Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zu Cushing bzw. PPID beim Pferd, ergänzt um den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung: Diagnose und Behandlung von PPID gehören in die Hand deines Tierarztes.
Das Wichtigste in Kürze
» „Cushing" ist beim Pferd der falsche Name. Korrekt heißt die Erkrankung PPID: Sie betrifft den Zwischenlappen der Hirnanhangsdrüse und ist neurodegenerativ, nicht durch einen Tumor bedingt.
» Ursache ist ein altersbedingter Mangel des Botenstoffs Dopamin. Typisch sind das lange, nicht abwerfbare Fell, Muskelabbau, Infektanfälligkeit und ein erhöhtes Hufreherisiko.
» PPID ist nicht heilbar, aber mit dem Wirkstoff Pergolid und gutem Management gut behandelbar. Diagnose (ACTH-Bluttest) und Therapie gehören zum Tierarzt.
„Mein Pferd hat Cushing." Diesen Satz hört man oft, und genau genommen ist er falsch. Denn die Erkrankung, die man beim Menschen und beim Hund Cushing nennt, gibt es beim Pferd so gar nicht. Was ältere Pferde stattdessen bekommen, heißt korrekt PPID. Das ist mehr als Wortklauberei, denn es erklärt, warum die Krankheit entsteht, wie man sie erkennt und behandelt. Dieser Artikel ordnet ein, was hinter PPID steckt, woran du es früh erkennst, wie es diagnostiziert und behandelt wird und wie die Prognose aussieht.
PPID (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction), früher „equines Cushing-Syndrom" genannt, ist eine neurodegenerative Erkrankung älterer Pferde. Durch das altersbedingte Absterben von Nervenzellen fehlt der bremsende Botenstoff Dopamin, wodurch die Hirnanhangsdrüse zu viele Hormone ausschüttet. Das löst die typischen Symptome aus, allen voran das lange, nicht abwerfbare Fell und ein erhöhtes Hufreherisiko.
Warum „Cushing" beim Pferd der falsche Name ist
Beim Menschen und beim Hund beschreibt Cushing eine Überversorgung mit dem Stresshormon Cortisol. Meist steckt eine Überproduktion von ACTH im Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse dahinter (Morbus Cushing) oder ein Tumor der Nebenniere (Cushing-Syndrom). Beides führt über die Nebenniere zu zu viel Cortisol.
Beim Pferd läuft es anders. Betroffen ist nicht der Vorderlappen, sondern der Zwischenlappen der Hirnanhangsdrüse, die Pars intermedia. Und die Ursache ist kein Tumor, sondern ein altersbedingter Untergang von Nervenzellen. Weil die Abläufe grundverschieden sind, hat die Wissenschaft die Erkrankung umbenannt: von „equines Cushing-Syndrom" zu PPID, Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, also gestörte Funktion des Zwischenlappens der Hirnanhangsdrüse. Genau deshalb sagen wir etwas provokant: Cushing gibt es beim Pferd nicht.
Wie PPID entsteht: der fehlende Bremser Dopamin
PPID gehört, ähnlich wie Parkinson beim Menschen, zu den neurodegenerativen Erkrankungen: Bestimmte Nervenzellen sterben vorzeitig ab, nämlich die, die den Botenstoff Dopamin bilden. Dopamin ist im gesunden Pferd der Bremser, der die Hirnanhangsdrüse zügelt. Fällt er weg, schüttet der Zwischenlappen ungebremst Hormone aus, vor allem ACTH und weitere Spaltprodukte des Vorläufermoleküls POMC. Diese Hormonflut löst dann die Symptome im Körper aus.
Ein hartnäckiger Irrtum sei gleich ausgeräumt: Anders als beim menschlichen Cushing ist der Cortisolspiegel bei PPID-Pferden nicht dauerhaft erhöht. Eine Studie von Thane und Kollegen (2024) fand keinen Zusammenhang zwischen den klinischen PPID-Zeichen und der Cortisolkonzentration im Blut. Die Symptome entstehen also nicht über einen Cortisolüberschuss wie beim Menschen.
Symptome: woran du PPID erkennst
PPID entwickelt sich schleichend über Jahre. Am Anfang sind die Zeichen unspezifisch, später wird das Bild eindeutig. Auf diese frühen Anzeichen lohnt sich gerade bei Pferden über 15 Jahren der Blick:
- Fettpolster über den Augen
- nachlassende Leistung, Müdigkeit und Verhaltensänderungen
- Probleme im Fellwechsel, einzelne Regionen mit auffällig langen Haaren
- Muskelabbau, besonders entlang der Rückenlinie
Im fortgeschrittenen Stadium kommen deutlichere Zeichen dazu:
- das typische lange, oft lockige Fell, das nicht mehr richtig abgeworfen wird (Hypertrichose, früher Hirsutismus genannt), das eindeutigste Anzeichen überhaupt
- vermehrtes Trinken und Harnen
- Infektanfälligkeit und schlecht heilende Wunden
- Hängebauch und weiterer Muskelabbau
- wiederkehrende Hufrehe
- in seltenen Fällen sogar Narkolepsie oder Blindheit
Welche Pferde betroffen sind
PPID ist eine Erkrankung des alternden Pferds. Grob sind rund 3 Prozent aller Pferde betroffen, unter den über 15-Jährigen aber etwa jedes fünfte Pferd. Mit steigendem Alter wächst das Risiko weiter. Rasse und Typ spielen dabei eine geringere Rolle als beim EMS, entscheidend ist das Alter.
EMS oder PPID? Die beiden nicht verwechseln
PPID wird oft mit dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) in einen Topf geworfen, dabei sind es verschiedene Erkrankungen. EMS ist eine Stoffwechselstörung rund um die Insulinregulation und betrifft eher jüngere, leichtfuttrige Pferde. PPID ist die neurodegenerative Alterserkrankung. Die Verbindung: Etwa ein Drittel der PPID-Pferde hat zusätzlich eine Insulinstörung, und genau die treibt das Hufreherisiko. Beim alten, leichtfuttrigen Pferd können also beide zusammenkommen. Überhaupt sind bis zu 80 Prozent aller Hufrehen hormonell bedingt, durch PPID oder EMS, und nicht durch Fütterungsfehler allein. Genau deshalb bekommen manche Pferde trotz Verzicht auf Wiese und Kraftfutter immer wieder Hufrehe. Der Tierarzt klärt bei PPID daher auch die Insulinlage mit ab. Einen Überblick über alle Stoffwechselthemen gibt der Artikel Stoffwechselerkrankungen beim Pferd.
Diagnose: der Bluttest beim Tierarzt
Der Verdacht entsteht am Pferd, über das Alter und die typischen Zeichen. Bestätigt wird PPID im Blut. Der wichtigste Wert ist das ACTH. Zu beachten ist dabei die Jahreszeit: Im Spätsommer und Frühherbst steigt ACTH bei allen Pferden natürlicherweise an, bei PPID-Pferden übermäßig. Deshalb arbeitet der Tierarzt mit saisonal angepassten Referenzwerten, und der Zeitraum von August bis Oktober ist für den Test besonders aussagekräftig. Für frühe, unklare Fälle gibt es ergänzend einen Stimulationstest (den TRH-Test). Ein wichtiger Fallstrick: Im akuten Hufreheschub sollte nicht getestet werden, denn Stress und Schmerz treiben den ACTH-Wert nach oben und verfälschen das Ergebnis. Welche Untersuchung wann sinnvoll ist, entscheidet der Tierarzt.
Behandlung: was möglich ist
PPID ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Der Standard in der Tiermedizin ist der Wirkstoff Pergolid, ein Dopamin-Ersatz, der die fehlende Bremse im Gehirn nachahmt und die überschießende Hormonausschüttung wieder dämpft. Dafür gibt es sogar ein eigens für das Pferd zugelassenes Präparat. Es wird in der Regel lebenslang gegeben, die Einstellung und die Dosisführung gehören in tierärztliche Hand und werden über den ACTH-Wert kontrolliert. Viele Pferde sind unter der Behandlung wie ausgewechselt.
Mindestens ebenso wichtig ist das Management drumherum. Weil viele PPID-Pferde ein erhöhtes Hufreherisiko tragen, ist eine zucker- und stärkearme Fütterung zentral, vor allem wenn zusätzlich eine Insulinstörung vorliegt. Das lange Fell wird bei Bedarf geschoren, damit das Pferd im Sommer nicht überhitzt und die Haut gesund bleibt. Dazu kommen ein wachsames Auge auf Infektionen und Wunden, regelmäßige Zahnkontrollen und eine gute Hufbetreuung. All das entscheidet und begleitet der Tierarzt.
Prognose: Woran sterben Cushing-Pferde, und kann man sie reiten?
Die gute Nachricht zuerst: PPID ist kein Todesurteil. Mit Pergolid und gutem Management leben viele Pferde noch lange gut mit der Erkrankung. Wenn ein PPID-Pferd am Ende doch daran zugrunde geht oder erlöst werden muss, dann meist nicht an der Hormonstörung selbst, sondern an ihren Folgen: allen voran eine schwere, nicht mehr beherrschbare Hufrehe, dazu wiederkehrende Infektionen und der allgemeine altersbedingte Verfall. Genau deshalb ist die Früherkennung so wertvoll: Wer rechtzeitig behandelt und die Hufrehe im Blick behält, verhindert oft genau diese Komplikationen.
Und reiten? Ein gut eingestelltes PPID-Pferd ohne akute Hufrehe darf in aller Regel weiter moderat bewegt und geritten werden, angepasst an sein Alter und seinen Zustand. Bewegung tut dem Stoffwechsel sogar gut. Ob und wie viel im Einzelfall sinnvoll ist, besprichst du am besten mit deinem Tierarzt.
Ein altes Pferd gut durch eine chronische Erkrankung wie PPID zu begleiten, ist Kleinarbeit über Jahre. In der KKP Welt tauschst du dich mit vielen anderen Pferdemenschen aus und bekommst fachlich fundierte Unterstützung, statt dich allein durchzuwühlen.







