Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zum Sommerekzem, ergänzt um die aktuelle wissenschaftliche Studienlage, unter anderem zur Desensibilisierung und zu neuen Impfstoffen. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.
Das Wichtigste in Kürze
» Sommerekzem ist eine Allergie gegen den Speichel von Gnitzen und Kriebelmücken. Der Juckreiz führt zum typischen Haarverlust an Mähne, Schweif und Bauch. Saison ist April bis Oktober.
» Der wirksamste Hebel ist Insektenschutz, allen voran die Ekzemerdecke (wissenschaftlicher Goldstandard), plus Aufstallen zur Dämmerung. Kortison nur kurzfristig, Antihistaminika wirken laut Studien kaum.
» An der Ursache setzt die moderne rekombinante Desensibilisierung an (89 Prozent Besserung in einer Studie), und es werden bereits Impfstoffe erforscht. Entgiftungs- und Kräuterkuren sind wirkungslos.
Ein Pferd, das sich Mähne und Schweif blutig scheuert, tut beim Zusehen weh. Sommerekzem ist eine der quälendsten und frustrierendsten Erkrankungen, mit denen Pferdemenschen zu tun haben, und gleichzeitig eine, um die sich mehr Mythen und Wundermittel ranken als um fast jede andere. Dieser Artikel erklärt, was Sommerekzem wirklich ist, wie du es sicher erkennst, und was nach heutigem Wissensstand hilft, von der Ekzemerdecke bis zu den neuen Impfstoffen, die gerade erforscht werden.
Sommerekzem (fachlich Insect Bite Hypersensitivity, IBH) ist eine allergische Hauterkrankung des Pferdes. Es ist eine saisonale, stark juckende Überempfindlichkeit gegen Eiweiße im Speichel stechender Mücken, vor allem der Gnitzen (Culicoides) und Kriebelmücken. Typisch ist der Haarverlust an Mähne, Schweif und Bauch durch das ständige Scheuern.
Was Sommerekzem auslöst
Der Auslöser sind die weiblichen Stechmücken, in erster Linie Gnitzen und Kriebelmücken. Beim Stechen spritzen sie ihren Speichel in die Haut, und genau dessen Eiweiße lösen bei empfindlichen Pferden die Allergie aus. Diese Insekten sind besonders zahlreich in der Nähe von stehenden Gewässern, Misthaufen und an Waldrändern, und sie fliegen vor allem in der Dämmerung.
Warum reagiert das eine Pferd und das andere nicht? Zum einen ist die Veranlagung genetisch. Bei empfindlichen Pferden kippt die Immunantwort in eine allergische Richtung, es bilden sich Antikörper gegen den Mückenspeichel, und bei jedem neuen Stich schießt die Entzündung samt Juckreiz hoch. Zum anderen begünstigen auch Umfeld, Stoffwechsel und Fütterung den Ausbruch: Stress, Bewegungsmangel und eine fehlerhafte Fütterung mit zu viel Eiweiß oder synthetischen Zusatzstoffen aus Müslis verschlechtern die Lage. Die Saison läuft in unseren Breiten von April bis Oktober, und die Symptome beginnen meist im Alter von drei bis sechs Jahren und verschlimmern sich über die Jahre.
Welche Pferde betroffen sind: das Islandpferd-Rätsel
Grundsätzlich kann jedes Pferd Sommerekzem entwickeln, die Prävalenz liegt insgesamt bei etwa 10 Prozent. Deutlich häufiger betroffen sind aber bestimmte Rassen wie Islandpferde, Welshponys und Friesen. Das hat mit der Genetik zu tun, die stärkste bekannte Verbindung liegt in einer Region des Immunsystems (dem MHC), die steuert, wie stark die allergische Reaktion ausfällt.
Besonders eindrücklich ist das Islandpferd-Rätsel: Auf Island selbst gibt es keine Gnitzen, und dort ist Sommerekzem praktisch unbekannt. Werden Islandpferde aber als erwachsene Tiere nach Mitteleuropa importiert, entwickeln 50 bis über 60 Prozent innerhalb der ersten Jahre ein oft schweres Sommerekzem. Fohlen derselben Elterntiere, die in Europa geboren werden, erkranken dagegen nur zu unter 10 Prozent. Der Grund: Wer von klein auf mit kleinen Mengen des Allergens in Kontakt kommt, dessen Immunsystem lernt, es zu tolerieren. Trifft ein erwachsen importiertes Pferd dagegen zum ersten Mal auf die volle Mückenlast, überschießt die Reaktion. Für den Import erwachsener Islandpferde ist das ein echtes Risiko, das man kennen sollte.
Symptome: So erkennst du Sommerekzem
Das Leitsymptom ist heftiger Juckreiz, der die Pferde zu ausdauerndem Scheuern treibt. Daraus ergibt sich das typische Bild:
- Haarverlust an Mähne, Schweifrübe und der Mittellinie unterm Bauch, bei Stuten auch eine Schwellung vor dem Euter
- gerötete, blutig gescheuerte Stellen und Krusten
- im chronischen Verlauf verdickte, wellenartig strukturierte Haut
Der Juckreiz wird über die Jahre schlimmer. Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen juckenden Hauterkrankungen wie einem Milbenbefall (Sommerräude), einer Futtermittelallergie oder einer Allergie gegen Umweltstoffe. Deshalb lohnt bei unklaren Fällen der tierärztliche Blick.
Diagnose: Der Vorbericht schlägt den Labortest
In den allermeisten Fällen ergibt sich die Diagnose schon aus dem Gesamtbild: Rasse, Jahreszeit, der typische saisonale Verlauf und die klassischen Scheuerstellen. Das ergibt eine sehr sichere Verdachtsdiagnose.
Der praktisch aussagekräftigste Test ist dabei kein Laborwert, sondern die Allergen-Karenz: Stellt man das Pferd für zwei bis vier Wochen in eine saubere, insektenarme Umgebung und verschwinden Juckreiz und Krusten, kommen aber bei erneutem Mückenkontakt zurück, ist das für die Praxis so gut wie beweisend, ganz ohne Labor.
Es gibt eine ganze Reihe von Labortests (Hautbiopsie, Intrakutantest, verschiedene Bluttests bis hin zum aufwendigen funktionellen Test aus Hannover), aber sie alle haben denselben Haken. Sie weisen nur eine Sensibilisierung nach, nicht die tatsächliche Erkrankung. In einer Untersuchung waren zwar alle 26 erkrankten Pferde im Test positiv, aber auch 40 Prozent der gesunden, symptomfreien Pferde. Ein positiver Test bedeutet also nicht automatisch ein krankes Pferd. Und weil manche Tests falsch positive oder falsch negative Ergebnisse liefern, muss jeder Wert individuell im Zusammenhang gelesen werden. Schwarz-weiß ist es beim Sommerekzem meistens nicht. Besonders relevant wird das bei einer Ankaufsuntersuchung im Winter, wenn keine Symptome sichtbar sind: Hier kann ein Testergebnis eine deutliche Wertminderung bedeuten und sollte bewusst bedacht werden. Immerhin steigert die moderne Molekulardiagnostik (mit einzelnen, hochreinen Speichel-Allergenen statt ganzer Mückenextrakte) die Aussagekraft der Bluttests deutlich.
Behandlung: die Möglichkeiten im Überblick
So sehr man sich ein Mittel wünscht, das den Juckreiz einfach wegzaubert: Der wirksamste Hebel ist und bleibt, die Mücken vom Pferd fernzuhalten.
Insektenschutz ist der Goldstandard
- Die Ekzemerdecke ist die am besten belegte Maßnahme überhaupt. In kontrollierten Studien senkt eine konsequente Ganzkörper-Eindeckung die Beschwerden hochsignifikant. Sie ist der therapeutische Goldstandard.
- Aufstallen zur Dämmerung, wenn die Mücken am aktivsten sind, verstärkt den Effekt.
- Standort und Weide: windige, trockene Flächen weg von Wasser, Wald und Misthaufen.
- Repellents: Mittel mit DEET wirken kurzfristig gut (einige Stunden), müssen aber oft erneuert werden. Insgesamt sind Sprays nur eine Ergänzung zur Decke, kein Ersatz.
Den Juckreiz lindern
Reicht der Schutz nicht, geht es darum, den quälenden Juck-Kratz-Kreislauf zu durchbrechen. In der Tiermedizin wird dafür meist zuerst mit einer pflegenden Lotion gearbeitet, Kortison kommt erst in zweiter Linie zum Einsatz. Bei starkem Juckreiz kann eine kurze, dosierte Kortisongabe den erheblichen Leidensdruck lindern, ob und wie sie eingesetzt wird, entscheidet der Tierarzt. Wichtig zu wissen: Kortison wird nur kurzfristig gegeben, denn eine Dauergabe hat ernste Nebenwirkungen und kann Hufrehe auslösen, besonders bei stoffwechselempfindlichen Pferden. Ein häufiger Irrtum: Antihistaminika (die Tabletten, die beim Menschen gegen Heuschnupfen helfen) wirken beim Sommerekzem laut Studien so gut wie gar nicht, weil hier nicht das Histamin, sondern andere Entzündungswege den Juckreiz unterhalten.
Unterstützend hilft, die Haut von innen zu stärken und die begünstigenden Faktoren abzustellen: Fehlfütterung korrigieren, Stress reduzieren und für viel Bewegung sorgen. Omega-3-Fettsäuren (etwa aus Leinöl) und Zink können die Hautbarriere unterstützen, sind aber, das zeigen kontrollierte Studien ehrlich, keine Wunderwaffe und ersetzen den Insektenschutz nicht.
Die Ursache behandeln: Desensibilisierung und die neuen Impfstoffe
All das lindert. Die einzige Behandlung, die an der Ursache ansetzt, ist die Allergen-Immuntherapie (Desensibilisierung), bei der das Immunsystem schrittweise an das Allergen gewöhnt wird. Lange war sie enttäuschend, weil die alten Präparate aus ganzen Mückenkörpern kaum die entscheidenden Speicheleiweiße enthielten. Ein Durchbruch gelang mit einer neuen, molekularen Variante aus rekombinant hergestellten Speichel-Allergenen: In einer kontrollierten Studie zeigten im zweiten Jahr 89 Prozent der so behandelten Pferde eine Besserung um mehr als die Hälfte, gegenüber nur 14 Prozent in der Placebogruppe. Das ist ein echter Fortschritt.
Noch spannender ist, was gerade in der Forschung heranreift. Wissenschaftler haben Impfstoffe entwickelt, die das Immunsystem gezielt gegen die körpereigenen Botenstoffe der Allergie richten, einmal gegen den Botenstoff der Entzündungszellen (Anti-IL-5), einmal gegen den eigentlichen Juckreiz-Botenstoff (Anti-IL-31). In Studien an Islandpferden wirkten sie ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Und es wird sogar an einer transgenen Gerste geforscht, die das Allergen enthält und einfach übers Futter verabreicht wird, um eine Toleranz aufzubauen, ganz ohne Spritze. Bis das breit verfügbar ist, dauert es noch, aber für ein Leiden ohne echte Heilung ist das berechtigte Hoffnung.
Ein Pferd mit Sommerekzem gut durch den Sommer zu bringen, ist Kleinarbeit über viele Jahre, und man fühlt sich damit oft ganz schön allein. In der KKP Welt tauschst du dich mit anderen aus, die genau das kennen, und bekommst fachlich fundierte Unterstützung statt der nächsten Wunderkur.







