Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zu Stoffwechselstörungen beim Pferd. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung: Echte Stoffwechselerkrankungen wie die Hyperlipidämie der Ponys sind Notfälle und gehören umgehend in tierärztliche Hand.
Das Wichtigste in Kürze
» „Stoffwechselstörung" ist ein unspezifischer Sammelbegriff. Davon abzugrenzen sind die echten Stoffwechselerkrankungen wie EMS, PPID, PSSM und die Hyperlipidämie.
» Die häufigsten betreffen den Kohlenhydratstoffwechsel (EMS, PPID, PSSM) und den Fettstoffwechsel (Adipositas und die Hyperlipidämie der Ponys, ein Notfall).
» Für das diffuse „läuft nicht rund" helfen Bewegung, frische Luft und eine durchgerechnete, zuckerarme Ration, nicht die nächste Kräuterkur.
„Mein Pferd hat wohl eine Stoffwechselstörung." Kaum ein Satz fällt im Stall so oft und meint dabei so wenig Konkretes. Der Begriff sagt irgendwie alles und gleichzeitig nichts. Höchste Zeit, ihn zu sortieren: Was ist der Stoffwechsel überhaupt, welche echten Stoffwechselerkrankungen es beim Pferd gibt, und was du tun kannst, wenn dein Pferd einfach „nicht rund läuft".
Der Stoffwechsel ist die Grundlage aller lebenswichtigen Vorgänge im Pferd, also alle biochemischen Prozesse in den Körperzellen, bei denen Nährstoffe auf-, um- und abgebaut werden. Eine „Stoffwechselstörung" ist dagegen ein unspezifischer Sammelbegriff, den man klar von den echten Stoffwechselerkrankungen wie EMS, PPID oder der Hyperlipidämie trennen muss.
Was ist der Stoffwechsel überhaupt?
Der Stoffwechsel umfasst alle biochemischen Vorgänge in der Körperzelle: den Aufbau, Umbau und Abbau der Stoffe, die dem Körper zugeführt werden, also Nährstoffe, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Damit das rundläuft, braucht es Enzyme, Hormone und das Nervensystem. Das Futter gelangt über den Magen-Darm-Trakt in den Körper, wird in Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette zerlegt, der Darm nimmt die Stoffe auf, und das Blut verteilt sie. Der größte Umschlagplatz für all das ist die Leber.
Man unterscheidet mehrere Stoffwechselwege, vier davon sind besonders wichtig:
- Kohlenhydratstoffwechsel: Hier werden Zuckermoleküle um- und abgebaut, vor allem zur Energiegewinnung.
- Eiweißstoffwechsel: Alles rund um die Aminosäuren, für Energie, für den Aufbau von Hormonen und Enzymen und für den Muskelaufbau.
- Fettstoffwechsel: Für Energiegewinnung und Energiespeicherung, der bekannte Rettungsring nach Weihnachten.
- Mineralstoffwechsel: Calcium und Phosphor stehen hier im Mittelpunkt, vor allem für den Knochenaufbau.
Zwei Begriffe hört man immer wieder: anabol heißt aufbauen, etwa beim Muskelaufbau, katabol heißt abbauen, im Idealfall der Abbau von Fettdepots. Genau das ist beim EMS-Pferd so wichtig. Am Ende werden die Abfallprodukte über Kot und Urin ausgeschieden.
Stoffwechselstörung oder Stoffwechselerkrankung? Der wichtige Unterschied
Unter einer „allgemeinen Stoffwechselstörung" fasst man unspezifische Störungen im Zell- und Organstoffwechsel zusammen. Der Begriff ist bewusst schwammig. Davon klar abzugrenzen sind die echten, fassbaren Stoffwechselerkrankungen, die eine konkrete Ursache und oft eine eindeutige Diagnose haben. Schauen wir uns die wichtigsten an, geordnet nach dem betroffenen Stoffwechselweg.
Die echten Stoffwechselerkrankungen im Überblick
Störungen im Kohlenhydratstoffwechsel
Zucker (Glucose) gelangt mithilfe von Insulin aus dem Blut in die Zelle. Gerät dieser Weg aus dem Takt, wird es kritisch:
- EMS (Equines Metabolisches Syndrom): Hier liegt eine Insulinresistenz vor, meist zusammen mit Übergewicht und der gefürchteten Hufrehe. EMS ist die häufigste echte Stoffwechselerkrankung mit direkter Gefahr für die Hufe. Alles zu Ursache, Diagnose und Management steht im großen EMS-Artikel.
- PPID (früher Cushing): Bitte nicht mit EMS verwechseln. PPID ist keine Kohlenhydratstoffwechsel-Erkrankung, sondern beruht auf dem Fehlen der hemmenden Wirkung von Dopamin im Gehirn. Allerdings hat rund ein Drittel der PPID-Pferde zusätzlich eine Insulinstörung, was das Hufreherisiko erhöht. Warum der Name „Cushing" beim Pferd in die Irre führt, erklärt der Beitrag Cushing beim Pferd gibt es nicht.
- PSSM: Auch diese Muskelerkrankung betrifft den Kohlenhydratstoffwechsel. Zuckermoleküle werden nicht normal verstoffwechselt, sondern in der Muskulatur abgelagert. Mehr dazu in der Folge zu Muskelerkrankungen und im PSSM-Artikel.
Störungen im Fettstoffwechsel
Adipositas, also Fettleibigkeit durch dauerhafte Überernährung, ist mehr als nur zu viel Speck: Sie geht mit krankhaften Prozessen wie einer Leberverfettung einher. Richtig gefährlich wird die Hyperlipidämie der Ponys. „Hyper" heißt zu viel, „Lipid" Fett, „ämie" im Blut. Kommt ein übergewichtiges Pony in eine negative Energiebilanz, etwa weil es wegen Fieber, einer Zahnerkrankung oder Trächtigkeit zu wenig frisst und gleichzeitig viel Energie braucht, mobilisiert der Körper massenhaft Fett. Die Fettsäuren überschwemmen das Blut und lagern sich in der Leber ab. Den Ponys geht es dann sehr schlecht, die Prognose ist ernst. Das ist ein Notfall, bei dem sofort der Tierarzt gerufen werden muss.
Eine Störung auf lokaler Ebene: der Calciumstoffwechsel
Nicht jede Stoffwechselstörung betrifft den ganzen Körper. Ein Beispiel für eine lokale Entgleisung ist die dystrophische Verkalkung: Bei krankhaften Prozessen mit Zelluntergang, etwa einer Sehnenentzündung mit gerissenen Fasern, lagern sich am Ort der Entzündung Calciumsalze ab, die man später im Ultraschall als Verkalkung sieht.
Wenn das Pferd einfach „nicht rund läuft"
Meistens ist mit „Stoffwechselstörung" aber gar keine dieser klaren Erkrankungen gemeint, sondern ein diffuses Bild: Das Pferd ist matt, hat Kotwasser, ist infektanfällig, hat ein stumpfes Fell, brüchiges Hufhorn oder schuppige Haut und ist beim Reiten etwas unwillig. Irgendwie nicht ganz fit, ohne wirklich krank zu sein.
Dahinter steckt oft schlicht ein Alltag, der nicht passt. Zu wenig Bewegung und zu viel Zucker in der Ration überfordern den Körper genauso wie zu viel Stress und Training. Der Organismus kann solche Störungen bis zu einem gewissen Grad ausgleichen, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Typische Anzeichen sind Müdigkeit, ein stumpfes Fell, brüchiges Hufhorn, ein Fettkamm, Kotwasser oder schuppige Haut.
Was du tun kannst, statt zur nächsten Kur zu greifen
So verständlich der Griff zur „Stoffwechselkur" aus der Apotheke ist, so wenig bringt er, wenn die Ursache im Alltag liegt. Das Bild dahinter: Wer abends Schokolade isst, auf der Couch einen Film schaut, Sport für Mord hält und selten an die frische Luft geht, wird die meiste Zeit müde und ausgelaugt sein. Keine Kur der Welt ändert daran etwas, solange der Lebensstil bleibt. Genau das gilt fürs Pferd.
Was wirklich trägt, ist unspektakulär: frische Luft, viel Bewegung und eine sauber durchgerechnete, zuckerarme Ration, also Clean Eating fürs Pferd, statt einer Handvoll Pülverchen. Wie eine bedarfsgerechte Ration aussieht, klärt eine Futterberatung. Läuft dein Pferd anhaltend „nicht rund", gehören eine tierärztliche Untersuchung und eine Blutprobe dazu, um echte Erkrankungen auszuschließen. Und manchmal ist einfach der Fellwechsel der Grund: Dann hat der Körper mehr zu tun, das Training wird heruntergefahren und die Ration im Übergang angepasst.
Genau dieser Blick aufs Ganze, weg vom Futtereimer und hin zu Bewegung, Fütterung und Haltung, ist der Kern der KKP Welt. Dort lernst du mit vielen anderen Pferdemenschen, die Signale deines Pferdes richtig zu deuten, statt Symptome teuer zu überdecken.







