Das Wichtigste in Kürze
» Bis zu 60 % aller Lahmheiten gehen auf Arthrose zurück. Die Veränderungen sind irreparabel, aber meist gut zu managen.
» Befund ist nicht Befinden: Manche Pferde laufen mit wildem Röntgenbild top, andere lahmen an einer winzigen Randzacke. Beweisend ist die Leitungsanästhesie.
» Die Kombination zählt: Bewegung und Haltung plus angepasstes Training und medikamentöse Therapie. Nur spritzen löst das Problem nicht.
Kaum eine Diagnose fällt in der Pferdewelt so oft und trifft Besitzer so hart: Arthrose. Dabei lohnt sich ein nüchterner Blick, denn die degenerative Gelenkerkrankung ist zwar nicht heilbar, aber in vielen Fällen erstaunlich gut zu managen. Wie relevant das Thema ist, zeigt die Forschung: Eine neuseeländische Studie an Rennpferden (2019) beziffert, dass bis zu 60 % aller Lahmheiten auf Arthrose zurückgehen. In diesem Artikel erfährst du, was im Gelenk passiert, warum ein schlimmes Röntgenbild nicht automatisch ein schlimmes Pferd bedeutet, und am Fall des Springpferdes Anton, wie ein guter Plan aussehen kann.
Zur Einordnung: Die Basis dieses Artikels ist unsere Podcast-Folge zur Arthrose. Weil die Forschung nicht stehen bleibt, gleichen wir solche Artikel regelmäßig mit der aktuellen Studienlage ab und erweitern sie. Wo neue Erkenntnisse eingeflossen sind, findest du die Quellen direkt im Text verlinkt.
Was bei Arthrose im Gelenk passiert
Ein Gelenk besteht aus zwei Knochenenden, die mit einer Knorpelschicht überzogen sind. Umgeben wird alles von der Gelenkkapsel, so entsteht ein abgeschlossener Raum mit Gelenkflüssigkeit, der Synovia. Dazu kommen meist Seitenbänder, die Knochen mit Knochen verbinden und übermäßige Bewegung verhindern (zur Abgrenzung: Sehnen verbinden Muskeln mit Knochen und ermöglichen Bewegung).
Bei der Arthrose wird der Gelenkknorpel geschädigt und zerstört, und auch der darunterliegende Knochen leidet mit. Das Gelenk entzündet sich, produziert vermehrt Gelenkflüssigkeit in schlechterer Qualität (die pralle Gelenkfüllung, die man von außen sieht), und der Knochen reagiert mit Umbau: Es entstehen Knochenzubildungen im Gelenkbereich, die den Bewegungsablauf stören können. Auf dem Röntgenbild zeigen sie sich als Randwülste oder wolkige Gebilde. Wichtig zu wissen: Der Knorpelschaden selbst ist im Röntgen unsichtbar, dafür bräuchte es ein MRT. Im schlimmsten Fall verknöchert das Gelenk vollständig und versteift.
Ursachen und die typischen Gelenke
Die Auslöser sind vielfältig und kommen selten allein: übermäßige Belastung, genetische Veranlagung, Gliedmaßenfehlstellungen, Beschlagfehler, falsches Training, Gelenkchips, Gelenkinfektionen oder ein Trauma. Beim Pferd haben die häufigsten Arthrosen eigene Namen: Spat ist die Arthrose der straffen Sprunggelenke, Schale die Arthrose der Zehengelenke (Kron- und Hufgelenk). Sehr oft betroffen ist außerdem das Fesselgelenk. Die Erkrankung verläuft schleichend, typische Symptome sind vermehrte Gelenkfüllung, Steifheit, Einlaufen nach dem Start und Lahmheit.
Befund ist nicht Befinden: Was Röntgenbilder verschweigen
Jetzt kommt der Punkt, der vielen Besitzern unnötige schlaflose Nächte bereitet. Röntgenbefund und Schmerz sind zwei verschiedene Dinge. Eine isländische Studie an 614 Pferden zeigt das eindrucksvoll: 13,8 % der Pferde hatten röntgenologische Spat-Befunde, ohne je zu lahmen, während umgekehrt 16 % bei der Beugeprobe lahmten, ohne dass das Röntgenbild etwas zeigte. Manche Pferde laufen mit beeindruckend verändertem Röntgenbild einwandfrei, andere sind mit einer winzigen Randzacke dauerhaft lahm. Ich selbst habe übrigens eine Absplitterung an einem Lendenwirbel: Auf dem Bild sieht das dramatisch aus, ich würde durch jede Ankaufsuntersuchung fallen, und ich habe im Alltag keinerlei Probleme damit.
Auch die Beugeprobe gehört eingeordnet: In einer Untersuchung an 100 klinisch gesunden Pferden (Busschers und van Weeren 2001) reagierten über 60 % nach einer Beugeprobe der unteren Gliedmaße positiv, und je länger gebeugt wird, desto häufiger fällt der Test positiv aus. Eine positive Beugeprobe allein ist also noch keine Diagnose, sondern ein Puzzleteil. Beweisend dafür, wo der Schmerz wirklich sitzt, ist die Leitungsanästhesie: Der verdächtige Bereich wird gezielt betäubt, und läuft das Pferd danach lahmfrei, ist die Schmerzquelle gefunden. Genau deshalb wird erst betäubt und dann geröntgt, nicht umgekehrt.
Diagnostik in der Praxis: Das Röntgenbild wird direkt am Bein angefertigt. Es zeigt die knöchernen Veränderungen, aber erst die Leitungsanästhesie beweist, ob sie auch die Schmerzquelle sind.
Fall Anton: Vom steifen S-Springer zur Diagnose
Das Telefon klingelt: Anton, 18 Jahre, 1,80 Meter, früher bis Klasse S gesprungen, lebt in Boxenhaltung mit Weidegang. Er ist immer sehr steif, wenn er aus der Box kommt, an manchen Tagen lahmt er vorne links, nach ein paar Runden läuft er sich ein. Bei kaltem Wetter schlechter, nach viel Wiese besser. Ein Vorbericht wie aus dem Lehrbuch.
Bei der Lahmheitsuntersuchung: keine akute warme Schwellung, Wendungen fallen schwer, auf hartem Boden wird die Lahmheit deutlicher, die Beugeprobe vorne links ist positiv. Also Leitungsanästhesie, etagenweise von unten: Schon die erste Betäubung im Fesselbereich macht Anton lahmfrei, der Schmerz kommt von dort. Erst jetzt röntgen wir gezielt, und die Bilder zeigen Zubildungen und Randexostosen am Krongelenk: eine Krongelenksarthrose, die klassische Schale.
Blick ins Röntgenbild: Am Gelenkrand wölbt sich die Knochenkontur durch Zubildungen vor. Solche Randexostosen entstehen, wenn der Knochen über Jahre auf Schädigung und Entzündung reagiert.
So traurig eine solche Diagnose ist: Es ist deutlich besser, etwas zu finden, als monatelang im Dunkeln zu tappen und Röntgen, Ultraschall, Szintigrafie und MRT über sich ergehen zu lassen, ohne je eine Antwort zu bekommen.
Die Therapie: drei Ziele, viele Werkzeuge
Arthrose lässt sich nicht wegzaubern. Die Therapie verfolgt deshalb drei Ziele: Schmerzen lindern, den degenerativen Prozess verlangsamen und die Gelenkbeweglichkeit erhalten.
- Medikamente: In entzündlichen Phasen gehören Schmerzmittel und Entzündungshemmer dazu, oral oder als direkte Gelenkinjektion, klassisch mit Cortison und Hyaluronsäure. Das schafft Ruhe im Gelenk, ist aber Symptombehandlung.
- Regenerative Verfahren: Eigenbluttherapien wie IRAP oder PRP und Stammzelltherapie stehen zur Verfügung; hier wird körpereigenes Material aufbereitet und ins Gelenk gegeben.
- Neuere Option Hydrogel: Zu Polyacrylamid-Hydrogelen, die ins Gelenk injiziert werden, gibt es inzwischen eine randomisierte Studie an 31 Rennpferden (2021): Nach sechs Wochen waren 83 % der Hydrogel-Gruppe lahmfrei, gegenüber 27 % unter Cortison und 40 % unter Hyaluronsäure. Zur Ehrlichkeit gehört: Die Studie ist klein, an der Entwicklung beteiligte Autoren stammen aus dem Hersteller-Umfeld, und belastbare Langzeitdaten aus kontrollierten Studien fehlen noch. Ein Gespräch mit dem Tierarzt wert ist die Option trotzdem.
- Ergänzungsfuttermittel: Hier ist der Markt riesig und die Evidenz dünn. Bei den viel beworbenen Glykosaminoglykanen (etwa Glucosamin) wird seit Jahren diskutiert, ob die Stoffe das Gelenk über die Fütterung überhaupt erreichen; eine kritische Auswertung (Pearson und Lindinger 2009) fand unter 15 Studien am Pferd nur 3 mit ausreichender Qualität. Omega-3-Fettsäuren, zum Beispiel über Leinöl, wirken entzündungshemmend, und Pflanzenpräparate wie Teufelskralle helfen nach Praxiserfahrung vielen Pferden. Die Reihenfolge sollte aber stimmen: Erst Haltung, Bewegung und Therapie, dann das Pülverchen.
- Orthopädischer Beschlag: Etwa der Spatbeschlag, immer gemeinsam mit dem Schmied entschieden.
Der größte Hebel: Bewegung und Haltung
Wer rastet, der rostet, und das gilt bei Arthrose wörtlich. Kontinuierliche, leichte Bewegung hält die Gelenke geschmeidig und erhält die Muskulatur. Ideal sind Offenstall, Paddocktrail oder Aktivstall, allerdings mit Augenmaß beim Boden: Zu viel harter Untergrund belastet die Gelenke wieder. Wie viel Bewegung ein Pferd von Natur aus braucht, liest du im Artikel über den Bewegungsbedarf deines Pferdes. Dazu kommt angepasstes Training mit langen Aufwärmphasen, besonders im Winter; warum die Lösungsphase medizinisch so wichtig ist, haben wir in einem eigenen Artikel aufgedröselt.
Zurück zu Anton, denn sein Plan zeigt die Kombination in Aktion: einmalige Gelenkinjektion mit Cortison und Hyaluronsäure, ein Teufelskrallen-Präparat, optimierter Beschlag mit dem Schmied, regelmäßige Physiotherapie und Akupunktur, und die Besitzerin hat sich Physio-Griffe und Akupressur zeigen lassen. Der aus meiner Sicht wichtigste Schritt: Anton zog in einen Offenstall. Ein Jahr später geht er lahmfrei, läuft inzwischen sogar ohne Eisen, wird geritten und überwindet ab und zu ein Cavaletti. Über S springt er nicht mehr, aber er freut sich seines Lebens. Nicht alles, was möglich ist, ist auch nötig, und nicht alles muss finanzierbar sein: Entscheidend ist das Gesamtkonzept.
Fazit: Die Kombination macht den Unterschied
Arthrose ist irreparabel, aber kein automatisches Karriereende und erst recht kein Todesurteil. Nur zu spritzen hilft kurzfristig, löst aber das Problem nicht. Haltung, Fütterung und Training sind genauso wichtig wie die medizinische Therapie, je nach Schweregrad muss die Behandlung wiederholt werden, und jeder Fall gehört individuell betrachtet. Gerade beim älteren Pferd lohnt sich der Blick aufs große Ganze, denn Arthrose kommt dort selten allein: Einen Überblick gibt der Artikel über Krankheiten beim alten Pferd.







