Bakterien, Parasiten, Pilze) und nicht-infektiöse, allen voran das equine Asthma.
» Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal im Stall ist Fieber: Infektiöse Atemwegserkrankungen gehen meist mit Fieber einher, equines Asthma nicht.
» Die wichtigste Therapie bei chronischen Atemwegsproblemen ist die Haltungsoptimierung: In Australien, wo Pferde kaum in Boxen stehen, kommt equines Asthma fast nicht vor.
Husten, Nasenausfluss, Leistungsschwäche: Atemwegserkrankungen sind nach den Lahmheiten der zweithäufigste Grund, warum Pferde in ihrem Leben eingeschränkt sind. Hinter denselben Symptomen können aber völlig verschiedene Ursachen stecken, von der Virusinfektion über wandernde Wurmlarven bis zum equinen Asthma. Dieser Artikel gibt dir den Überblick: Welche Atemwegserkrankungen es gibt, woran du sie unterscheidest, wie der Tierarzt die Diagnose stellt und warum die wichtigste Therapie nicht aus der Spritze kommt, sondern aus dem Stall.
Atemwegserkrankungen beim Pferd werden in zwei große Gruppen eingeteilt: infektiöse Erkrankungen, ausgelöst durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze, und nicht-infektiöse Erkrankungen, deren häufigste das equine Asthma ist (früher COB, chronisch obstruktive Bronchitis, genannt). Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal: Infektiöse Atemwegserkrankungen gehen meist mit Fieber einher, equines Asthma nicht.
Infektiöse Atemwegserkrankungen: Viren, Bakterien, Parasiten, Pilze
Viren: Herpes und Influenza
Am Anfang vieler Atemwegsinfekte stehen Viren, allen voran Herpes- und Influenzaviren. Sie lösen Husten, Fieber, meist nur wenig Nasenausfluss, angelaufene Beine und Mattigkeit aus. Das Tückische: Die Viren schwächen die Schleimhäute und begünstigen so eine zweite, bakterielle Infektion obendrauf. Wird der Nasenausfluss nach einigen Tagen gelb und zäh, ist das ein Hinweis auf genau diese bakterielle Besiedelung. Mehr zu den Viruserkrankungen und zur Impffrage liest du im Artikel über Herpes beim Pferd.
Nüsternkontrolle gehört zum täglichen Blick: Farbe und Konsistenz des Nasenausflusses verraten viel. Wässriges, klares Sekret ist oft viral oder reizbedingt, gelbes und zähes Sekret spricht für eine bakterielle Beteiligung und gehört in tierärztliche Abklärung. Beurteilt wird das am besten in der Sekretrinne, der Rinne am unteren Nüsternrand, in der das Nasensekret abläuft.


Referenzbilder: der Blick auf die Sekretrinne. Auf beiden Fotos wird die Nüster leicht angehoben, der Blick fällt auf den Übergang von der dunklen, pigmentierten Haut zur rosafarbenen, unpigmentierten Schleimhaut. Bei einer gesunden Nüster ist diese Grenze scharf gezeichnet, ein sauberer Halbmond. So soll es aussehen. Läuft dagegen über Wochen immer wieder Sekret über diese Kante, beginnt der pigmentierte Bereich entlang der Ablaufspur zu depigmentieren: Die Grenze franst aus, und die Sekretrinne zeichnet sich als rosafarbene Linie im dunklen Bereich ab. Bei langjährig chronischen Atemwegspatienten kann die Linie regelrecht aufbrechen und großflächig rosa werden. Eine sichtbar depigmentierte Sekretrinne verrät dir also chronischen oder immer wiederkehrenden Nasenausfluss, selbst an einem Tag, an dem die Nase gerade trocken ist, etwa beim Isländer im Winter oder bei der Ankaufsuntersuchung. Je nach Pigmentierung deines Pferdes ist das unterschiedlich leicht zu erkennen. Schau bei dunklen Nüstern besonders genau hin.
Referenzbild: stark ausgebildete Sekretrinne. So sieht es aus, wenn die Depigmentierung weit fortgeschritten ist: Mitten im dunkel pigmentierten Bereich zeichnet sich ein großer, rosafarbener Fleck entlang der Ablaufspur ab, dazu frisches Sekret in der Rinne. Ein solches Bild spricht für lange bestehenden, immer wiederkehrenden Nasenausfluss und gehört tierärztlich abgeklärt, auch wenn das Pferd im Moment sonst unauffällig wirkt.
Bakterien: Von der Bronchitis zur Lungenentzündung
Zu den krankmachenden Bakterien zählen zum Beispiel Streptokokken und Staphylokokken. Im schlimmsten Fall entwickelt sich eine bakterielle Lungenentzündung (Pneumonie). Begünstigt wird sie durch lange Transporte, eine Vollnarkose, schlechte Haltungsbedingungen, Fütterungsfehler und sportliche Überlastung. Eine Sonderform ist die Aspirationspneumonie: Bei Schluckproblemen, etwa im Rahmen einer Schlundverstopfung, gelangen Futter- und Speichelanteile samt Bakterien in die Lunge und lösen dort die Entzündung aus. Auch die Druse, eine hochansteckende Streptokokken-Erkrankung der oberen Atemwege, gehört in diese Gruppe.
Parasiten: Wanderlarven und der Lungenwurm
Zwergfadenwürmer und Spulwürmer sind eigentlich Magen-Darm-Parasiten. Ihre Larven wandern aber durch den Körper und durchstreifen dabei auch die Lunge. Ihre Bohrgänge im Lungengewebe können Entzündungen und Atemnot auslösen. Daneben gibt es den echten Lungenwurm: Seine Larven werden mit dem Weidegras aufgenommen und wandern über die Darmwand in die Lunge. Sein vollständiger Entwicklungszyklus bis zum eierlegenden erwachsenen Wurm läuft allerdings meist nur beim Esel ab. Beim Pferd bleiben die Larven in der Regel unreif, legen keine Eier, und genau deshalb ist die Kotprobe beim Pferd meist negativ, obwohl die Lunge betroffen ist. Der Nachweis gelingt dann über eine Bronchoskopie, bei der der Schleim auf Larven und bestimmte Entzündungszellen untersucht wird. Wie du das Wurmmanagement grundsätzlich aufsetzt, zeigt der Artikel zur selektiven Entwurmung.
Pilze: Selten die Ursache, oft ein Bote
Echte Lungenmykosen, also Pilzinfektionen des Lungengewebes, sind beim Pferd äußerst selten. Werden Pilze im Schleim der Luftröhre gefunden, handelt es sich in der Regel um Schimmelpilze aus Heu und Umgebung. Sie vermehren sich nicht im Lungengewebe, aber sie reizen die Atemwege und sind vor allem eines: ein deutlicher Hinweis auf eine zu hohe Staub- und Schimmelbelastung der Atemluft, und damit eine Brücke zur zweiten großen Gruppe.
Nicht-infektiös: Equines Asthma (früher COB)
Die häufigste chronische Atemwegserkrankung des Pferdes ist heute unter dem Oberbegriff equines Asthma zusammengefasst. Wer schon länger Pferde hat, kennt die älteren Namen: In Deutschland sprach man von der COB (chronisch obstruktive Bronchitis), international von RAO (Recurrent Airway Obstruction) für die schwere Form mit Atemnot und von IAD (Inflammatory Airway Disease) für die mildere Form, die sich nur durch Leistungsmangel und eine verlängerte Erholungszeit nach Belastung zeigt. Diese Unterscheidung lebt in der heutigen Einteilung in mildes, moderates und schweres equines Asthma weiter.
Auch die Abgrenzung zur menschlichen COPD ist aufschlussreich: Beim Menschen bleiben die Atembeschwerden bestehen, selbst wenn der Auslöser (etwa das Rauchen) wegfällt. Beim Pferd bessern sich die Symptome, wenn der Auslöser, allen voran Staub, konsequent entfernt wird. Genau darin liegt die gute Nachricht dieser Diagnose: Du hast als Besitzer einen riesigen Hebel in der Hand.
Was die alte Bezeichnung COB Buchstabe für Buchstabe über die Erkrankung verrät:
- C wie chronisch: Die Problematik besteht länger als sechs Wochen. Über den Schweregrad sagt das nichts aus, chronische Patienten können symptomlos sein oder deutliche Atemnot zeigen.
- O wie obstruktiv: Die Ausatmung wird bauchbetont. Das Pferd presst die Luft mit den Bauchmuskeln aus der Lunge, rund um die Uhr. Dieses unfreiwillige Dauertraining zeichnet die Muskulatur mit der Zeit sichtbar ab: Es entsteht die bekannte Dampfrinne.
- B wie Bronchitis: Die Atemwege entzünden sich. Die Schleimhaut schwillt an, Entzündungszellen wandern ins Gewebe, es wird vermehrt Schleim produziert, und die Bronchien verkrampfen (Bronchospasmus). Alles zusammen macht den Luftweg immer enger.
Auslöser sind vor allem Stäube aus Heu, Einstreu, Reithallen- oder Paddockboden, Schimmelpilze im Heu, Gase wie Ammoniak aus dem Mist sowie Pollenflug. Die Symptome reichen von Leistungsminderung und verlängerter Erholungszeit über Husten und weißlichen Nasenausfluss bis zur Atemnot mit weit gestellten Nüstern und sichtbarem Pumpen in Ruhe. Und zur Erinnerung: Fieber gehört nicht dazu. Fiebert dein hustendes Pferd, spricht das für eine Infektion. Wie du ein Asthma-Pferd trainierst und bewegst, liest du im Artikel über den Lungensport für Pferde, und wie du die Atmung im Alltag überwachst, im Artikel zur Atemfrequenz beim Pferd.
Diagnostik: So findet der Tierarzt die Ursache
Am Anfang stehen die klinische Untersuchung und die Frage nach Fieber, Ausfluss und Verlauf. Dann stehen dem Tierarzt mehrere Werkzeuge zur Verfügung:
- Die Blutgasanalyse zeigt, wie weit die Funktion der Lunge bereits gestört ist.
- Bei der Bronchoskopie werden Schleim und Schleimhaut direkt beurteilt und eine Schleimprobe entnommen.
- Die Untersuchung der Schleimprobe unter dem Mikroskop verrät die Ursache: Bestimmte Entzündungszellen (neutrophile Granulozyten) sprechen für equines Asthma, andere (eosinophile Granulozyten) für eine parasitäre Erkrankung. Auch Fremdmaterial im Schleim ist ein Hinweis auf eine erhöhte Staubbelastung der Atemluft.
- Eine bakteriologische Untersuchung dient meist dem Ausschluss einer Infektion und ist bei equinem Asthma in der Regel negativ.
Therapie: Haltungsoptimierung, Haltungsoptimierung, Haltungsoptimierung
Bei den chronischen Atemwegserkrankungen steht an erster Stelle die Haltungsoptimierung. An zweiter Stelle: Haltungsoptimierung. Und an dritter? Genau. Der eindrücklichste Beleg dafür kommt aus Australien: Dort werden Pferde kaum in Boxen gehalten, und equines Asthma kommt fast nicht vor. In unseren Breiten, mit überwiegender Boxenhaltung, ist es die häufigste chronische Atemwegserkrankung. Pferde sind Frischluftfanatiker.
Staubvermeidung heißt konkret: Wenn kein Offenstall infrage kommt, muss das Pferd aus der Box, wenn gefegt oder eingestreut wird. Heu nass machen, bedampfen oder auf Heulage und Heucobs ausweichen, je nach Möglichkeiten. Kraftfutter kann angefeuchtet werden. Staubarme, saubere Einstreu (am besten kein Stroh), keine Heufütterung aus Rundballen, und das Reiten in staubigen Hallen meiden. Dazu kommt regelmäßige, an den Tageszustand angepasste Bewegung, damit die Lunge belüftet wird und sich selbst reinigen kann. Ein Pferd mit hochgradiger Atemnot darf dabei nicht galoppiert werden, das schadet der Lunge; das Bewegungsprogramm wird täglich an den Zustand angepasst.
Medikamentös stehen dem Tierarzt Schleimlöser, Bronchienerweiterer und Cortisonpräparate zur Verfügung, als Fütterung oder Inhalation, im Notfall (Status asthmaticus) auch als Injektion. Wichtig zu verstehen: Diese Medikamente verbessern die Symptome. Wird die Ursache nicht abgestellt, lösen sie das Problem nicht und müssen dauerhaft gegeben werden. Ergänzend beschreibt die Forschung positive Effekte einer Fütterung mehrfach ungesättigter Fettsäuren, und in hartnäckigen Fällen kann ein Klimawechsel (die sprichwörtliche Kur an der Nordsee) eine Überlegung wert sein. Was davon für dein Pferd sinnvoll ist, entscheidet dein Tierarzt.
Eine Heilung ist bei equinem Asthma nicht möglich: Die Lunge behält eine Überempfindlichkeit (Hyperreagibilität) gegenüber Staub. Es braucht eine lebenslange Anpassung von Haltung, Fütterung und Bewegung. Die gute Nachricht bleibt: Genau diese Stellschrauben hast du selbst in der Hand.
Mein Fazit
Wenn dein Pferd hustet, ist die erste Frage nicht „welcher Schleimlöser?", sondern „infektiös oder nicht?". Fieber, gelber Ausfluss und Mattigkeit sprechen für eine Infektion, die in tierärztliche Behandlung gehört. Husten ohne Fieber, Leistungsschwäche und zäher weißlicher Schleim sprechen für equines Asthma, und dann beginnt deine eigentliche Arbeit nicht im Medikamentenschrank, sondern im Stall: Staub raus, Frischluft rein, Bewegung anpassen, Werte beobachten. Die Diagnose stellt der Tierarzt, aber die wichtigste Therapie setzt du jeden Tag selbst um.







