Das Wichtigste in Kürze
» Mit zwei Listen vergleichst du ehrlich, was die Alm bietet und was dein Pferd körperlich und psychisch wirklich mitbringt.
» Pferde mit EMS, Hufrehe, Kolikneigung oder Magenproblemen sind für die abrupte Futterumstellung auf der Alm ungeeignet.
» Am besten lebt dein Pferd im Alltag so gut, dass es gar keinen Urlaub auf der Alm braucht.
Jedes Jahr im Frühsommer rollen in der Schweiz, in Österreich und in Süddeutschland die Pferdeanhänger bergauf. Viele Besitzerinnen schicken ihre Pferde von Mai bis September auf die Alm (in der Schweiz „Alp“, auf der Schwäbischen Alb oft einfach „Sommerweide“). Die Idee dahinter klingt wunderschön: Fressen rund um die Uhr, viel Bewegung, neue Kumpels, einfach mal Pferd sein. Back to basic, so wie wir Menschen in die Ferien fahren.
Die ehrliche Antwort auf die Frage, ob das eine gute Idee ist, lautet: Es kommt darauf an. Der Sommer auf der Alm steht dabei stellvertretend für eine grundsätzlichere Frage: Was ist mein Pferd gewohnt, wozu ist es körperlich in der Lage, welche psychische Belastung kann es tragen, und warum wollen wir es eigentlich in die Sommerfrische schicken? Wer das ehrlich beantwortet, trifft eine Entscheidung im Sinne des Pferdes, egal ob für oder gegen die Almsommerung.
Die Ausgangsfrage: 50 Pferde, braunes Gras und viele Unbekannte
Den Anstoß gab eine Hörerin aus der Schweiz. Auf ihren Fotos sieht man eine Herde von rund 50 Pferden auf kurzem, gestresstem, braunem Gras. Ihre Sorgen: neue Herdenkonstellationen, die nach ein paar Monaten wieder auseinandergerissen werden, der Transport, Kälteeinbrüche, Futter- und Wasserbedarf, Hufe, Unfälle und am Ende die Rückkehr in einen Alltag mit deutlich weniger Platz. Dazu kommt der Fellwechsel: Die Vorbereitung darauf beginnt schon rund um die Sommersonnenwende. Bei einem Pferd, das bis Ende August auf der Alp steht, unterstützt ihn niemand gezielt.
Keine Alm ist wie die andere
Jede Alm oder Alp ist anders. Manchmal stehen die Pferde mit Kühen zusammen. Die Gebiete sind unterschiedlich groß und hoch gelegen, oft auf 1.000 bis 1.500 Metern. Der Boden reicht von felsigem Geröll bis zu sanften Almwiesen, manchmal sind es Flächen, die im Winter Skigebiet sind. Beim Zaun reicht die Spanne vom Pferdezaun bis zum Stacheldraht, der eigentlich verboten ist, aber noch vorkommt.
Schon der Transport über abgelegene Bergwege ist für viele Pferde sehr ungewöhnlich. Bei 50 Pferden kann niemand die Tiere vorher aneinander gewöhnen: Ab Anfang Mai kommen sie nach und nach an, Ende August oder Anfang September werden sie nach und nach wieder abgeholt. Im besten Fall reist ein Pferd mit einem vertrauten Kumpel. Viele kommen aber allein, etwa weil sie eine Atemwegserkrankung oder ein Sommerekzem haben, oder weil ihre Menschen ihnen einfach die Sommerfrische gönnen wollen. Für die Pferde ist das nicht das normale Leben, sondern die Ausnahme.
Die Zwei-Listen-Methode: So triffst du eine fundierte Entscheidung
Was bedeutet der Almsommer nun für Körper und Psyche deines Pferdes? Um das zu beantworten, hilft ein einfaches Werkzeug: zwei Listen, die du nebeneinanderlegst.
Liste 1: Was erwartet mein Pferd dort oben?
Die erste Liste beschreibt die Alm. Am besten fährst du selbst einmal hin, bevor du dich entscheidest, und schaust dir alles vor Ort an. Folgende Punkte gehören auf diese Liste:
- Wie groß ist die Fläche, und wie hoch liegt sie?
- Wie sieht der Untergrund aus: Steigungen, Geröll, Felsen oder weiche Wiesen?
- Welches Futter gibt es, und wird bei Bedarf Heu zugefüttert?
- Wie groß ist die Gruppe, und wie läuft die Integration ab?
- Wie ist die Wasserversorgung geregelt?
- Welche Zäune gibt es?
- Wie ist die Witterung? Ein Blick in die Wetterdaten der vergangenen Jahre verrät viel über Kälteeinbrüche im Sommer.
- Gibt es Unterstände oder natürlichen Schutz?
- Wer schaut nach den Pferden, wie oft und mit welcher Fachkenntnis?
- Welche Gesundheitsvoraussetzungen (Impfungen, Entwurmung) werden verlangt und kontrolliert?
Liste 2: Was bringt mein Pferd mit?
Die zweite Liste beschreibt dein Pferd, und zwar so ehrlich wie möglich. Hier kannst du einerseits die Organsysteme durchgehen (Verdauung, Hufe und Bewegungsapparat, Atemwege, Haut, Stoffwechsel), andererseits Managementpunkte wie Haltung und Fütterung, und schließlich die Psyche. Was für ein Typ ist dein Pferd? Es gibt verschiedene Einteilungssysteme, etwa die fünf Pferdetypen aus der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) oder andere Charaktermodelle. Du kannst es aber auch ganz praktisch beschreiben: Ist dein Pferd ranghoch oder rangniedrig? Ist es überhaupt an eine Herde gewöhnt? Lebt es in der Box oder im Offenstall? Und wenn Offenstall: Ist das ein Trail, auf dem sich alle paar Meter der Boden ändert, vielleicht mit einem kleinen Hügel oder einer Wasserfurt?
Ein Beispiel aus der Praxis
Wie so eine Liste aussehen kann, zeigt mein eigenes Pferd. Er ist 22 Jahre alt, 1,80 Meter groß, unbeschlagen, ohne Huf- oder Bewegungsapparatprobleme und steht im oberen Drittel der Herde. Er ist rund 15 Jahre Vielseitigkeit gegangen, hat also jahrelanges Propriozeptionstraining (Training der Eigenwahrnehmung des Körpers im Raum) hinter sich und ist sehr trittsicher. Er lebt im Offenstall, kennt auch einen Meter Schnee, ist Hängerfahrten, fremde Plätze und Reiturlaube gewohnt. Auf dem Papier wäre er ein guter Almkandidat.
Doch es gibt einen zweiten Blick. Ich habe bei ihm über die Jahre viele Pulsmessungen gemacht: beim Verladen, auf dem Hänger, auf dem Fremdplatz und an der Heuraufe, wenn andere Pferde dazukommen. Obwohl er beim Verladen völlig cool aussieht, geht sein Puls auch nach all den Jahren noch hoch. Er ist ein riesiges Pferd mit einem kleinen Hasenherz, und das sieht man ihm nicht an. Aus mehreren Umzügen weiß ich außerdem, dass er sich eher mäßig in neue Herden integriert.
Mein Fazit für ihn, Stand heute: auf gar keinen Fall. Er fährt kaum noch Turniere, er ist älter, er ist super in seine Herde integriert. Und damit sind wir bei dem Punkt, der vielleicht unbequem ist.
Braucht ein Pferd überhaupt Urlaub vom Alltag?
Pferd sein und das Leben genießen sollte im Alltag möglich sein. Einem Menschen mit ungeliebten Kollegen und einem Job, den er hasst, würde man auch raten, sein Lebenskonzept zu überdenken, statt nur Urlaub zu machen. Das Ziel sollte also sein, dass dein Pferd das ganze Jahr über so lebt, als wäre es in den Ferien, und die Alm gar nicht nötig hat. Wie das aus tiermedizinischer Sicht aussehen kann, beleuchtet der Artikel zur perfekten Pferdehaltung aus tiermedizinischer Sicht.
Dazu kommt ein grundlegender Unterschied: Wir machen gerne Urlaub, auch weil uns zu Hause langweilig wird. Pferde haben es am liebsten so, wie es schon immer war. Sicherheit entsteht für sie durch Orientierung, und bis sie sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden, dauert es oft lange. Schon unser normaler Alltag verlangt ihnen viel ab: Wir holen ein Pferd für Stunden aus der Gruppe und bringen es wieder zurück. In der Natur gibt es das nicht. Wer dort aus der Herde verschwindet, ist tot oder verloren gegangen.
Der Körper: Hufe, Sehnen und das Prinzip „Use it or lose it“
Ein verbreiteter Denkfehler lautet: Ein Pferd steckt so etwas schon weg. Natürlich können Pferde im Geröll laufen, aber nicht von heute auf morgen. Hat die Haltung einem Pferd diese Fähigkeit abtrainiert, gilt: Use it or lose it. Werden tiefe Muskulatur, Sehnen und Bänder nach Monaten im Tiefschlaf von null auf hundert gefordert, ist das eine erhebliche Belastung. Auch die Hufe brauchen Zeit, viele Pferde sind auf ungewohntem Boden anfangs fühlig. Bei Hufrehe (einer schmerzhaften Entzündung der Huflederhaut) belastet die Steigung die geschädigten Strukturen zusätzlich.
Andersherum gedacht: Lebt ein Pferd auf abwechslungsreichen Untergründen, kommt viel ins Gelände und hat stabile Barhufe, warum sollte man es dann umstellen? Einen Tapetenwechsel brauchen Gewohnheitstiere nicht.
Die Verdauung: Futterumstellung auf Almkräuter
Die Futterumstellung ist definitiv nicht zu unterschätzen. Das Darmmikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm, die das Futter aufschließen, braucht Zeit, um sich von Heu aus dem Tal auf Almkräuter in 1.500 Metern Höhe einzustellen. Als grobe Orientierung gelten zwei Zeiträume:
- Etwa drei Tage sind das Minimum für eine Umstellung, und zwar nur bei einem Pferd mit stabilem Magen-Darm-Trakt und nur unter Beobachtung. Wenn ich mit meinem Pferd in den Urlaub fahre, nehme ich Futter für drei Tage mit und stelle in dieser Zeit um. Ideal ist das nicht, aber es funktioniert bei ihm ohne Verdauungsprobleme.
- Etwa drei Wochen sind der Zeitraum, den man beim Anweiden, also beim schrittweisen Umstieg von Heu auf Gras, anpeilen sollte.
Selbst beim ganz normalen Anweiden im Frühjahr zeigen manche Pferde vorübergehend mehr Kotwasser. Das ist nicht ideal, kann bei einer Umstellung aber passieren. Welche Fehler dabei typischerweise zu Koliken führen, erklärt der Artikel über das richtige Anweiden im Frühling. Genau hier liegt das Problem auf der Alm: Bei einer Umstellung möchtest du dein Pferd unter Aufsicht haben. Du willst den Puls nehmen können, sehen, ob es Krampfkoliken bekommt, und den Kot im Blick behalten. Das ist auf einer abgelegenen Hochweide kaum möglich.
Für bestimmte Pferde ist die Alm deshalb schlicht ungeeignet:
- Pferde mit Übergewicht, EMS (Equines Metabolisches Syndrom, eine Stoffwechselstörung mit Insulinresistenz) oder Hufrehe
- kolikoperierte und kolikempfindliche Pferde
- Pferde, die auf Wetterwechsel mit Koliken reagieren
- Pferde mit Neigung zu Durchfall oder Kotwasser
- Pferde mit Zahnproblemen
- Pferde mit Magenproblemen
Beim Magen lohnt sich ein genauerer Blick. Studien zeigen, dass Freizeitpferde, die nicht transportiert werden und in einer stabilen Herde leben, am seltensten Magenbeschwerden haben. Das zeigt deutlich, in welche Richtung es geht: Transport, neue Gruppe, neues Futter, all das sind Faktoren, die den Magen belasten.
In alpinen Regionen kommen Jungpferde seit Generationen für ein halbes Jahr auf die Alm, weitgehend sich selbst überlassen, und meist geht es gut. Diese Pferde sind aber so aufgewachsen. Ein Pferd ohne diesen Hintergrund ist eine ganz andere Geschichte.
Die Psyche: Herde, Rangordnung und Pferdesprache
Warum 50 Pferde keine stabile Herde ergeben
Auf die anderen Pferde hast du keinerlei Einfluss. Ob sie gut sozialisiert, überfordert oder schmerzbedingt aggressiv sind, weißt du nicht. Ein Hirte, der aktiv Herdenmanagement betreibt, ist oben meist nicht da.
Bei 50 Pferden ist außerdem Skepsis angebracht, ob sich überhaupt eine stabile Herde entwickeln kann. Die Grenze, ab der eine Gruppe nicht mehr als Einheit funktioniert, wird meist bei etwa 20 Pferden angesetzt. Darüber teilen sich Pferde je nach Fläche in Untergruppen auf. Wie das abläuft, kannst du nicht steuern.
Auch die Rangordnung ist kein fester Wert. Ein Pferd, das in einer Herde der Chef war, kann in einer anderen Konstellation im unteren Drittel landen. Alter, Krankheit oder neue Pferde in der Gruppe verschieben die Positionen ohnehin immer wieder. Selbst ein ranghohes Pferd ist auf der Alm also nicht automatisch auf der sicheren Seite.
Kann dein Pferd „Pferdisch“?
Weil du die anderen Pferde nicht beeinflussen kannst, richtet sich die entscheidende Frage an dein eigenes Pferd: Wie gut beherrscht es die Pferdesprache? Pferde, die als Fohlen in einer gemischtaltrigen und am besten gemischtgeschlechtlichen Herde aufgewachsen sind, sprechen fließend „Pferdisch“. Es gibt aber auch Pferde, die so isoliert gehalten wurden, dass eine Integration selbst über lange Zeit scheitert. Bildlich gesprochen redet dieses Pferd Chinesisch, während die anderen Pferdisch sprechen.
Konkret heißt das: Erkennt dein Pferd, wenn ein anderes die Ohren anlegt und droht, und geht es rechtzeitig zur Seite? Genau daran scheitert es oft. Wer die Signale zu spät versteht, weicht zu spät aus und kassiert einen Tritt. Im mittleren Fall bleibt es bei einem Streifschuss, im schlimmsten Fall geht es richtig schief. Beobachte also dein Pferd: Wie verhält es sich, wenn es auf eine Wiese mit fremden Pferden kommt?
Bei Pferden aus Einzelboxhaltung entsteht selbst mit immer denselben Weidekumpels nie ein echter Herdenverband. Durch die Trennung über Nacht wird jeden Morgen neu ausgehandelt, wer die Führung übernimmt. Das ist enorm anstrengend und der Grund, warum in solchen Ställen oft Pferde einzeln auf der Wiese stehen. Sozial nicht kompatibel ist das Pferd dann nicht wegen sich selbst, sondern wegen des Systems drumherum.
Was man vom Hengstauftrieb lernen kann
Ein spannendes Gegenbeispiel liefert der traditionelle Hengstauftrieb in Österreich. Zuchthengste wie Haflinger oder Noriker werden nach mehreren Decksaisons zur Erholung auf die Alm geschickt, in kleinen Gruppen von 11 oder 15 Tieren. Vorher kommen alle für rund zwei Stunden auf einer kleinen, eingezäunten Fläche zusammen, um sich „zu besprechen“. Das sieht spektakulär aus: Hengste von rund 900 Kilo schreien, bocken und rennen umeinander. Trotzdem wird den allermeisten kein Haar gekrümmt. Das Publikum tippt beim Chef meist auf den, der am meisten Theater macht. Tatsächlich ist es meistens der, der in der Ecke frisst, alles beobachtet und nur bei Bedarf eine klare Ansage macht.
Der Sinn: Auf der riesigen Almfläche würde das Austesten ewig dauern. Im Schnelldurchlauf ist es in zwei Stunden erledigt, oben herrscht schnell Frieden. Bei Pferden, die nach und nach ankommen und abgeholt werden, ist das nicht möglich. Positiv ist aber: Wird eine Gruppe, die sich gefunden hat, für Monate nicht mehr verändert, ist das eine großartige Zeit. Im Stallalltag holen wir ständig Pferde heraus, für Ausritte, Turniere oder Lehrgänge, und das ist ein echter Stressfaktor. Deshalb lohnt sich auch für Offenställe das Prinzip „von O bis O“: Von Oktober bis Ostern, wenn Fläche und Böden knapp sind und die Pferde enger zusammenstehen, wird kein neues Pferd integriert. Das bringt Ruhe in die Herde, und Integrationen im Sommer führen zu deutlich weniger Verletzungen.
Impfungen, Entwurmung und Infektionsdruck auf der Alm
Wer die Fläche zur Verfügung stellt, muss rechtlich ohnehin alle Equidenpässe einsammeln. Ein echtes Qualitätsmerkmal ist es, wenn der Betreiber darüber hinaus bestimmte Voraussetzungen abfragt, verlangt und so gut es geht kontrolliert. Dazu gehören eine Entwurmung vor dem Auftrieb, schon damit die Flächen nicht mit fremden Wurmpopulationen belastet werden, und ein gültiger Tetanusschutz.
Gleichzeitig ist die Alm hier im Vorteil. Auf sehr viel Fläche mit vergleichsweise wenigen Pferden ist der Infektionsdruck extrem niedrig. Eine Herde von 15 Pferden, die das ganze Jahr auf derselben Weide steht, hat einen viel höheren Parasitendruck. Dazu liegt die Almwiese den ganzen Winter über brach, bei Temperaturen und Schneemengen, die es im Flachland nicht gibt. Was in der intensiven Haltung im Tal ein Problem ist, ist dort oben deshalb weniger tragisch. Wie du die Entwurmung zu Hause sinnvoll planst, statt nach Kalender zu entwurmen, lernst du im Wurmkurs.
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