Das Wichtigste in Kürze
» Sieben Hufprofis, eine gemeinsame Formel: Ein Pferd braucht Hufschutz, wenn der Abrieb größer ist als das Hornwachstum. Ob das ein Eisen sein muss, ist die zweite Frage.
» Die Basis der Hufgesundheit liegt nicht in der Bearbeitung, sondern in Haltung, Untergrund und Fütterung, dem Kürzel H-U-F von Team Huf.
» Das No-Go, das fast alle nennen: Bearbeitungsintervalle über sechs Wochen. Der Huf wächst rund einen Zentimeter im Monat, und jede Korrektur wächst mit heraus.
Oldie but Goldie. In über acht Jahren „Kernkompetenz Pferd" sind fast 200 Folgen entstanden, die auch Jahre später nichts an Relevanz verloren haben. Daher legen wir Gold-Folgen noch einmal neu auf. Auch wenn sie nicht neu aufgenommen wurden, ihr Inhalt ist aktueller denn je. Denn gute Medizin folgt keinem Trend. Sie basiert auf Wissen, Zusammenhängen und einem klaren Blick für das Pferd. Diese Folge erschien im Original im August 2021 und war die erste, die wir als Gold-Folge neu aufgelegt haben.
Es geht um das Thema Huf, und ich habe dafür ganz viele, ganz unterschiedliche Menschen aus der Hufwelt gefragt. Jede und jeder hat dieselben Fragen bekommen: Wie lautet deine Berufsbezeichnung, wie bist du das geworden und seit wann? Welche Pferde sollen barfuß gehen? Welche sollen Hufeisen haben? Dein Tipp an Pferdebesitzer, dein No-Go zum Thema Hufe, und wo findet man mehr von dir? Du bekommst hier also einen Überblick aus den verschiedenen Lagern. Nicht mit allen Antworten gehe ich ganz konform, und hier und da habe ich eine andere Meinung. Aber es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, die beste Lösung für das individuelle Pferd zu finden. Verschaff dir den Überblick.
Wer hier zu Wort kommt
Sieben Stimmen aus der Hufwelt, in der Reihenfolge der Folge:
- Christina und Barbara von Team Huf, Barhufbearbeiterinnen
- Laura Anthes, Hufheilpraktikerin (Hufheilpraktik Anthes)
- Martin Brülke, staatlich geprüfter und anerkannter Hufbeschlagschmied (@bruelke)
- Josephine Malzahn, Hufpflegerin nach F-Balance
- Franzi Kluth, Huforthopädin (Pferdeglück Horse Solutions)
- Tanja Rohrmann, Huforthopädin (Die Huforthopädin)
- Sandra Fencl, Hufpflegerin und ganzheitliche Pferdegesundheitsexpertin (Website)
Team Huf: Haltung, Untergrund, Fütterung
Barbara und Christina haben vor gut 15 Jahren die Ausbildung zur Barhufbearbeiterin an einer privaten Schule gemacht, später die Hufschuhanpassung dazugenommen und betreiben inzwischen eine kleine Rehastation für Pferde mit Hufrehe. Damit die Pferde danach zu Hause gesund bleiben, schulen sie die Halter in Haltung, Untergrund und Fütterung. Sie nennen sich selbst totale Fortbildungsjunkies: Die Ausbildung sei immer nur der erste Baustein, und sie versuchen, die Leute persönlich kennenzulernen, die die wissenschaftlichen Studien herausbringen, und das mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen.
Welche Pferde gehen barfuß? „Es kommt drauf an." Als Barhufbearbeiter werde man häufig in die Schublade geschoben, alle Pferde müssten immer barfuß gehen. Der Meinung sind die beiden definitiv nicht. Entscheidend sind die Hufgesundheit, also ob das Pferd wirklich entspannt barfuß zurechtkommt, dazu Haltung, Böden, Fütterung, die Nutzung des Pferdes, und auch der Besitzer: Was ist er bereit zu machen oder zu lassen? Ein gesund funktionierender Barhuf hat nach ihrer Erfahrung ganz tolle Eigenschaften. Er dämpft den Stoß, baut Propriozeption auf und gibt dem Pferd Information darüber, wie die Muskelspannung sein sollte, wie es den Huf setzt, wie schnell es geht und wie groß der Schritt wird. Das kann aber nur ein Huf, der auch gesund genutzt wird.
Zwei Situationen, in denen ein Pferd aus ihrer Sicht auf jeden Fall barfuß sein sollte: in den Ruhephasen, also wenn ein Pferd in der Turniersaison beschlagen ist, dann in den ruhigeren Monaten die Eisen abnehmen. Und bei jungen Pferden. Dass die auswachsen können, bevor man über einen permanenten Hufschutz nachdenkt, ist für Team Huf Grundlage. Mittelfristig sollte ein Pferd in seiner Freizeit ohne Schutz auskommen, kurzfristig darf es einen temporären Hufschutz brauchen. Was die beiden am Barfußlaufen besonders schätzen: Sie kommen in kurzen Abständen an den Huf heran und können minimalistisch bearbeiten.
Wann Hufeisen? Da sie selbst nicht beschlagen, versuchen sie, den Huf so zu unterstützen, dass er barfuß zurechtkommt, und greifen sonst zum Hufschuh. Es gibt aber Situationen, in denen ein permanenter Schutz sinnvoll ist: wenn das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Abrieb nicht mehr stimmt, weil die Böden in der Haltung und beim Reiten die Hufe zu kurz laufen lassen, bei bestimmten Disziplinen, oder wenn ein Halter mit dem temporären Hufschuh schlicht nicht arbeiten kann. Und in medizinischen Situationen, in denen der Huf komplett ruhiggestellt werden muss, etwa bei einer Hufbeinfraktur. Zum Glück gibt es dafür inzwischen eine Vielfalt an Werkstoffen.
Ihr Tipp: Bilde dich selbst fort, damit du dir eine eigene Meinung bilden und wieder auf dein Bauchgefühl hören kannst. Viele Pferdebesitzer sind unsicher und verlassen sich deshalb auf anderer Leute Meinung. Ihre Arbeit basiert auf dem Kürzel H-U-F: Haltung, Untergrund, Fütterung. Bei der Haltung sind sie Fans vom Paddock Trail oder einer Haltung mit sehr viel Bewegung, wenig Stress und einem guten Sozialverband. Beim Untergrund von kleinem, rundem Kies, etwas tiefer, damit die Pferde einsinken können. Der fördert die Hufgesundheit und den Self-Trim, also die Bearbeitung, die die Pferde beim Laufen selbst erledigen. Und bei der Fütterung eine Ration, die alles liefert, das Gewicht aber im Auge behält. Wer das Heu über den Paddock verteilt, bringt zusätzlich Bewegung ins Leben der Pferde. Ihr Motto: mehr Huf, weniger Bearbeitung. Ein paar wilde Ponys mit Hufrehe, die sie aufgenommen haben, hätten sich allein durch H-U-F bombastisch entwickelt.
Ihr No-Go: gegen den Huf arbeiten und nicht auf das Pferd hören. Man könne den Huf nicht in eine Idealform zwingen und nicht zu einer Leistung, zu der er nicht in der Lage ist. Wer jede Situation individuell prüft, komme gar nicht erst zum No-Go. Mehr von den beiden gibt es auf team-huf.de, inklusive eines kostenlosen Leitfadens zur Hufrehe.
Laura Anthes: Alle Pferde, immer barfuß
Laura ist Hufheilpraktikerin nach EEPP, ausgebildet am Europäischen Institut für Pferdephysiologie, und seit September 2019 tätig. Dass sie ganzheitliche Barhufpflegerin wurde, war ein Zufall: Sie studierte damals unzufrieden Geowissenschaften und unterhielt sich auf einem Geburtstag mit einem Pferdeosteopathen und Hufheilpraktiker. Der überzeugte sie, dass eine reine Osteopathie-Ausbildung wenig Sinn macht, weil die Basis stimmen muss. Er habe oft beobachtet, dass die meisten körperlichen Beschwerden der Pferde von den Hufen ausgehen. Wenn die Basis nicht stimmt, könne man oben eine Blockade so oft einrenken, wie man will, das ursprüngliche Problem bleibe.
Welche Pferde gehen barfuß? „Alle Pferde und immer." Laura hat nach eigener Aussage noch nicht erlebt, dass ein Pferd irgendeine Art Hufschutz braucht, und stellt die Natur an dieser Stelle nicht infrage. In der Umstellungsphase setzt sie temporär moderne Hufschuhe ein, wenn ein Pferd wirklich Probleme hat.
Wann Hufeisen? Aus ihrer Sicht nie. Sie hält Eisen für reine Symptombekämpfung, weil sie die Durchblutung hemmen und der Hufmechanismus in dem Fall nicht funktioniere. Das Pferd spüre dann nichts mehr von seinem Problem, die Ursache sei aber trotzdem da. Das ist die klarste Position in dieser Folge. Ich habe eingangs gesagt, dass ich nicht mit jeder Antwort konform gehe. Hör sie dir trotzdem an, denn ihre Tipps gelten für jedes Pferd.
Ihr Tipp: Regelmäßige Barhufpflege, an der man nicht sparen sollte, und den Bearbeiter nicht erst rufen, wenn der Huf ausbricht, weil es dann meist zu spät ist. Den Huf regelmäßig wässern, damit er flexibel und geschmeidig bleibt. Öl hilft dabei nicht, denn es verhindert, dass der Huf sich mit Wasser vollsaugen kann, wenn er es braucht. In der freien Natur haben Pferde eine tägliche Wässerung, weil sie zum Trinken ins Gewässer laufen, das fällt in unseren Haltungen weg. Und: hinschauen, ob das Pferd schmerzfrei steht, ob es physiologisch über die Trachte fußt und nicht über die Zehe, und ob es mit senkrechten Röhrbeinen dasteht. Nur dann steht es in seinem Sehnengleichgewicht und belastet den Huf gleichmäßig.
Ihr No-Go: permanenter Hufschutz in allen Varianten, ob Klebebeschlag, Eisen oder dauerhaft getragene Hufschuhe. Der Huf sei Tastorgan, Entgiftungsorgan und Blutpumpe zugleich, und man nagle oder klebe etwas auf ein lebendiges Körperteil. Laura findet man auf Instagram unter hufheilpraktik, außerdem gibt es den Verband der Hufheilpraktiker (VDHP).
Martin Brülke: Wenn der Abrieb das Wachstum überholt
Martin ist staatlich geprüfter und anerkannter Hufbeschlagschmied, seit 2008 selbstständig und begeisterter Springreiter. Über das Springreiten kam er zum Beruf, die Lehre begann er 2005 in Lindlar. Sein Sitz ist heute in Leverkusen.
Welche Pferde gehen barfuß? „Jedes Pferd kommt barfuß zur Welt." Entscheidend seien später Haltungsbedingungen, Nutzung und Gesundheit. Nicht jedes Pferd eigne sich als Barhufgänger, aber auch nicht jedes Pferd müsse beschlagen werden. Wie ist das Pferd gehalten, in welchem Umfang wird es geritten und bewegt, auf welchen Böden muss es laufen? Schotter am Stall und Betonpaddocks bedeuten deutlich mehr Abrieb als Erde, Lehm, Wiese oder Sand.
Wann Hufeisen? Immer dann, wenn der Abrieb der Hufe größer ist als die Möglichkeit des Horns nachzuwachsen. Wenn die Pferde sich kurzlaufen und kein Material mehr an den Huf kommt, laufen sie irgendwann unsicher und fühlig und brauchen einen Hufschutz. Und das sind nicht immer Hufeisen: Es gebe eine riesige Palette an genagelten und nicht genagelten Varianten sowie geklebte Kunststoffbeschläge, die mit Kunstharz angebracht werden. Die andere Gruppe sind Pferde, die aus gesundheitlichen Gründen beschlagen werden müssen, etwa mit einem Hufrehebeschlag. Dazu kommen die Sportbeschläge: für Dressurpferde, Gangpferde, Westernpferde mit Sliding Plates für den Sliding Stop, Vielseitigkeits- und Springpferde mit Stollenlöchern, weil beim Springen und in der Vielseitigkeit Traktion und Bodenfestigkeit Sicherheitsfragen sind. Für Freizeitpferde auf hartem Geläuf empfiehlt er ausdrücklich Kunststoffbeschläge, weil sie gelenkschonend sind und den Aufhängeapparat schonen. Auch für ältere Pferde mit Schale oder Hufgelenksarthrose, die eine Stoßdämpfung brauchen.
Sein Tipp: „Ohne Huf kein Pferd." Legt Wert darauf, dass die Bearbeitungszeiträume nicht in die Länge gezogen werden, sechs bis acht Wochen Beschlagsintervall und acht Wochen beim Barhufer nicht überziehen, und dass ein wirklich geschulter, hochqualifizierter Fachmann arbeitet, der bei Fragen zur Seite steht.
Sein No-Go: Korrekturbeschläge bei Pferden, die dann 10, 12, 13, 14 Wochen laufen. Auch ein Hufschmied könne nur korrigieren, wenn der Besitzer die Intervalle einhält. Sonst habe eine Korrektur keinen Boden und keinen Sinn.
Josephine Malzahn: Der Huf ist nicht tot
Josephine ist als Hufpflegerin im Süden Thüringens, im Norden Bayerns und in Hessen unterwegs, F-Balance-zertifiziert, aber ausdrücklich methodenoffen, und berät zu Hufschuhen, wenn jemand nicht sicher ist, ob Barhuf das Hundertprozentige ist.
Welche Pferde gehen barfuß? Prinzipiell sehr viele, Gott sei Dank. Viele Freizeitpferde, die ausgeritten werden, das eine oder andere Turnier gehen oder auf dem Platz laufen, seien heute allein durch die vorhandenen Hufschuhe gut versorgt. Es können sehr viele Pferde barfuß laufen, ebenso wenige auch nicht, aus Gründen, die im Pferd oder in den äußeren Umständen liegen. Der Großteil der Freizeitpferde gehe aber erst einmal barfuß.
Wann Hufeisen? Für die, die mehr Abrieb haben, als sie nachproduzieren können: sportlich genutzte Pferde und Arbeitspferde. Ob man das auf Hufeisen beschränken sollte, ist für sie eine andere Geschichte. Kunststoff, Aluminium, Klebebeschläge, die inzwischen sehr gut halten und ohne Nagellöcher und ohne invasiven Eingriff in die Hornkapsel auskommen. Viele Barhufpferde brauchen nur saisonal Schutz, etwa im Winter bei erhöhter Feuchtigkeit oder im Sommer auf Turnieren. Das Eisen sei nach wie vor das Kostengünstigste, und alternativer Hufschutz brauche alternative Techniken, mit denen sich nicht jeder Schmied beschäftige. Trotzdem verbreiteten sich die Alternativen stark.
Ihr Tipp: Sich damit auseinandersetzen, dass der Huf nicht tot ist. Er ist ein äußerst wandlungsfähiges Organ, das viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Alle schauen auf Osteopathie und Physiotherapie, den Huf schaut außer dem Schmied alle paar Wochen kein Mensch an. Hygiene walten lassen, Funktionalität vor Optik, und sich klarmachen, dass nicht nur der Hufbearbeiter Einfluss auf den Huf hat, sondern viel mehr Haltung und Fütterung. „Der Huf ist krumm, die weiße Linie ist gezerrt, der Strahl fault, das war alles der Hufpfleger." Kann sein. Oft sind es aber geänderte Lebensumstände, zu viel des Guten bei bestimmten Futtermitteln, Stress oder überlastete Stoffwechselprozesse.
Ein zweiter Punkt liegt ihr am Herzen: Wer an Hufen arbeitet, hat erst einmal die Intention zu helfen. Weil es keine Ausbildung mit rotem Faden gibt, sondern private Schulen mit unterschiedlichen Lehrmethoden, unterscheiden sich die Wege, auch wenn das Ergebnis dasselbe sein kann. Man solle sich hüten, ständig den Bearbeiter zu wechseln. Drei, vier, fünf Intervalle anschauen, nach drei, vier Monaten das Gespräch suchen, wenn etwas nicht gefällt. Ein Pferd, das nach dem Ausschneiden dauerhaft fühlig läuft, sei allerdings keine Ausrede, so etwas sei nicht lege artis. Ein guter Hufpfleger könne erklären, was er da tut und warum, viel oder wenig. Wer wahllos arbeitet, den darf man wechseln. Dauerhafte Wechsel bringen aber schlicht wenig Vorteile, und mit Pech bringe man sich damit mehr in die Bredouille, als einem lieb ist.
Ihre No-Gos: Zu lange Intervalle. Über sechs Wochen beim Barhufer seien definitiv zu lang, Punkt. Der Huf kompensiere fast alles, auch die Lebensumstände, aber das hat Grenzen. Zweites No-Go: ein Pferd mit Hufschutz versehen, weil man denkt, dass man das braucht. „Ein Springpferd muss Eisen haben. Aha. Warum? Weil das schon immer so war." Das hält sie für tierschutzrelevant. Ein Eisen habe sehr viele Vorteile, aber auch Nachteile: Die Hornkapsel verändere sich, der Huf werde eng, Ballen- und Strahlpolster atrophieren, und alle inneren Strukturen werden unphysiologisch belastet. Wer den Vorteil nicht sieht, hole sich nur den Nachteil ins Haus. Drittes No-Go, genauso wichtig: ein Pferd nicht mit Hufschutz versehen, wenn es einen braucht.
Franzi Kluth: Steinchen drin lassen
Franzi ist Huforthopädin in NRW und hat aus einem Nebenerwerb einen Hauptberuf gemacht: Seit August 2019 macht sie nur noch Pferde, sechs bis sieben Tage die Woche, und hilft großen und kleinen Pferden, möglichst gut barfuß durchs Leben zu kommen. Ihr kleinstes Pony ist 70 Zentimeter groß, das größte Pferd ein Warmblut mit 1,85 Meter, dazwischen Spanier, Robustrassen, Isländer, Kaltblüter, Traber, Ex-Galopper.
Welche Pferde gehen barfuß? Solange der Abrieb nicht stärker ist als das, was nachwächst, erst einmal jedes. Ihr Lieblingsbeispiel kommt aus dem Spitzensport: Im schwedischen Springteam, das bei den Olympischen Spielen Gold holte, gingen zwei Pferde komplett barhuf. Gerade im Springen heiße es oft, ab einer gewissen Höhe müsse beschlagen werden. Das Beispiel zeige, es geht doch, man müsse nur ein paar Dinge anders optimieren.
Wann Hufeisen? Wenn auf Dauer der Abrieb größer ist als das Wachstum. Findet der Abrieb hauptsächlich im Gelände statt, reicht temporärer Schutz, also Hufschuhe. Läuft sich das Pferd aber schon im Offenstall mit vielen befestigten Flächen die Hufe zu kurz, ohne Zutun des Reiters, dann gehören Eisen drunter. Aus ihrer Sicht sind Hufeisen ein Abriebschutz und sonst nichts: Korrekturen von Fehlstellungen und diverse Erkrankungen bekomme man barhuf genauso gut in den Griff, manchmal besser.
Ihr Tipp: Nicht immer alle kleinen Steinchen aus dem Huf herauspopeln. Manche Besitzer entfernen jedes Splittsteinchen aus der weißen Linie, also zwischen Wand und Sohle. Dann bleiben kleine Einkerbungen zurück, in denen der nächste, größere Stein Platz findet, und das Problem wird eher größer. Große Steine natürlich entfernen, ganz kleine erst einmal beobachten. Mit passender Bearbeitung erledigt sich das meist von allein.
Ihr No-Go: zu lange Bearbeitungsintervalle, egal ob der Besitzer die Termine strecken will oder der Bearbeiter sie zu weit auseinanderlegt. Sie selbst bearbeitet ihre Kundenpferde alle vier Wochen, in seltenen Ausnahmen alle sechs. Die Begründung ist einfach: Ein Huf wächst ungefähr einen Zentimeter pro Monat. Was man unten schneidet und außen raspelt, nutzt sich zwischen den Terminen ab und wird vom nachwachsenden Horn herausgeschoben. Der Korrektureffekt verschwindet also nach und nach. Wer Fehlstellungen, hebelnde Wände oder Risse korrigieren will, muss engmaschig dranbleiben, damit der Huf gar nicht erst in alte Verhaltensmuster verfällt. Zu lange Intervalle seien dafür Gift. Franzi teilt Vorher-nachher-Vergleiche auf Instagram und hat das als Blickschulung angefangen, weil ihr in der Arbeit so oft der Satz begegnet: „Ach krass, so habe ich den Huf ja noch nie gesehen." Je mehr Pferdebesitzer wissen, desto kritischer werden sie, und nur so entstehe ein Gespräch auf Augenhöhe.
Tanja Rohrmann: Die Frage heißt Hufschutz, nicht Hufeisen
Tanja ist Huforthopädin, ausgebildet am Deutschen Institut für Huforthopädie, und seit sechs Jahren tätig. Sie kam aus einer Nicht-Pferde-Sicht dazu: Damals besaß sie kein eigenes Pferd, wollte aus dem Angestelltenverhältnis heraus und etwas Selbstbestimmtes machen. Eine Freundin erzählte ihr vom Huforthopäden, der in Rente ging. Nach dem ersten Seminar dachte sie: „Wow, warum wissen das so wenige? Das funktioniert ja, das muss ich lernen und in die Welt tragen."
Welche Pferde gehen barfuß? Eigentlich jedes, solange das Horn mehr nachwachsen kann, als es Abrieb hat. Auch sie verweist auf die barfuß gehenden Medaillenpferde des schwedischen Springteams.
Wann Hufeisen? Sie findet es nicht richtig, die Frage auf Eisen zu reduzieren. Die Frage müsse lauten: Wann brauchen Pferde Hufschutz? Nämlich dann, wenn der Abrieb das Horn überholt. Das Eisen habe seine Berechtigung, es ist der älteste Schutz aus einer Zeit, in der Pferde viel auf der Straße liefen. Heute gebe es deutlich mehr Auswahl. Und ihr ist wichtig, dass der Huf seine Regeneration bekommt: Wenn die Wanderreit- oder Turniersaison zu Ende ist, sollte er wieder barhuf laufen dürfen, um sich zu erholen und zu stabilisieren.
Ihre Tipps: Erstens: Informiert euch. Sie ist manchmal erschrocken, wie wenig Beachtung der Huf bekommt, dabei ist er das Fundament. Und er sei nicht schwer zu verstehen, er folgt physikalischen Kräften. Zweitens: Viele Erkrankungen werden auf den Huf geschoben, die ihn gar nicht betreffen. Es lohnt sich, das Gesamtkonstrukt zu betrachten und zu fragen, ob es wirklich der Huf ist oder ob es von weiter oben kommt, als Verschiebung der Symptomatik. Drittens: Gebt dem Huf härtere Untergründe. Sie sieht viel schlechte Hornqualität, und Horn braucht festen Untergrund und Abrieb, um stabil zu werden. Wie bei uns: Wer mit dem Spaten in der Erde buddelt, bekommt im besten Fall Hornhaut und keine Blase. Wenn nicht alles butterweich ist, laufen viele Pferde besser.
Ihr No-Go: lange Bearbeitungsintervalle, vor allem der Klassiker, dass ein Pferd in Rente geht und sie auf einmal nur noch alle zwölf Wochen gerufen wird. Das macht sie nicht mehr, weil es keinen korrigierenden Effekt hat. „Jedes Pferd hat ein Recht darauf, auf gesunden Füßen zu stehen", ob Rentner oder Jungpferd, von dem es heißt, das leiste ja noch nichts. Laufen können müssen sie alle.
Sandra Fencl: Hufpflegerin aus Verzweiflung
Sandra ist ganzheitliche Pferdegesundheitsexpertin, Trainerin, hat früher Isländer gezüchtet, und ist, wie sie selbst sagt, Hufpflegerin aus Verzweiflung. Ihre erste Isländerstute sollte mit knapp 20 Jahren wegen einer Hufrollenentzündung eingeschläfert werden, bestätigt von mehreren Tierärzten und Schmieden. Sandra hatte das Gefühl, die Stute wolle nicht sterben, und begann eine fast zweijährige Hufpflegeausbildung. Nach eigener Aussage als die weltuntalentierteste Hufpflegerin überhaupt: Nach der Hälfte der Ausbildung schnitt sie noch an toten Hufen, und ihr Dozent legte ihr nahe aufzuhören und bot ihr das Geld zurück. Sie blieb. Die Stute lebte danach ziemlich genau 20 weitere Jahre schmerzfrei, fit und reitbar, galoppierte zwei Tage vor ihrem Tod noch über die Koppel und schlief im 39. Lebensjahr friedlich ein. Seitdem sagt Sandra: Egal wie untalentiert du bist, du kannst alles lernen, wenn du willst.
Welche Pferde gehen barfuß? Bei ihr alle. Ihre Isländer und ihr Lusitano, der auf S-Niveau geht und bis 1,10 Meter springt, laufen barhuf und ohne Hufschuhe ins Gelände. Früher hatte sie, wie unter Isländertrainern üblich, die meisten Pferde beschlagen, weil einem beigebracht werde, Isländer könnten nur mit Beschlag ordentlich tölten. Die Geschichte ihrer Stute brachte sie zum Umdenken.
Wann Hufeisen? Die wenigsten Pferde brauchen aus ihrer Sicht wirklich welche. Wenn sie Eisen „brauchen", lohne ein genauerer Blick: Ist die Ernährung nicht gut genug, etwa weil viele Zusatzfutter zu viel Calcium enthalten, den Gegenspieler von Zink, das für Hufe, Haut, Fellwechsel und Immunsystem extrem wichtig ist? Fehlt sauberes Wasser oder feuchtes Gras, in das der Huf einmal am Tag hinein kann? Sauberer Schlamm sei etwas Natürliches, ammoniakdurchtränkte Mistpaddocks etwas anderes. Und stimmt das Training, oder steht ein Huf drei Zentimeter höher als der andere, weil die natürliche Schiefe mangelhaft bearbeitet wird? Für Pferde mit flachem Sohlengewölbe, typische Sumpfhufe wie bei Friesen, Tinkern oder Kaltblütern, die viel über groben Schotter müssen, sieht sie eher Hufschuhe als Lösung: ein Kompromiss für die ein bis anderthalb Stunden Ausritt, danach läuft das Pferd in Paddock und Wiese wieder barhuf. Die meisten Pferde bräuchten ohnehin nur vorne Hufschuhe.
Sandra verweist dazu auf die Doktorarbeit einer italienischen Tierärztin, die die Belastung auf Asphalt verglichen habe: Barhufpferde im Trab hätten demnach deutlich weniger Belastung gehabt als beschlagene Pferde im Schritt. Ihr Punkt dahinter: Ein Eisen nimmt dem Huf einen Teil seiner Stoßdämpfung, und die Schwingung des Eisens trifft Huflederhaut, Sehnen und Bänder.
Ihre Tipps: Ein Grundverständnis vom Huf haben. Wie sieht ein gesunder Huf aus? Sind eine lange Zehe, untergeschobene Trachten oder quetschende Eckstreben normal? „Der ist halt so, der war immer so" höre man leider auch von Profis. Und schiefe Hufe: Sie widerspricht der Lehrmeinung, dass man Schiefe bei ausgewachsenen Pferden nicht mehr korrigieren solle. Die meisten Pferde reagieren nach ihrer Erfahrung sehr gut, wenn man es peu à peu macht, von unten und im Training, und die Gelenke vorher osteopathisch frei macht. Denn die Schiefe des Pferdes bildet sich immer in den Hufen ab, und gegen sie muss der Besitzer ein Pferdeleben lang selbst arbeiten. Viele Pferde mit Arthrosen, wiederkehrenden Sehnen- und Fesselträgerschäden, Blockaden, Stolpern oder „Unrittigkeit" sendeten damit einen Hilfeschrei, dass sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen. Ganz viele auffällige Pferde, aggressiv in der Herde, mit Gurtzwang, beißend oder schreckhaft, hatten bei ihr drückende Eckstreben. Ihr Bild dazu: jeden Tag mit zwei großen drückenden Steinen im Schuh laufen und dabei Leistung bringen müssen. Ihr praktischer Tipp: regelmäßig Fotos machen, das ganze Pferd von beiden Seiten und die Vorderhufe von unten, von der Seite und von vorn, vor und nach jeder Bearbeitung in ein Album. Wer sein Pferd täglich sieht, bemerke schleichende Veränderungen sonst nicht.
Ihre No-Gos: Hufe ständig fetten und ölen, weil das die saubere Feuchtigkeit von außen unterdrückt, gerade am Kronrand. Ihre gesamte Hufpflege besteht darin, die Pferde in trockenen Wochen in eine Wasserlacke zu stellen. Zweites No-Go: die Qualität eines Hufbearbeiters an der Länge der Intervalle bemessen. Sie war sprachlos, wenn Kunden den Schmied wechselten, weil die Eisen „schon nach zwölf Wochen" abfielen. Je länger ein Eisen drauf ist, desto mehr entsteht Sohlenzwang, denn der Huf wächst konisch, unten breiter als oben, und das Eisen wächst nicht mit. Und manche Pferde, die alle drei Tage ein Eisen abzogen, liefen anschließend barhuf super. Bleib wachsam und kritisch, auch gegenüber dem Bearbeiter, den du magst. „Er macht es schon so lange, er wird es immer gut machen", stimmt leider nicht immer. Ihr Motto: Weil Wissen schützt.
Was alle sieben verbindet
So unterschiedlich die Lager sind, in vier Punkten sind sich alle einig. Erstens: Die Grenze zwischen Barhuf und Hufschutz ist keine Weltanschauung, sondern eine Rechnung. Ist der Abrieb größer als das Wachstum, braucht das Pferd Schutz. Zweitens: „Hufeisen" ist nicht mehr die einzige Antwort. Hufschuhe, Klebebeschläge, Kunststoff und Aluminium haben das Feld verändert, und sogar der Hufschmied empfiehlt für Freizeitpferde auf hartem Boden Kunststoff. Drittens: Die Hufgesundheit entscheidet sich zwischen den Terminen, über Haltung, Untergrund und Fütterung. Viertens, und das war das häufigste No-Go: Intervalle über sechs Wochen. Nicht mit allen Antworten gehe ich konform, das habe ich eingangs gesagt. Aber genau diese Bandbreite ist der Wert dieser Folge: Du hörst die Argumente aller Lager und kannst dir für dein Pferd das Passende heraussuchen.
Dein nächster Schritt für mehr Hufgesundheit
Möchtest du lernen, die Hufe deines Pferdes selbst besser zu beurteilen? Dann komm in die KKP-Welt. Team Huf ist seit 2026 Teil der KKP-Welt und gibt dir dort detaillierten Einblick in die Welt der Hufgesundheit, inklusive Blickschulung. Erforsche die KKP-Welt für dich und für dein Pferd. Und wenn du direkt weiterlesen willst: Was bei einem Hufgeschwür zu tun ist, wie Strahlfäule entsteht und was die Fütterung mit Hufrehe zu tun hat, steht in den jeweiligen Beiträgen.