Das Wichtigste in Kürze
» Viele Pferdemenschen erleben sich ohne Pferd als unvollständig — ein Hinweis auf eine tiefe Abhängigkeit vom Tier.
» Hinter Leistung und Aufopferung steckt oft derselbe Glaubenssatz: Ich bin nur wertvoll, wenn ich erfolgreich bin oder gebraucht werde.
» Das Pferd profitiert, wenn der Mensch auch ohne Pferd erfüllt ist und aus Eigenverantwortung statt aus Mangel handelt.
Wer bin ich eigentlich ohne Pferd? Diese Frage klingt zunächst harmlos, doch für viele von uns trifft sie einen empfindlichen Nerv. Denn ein Pferd ohne Mensch ist immer noch ein Pferd — ein Pferdemensch ohne Pferd ist auf einmal nur noch ein Mensch. Was bedeutet das für uns, für unser Selbstbild und letztlich auch für unsere Pferde? Drei Monate in Portugal, komplett ohne eigenes Pferd, haben mir auf diese Frage zwar nicht alle, aber doch erstaunlich viele Antworten gegeben. Und sie haben mir gezeigt, wie eng unsere Identität mit unseren Pferden verwoben ist — manchmal auf eine Weise, die weder uns noch den Pferden guttut.
Drei Monate ohne Pferd: ein bewusstes Experiment
Ich habe mein ganzes Leben mit Pferden verbracht. Wenn du diesen Podcast verfolgst, weißt du das längst. Und trotzdem hatte ich bis zu diesem Frühjahr noch nie drei Monate am Stück ohne Pferde gelebt. Eine Woche Urlaub hier und da, ja — aber in der Regel sind wir mit Pferd in den Urlaub gefahren. Drei volle Monate ohne Pferd waren also eine absolute Premiere.
Genau das war einer der Gründe, warum wir als ganze Familie nach Portugal gegangen sind. Es ging nicht um berufliche Pläne, nicht um Auswandern, nicht darum, dass mein Mann dort etwas aufbaut. Die meisten Menschen haben genau das vermutet, sobald sie von dem Vorhaben hörten. Die Frage, ob wir einfach aus Freude an Abenteuer und Weiterentwicklung gehen, hat kaum jemand gestellt. Dabei war genau das der Kern: einen Alltag im Ausland bestreiten, in einer anderen Sprache leben und schauen, was das mit uns macht.
Ehrlich gesagt hat mir der Gedanke zunächst Angst gemacht. Ohne Pferd — hat mein Leben dann überhaupt noch einen Sinn? Was bedeutet das finanziell, was beruflich? Mein ganzes Leben definiert sich rund um die Pferde. Sie sind meine Lebensgrundlage, ein bisschen überspitzt formuliert sogar meine Berechtigungsgrundlage. Und dann diese leise, hartnäckige Sorge: Kann ich überhaupt noch einmal für ein anderes Thema brennen, wenn ich schon so tief im Pferdebereich verwurzelt bin?
Kann man eine zweite Leidenschaft finden?
In Portugal habe ich Surfen gelernt. Es hat große Freude gemacht, und ich bin sogar ganz gut darin geworden, wie ich feststellen durfte. Aber es zündet nicht dieses Feuer in mir. Es weckt keinen Ehrgeiz, unbedingt besser werden zu wollen. Es ist ein spaßiges Urlaubshobby — mehr nicht.
Ich kenne das Gefühl, für etwas wirklich zu brennen. Tag ein, Tag aus, manchmal halbe Nächte, ohne lange nachzudenken, einfach dafür zu arbeiten. Es ist viel Arbeit, gar keine Frage — aber ohne Anstrengung im eigentlichen Sinn. Es geht mir von der Hand, weil die Freude am Tun trägt. Und die Frage, die mich umtrieb, war: Lässt sich so etwas ein zweites Mal finden, wenn man es schon einmal hatte?
Damit verbunden war eine noch unbequemere Frage: Muss ich die frei werdende Zeit überhaupt mit etwas Neuem füllen? Oder darf da auch einfach ein Leerraum bleiben? Denn dahinter lauert ein Glaubenssatz, den viele von uns in sich tragen: Bin ich noch wertvoll, wenn ich nichts leiste? Ich bin im Vorfeld immer wieder gefragt worden, was ich denn beruflich in Portugal machen würde. Die ehrliche Antwort lautet: absolut gar nichts. Ich habe kaum gearbeitet, und das war von Anfang an der Plan.
Bevor und während ich in Portugal war, habe ich viele Menschen gefragt: Was ist ein Pferdemensch ohne Pferd? Die Antworten kamen zahlreich und sie waren erstaunlich eindeutig. Sinngemäß lauteten sie: unvollständig, unausgeglichen, völlig verloren. Und genau das halte ich für ein Problem — nicht weil die Gefühle nicht echt wären, sondern weil sie so viel über unsere Abhängigkeit verraten.
Über die Jahre als Pferdemensch und als Tierärztin habe ich beobachten können, dass viele Menschen Pferde haben, damit sie sich besser fühlen: geliebt, gebraucht, erfolgreich. Manchmal dient das Pferd sogar als Kinderersatz. Das ist nichts, worüber man die Nase rümpfen sollte — aber es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen. Wenn du dich fragst, wo du selbst auf dieser Skala stehst, ist der Unterschied zwischen einem Pferdemenschen und einem Menschen mit Pferd ein guter Ausgangspunkt zum Nachdenken.
Negative Glaubenssätze im Turniersport
Auch meine eigene Motivation habe ich kritisch hinterfragt. Ich war jahrelang sportlich auf Turnieren unterwegs, in der Vielseitigkeit, mit meinem eigenen Pferd bis zur Klasse M. Wem wollte ich da eigentlich etwas beweisen? Als Jugendliche habe ich Turniere geritten, ohne groß nachzudenken — meine Freunde machten es, es war einfach üblich. Ich war ehrgeizig, fleißig, diszipliniert und deshalb oft erfolgreich. Und ja, das hat sich großartig angefühlt. Das müssen wir nicht kleinreden.
Später wollte ich vor allem eines beweisen: dass pferdegerechte Haltung und Turniersport zusammenpassen. Mein Pferd lebte im Offenstall beziehungsweise im Paddock Trail, und wir gingen trotzdem bis Klasse M. Mir war wichtig, als Vorbild voranzugehen und zu zeigen, dass ein gesundes, glückliches Pferd, das artgerecht lebt, auch im Sport erfolgreich sein kann. So viele hatten gesagt, das sei unmöglich.
Doch genau hier verläuft ein schmaler Grat: Tue ich etwas für mein Ego, für die große Sache, für den guten Zweck — oder macht es mir und meinem Pferd schlicht Spaß, auch ganz ohne Sinn, Zweck oder Publikum? Häufig steckt dahinter ein negativer Glaubenssatz: Ich bin nur wertvoll, wenn ich erfolgreich bin. Und was dieser Satz im Turniersport auslöst, können wir leider regelmäßig beobachten — Erfolg auf Kosten der Pferde, ein Skandal nach dem anderen.
Ich selbst reite längst keine Turniere mehr. Wenn ich aufsteige, geht es gemütlich ins Gelände, hier in der Lüneburger Heide direkt vom Offenstall stundenlang durch die Natur, ohne eine einzige Straße queren zu müssen. Manchmal auch schnell. In die Halle gehe ich eigentlich nur noch zum Longieren. Den sportlichen Ehrgeiz, der mich früher so getrieben hat, lebe ich heute beim Kraftsport aus — beim Body Pump, ganz ohne Pferd. Das fühlt sich für mich aktuell richtig an. Das ist meine persönliche Entscheidung und kein pauschales Urteil über den Turniersport, den ich sehr geliebt habe.
Die entscheidende Übung ist, sich ehrlich zu fragen: Warum gehe ich mit meinem Pferd aufs Turnier? Lautet die Antwort, weil es uns beiden Spaß macht und wir unsere eigene Leistung mit unserer eigenen Leistung vergleichen — und eben nicht mit der anderer —, dann genieße es in vollen Zügen. Tauchen aber Zweifel an den Motiven auf, lohnt es sich, tiefer zu graben.
Die andere Seite: Selbstaufgabe und Burnout
Am anderen Ende der Skala steht etwas, das mir mindestens genauso unter die Haut geht: Pferdemenschen, die im Burnout landen, weil sie sich für ihr Pferd vollständig selbst aufgeben. Stichwort Aufopferung. Sie fühlen sich nur wertvoll, wichtig oder sicher, wenn sie gebraucht werden. Sie haben gelernt, dass sie selbst unwichtig sind und dafür zu sorgen haben, dass es allen um sie herum gut geht. Dir fallen sicher auch Menschen ein, die dieses Muster nicht mit Pferden, sondern mit anderen Menschen leben.
Eine Pferdebesitzerin hat mir dazu eine Rückmeldung geschrieben, die ich nicht vergessen werde: Bei ihr war es das Gefühl, nichts wert zu sein, wenn sie nicht leistet — ein Klammern an die Tiere. Leider bis zur Selbstaufopferung, die sie wegen schwerer Depressionen in die Psychiatrie gebracht hat, weil sie nur noch funktioniert hat. Sogar der Weg vor die Haustür, um den Müll rauszubringen, war nicht mehr zu bewältigen. Aber bei minus zehn Grad Heu zu wässern und zu bedampfen, das musste irgendwie gehen.
Dieses Beispiel zeigt, wie ernst das Thema ist. Wie sehr das Pflichtgefühl gegenüber dem Tier den eigenen Selbstschutz aushebeln kann, beschreibe ich auch im Beitrag über Pet Pleasing und den Fellnasen-Burnout — ein Muster, das viel verbreiteter ist, als wir zugeben.
Ob im Glaubenssatz der Turniersaison oder in der Selbstaufgabe bis zur Erschöpfung: Beides ist ein Riesenproblem unserer Leistungsgesellschaft. Dahinter stecken unerfüllte Bedürfnisse — nach Liebe, Entspannung, Zugehörigkeit, Erfolg. Und diese Aufgaben geben wir ans Pferd ab, damit es sie für uns erfüllt. Das ist nicht fair, und ich empfinde es inzwischen als eine der eigentlichen Ursachen für viele Missstände in der Pferdewelt. Nicht die einzige, aber eine zentrale.
Meine These: Das Pferd profitiert von einem erfüllten Menschen
Das Tückische an diesen Mustern ist, dass sie unreflektiert ablaufen. Die eigenen Schattenseiten, die blinden Flecken — sie heißen ja nicht ohne Grund so — sind schwer zu erkennen. Genau aus dieser Zeit ohne Pferd ist eine These entstanden, die ich für wichtig halte: Das Pferd profitiert davon, wenn der Mensch auch ohne Pferd vollständig und erfüllt ist.
Eine Rückmeldung dazu hat es auf den Punkt gebracht: Je mehr ich das Pferd brauche, desto weniger kann ich neutral auf meine und seine Bedürfnisse eingehen. Darin steckt eine entscheidende Erkenntnis. Wer das Pferd braucht, um sich selbst zu vervollständigen, kann nicht mehr klar sehen, was das Pferd wirklich benötigt — und was nur das eigene Loch füllen soll.
Niemand sollte für das eigene Wohlergehen ein anderes Lebewesen verantwortlich machen. Wir sind erwachsen und tragen die Eigenverantwortung, uns selbst glücklich zu machen. Kein Pferd, kein Partner, kein Hund und kein Kind kann oder sollte diese Aufgabe für uns übernehmen.
Eigenverantwortung statt Abhängigkeit
Am Ende geht es darum, nichts davon zu brauchen, sondern es frei zu wählen. Keine Abhängigkeit, keine Opferhaltung, und wenn überhaupt, dann bewusste Bedingungen. Das gilt für das Pferd genauso wie für jeden anderen Bereich des Lebens. Genau deshalb beziehe ich in der Arbeit mit kranken Pferden immer auch die Menschenseite mit ein. Die Werte Eigenverantwortung und Weiterentwicklung stehen bei mir bewusst im Fokus — nicht nur für das Pferd, sondern für jeden einzelnen von uns.
Diese Haltung bedeutet nicht, weniger zu lieben oder sich weniger zu kümmern. Im Gegenteil. Wer aus einer inneren Fülle heraus handelt statt aus einem Mangel, trifft ruhigere, klarere und letztlich bessere Entscheidungen für das Pferd. Wenn dich der Gedanke beschäftigt, dass Veränderung und Zufriedenheit kein Widerspruch sein müssen, findest du im Beitrag Veränderung vs. Glück weitere Anregungen dazu.
Wer bist du ohne Pferd?
Vielleicht hast auch du Lust, ein wenig über diese Frage nachzusinnen. Mir hat sie am Anfang eher Angst gemacht, und ganz verflogen ist diese Angst bis heute nicht. Vielleicht ist auch ein Stück Midlife-Crisis dabei, ich bin schließlich inzwischen über vierzig.
Und doch: Ich würde diese drei Monate jederzeit wieder so gestalten. Habe ich nun Antworten auf alle Fragen vom Anfang? Nein. Aber ich bin ihnen ein gutes Stück nähergekommen. Ich habe Vorträge gehalten, getöpfert, gesurft, gemalt, tiefe Gespräche geführt, meinen kompletten Alltag einmal auf links gedreht und die meiste Zeit in einer anderen Sprache gelebt. Dabei habe ich gespürt: Ich trage noch so viel mehr in mir. Und das gibt mir eine innere Sicherheit, dass ich meinen Weg finden werde — ob mit oder ohne Pferde, das darf ich jetzt wählen.
Dieses Gefühl hatte ich lange nicht. Immer wieder hatte ich den Eindruck, meine Berufung halte mich auch fest und schränke mich ein, als bräuchte ich eine Befreiung aus der eigenen Berufung. Das war beklemmend. Inzwischen konnte ich das für mich wandeln und die Pferde wieder frei wählen. Vielleicht eröffnen wir irgendwann sogar einen Campingplatz abseits von Online und KI. Wer weiß. Da mir der Gedanke, ganz ohne Pferde zu leben, aber immer noch Angst macht, hätte dieser Campingplatz vermutlich einen Offenstall mit ein paar Pferden. Und genau das ist der Unterschied: Ich würde sie wählen, weil ich sie will — nicht, weil ich sie brauche, um wertvoll zu sein.