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Weidemyopathie: 94 % der Fälle kommen in zwei Zeitfenstern

Pferdekrankheiten
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Das Wichtigste in Kürze

» Gefährlich sind Samen und Keimlinge des Bergahorns. Spitzahorn und Feldahorn enthalten nach allen Messungen kein nachweisbares Gift.
» Die Risikozeiten sind Oktober bis Dezember und März bis Mai, über belastetes Heu ist eine Vergiftung aber das ganze Jahr möglich.
» Im Verdachtsfall sofort den Tierarzt rufen, das Pferd nicht bewegen und auch die Weidegenossen von der Weide holen.

Die atypische Weidemyopathie ist eine Vergiftung durch die Samen und Keimlinge des Bergahorns. Ein Giftstoff namens Hypoglycin A legt die Energiegewinnung in den Muskelzellen lahm, das Pferd wird auf der Weide plötzlich steif und schwach und frisst dabei oft einfach weiter. Ein Gegengift gibt es nicht. Umso wichtiger ist, dass du weißt, welcher Ahorn gefährlich ist und welcher nicht, wann die Risikozeiten sind, was du im Verdachtsfall sofort tust und welche Vorbeugung nachweislich wirkt.

Warum gerade jetzt? 94 Prozent aller Fälle treten entweder von Oktober bis Dezember oder im Frühjahr von März bis Mai auf, und gerade fliegen die Ahornsamen. Das ist der richtige Zeitpunkt, um einmal in Ruhe draufzuschauen.

Mein schlimmster Fall: Ein Paddock voller Keimlinge

Ich wurde zu einem Pferd gerufen, das sehr steif war und stark gezittert hat. Es war Frühling, nicht Herbst, und das Pferd stand in einem Offenstall auf einem Paddock. Überall auf diesem Paddock sprossen kleine Ahornbäumchen heraus, also Keimlinge mit einem kleinen Stamm und zwei Blättchen, die noch viel heller grün sind. Der ganze Paddock war quasi voll davon.

Das ist schon lange her. Damals war noch kaum bekannt, dass der Bergahorn eine Vergiftung auslöst. Die atypische Weidemyopathie kannten wir, und es gab viele Vermutungen, warum diese Pferde festliegen und dann häufig sterben, aber gut erforscht war es noch nicht. Auch heute gibt es noch Pferdemenschen, die das nicht wissen.

Das Pferd war extrem steif, hatte knallrote Schleimhäute, und der Puls war erhöht. Ich habe es noch im Offenstall an die Infusionen gehängt und mit allem versorgt, was wir hatten, damit der Körper stabilisiert wird. Ich habe nämlich viele Pferde an dieser Vergiftung sterben sehen, und das ist wirklich nicht schön. Für die Besitzerin war der Gedanke, dass sich ihr Pferd im eigenen Paddock vergiftet haben könnte, so schlimm, dass sie mir nicht glauben wollte. Ich verstehe von Herzen, wo das herkam, für sie war es einfach eine Katastrophe. Mich hat es damals so getroffen, dass es eins von zwei Malen in 15 Jahren als Pferdetierärztin war, bei denen ich geweint habe.

Den Giftnachweis im Blut gab es damals noch nicht als einfachen Labortest, in Hannover konnte man das Gift aber schon nachweisen. Mein Chef hat Blut abgenommen, die Uniklinik hat sich alles angeschaut und Proben genommen, und das Ergebnis war eindeutig: Es war eine Vergiftung mit Bergahorn. Und Gott sei Dank hat das Pferd überlebt, weil es rechtzeitig und ausreichend versorgt wurde. Das ist leider nicht bei allen so. Seitdem ist die atypische Weidemyopathie für mich mit sehr gemischten Gefühlen verbunden, und genau deshalb möchte ich, dass du sie kennst.

Was passiert bei der atypischen Weidemyopathie im Pferd?

Myopathie heißt Muskelerkrankung, und die Weide steckt im Namen, weil es fast ausschließlich Pferde auf der Weide trifft. Im Stall hörst du oft auch „Ahornvergiftung" oder „Bergahornvergiftung". Atypische Weidemyopathie ist aber bis heute der gültige Fachbegriff.

Die Ursache ist seit gut zehn Jahren geklärt. In Samen und Keimlingen des Bergahorns stecken zwei Giftstoffe: Hypoglycin A und ein enger Verwandter namens Methylencyclopropylglycin. Für sich genommen sind beide noch gar nicht so gefährlich. Richtig giftig werden sie erst, wenn der Körper sie umbaut, und dieser Umbau passiert vor allem im Muskel selbst.

Was dabei entsteht, blockiert die Fettverbrennung in den Kraftwerken der Muskelzelle, den Mitochondrien. Die Zelle sitzt sozusagen vor einem vollen Tank und kann den Motor nicht starten. Das Fett bleibt liegen und lagert sich in der Zelle ab, die Energie fehlt, und am Ende gehen die Muskelzellen kaputt. Es kommt zu einer Muskelnekrose, wie zum Beispiel auch beim Kreuzverschlag. Nur ist die Ursache hier nicht die Belastung, sondern das Gift.

Myopathie ist nicht gleich Myopathie

Dieser Punkt ist mir besonders wichtig. Bei anderen Muskelerkrankungen, über die bei Social Media und in den Reitställen viel gesprochen wird, etwa PSSM, ist eher der Umgang mit Kohlenhydraten gestört. Deshalb wird dort zucker- und stärkearm gefüttert und eher auf Protein und Fett gesetzt. In vielen Köpfen heißt Muskelerkrankung deshalb automatisch: Kein Zucker, keine Stärke.

Bei der atypischen Weidemyopathie ist es genau umgekehrt. Hier ist die Fettverbrennung blockiert, und das Pferd braucht Kohlenhydrate, also Zucker, um überhaupt noch Energie zu gewinnen. Würde man diesem Pferd die Kohlenhydrate streichen, hätte es gar keine Grundlage mehr, selbst Energie zu produzieren, und das wäre fatal. Deshalb bekommt es in der Behandlung gezielt Zucker. Es ist wichtig, die dahinterliegenden Systeme zu verstehen, bevor man entscheidet, was man tut.

Es trifft nicht alle Muskeln gleich. Am stärksten leiden die Muskeln, die rund um die Uhr arbeiten und dafür besonders auf die Fettverbrennung angewiesen sind, sprich die Haltemuskulatur, die Atemmuskulatur und der Herzmuskel. Das erklärt die Symptome. Das Pferd kann sich kaum noch halten, es atmet schwer, und das Herz ist regelmäßig mitbetroffen. Wie Muskulatur grundsätzlich funktioniert und welche anderen Muskelerkrankungen es gibt, liest du im Überblick zu Muskelerkrankungen beim Pferd.

Denselben Mechanismus kennt man übrigens aus der Humanmedizin. Unreife Ackee-Früchte in Jamaika und Litschis in Indien enthalten die gleichen Giftstoffe und haben dort schwere Vergiftungen bei Menschen ausgelöst. Beim Menschen steht die Unterzuckerung im Vordergrund, beim Pferd der Muskelzerfall. Das Prinzip ist dasselbe und gut erforscht. Wir reden hier also nicht über eine Vermutung, sondern über eine geklärte Ursache.

Welcher Ahorn ist für Pferde giftig?

Die gute Nachricht zuerst: Du musst nicht vor jedem Ahorn Angst haben. In Mitteleuropa ist der Hauptverdächtige ganz klar der Bergahorn. In Nordamerika ist es der Eschenahorn, und den gibt es inzwischen auch bei uns, weil er gern als Zierbaum gepflanzt wurde und mittlerweile verwildert. Auch in einigen Zierahornen, etwa im Fächerahorn, wurde das Gift gefunden (Novotná 2023).

Spitzahorn und Feldahorn dagegen, die bei uns ebenfalls sehr häufig stehen, enthielten in mehreren unabhängigen Messreihen kein nachweisbares Gift. In den Niederlanden waren es 278 Proben ohne Befund, und in allen Krankheitsfällen stand ein Bergahorn in der Nähe (Westermann 2016). Diese beiden Arten gelten als unbedenklich und dürfen stehen bleiben.

So unterscheidest du Bergahorn, Spitzahorn und Feldahorn

Für dein Pferd zählt eigentlich nur eine Frage: Ist das ein Bergahorn oder nicht? Dafür schaust du am besten auf zwei Dinge, die Flügelsamen und die Blätter. Die Samen liegen im Herbst ohnehin auf der Weide, die Blätter helfen dir das ganze Jahr.

Handskizze von drei Ahorn-Flügelsamen: Bergahorn mit spitzem Flügelwinkel als giftig markiert, Spitzahorn weit gespreizt, Feldahorn waagerecht

Flügelsamen im Vergleich. Links der Bergahorn: Die beiden Flügel hängen eng beieinander nach unten, wie ein schmales V. In der Mitte der Spitzahorn mit weit gespreizten Flügeln, rechts der Feldahorn, dessen Flügel fast eine gerade Linie bilden. Wenn du Samen auf der Weide findest, leg sie neben dieses Bild.

Die Samen heißen botanisch Spaltfrüchte: Zwei Nüsschen sitzen aneinander, an jedem hängt ein Flügel, mit dem der Wind die Frucht davonträgt. Die Arten unterscheiden sich im Winkel der Flügel und in den Nüsschen.

  • Bergahorn: Die Flügel stehen im spitzen bis fast rechten Winkel zueinander. Die Nüsschen sind dick und rundlich, fast kugelig. Die Früchte hängen in langen Trauben vom Zweig, oft zu Dutzenden an einem Stiel.
  • Spitzahorn: Die Flügel spreizen stumpfwinklig bis fast waagerecht. Die Nüsschen sind flach und breit gedrückt, nicht kugelig.
  • Feldahorn: Die Flügel stehen waagerecht in einer Linie. Die Frucht ist insgesamt kleiner, die Nüsschen sind klein und oft fein behaart.

Weil Spitz- und Feldahorn beide weit spreizen, lassen sie sich über die Samen allein kaum auseinanderhalten. Für dein Pferd ist das egal, beide sind unbedenklich. Wichtig ist nur, den Bergahorn sicher herauszufinden, und dabei helfen die Blätter.

Handskizze von drei Ahornblättern: Grob gezähntes Bergahornblatt als giftig markiert, spitz auslaufendes Spitzahornblatt, kleines rundlappiges Feldahornblatt

Blätter im Vergleich. Links das Bergahornblatt mit grob gezähntem Rand und eher stumpfen Lappen, in der Mitte das Spitzahornblatt, dessen Lappen in lange, nadelfeine Spitzen auslaufen, rechts das deutlich kleinere Feldahornblatt mit abgerundeten Lappen. Die Skizze zeigt die Form, die Größenverhältnisse sind vereinfacht.

  • Bergahorn: Großes, derbes Blatt mit fünf Lappen, die beiden unteren sind kleiner. Der ganze Rand ist unregelmäßig grob gezähnt, die Lappen enden eher stumpf. Die Einschnitte zwischen den Lappen sind spitz und reichen ungefähr bis zur Blattmitte. Die Unterseite ist matt graugrün und damit deutlich heller als die dunkelgrüne Oberseite.
  • Spitzahorn: Ähnlich groß, mit fünf bis sieben Lappen. Der Rand ist zwischen wenigen großen Zähnen glatt, und jeder Lappen und jeder Zahn läuft in eine lange, feine Spitze aus. Die Buchten zwischen den Lappen sind rund wie ein U. Beide Blattseiten sind grün und glänzen leicht.
  • Feldahorn: Deutlich kleiner, oft nur halb so groß wie die beiden anderen. Drei bis fünf kurze Lappen mit abgerundeten Enden, der Rand ist glatt, Spitzen gibt es keine.

Ein zusätzlicher Test funktioniert an frischen Blättern: Brich einen Blattstiel ab. Tritt ein weißer Milchsaft aus, ist es ein Spitz- oder Feldahorn. Der Bergahorn hat keinen Milchsaft. Und falls dir ein Baum mit gefiederten Blättern begegnet, die eher an eine Esche erinnern als an einen Ahorn, ist das der Eschenahorn, und der gehört wie der Bergahorn zu den giftigen Arten.

Das alles sind gute Faustregeln, aber keine hundertprozentigen. Wenn du unsicher bist, frag jemanden, der sich mit Bäumen auskennt, etwa einen Förster oder eine Gärtnerin. Diese eine Frage kann dir viel Sorge ersparen.

Geflügelte Samen des Bergahorns neben einem Ahornblatt, die Flügel stehen im spitzen Winkel zueinander

Bergahorn, Flügelsamen. Die beiden Flügel stehen eng beieinander und bilden einen spitzen Winkel. So sehen die Samen aus, die im Herbst auf die Weide fallen. Foto: Auró, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Keimlinge, Samen, Blätter: Wo steckt das meiste Gift?

Es gibt eine ziemlich klare Rangfolge. Am meisten Gift steckt in den Keimlingen, den kleinen Pflänzchen, die im Frühjahr aus den Samen wachsen. Sie enthalten im Mittel rund sechsmal so viel Hypoglycin A wie die Samen selbst, nämlich 770 gegenüber 130 Milligramm pro Kilogramm (Novotná 2023). Danach kommen die Samen, dann die Blätter. Die Blätter enthalten deutlich weniger, aber nicht gar nichts.

Keimling des Bergahorns mit zwei länglichen Keimblättern im Laub, der giftigste Teil der Pflanze

Bergahorn, Keimling. Zwei längliche, hellgrüne Keimblätter, im Frühjahr oft zu Hunderten unter dem Baum. Das ist der giftigste Teil der Pflanze, und gerade frisch aufgelaufene Keimlinge werden gern gefressen. Foto: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Ein Punkt, an den viele nicht denken: Ein Laubhaufen ist meistens auch ein Samenhaufen, denn die Samen fallen zusammen mit dem Laub. Laubhaufen auf der Weide sind in den Studien deshalb ein deutlicher Risikofaktor.

Wann ist die Gefahr am größten?

Es gibt zwei Risikozeiten, und die lassen sich ziemlich genau benennen. In einem europäischen Datensatz mit über 2.300 Fällen lagen 94 Prozent der Herbstfälle zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember und 94 Prozent der Frühjahrsfälle zwischen Anfang März und Ende Mai (Votion 2020). Das ist eine richtig solide Datenbasis.

Im Herbst fallen die Samen, im Frühjahr keimen sie. Daraus folgt etwas, das viele nicht auf dem Schirm haben: Nach einem starken Herbst kommt oft auch ein Frühjahr mit Fällen. Wer im Herbst gut aufpasst und im März wieder entspannt, hat nur die halbe Arbeit gemacht.

Dazu kommt eine wichtige Ergänzung aus einem Fachartikel, der 2026 im Pferdespiegel erschienen ist (Möller und Wrobel-Stratmann). Ein deutsches Labor hat 2024 und 2025 eingesandte Blutproben auf das Gift untersucht, und positive Proben gab es in jedem einzelnen Monat, mit deutlichen Spitzen im Herbst und Frühjahr. Eine Erklärung ist Heu oder Silage, in dem Samen gelandet sind, denn das Gift bleibt auch in getrocknetem und siliertem Futter erhalten. Die Risikozeiten sind also Oktober bis Dezember und März bis Mai, im Hinterkopf behalten solltest du das Thema aber das ganze Jahr. Ich selbst habe im Sommer noch keinen Fall erlebt, unwahrscheinlicher ist es da, aber eben nicht ausgeschlossen.

Warum es manche Jahre besonders viele Fälle gibt

Die Fallzahlen schwanken von Jahr zu Jahr enorm. Die beste Erklärung kommt aus einer englischen Studie: Die Bäume tragen nicht jedes Jahr gleich viele Samen, und auch der Giftgehalt schwankt bei denselben Bäumen von Jahr zu Jahr. In Jahren mit vielen Samen gab es mehr Fälle (González-Medina 2025). Das erklärt auch, warum eine Weide jahrelang gut gehen kann und dann plötzlich nicht mehr.

„Bei uns ist noch nie etwas passiert"

Diesen Satz hörst du bestimmt auch im Stall. Leider ist er hier kein gutes Argument. In derselben europäischen Auswertung hatte es auf 80 Prozent der Weiden, auf denen ein Pferd erkrankt ist, vorher noch nie einen ungeklärten Todesfall gegeben (Votion 2020). Dazu kommt der Wind: Die Flügelsamen werden 100 Meter weit und auch weiter getragen. Kein Baum auf der eigenen Weide heißt also noch lange nicht, dass keine Samen auf der Weide liegen. Der Bergahorn beim Nachbarn zählt mit.

Wie häufig ist die Erkrankung bei uns? Belastbare aktuelle Zahlen gibt es nicht. In Deutschland wurden zwischen 2006 und 2019 insgesamt 311 Fälle an das europäische Meldesystem gemeldet (Votion 2020). Das sind freiwillige Meldungen, die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Aus meiner Praxis kommt mir diese Zahl extrem niedrig vor. In meiner Region habe ich solche Fälle jedes Jahr gesehen, im Herbst häufiger, aber auch im Frühjahr, das ist nichts, was man als Tierärztin einmal in zehn Jahren erlebt. Und ich muss selbst gestehen, dass ich meine Fälle auch nie in ein Meldesystem eingetragen habe. Eine Massenerkrankung ist es trotzdem nicht, aber wenn es dein Pferd trifft, ist es ein echter Notfall.

Warum erkrankt nur ein Pferd und die anderen nicht?

Fünf Pferde stehen auf derselben Weide, eins wird schwer krank, die anderen vier wirken fit. So ganz geklärt ist das nicht. Wir wissen aber inzwischen etwas sehr Wichtiges: Bei sehr vielen gesunden Weidegenossen findet man das Gift ebenfalls im Blut, manche hatten sogar mehr davon als die erkrankten Pferde. Eine große Studie mit 263 Pferden hat gezeigt, dass bei vielen Weidegenossen der Muskelstoffwechsel bereits verändert war, nur eben ohne sichtbare Symptome (Renaud 2024). Sie waren also unbemerkt mitvergiftet.

Warum das eine Pferd krank wird und das andere nicht, dafür gibt es mehrere Kandidaten: Wie viel ein Pferd tatsächlich frisst, sein Alter, sein Futterzustand und, ganz neu, die Darmflora. Erste Laborversuche deuten darauf hin, dass Darmbakterien gesunder Pferde das Gift abbauen können. Im Stall ist das bisher nicht gezeigt, und ob die Darmflora Ursache oder Folge ist, weiß man noch nicht.

Wie viele Ahornsamen sind für ein Pferd gefährlich?

Im Netz kursieren die verschiedensten Zahlen. Der Pferdespiegel-Artikel nennt eine Hochrechnung aus Rattenversuchen: Für ein 500-Kilo-Pferd entspräche die geschätzte giftige Tagesmenge ungefähr 43 bis 98 Flügelpaaren oder 50 bis 200 jungen Keimlingen. Das klingt nach viel, aber zwei Dinge musst du dabei festhalten. Erstens ist das eine Schätzung und keine Messung am Pferd. Zweitens schwankt der Giftgehalt von Baum zu Baum, von Jahr zu Jahr und von Samen zu Samen so stark, dass dieselbe Menge in einem Jahr deutlich weniger und im nächsten deutlich mehr Gift enthalten kann.

Fachartikel und übrige Forschung kommen deshalb zum selben Schluss: Schon geringe Mengen an Keimlingen oder Flügelfrüchten können eine Vergiftung auslösen. Beim Vorbeugen geht es also nicht ums Zählen, sondern darum, dass dein Pferd möglichst gar nicht erst an Samen und Keimlinge kommt.

Atypische Weidemyopathie: Symptome erkennen

Typisch ist ein Pferd, das auf der Weide steht und plötzlich schwach und steif wird. Es zittert am ganzen Körper, schwitzt, bewegt sich ungern oder läuft unsicher, atmet vielleicht schneller und hat einen schnellen Puls. Manchmal denkt man im ersten Moment sogar an Hufrehe, weil die Pferde beim Führen einfach nicht mehr vorwärtsgehen. Die Pferde, die ich gesehen habe, hatten alle knallrote Schleimhäute, sie haben Schmerzen. Manche wirken kolikartig. In den schwersten Fällen legt sich das Pferd hin und kommt nicht mehr hoch, und dann ist die Prognose wirklich schlecht.

Zwei Dinge sind dabei besonders. Erstens fressen viele dieser Pferde weiter, manche sogar richtig gierig. Das ist ein deutlicher Unterschied zur klassischen Kolik, bei der das Pferd das Futter meistens stehen lässt. Wenn dein Pferd steif und zittrig ist und trotzdem frisst, beruhigt dich das bitte nicht. Es passt sogar ins Bild.

Zweitens ist der Urin oft dunkel, rotbraun bis fast schwarz, ein bisschen wie Cola. Das kommt vom Muskelfarbstoff Myoglobin, der aus den zerfallenden Muskelzellen ins Blut und dann in den Urin gelangt. Häufig sehen Besitzer das als Erstes. Wichtig ist aber: Normal aussehender Urin, also gelblich mit weißen Schlieren, schließt die Weidemyopathie trotzdem nicht aus. Je nach Zeitpunkt kann die Verfärbung fehlen, und viele dieser Pferde haben eine volle Blase und setzen gar keinen Urin ab. Urinteststreifen aus dem Stallschrank können übrigens nicht unterscheiden, ob die Verfärbung vom Muskelfarbstoff oder vom Blutfarbstoff kommt.

Abgrenzung zum Kreuzverschlag

Der Kreuzverschlag tritt typischerweise bei oder nach der Arbeit auf. Die Weidemyopathie trifft dagegen meistens Pferde, die gar nicht gearbeitet wurden, sondern einfach auf der Weide standen. Das ist eine gute Orientierung, aber keine absolute Regel. Ähnlich aussehen können außerdem PSSM, Muskelerkrankungen durch Vitamin-E- und Selenmangel und Infektionen wie Tetanus oder die Graskrankheit. Das auseinanderzuhalten ist Aufgabe deines Tierarztes. Für dich gilt: Ein steifes Pferd mit dunkelbraunem Urin ist ein Alarmzeichen, da muss sofort eingegriffen werden.

Was der Tierarzt untersucht

Ein wichtiger Hinweis kommt aus dem Blut, nämlich aus der CK (Kreatinkinase). Das ist ein Muskelenzym, das bei der Weidemyopathie oft extrem erhöht ist, teilweise in die Hunderttausende. Manchmal ist der Wert so hoch, dass das Gerät ihn gar nicht messen kann. Dann wird die Probe verdünnt und noch einmal gemessen, und zeigt das Gerät „nicht messbar“, sollte genau daran gedacht werden. Die CK steigt aber sehr schnell an, schon nach vier bis sechs Stunden, und fällt innerhalb von 24 bis 48 Stunden auch schnell wieder ab. Wird die Blutprobe zu früh oder zu spät genommen, kann der Wert trotz schwerer Muskelschädigung normal oder nur leicht erhöht sein. Es gibt sogar Pferde mit nachgewiesener Vergiftung und ganz normaler CK. Ein normaler CK-Wert schließt die Weidemyopathie also nicht aus, deshalb wird bei Verdacht im Verlauf mehrmals gemessen. Und umgekehrt beweist eine hohe CK noch keine Vergiftung, sie zeigt nur, dass Muskelzellen zerfallen. Wie bei allen Laborwerten sind es Hinweise, die zusammen ein Gesamtbild ergeben.

Weil der Muskelfarbstoff über die Nieren ausgeschieden wird, schaut dein Tierarzt außerdem auf die Nierenwerte, denn in schweren Fällen kann ein akuter Nierenschaden entstehen. Bestätigen lässt sich die Vergiftung über den Nachweis des Giftes im Blut, das bieten inzwischen auch Labore in Deutschland an. Das Gift ist nur wenige Tage gut nachweisbar, die Halbwertszeit liegt bei ungefähr zwei Tagen. Die Probe sollte also früh genommen werden. Behandelt wird aber sofort auf Verdacht. Wir nehmen nicht erst Blut, schicken es weg und warten auf das Ergebnis, sondern behandeln direkt. Kommt das Ergebnis ein paar Tage später, bestätigt es den Verdacht.

Was tun im Notfall?

Wenn du ein Pferd mit diesen Anzeichen auf der Weide findest, gilt Folgendes:

  1. Ruf sofort deinen Tierarzt. Nicht abwarten, ob es von allein besser wird. Hier zählt jede Stunde.
  2. Beweg das Pferd so wenig wie möglich. Unser Kolik-Reflex funktioniert genau andersherum, bei der Kolik führen wir gern. Hier kostet jeder Schritt Muskelzellen, die ohnehin um ihre Energie kämpfen. Bring das Pferd nur so weit, wie es absolut nötig ist, um es an einen geschützten Ort zu bringen, und halte es warm, etwa mit einer Decke. Ansonsten lässt du es, wo es ist, und lässt es in Ruhe.
  3. Hol auch die Weidegenossen sofort von dieser Weide. In Ruhe, ohne Stress, ohne unnötigen Transport und mit genug Heu. Viele von ihnen haben das Gift ebenfalls aufgenommen. Geht das Runterholen nicht sofort, füttere zumindest direkt zu, damit sie keine Samen mehr fressen. Sprich mit deinem Tierarzt darüber, die Weidegenossen in den nächsten Tagen mitzukontrollieren, zum Beispiel über Blutwerte, Atmung und Puls, denn manche erkranken erst Stunden oder Tage später.

Allgemeine Notfallschritte bei jedem Vergiftungsverdacht, von der Giftquelle bis zu den Werten für den Anruf beim Tierarzt, findest du im Artikel Vergiftung beim Pferd: 5 Schritte, die im Notfall zählen.

Behandlung: Es gibt kein Gegengift

Ein Gegengift gibt es nicht. Die Behandlung ist eine intensive Unterstützung des Körpers: Infusionen, Zucker, damit die Muskeln eine andere Energiequelle bekommen, Schmerzmittel, Vitamine und Wärme. Das klingt unspektakulär, ist aber aufwendige Intensivmedizin, oft rund um die Uhr, und damit auch eine Frage der Kosten. Ob das in einer Klinik oder im Stall passiert, entscheidet dein Tierarzt vor Ort am konkreten Pferd, denn je nach Zustand ist ein Transport für ein Pferd mit Muskelzerfall keine gute Idee. Was man sagen kann: Je schneller die Behandlung startet, desto besser.

Wie ist die Prognose?

Die Zahlen sind leider nicht schön. Je nach Studie überlebt etwa ein Viertel bis knapp die Hälfte der erkrankten Pferde (van Galen 2012: 26 Prozent, Dunkel 2018: 44 Prozent). Das stärkste Warnzeichen ist das Festliegen. Auch Nierenversagen, schwere Atemnot und ausbleibende Besserung in den ersten Tagen sind schlechte Zeichen. Wenn ich zu einem Pferd komme, das schon festliegt, ist das eine wirklich schlechte Prognose. Ein Pferd, das noch steht, hat deutlich bessere Karten.

Es gibt auch eine ermutigende Seite: Wer die ersten Tage übersteht, erholt sich in der Regel vollständig. In einer Studie hatten Pferde, die den dritten Tag erlebt hatten, eine Überlebenschance von etwa 50 Prozent (Boemer 2017). Die Studie war mit elf überlebenden Pferden allerdings sehr klein, das muss man fairerweise dazusagen, statistisch belastbar ist das nicht. Die Autoren empfehlen trotzdem, einem Pferd ohne starke Schmerzen und ohne Kreislaufversagen mindestens zwei Tage Behandlung zu geben.

Atypische Weidemyopathie vorbeugen

Bei kaum einer Vergiftung hast du als Pferdemensch so viel selbst in der Hand. Dein Pferd wird nicht zufällig vergiftet, es muss Samen oder Keimlinge fressen. Genau da setzt du an.

  • Kenn deine Bäume. Beschäftige dich ruhig ein bisschen mit Botanik und schau dir in den nächsten Tagen bewusst an, was auf, an und neben deiner Weide steht, einmal nach oben und einmal nach unten. Dann siehst du die Samen wahrscheinlich schon im Gras liegen.
  • Kein Zugang zu Samen und Keimlingen in den Risikozeiten. Wenn ihr mehrere Weiden habt, nutzt die Weide mit dem Bergahorn in dieser Zeit einfach nicht. Sonst Bereiche unter und neben Bergahornen auszäunen, Samen und Keimlinge absammeln, wo es geht, und Laubhaufen nicht auf der Weide liegen lassen. Weil die Samen fliegen, bringt das Absammeln allein aber nur begrenzt etwas. Besonders aufpassen bei befestigten Paddocks unter Bäumen, denn in Fugen und Ritzen keimen die Samen im Frühjahr wunderbar.
  • Sorg dafür, dass dein Pferd satt ist. Kürzere Weidezeit auf Risikoweiden und reichlich zugefüttertes Raufutter haben in den Studien deutlich geschützt (Votion 2020). Leg das Heu aber nicht unter den Bergahorn und nicht auf den Boden, wo die Samen liegen. Bodenferne Heuraufen sind eine gute Lösung, und nach stürmischen Tagen lohnt ein Blick hinein.
  • Achte auf das Wasser. Das Gift ist wasserlöslich. Tränken unter einem Bergahorn regelmäßig sauber machen, nach Sturm nachschauen, am besten Leitungswasser anbieten. Teiche, Bäche oder Pfützen mit Ahorn in der Nähe sind in der Risikozeit keine gute Idee.

Wie viel das Sattsein ausmacht, zeigt ein Vergleich. Nimm zwei Pferde, die im Stall den ganzen Tag Heu zur freien Verfügung haben, Kraftfutter bekommen und auf Stroh stehen, und die im Herbst noch ein bis zwei Stunden auf eine Wiese kommen, auf der noch etwas wächst. Die sind satt und versorgt, das Risiko ist gering, auch wenn ein Bergahorn daneben steht. Ganz anders zwei Pferde auf einer abgegrasten Winterweide am Hang, auf der nichts mehr steht und nicht zugefüttert wird. Die suchen, weil sie Hunger haben, und fressen, was da ist.

Fünf Mythen, die dein Pferd nicht schützen

„Ich mähe die Keimlinge einfach ab." Leider nein. In einer Studie hat das Mähen den Giftgehalt der Keimlinge nicht gesenkt, sondern kurzfristig sogar erhöht, und die abgemähten Pflanzenteile liegen danach im Gras und werden mitgefressen (González-Medina 2019). Die Studie war mit sechs gemähten Gruppen klein, die Richtung ist aber eindeutig. Wenn mähen, dann nur mit anschließendem Absammeln. Spritzmittel haben in derselben Studie ebenfalls nicht geholfen.

„Nach dem ersten Frost ist das Gift weg." Auch nein. Das Gift übersteht Frost unverändert. Angefrorene und wieder aufgetaute Samen haben es im Laborversuch sogar ins Wasser abgegeben, frische Samen nicht (González-Medina 2025). Gerade nach Frost lohnt deshalb der Blick auf die Tränken.

„Heu ist immer sicher." In der Regel ja, aber nicht immer. In Heu und Silage, in dem Bergahornmaterial gelandet ist, war das Gift auch nach sechs bis acht Monaten Lagerung noch nachweisbar (González-Medina 2019). Flächen mit vielen Bergahornsamen oder Keimlingen sollten deshalb nicht für die Heugewinnung genutzt werden.

„Ein Pulver oder eine Entgiftungskur schützt mein Pferd." Es gibt kein Ergänzungsfuttermittel, keine Kräutermischung und keine Kur, für die ein Schutz vor der Weidemyopathie belegt ist. Das ist eher Hoffnung als evidenzbasierte Medizin. Was tatsächlich schützt, ist ganz unspektakulär Heu, damit dein Pferd satt ist und keine Samen sucht. Und hat dein Pferd das Gift schon aufgenommen, ist das ein ernst zu nehmender Notfall, der es das Leben kosten kann. Dann hilft kein Pulver und keine Entgiftungskur, sondern nur eine Intensivbehandlung.

„Ich fälle einfach den Baum, dann ist das Problem gelöst." Dazu gibt es keine Studie, und die Logik spricht dagegen, das als schnelle Lösung zu sehen. Die Samen, die schon im Boden liegen, bleiben giftig und keimen im Frühjahr, und die Bäume beim Nachbarn bleiben auch stehen. Als die Ursache bekannt wurde, haben manche ganze Reihen Ahorn an ihren Weiden gefällt. Ich verstehe den Gedanken, halte aber die anderen Maßnahmen für sinnvoller, auch mit Blick auf Klimawandel und Naturschutz. Satte Pferde, kurze Weidezeiten und Weiden, die in den Risikozeiten einfach nicht genutzt werden, sind für Natur und Umwelt die schönere Variante. Ansetzen kannst du eher bei Neupflanzungen: Wer selbst etwas pflanzt, kann auf Ziergehölze verzichten, die nicht aus unserer Region stammen, wie etwa Zierahorne.

Stuten, Fohlen und Esel

Das Gift geht in die Stutenmilch über, und auch Saugfohlen können erkranken. Diskutiert wird sogar eine Übertragung über die Plazenta während der Trächtigkeit. Ich selbst habe das noch nie erlebt, Studien und Literatur beschreiben es aber. Im Herbst spielt es kaum eine Rolle, weil dann keine Fohlen geboren werden, eher im Frühjahr. Steht eine Stute mit Fohlen auf einer Bergahornweide, gilt alles oben Gesagte doppelt. Und es gilt für Esel genauso wie für Pferde.

Kein Grund zur Panik, aber ein Grund zum Hinschauen

Wenn du an deiner Weide einen Bergahorn entdeckst, ist das für mich kein Grund, in Panik auszubrechen, und auch keiner, ihn gleich umzusägen. Es soll kein Drama entstehen, sondern darum, das Thema im Blick zu haben und die nächsten Wochen bewusst zu managen: Bäume kennen, Samenflächen auszäunen, dein Pferd mit Heu satt füttern, das nicht unter dem Baum und nicht auf dem Boden liegt, und für sauberes Wasser sorgen. Und falls es doch passiert: Tierarzt anrufen, Pferd nicht bewegen und warm halten, Weidegenossen gleich mit von der Weide holen.

Und dann genieß den Herbst trotzdem in vollen Zügen, mit seinen Farben, dem Rot und Gelb im Wald und der Sonne, die durch die Blätter fällt.

Häufige Fragen

In Mitteleuropa vor allem der Bergahorn, dazu der Eschenahorn, der als Zierbaum gepflanzt wurde und inzwischen auch verwildert. Spitzahorn und Feldahorn enthielten in mehreren unabhängigen Messreihen kein nachweisbares Gift und gelten als unbedenklich.

Von Oktober bis Dezember, wenn die Samen fallen, und von März bis Mai, wenn sie keimen. In diese beiden Zeitfenster fallen 94 Prozent der Fälle. Über Heu oder Silage mit Bergahornmaterial ist eine Vergiftung aber das ganze Jahr möglich.

Typisch ist ein Weidepferd, das plötzlich steif und schwach wird, zittert, schwitzt und sich ungern bewegt, dabei aber oft weiter frisst. Der Urin ist häufig dunkel bis colafarben. Normaler Urin und ein normaler CK-Wert schließen die Erkrankung aber nicht aus.

Ruf sofort deinen Tierarzt, beweg das Pferd so wenig wie möglich und halte es warm. Hol auch die Weidegenossen von der Weide oder füttere sie zumindest direkt zu, denn viele haben das Gift ebenfalls aufgenommen und können später erkranken.

Nein. Mähen hat den Giftgehalt der Keimlinge in einer Studie nicht gesenkt, und das Schnittgut wird mitgefressen. Frost zerstört das Gift ebenfalls nicht. Was wirklich schützt, sind Zaun, kurze Weidezeit und reichlich Heu, das nicht unter dem Baum liegt.

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