Das Wichtigste in Kürze
» Ein unfitter Reiter überträgt Blockaden auf sein Pferd: Fehlende Rumpfstabilität stört die Bewegung, ein schiefes Becken macht das Pferd schief.
» Jessica von Bredow-Werndl trainiert seit zehn Jahren gezielt fürs Reiten und hat daraus Dressurfit entwickelt, mit kostenlosem Fitnesstest zum Einstieg.
» Es gibt keine Zauberübung, aber viele kleine: Stiefel mit gestreckten Beinen, Plank, Achillessehne dehnen. Entscheidend ist Regelmäßigkeit, lieber fünf Minuten als gar nicht.
Die wenigsten haben einen Trainingsplan für ihr Pferd. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass noch viel weniger Menschen einen Trainingsplan für sich selbst haben. Als Tierärztin und Chiropraktikerin sehe ich draußen sehr oft, dass die Blockaden, die ein Pferd hat, immer die gleichen sind. Und wenn ich dann die Reiterin frage, wann sie das letzte Mal bei der Physiotherapie war, ist erst einmal Schweigen im Walde. Wer reiterlich oder körperlich nicht fit ist, behindert sein Pferd. Du kannst Blockaden auf dein Pferd übertragen und ihm damit wirklich schaden. Deshalb schwenken wir den Blick heute vom Pferdetraining zum Reitertraining, mit einem ganz besonderen Gast: Jessica von Bredow-Werndl, Deutsche Meisterin, Mannschaftsweltmeisterin und Mannschaftseuropameisterin, Spiegel-Bestsellerautorin („Das Glück der Erde") und Gründerin des Online-Fitnessprogramms Dressurfit.
Warum deine Fitness dein Pferd betrifft
Jessica und ihr Bruder Benjamin haben in Aubenhausen einen Weg gefunden, mit Pferden zu arbeiten, der nicht nur ihnen Spaß macht, sondern auch den Pferden. Ganzheitlich heißt für sie: Die Pferde als Partner sehen und ihnen alle Hindernisse aus dem Weg räumen, die sie daran hindern könnten, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. Und dasselbe für sich selbst tun, damit man ein guter Partner für das Pferd ist. Das ist auch mein Credo: Eine gesunde Lebensführung für das Pferd erschaffen. Wenn wir über Training im Pferdesport sprechen, denken die meisten an Ausbildung, wie bringe ich dem Pferd die Lektion bei, vielleicht noch an Konditionstraining. Der Reiter wird dabei so oft vergessen.
Was macht mangelnde Fitness mit dem Pferd? Jessicas Antwort: Wer keine Rumpfstabilität hat, sitzt nicht geschmeidig im Pferderücken und stört das Pferd in der Bewegung. Und genauso wichtig ist ihr, gerade zu sein. So wie sie ihre Pferde regelmäßig zum Osteopathen bringt, geht sie selbst zum Osteopathen und zum Physiotherapeuten, weil ein schiefes Becken beim Menschen auch das Becken des Pferdes aus dem Gleichgewicht bringt. Seit sie selbst im Gleichgewicht ist, sagt sie, sind auch ihre Pferde viel weniger schief. Dazu kommt die Atmung: In Stresssituationen hören wir auf zu atmen, und dann tut es das Pferd auch. Wenn die Pferde merken, dass wir wieder atmen, fällt ihnen das Entspannen leichter. Wir sind so eng mit diesen Tieren verbunden, dass sie alles spüren, ob wir ihnen körperlich helfen oder sie blockieren.
Wie Dressurfit entstanden ist
Vor rund zehn Jahren hatte Jessica ein einschneidendes Reiterlebnis mit ihrer damals jungen Stute Zaire, die sie schlicht nicht sitzen konnte. Der Trab war so schwungvoll, dass er sie aus dem Sattel hob. Entweder den Trab so klein reiten, dass er sitzbar wird, oder verdammt noch mal etwas für die Körpermitte tun, um dieses tolle Pferd ausbalanciert zu sitzen, ohne darin herumzuhopsen. Denn wenn wir hopsen, tun wir dem Pferd Unrecht, davon ist sie überzeugt. Sie fing zusammen mit ihrem Bruder an, mit einem Personal Trainer zu arbeiten, nicht als Ausgleichssport, sondern gezielt, um besser zu reiten. Die Effekte kamen sehr schnell: Die Pferde ließen sich leichter sitzen, die Ausdauer beim Reiten stieg. Sieben Jahre später entstand die Idee, das allen Reitern zugänglich zu machen, weil es vor allem gut für die Pferde ist. So kam Dressurfit, ein Konzept, das für jeden nachmachbar ist, gegliedert in drei Level mit weiteren Aufbaustufen, weil die, die länger dabei sind, so fit werden, dass ihnen die ersten Stufen nicht mehr reichen. Beweisen muss sie nichts: Die Teilnehmer spüren nach wenigen Tagen und Wochen auf dem Pferd, dass sich etwas tut.
Ich habe das in meiner Welt genauso erlebt. Wegen eigener Rückenprobleme habe ich irgendwann viel Pilates gemacht und dann angefangen zu joggen. Was das im Sitz und in der Hilfengebung verbessert hat, war ein echtes Aha-Erlebnis: Jetzt tut mein Pferd das, was ich gerne möchte. Das wünsche ich jedem, der sich aufmacht, Sport für sein Pferd zu treiben.
Für wen ist Reiterfitness gedacht? Auch für Wiedereinsteiger
Ich bin dieses Jahr Mama geworden, und es war mir ein tiefes Bedürfnis, schnell wieder fit zu werden, um in den Sattel zu kommen. Wir sind ja nicht alle Europameister. Jessicas Antwort: Level 1 ist so gewählt, dass es auch Wiedereinsteiger nicht überfordert, und es geht immer um die wesentlichen Muskelgruppen, die uns besser sitzen lassen. Sie selbst hat das Programm in der Rückbildung gemacht, ergänzt um die üblichen Beckenbodenübungen. Wer bei einer Übung das Gefühl hat, sie tut gerade nicht gut, lässt sie weg. Der Körper sagt uns, was geht und was nicht, wenn wir darauf hören. Wir neigen dazu, darüber hinwegzugehen. Bei uns beiden hat sich nach der Geburt das Leichttraben wochenlang nicht gut angefühlt, das Joggen ein halbes Jahr lang nicht. Aussitzen ist Rückbildung, sagt Jessica.
Der Fitnesstest: Wo stehst du?
Bevor man mit der ersten Stufe anfängt, gibt es einen kostenlosen Fitnesstest, den jeder jederzeit auf Jessicas Website machen kann. Er zeigt Kraft, Stabilität und Balance, und ob rechte und linke Seite gleichmäßig stark oder gleichmäßig schwach sind. Oft stellt sich heraus, dass eine Seite deutlich schwächer ist. Dafür gibt es individuell zugeschnittene Homeworks: Fünf Minuten am Tag, zum Beispiel nach dem Zähneputzen, simple Übungen mit krassem Effekt. Ich nehme das zum Anlass, den Test selbst zu machen und zu schauen, wo ich nach einem Jahr Babypause stehe.
Reiterfitness-Übungen, die du heute anfangen kannst
Die eine Zauberübung gibt es nicht, sagt Jessica. Es ist die Kombination, die etwas bringt, und wir wollen in der Muskulatur ausgeglichen sein. Aber ein paar Dinge lassen sich sofort in den Alltag einbauen:
- Stiefel mit gestreckten Beinen anziehen. Wir alle haben oft eine verkürzte Körperrückseite. Wer die Schuhe morgens mit gestreckten Knien anzieht, tut jeden Tag ein bisschen etwas, ohne zeitlichen Mehraufwand, und wird jedes Mal daran erinnert.
- Der herabschauende Hund aus dem Yoga, für Jessica sehr wertvoll gegen die verkürzte Rückseite.
- Plank, Seitstütz, Sit-ups und Übungen für den Rücken. In der Liegestützposition zu halten spricht alle Muskelgruppen an, die für eine starke, stabile Mitte wichtig sind.
- Achillessehne dehnen für den federnden Absatz. Mit der Fußspitze ein Stück von der Wand entfernt stehen und versuchen, das Knie an die Wand zu bringen. Oft geht es rechts, links nicht, oder umgekehrt. Wer das regelmäßig macht, bekommt ein Sprunggelenk, das wieder federn kann. Ich habe das als Kind an der Treppe gemacht, weil in der Reitschule „Hacken runter" hieß.
- Steigbügel prüfen. Viele Dressurreiter haben zu lange Bügel. Wer in der Hüfte mitfedern will, dabei aber lange Bügel hat und unbedingt den Absatz tief halten will, blockiert sich selbst. Jessica hat ihre Bügel ein, zwei Loch kürzer gemacht, damit der Absatz federn und das Becken leichter kippen kann. So kommt man auch nicht so leicht ins Hohlkreuz.
Zum typischen Sitzproblem vieler Frauen, Spaltsitz, Brust raus, überstreckt, Hohlkreuz: Auch dafür gibt es keine einzelne Übung, sondern die Module des Programms, die erklären, wofür welche Übung besonders gut ist. Was ein guter Reitersitz für die Gesundheit des Pferdes bedeutet, steht auch im Artikel über die sechs Säulen der Reiterfitness.
Dranbleiben: Lieber fünf Minuten als gar nicht
Das ist das eigentliche Problem: Man fängt hochmotiviert an und bleibt nicht dran. Als ich in einer Umfrage gefragt habe, wer einen Trainingsplan für sein Pferd hat, lag die Antwort im einstelligen Prozentbereich. Beim Trainingsplan für den Reiter sind wir wahrscheinlich im Nullkommabereich. Training würde bedeuten: Regelmäßig, systematisch, zielgerichtet und mit Plan. Jessica hilft, dass sie jeden Tag ein bisschen etwas macht, und wenn es nur fünf bis zehn Minuten sind. Samstag und Sonntag hat sie theoretisch frei, sieben Tage die Woche hält sie auch nicht durch. Wer es morgens nicht schafft, macht es mittags, notfalls spielend mit dem Kind im Raum. Lieber ein bisschen als gar nicht. Keine Einheit ihres Programms ist länger als 25 Minuten, weil eine Stunde Sport am Tag sie im Kopf schon erschlagen würde. Bei mir sind es 20 Minuten Sport am Morgen und zehn Minuten Meditation, diese halbe Stunde gehört mir. Eine Stunde würde auch mich erschlagen. Also der Aufruf an dich: 20 Minuten Sport für dein Pferd. Wir können auch mit fünf anfangen, und mit den Schuhen. Als Tierärztin und Physio kann ich bestätigen: Wenn der Reiter deutlich fitter ist, profitiert das Pferd, und der Spaß im Viereck oder im Parcours kommt hinterher. Unser Körper ist das Wertvollste, was wir besitzen. Den gibt es nicht ein zweites Mal, und kaputt ist meistens kaputt.









