Das Wichtigste in Kürze
» Die Begutachtung richtet den Blick zuerst auf das, was im Stall schon gut läuft, und macht so den Kopf frei für Lösungen.
» Viel Fläche bedeutet nicht viel Bewegung, ein kleiner, gut strukturierter Paddock bringt Pferde oft zu mehr Kilometern.
» Auch Einstellerinnen ohne eigenen Stall können mit kleinen Schritten wie Totholz, Hügel oder Kräuterbeet viel verändern.
Wer durch einen Reitstall geht, sieht meistens zuerst, was fehlt: der matschige Auslauf, die hässliche Ecke hinter der Halle, das Heu, das schon wieder nicht passt. Genau dieser Blick hält viele Pferdemenschen davon ab, überhaupt etwas zu verändern. Die Alternative heißt Begutachtung, mit großem „Gut" in der Mitte: erst erfassen, was schon funktioniert, dann fragen, was sich mit kleinen Schritten verbessern lässt. Für die Pferdehaltung ist das ein sehr praktisches Werkzeug. Es macht den Kopf frei für Lösungen, verändert Gespräche im Stall und führt oft zu mehr Bewegung und mehr Gesundheit für das Pferd.
Dieser Artikel entstand aus einem Gespräch mit dem Team HUF, das aus der Hufbearbeitung kommt und heute viel zur Haltungsoptimierung arbeitet: über den positiven Blick, den Circle of Control, drei Hektar mit wenig Bewegung und darüber, was Einstellerinnen ohne eigenen Stall verändern können.
Was „Begutachtung" bedeutet: das Gute zuerst sehen
Das Wort klingt nach Behörde, aber mittendrin steckt „gut". Begutachten heißt, zuerst zu fragen: Was ist hier schon gut? Wie lange kommt das Pferd bereits raus? Welche Möglichkeiten hat es, sich mit seinen Freunden zu beschäftigen? Welche Kleinigkeit könnte ich noch optimieren? Das heißt ausdrücklich nicht, Probleme schönzureden oder nicht mehr groß zu träumen. Die Reihenfolge macht den Unterschied.
Entstanden ist diese Haltung am Huf. Bevor ein Huf bearbeitet wird, wird er angeschaut, und die naheliegende Frage wäre: Wo muss ich ran? Die begutachtende Frage lautet: Wo schafft es dieser Huf schon allein, sich zu erhalten, und wo entwickelt er sich in eine gute Richtung? Wer so hinschaut, arbeitet nicht gegen ein Idealbild, sondern mit dem, was das Pferd selbst schon leistet.
In Kursen zeigt sich, dass daraus mit der Zeit eine andere Lebenseinstellung wird. Viele begutachten plötzlich auch in der Familie oder im Job erst einmal, wenn es schwierig wird.
Warum unser Gehirn automatisch das Negative sucht
Dass uns der positive Blick nicht zufliegt, hat einen biologischen Grund. Unser Gehirn ist auf Überleben programmiert. In der Psychologie heißt das Negativitätsbias: Negative Ereignisse wiegen im Kopf schwerer als gleich große positive.
Aus meinem Tierarztalltag kenne ich das gut. Zehn Termine am Tag, neun laufen gut, einer raunzt einen an. Was erzählt man abends zu Hause? Genau diesen einen. Irgendwann habe ich in meinem Terminheft hinter jeden Termin einen Smiley gemalt, wenn ich mit einem guten Gefühl rausgegangen bin. Das Ergebnis war eindeutig: An jedem Tag gab es viel mehr glückliche Smileys als traurige oder wütende. Dieser Blick ist also nicht einfach gegeben, er darf trainiert werden.
Kleine Übungen für den begutachtenden Blick
Es hilft, die guten Momente sichtbar zu machen. Beim Team HUF gibt es die „Pony-Glücksmomente": kleine Zettel mit dem, was am Stall besonders schön war, gesammelt in einem Glas. Das klingt banal, verschiebt aber über Wochen tatsächlich den Fokus.
In der KKP Welt arbeiten wir mit dem Pferderad: acht Lebensbereiche, die man jeweils von 0 bis 10 ausmalt. Der Trick ist, zuerst auf die drei Bereiche zu schauen, die richtig gut laufen, und zu fragen, warum. Lässt sich diese Strategie auf die schwächeren Bereiche übertragen? Das motiviert mehr, als sich zuerst an den Baustellen abzuarbeiten.
Meinen Assistenztierärztinnen und Assistenztierärzten habe ich immer mitgegeben, zuerst etwas Positives zu sagen, und sei es „Das Halfter gefällt mir". Das verändert das Gegenüber und einen selbst. Und als ich mich in der Fußgängerzone dabei erwischt habe, Menschen zu bewerten, habe ich mir eine Challenge gesetzt: Bei jeder Person überlege ich, was sie wohl richtig gut kann. Heute macht das richtig Spaß.
Begutachtung im Stall: Schluss mit der Schuldigensuche
Wer sich intensiver mit Haltung beschäftigt, merkt schnell, dass im eigenen Stall nicht alles perfekt ist. Einen perfekten Stall gibt es auch nicht, warum, habe ich im Beitrag Gibt es die perfekte Pferdehaltung? beschrieben.
Die typische Reaktion ist die Suche nach einem Schuldigen: der Stallbetreiber, der Heuproduzent, die Miteinsteller. Das belastet den ganzen Stallalltag. Viel entlastender sind andere Fragen: Was ist hier schon gut? Wo gibt sich der Stallbetreiber wirklich Mühe, auch wenn er nicht alles umsetzen kann?
Selbst wenn man bewusst Positives sucht, drückt man es oft nicht positiv aus. „Der Strahl ist nicht gammelig" und „Der Strahl ist breit und kompakt" können denselben Strahl beschreiben, also das keilförmige, elastische Horngebilde an der Hufunterseite, das Stöße dämpft und die Durchblutung unterstützt. Im Kopf entstehen aber völlig verschiedene Bilder. Unser Gehirn verarbeitet ein „nicht" schlecht: Wer „Denk nicht an einen rosaroten Elefanten" hört, denkt genau daran.
Im Stall ruft man gern „Kein Stress!" Ich habe mir angewöhnt, stattdessen „Mach in Ruhe" zu sagen. Das umzutrainieren hat Wochen gedauert, aber die Wirkung ist eine völlig andere.
Diese Achtsamkeit zahlt sich besonders aus, wenn man mit dem Stallbetreiber über Veränderungen sprechen möchte. Wie wertschätzend bin ich gegenüber dem, was er schon an Zeit, Arbeit und Geld leistet? Ein Gespräch, das mit Anerkennung beginnt, öffnet andere Türen als eine Mängelliste. Und eine Stallgemeinschaft kann sich zusammentun, um gemeinsam zu bauen, statt zu lästern.
„Es ist ja nicht mein Stall": der größte Einwand
Der häufigste Einwand in unseren Do-it-yourself-Challenges: „Es ist ja nicht mein Stall, ich kann nichts verändern." Das ist bei vielen ein tiefer Glaubenssatz, und aus meiner Sicht stimmt er schlicht nicht. Ich habe selbst nie einen eigenen Stall besessen, meine Pferde standen immer in Pension. Genau deshalb weiß ich, dass man sehr viel verändern kann, nicht von heute auf morgen, aber definitiv.
Eine unserer Challenge-Aufgaben war ein Kräuterbeet. Als rund 2.000 Menschen in ihren Ställen einen Quadratmeter umgestaltet haben, waren die Bilder wie Tag und Nacht. Wo keine Kräuter passten, wurde eben eine Bienenwiese daraus. Aus der Schmuddelecke wurde ein Ort, der die Stimmung im Stall verändert.
Der zweite Satz lautet oft: „Dafür bin ich nicht zuständig." Vielleicht. Aber kannst du trotzdem die Tränke deines Pferdes sauber machen oder die Spinnweben entfernen? Wenn mich etwas eine Minute kostet und danach alles schöner ist, mache ich es eben.
Circle of Control: Wo sich deine Energie wirklich lohnt
Ein hilfreiches Denkmodell ist der Circle of Control, der Kreis der Kontrolle, mit drei ineinanderliegenden Kreisen:
- Der äußere Kreis umfasst alles, was ich nicht beeinflussen kann: das Wetter, Unfälle und vieles mehr.
- Der mittlere Kreis ist der Circle of Influence. Hier entscheide ich nicht selbst, kann aber einwirken, zum Beispiel dem Stallbetreiber Ideen geben und anbieten, sie gemeinsam umzusetzen.
- Der innere Kreis ist alles, was ich wirklich selbst entscheiden und tun kann.
Macht man sich das bewusst, fällt auf, wie viel Energie wir in den äußeren Kreis stecken und wie oft wir ihn als Ausrede benutzen. Im mittleren Kreis dagegen stecken erstaunlich viele Stellschrauben. Etwa, anderen von Veränderungen zu erzählen, die unseren Pferden gutgetan haben.
Im inneren Kreis liegt, was ich direkt tun kann: dem Stallbetreiber vorschlagen, gemeinsam etwas zu pflanzen, im Winter zuerst einen Hügel aufschütten, Totholz sammeln und in den Auslauf bringen. Wer gedanklich in einer Sackgasse steckt, kann kurz fragen: In welchem Kreis bin ich gerade? Das gilt auch mit eigenem Hof: mit Kleinigkeiten anfangen.
Von der Innenbox zum Offenstall: fünf Ställe in Folge
Meine eigene Geschichte beginnt in der Boxenhaltung. Mein erstes eigenes Pferd stand in einer Innenbox ohne Fenster. Irgendwann war das für mich nicht mehr akzeptabel: erst das Fenster, dann die Paddockbox, dann stand fest, ich will einen Offenstall. Unser eigenes Bauprojekt scheiterte an einem Flussbiotop für Flusskrebse.
Dann kam eine gute Freundin auf mich zu. In ihrem Familienbetrieb stand der Generationswechsel an, und ich habe ihr meinen Ordner in die Hand gedrückt. Das Ende vom Lied: Sie haben ihren Boxenstall komplett zum Paddock Trail umgebaut. Danach zogen der Nachbarstall und ein Stall im Nachbardorf nach, am Ende waren es fünf Ställe, die ich begleiten durfte. Alles entstand aus dem bestehenden Hochbau: Boxen raus, Schlafbereich rein, vorhandene Bodenbefestigung genutzt.
Perfektionismus verhindert Veränderung
Es muss nicht gleich der Sprung zum Offenstall sein. Viele denken: Wenn ich nicht alles verändern kann, mache ich lieber gar nichts. Und dann passiert tatsächlich nichts. Dabei reicht oft eine einzelne Maßnahme. Wer den Winterauslauf befestigt, verschafft seinen Pferden schon einen riesigen Vorteil: trockenere Hufe, weniger Matsch, mehr Lust auf Bewegung.
Wie sehr wir uns selbst im Weg stehen, zeigte mir eine Freundin, die ihre Pferde am Haus hält. Lange hat sie herumgedruckst. Ich sah einen tipptopp Auslauf, gut befestigten Boden, Platz, frische Luft, Sozialkontakte. Sie dagegen hatte eine Liste im Kopf: Das Pferd ist zu dick, die Hufe sind nicht gut genug, der Auslauf zu klein. Nichts davon war mir aufgefallen. Natürlich gibt es echte Warnsignale, eine Box ohne Fenster gehört für mich dazu. Aber viele machen sich unnötig klein, statt einfach den nächsten Schritt zu gehen.
Selbst Profis geht es so: Auf dem Hof des Team HUF ging es in den ersten Minuten vor allem darum, was noch fehlt. Der Berg an Vorhaben hält viele vom Start ab. Die Begutachtung macht Mut, mit einem kleinen Stück anzufangen.
Viel Fläche heißt nicht viel Bewegung
Ein verbreiteter Irrglaube lautet: Gute Haltung braucht einen riesigen Trail oder sehr viel Fläche. Dahinter steckt meistens der Wunsch, dass sich die Pferde mehr bewegen. Ist die Fläche aber langweilig, tun sie das nicht. Sinnvoller ist es, die vorhandene Fläche so zu gestalten, dass sie zur Bewegung einlädt. Wie viel Bewegung ein Pferd braucht, erklärt der Beitrag zum Bewegungsbedarf deines Pferdes.
Was die Tracker verraten
In der KKP Welt verleihen wir seit etwa zwei Jahren Tracker an Mitglieder und haben inzwischen hunderte Messungen ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Viel Fläche heißt nicht viel Laufen. Drei Hektar, und das Pferd läuft drei Kilometer am Tag.
Umgekehrt bringt ein kleiner Paddock mit Raumtrennern, Ästen und einem Hügel aus Erde, Stöcken und Steinen Pferde zu deutlich mehr Kilometern, obwohl sie viel weniger Platz haben. Der Unterschied liegt in der Struktur. Wer es genau wissen will, misst am besten selbst, vor und nach einer Veränderung.
Das Team HUF hat Ähnliches bei seinen Reha-Pferden erlebt. Hufrehe-Pferde, die schon wieder gut laufen konnten, hatten nur einen kleinen Teil des Paddocks zur Verfügung und wurden zu nichts gezwungen. Getrackt wurde trotzdem: Der Haflinger lief auf dieser kleinen Fläche rund acht Kilometer am Tag, das Welsh-Pony etwa zwölf.
Das Team HUF kommt aus der Hufbearbeitung und hat dort gelernt, wie stark die Haltung auf die Hufgesundheit wirkt. Heute zeigt es Pferdemenschen, wie sich Paddocks und Offenställe mit einfachen Mitteln bewegungsfreundlicher gestalten lassen.
Keinen Lottogewinn nötig: Totholz, Äste, Steine
Auf der Equitana hatte das Team HUF einen Minitrail aufgebaut. Der häufigste Kommentar am Stand: „Wenn ich mal im Lotto gewinne, baue ich so etwas auch." Dabei braucht es kein Vermögen. Sammle Totholz oder frag deine Nachbarn, wenn sie Baumschnitt machen. Leg ein paar ungiftige Äste oder Stämme in den Auslauf, und du hast ohne einen Cent das Pferdeleben schöner gemacht. Für Pferde muss es nicht schick sein. Schau lieber bei der Natur ab als bei Hochglanzställen, das funktioniert sogar bei Boxenruhe.
Pferde beobachten: Was mag dein Pferd wirklich?
Das Allerschönste ist, die Pferde zu beobachten, wenn sie Neues entdecken. Manchmal wird man enttäuscht: Beim Team HUF wurden eine Wasserfurt und eine Totholzecke kaum beachtet, obwohl viel Mühe darin steckte. Den Hügel dagegen lieben die Pferde heiß, und manches, was nebenbei hingelegt wurde, war sofort der Renner. Also beobachten: Was mein Pferd gern nutzt, davon gibt es mehr.
Wie tief dieser Perspektivwechsel gehen kann, hat mir der Stallbesitzer gezeigt, der als Erster mit mir umgebaut hat. Nach einigen Monaten sagte er, er habe seit 40 Jahren Pferde und in diesen Wochen mehr über Pferdeverhalten gelernt als in den vier Jahrzehnten davor. Der Mann war fast 80. Das hat mich tief berührt.
Haltung ist die Basis für Gesundheit
Die Haltung ist die Basis für die Gesundheit. Mehr Bewegung auf abwechslungsreichem Untergrund formt den Huf, fördert die Durchblutung und stärkt das Horn. Und über die Haltung beeinflusst man den ganzen Körper, von Muskulatur und Gelenken über Atemwege und Stoffwechsel bis zur Verdauung, ebenso die Psyche. Deshalb gilt in jeder Haltungsform: Schau begutachtend hin. Was ist schon gut, was mag mein Pferd, wovon kann ich ein bisschen mehr machen? So kommt der Stein ins Rollen, und Steine mögen Pferde ohnehin.
Haltungsoptimierung im Oktober: gemeinsam statt allein
Im Oktober widmen wir uns in der KKP Welt gemeinsam mit dem Team HUF einen ganzen Monat lang der Haltungsoptimierung, egal ob dein Pferd gerade Boxenruhe hat, im Paddock steht oder im Offenstall lebt. Es gibt eine kleine Challenge, der Buchclub ist dabei, und in unserer digitalen Stallgemeinschaft werden Ideen, Bilder und Vorher-Nachher-Geschichten geteilt. Wenn du gerade denkst „Es ist ja nicht mein Stall" oder deine Haltung sei noch nicht gut genug, dann bist du erst recht eingeladen.