Das Wichtigste in Kürze
» Impfreaktion (Schwellung, Fieber, Abgeschlagenheit) ist eine kurzfristige Reaktion des Immunsystems. Impfdurchbruch heißt: Das Pferd wird trotz Impfung durch Erreger von außen krank.
» Damit die Impfung wirkt, muss das Pferd gesund und stressfrei sein: Kein Turnier, kein Stallwechsel, keine Wurmkur oder Zahnbehandlung am selben Tag.
» Non-Core-Impfungen wie Tollwut, Druse, Hautpilz oder West-Nil sind Einzelfallentscheidungen nach Haltung, Nutzung, Region und Reiseplänen.
Impfungen beim Pferd sind die wichtigste Maßnahme, um Infektionserkrankungen und ihre Verbreitung zu verhindern. Es geht dabei um den Schutz des Einzeltieres, des Bestandes und der gesamten Pferdepopulation. Nachdem es im ersten Teil um die Hauptimpfungen Tetanus, Influenza und Herpes ging, geht es hier um zwei Dinge, die in der Praxis für die meisten Fragen sorgen: Was passiert, wenn ein Pferd nach der Impfung krank wird oder trotz Impfung erkrankt? Und welche Impfungen gibt es über die Kernimpfungen hinaus, die sogenannten Non-Core-Komponenten, die nur unter bestimmten Umständen verabreicht werden und immer eine Einzelfallentscheidung sind?
Die Basis dieses Artikels ist eine Folge aus dem ersten Podcast-Jahr. Bei einzelnen Impfungen hat sich die Lage seither verändert, etwa beim West-Nil-Virus und bei der Druse. Dort verlinke ich auf die aktuellen Artikel, statt hier den alten Stand stehen zu lassen.
Pferd krank nach der Impfung: Impfreaktion, Impfdurchbruch oder Impferkrankung?
Drei Begriffe stehen hier immer im Raum und werden einigermaßen häufig durcheinandergewürfelt. Sie bedeuten drei verschiedene Dinge.
Die Impfreaktion
Nach einer Impfung kann es zu einer lokalen Schwellung an der Einstichstelle, zu Fieber, Gliederschmerzen oder Abgeschlagenheit kommen. Das ist keine ungenügende Wirkung der Impfung, sondern eine Reaktion des Immunsystems auf die Impfung, lokal oder systemisch. Man nennt sie Impfreaktion, manchmal auch Impfschaden. Diese Veränderungen sind meistens kurzfristig und vollständig rückgängig. In sehr seltenen Fällen kommt es zu einer Überreaktion oder einer allergischen Reaktion, die zu langfristigen Gesundheitsproblemen führen kann. Eine Beule am Hals, die nach ein, zwei Tagen wieder weg ist, gehört zur ersten Gruppe. Ein Pferd, das nach der Impfung tagelang hohes Fieber hat, nicht frisst oder lahmt, gehört in die Hand des Tierarztes.
Der Impfdurchbruch
Beim Impfdurchbruch wird das Pferd krank durch Erreger aus der Umgebung. Es steckt sich zum Beispiel mit Influenza oder Herpes bei einem anderen Pferd an, obwohl es geimpft ist. Die Impfung hat also eine ungenügende Immunität ausgelöst. Die Ursachen: Impfvorschriften wurden nicht eingehalten, etwa ein zu langes oder zu kurzes Impfintervall oder eine fehlerhafte Grundimmunisierung, der Impfstoff wurde unsachgemäß gelagert, oder es wurden bereits kranke oder gestresste Pferde geimpft, zum Beispiel kurz nach einem Stallwechsel. Insgesamt kann alles, was das Immunsystem schwächt, die Wirkung der Impfung beeinträchtigen. Deshalb sind die Regeln im nächsten Abschnitt kein Selbstzweck.
Die Impferkrankung
Beim Lebendimpfstoff werden die Viren in ihrer Fähigkeit, krank zu machen, abgeschwächt. Sie sollen eine Reaktion des Immunsystems auslösen, den Impfling aber nicht krank machen. Lösen nun die Viren aus der Impfung selbst die Erkrankung aus, spricht man von einer Impferkrankung. Das ist etwas anderes als der Impfdurchbruch, bei dem die Erreger von außen kommen.
Sieben Regeln, damit die Impfung wirkt
Die Impfung kann ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn das Pferd keinem Stress ausgesetzt ist. Stress erhöht, wie beim Menschen, den Kortisolspiegel, und der hemmt das Immunsystem. Außerdem sollte das Immunsystem volle Aufnahmebereitschaft zeigen und nicht nebenbei mit Würmern oder einer Infektion beschäftigt sein. Multitasking geht, aber die Aufgaben werden nicht optimal einzeln ausgeführt. Das Immunsystem möchte fokussiert auf eine Sache hinarbeiten: Den bestmöglichen Impfschutz, ohne Ablenkung von außen.
- Das Pferd ist gesund. Kein Husten, keine geschwollenen Lymphknoten, kein Nasenausfluss, kein Fieber. Ein kurzer Gesundheitscheck vor dem Termin lohnt sich.
- In den nächsten sieben Tagen kein Turnier.
- Kein Stallwechsel in den nächsten zwei Wochen, und das Pferd steht auch nicht erst seit zwei Wochen im neuen Stall. Eine fremde Umgebung bedeutet Stress, und im neuen Stall ist das Immunsystem zunächst mit der dortigen Keimflora beschäftigt und hat keine freien Kapazitäten für die Impfung.
- Nicht am selben Tag wie andere Behandlungen, also keine Wurmkur, keine Rücken- oder Zahnbehandlung am Impftag.
- Zwei Wochen vor der Impfung entwurmen, wenn eine Entwurmung ansteht, siehe selektive Entwurmung.
- Ein bis zwei Tage Ruhe danach. Das heißt nicht zwei Tage Boxenruhe, sondern spazieren gehen oder ein kurzer Schrittausritt, an Tag zwei leichtes Bewegen ohne Schwitzen. Hartes Training und Reitstunden fallen aus.
- Impfintervalle einhalten und die Grundimmunisierung vollständig machen. Ein zu langes oder zu kurzes Intervall ist eine der häufigsten Ursachen für den Impfdurchbruch.
Non-Core-Impfungen: Welche es gibt und wann sie sinnvoll sind
Non-Core heißt: Nicht grundsätzlich, sondern nur bei Gefährdung, und immer als Einzelfallentscheidung mit dem Tierarzt. Turnierpferde und Rentner gehören gleichermaßen gegen Tetanus geimpft, das ist Core. Alles Folgende ist es nicht.
Tollwut
Deutschland gilt seit 2008 als frei von terrestrischer Tollwut, also der von bodenlebenden Tieren übertragenen Form. Die Impfung bietet wie die Tetanus-Impfung einen sehr hohen Schutz, und die Grundimmunisierung besteht aus einer einzigen Injektion. Relevant wird sie bei Reisen in gefährdete Gebiete. Merke dir: Tollwut und Urlaubsreisen. Erkundige dich vor der Reise, ob die Impfung nötig ist.
Druse
Die Druse ist eine bakterielle Erkrankung der oberen Atemwege, die in den letzten Jahren wieder vermehrt auftritt. Zum Zeitpunkt dieser Folge galt: Die verfügbare Impfung hatte viele Nebenwirkungen und einen unzureichenden Schutz, eine prophylaktische Impfung wurde nicht empfohlen, und bei einem Ausbruch ist die Impfung abzulehnen. Inzwischen hat sich hier etwas getan. Was sich bei der Druse-Impfung gerade ändert und wie du einen Ausbruch im Stall managst, steht im aktuellen Artikel über die Druse beim Pferd. Ein Tipp aus der Folge gilt weiter: Wenn du Interesse an einem Infoabend zur Druse in deinem Stall hast, frag deinen Tierarzt. Der freut sich vielleicht, wenn du ihn statt Google fragst.
Rotaviren
Rotaviren lösen eine Durchfallerkrankung beim Fohlen aus. Der Erreger wird mit dem Kot aufgenommen, deshalb sind Hygienemaßnahmen im Abfohlbereich entscheidend. Tragende Stuten werden in Beständen geimpft, in denen eine Rotavirus-Infektion nachgewiesen ist.
Equine Virus-Arteritis (EVA)
Die EVA hat Bedeutung bei Hengsten im Deckeinsatz, weil sich die Viren mit dem Sperma übertragen. Die Erkrankung ist meldepflichtig.
West-Nil-Virus
Als diese Folge entstand, kam das West-Nil-Virus in Deutschland nicht vor, und die Impfung war nur für international startende Turnierpferde ein Thema. Das ist überholt: Das Virus ist inzwischen in Deutschland angekommen, und für Pferde in den betroffenen Regionen wird die Impfung empfohlen. Alles Aktuelle dazu im Artikel über das West-Nil-Virus beim Pferd.
Borreliose
Borreliose wird von Zecken übertragen, und es gibt viele verschiedene Borrelienarten. Der Impfstoff richtet sich gegen drei davon und schützt gegen andere Arten nicht. Der Mechanismus ist interessant: Die gebildeten Antikörper werden von der Zecke mit dem Blut eingesaugt, binden dort an den Erreger, der sich daraufhin nicht mehr bewegen kann und in der Zecke bleibt, statt ins Pferd zu wandern. Für bereits infizierte Pferde oder solche mit Verdacht, im Grunde alle, die schon einmal eine Zecke hatten, wird die Impfung nicht empfohlen, denn eine bestehende Infektion beeinflusst sie nicht. Was der Bluttest wirklich aussagt, steht im Artikel über Borreliose beim Pferd.
Hautpilz
Die Impfung gegen Hautpilz (Dermatophytose) kann zur Prophylaxe oder zur Therapie eingesetzt werden. Besonders empfehlenswert ist sie bei Jungpferden, die in einen Berittstall kommen, weil Stress das Immunsystem schwächt und die Tiere anfälliger macht. Ziel ist die Reduktion des Risikos und eine schnellere Abheilung, die Impfung besteht aus zwei Injektionen im Abstand von zwei Wochen. Wegen ihrer immunmodulierenden Wirkung wird dieser Impfstoff auch beim Equinen Sarkoid und beim Sommerekzem eingesetzt. Mehr im Artikel über Hautpilz beim Pferd.









