Das Wichtigste in Kürze
» Das 4-Phasen-Modell sortiert Pferdegesundheit in Gesundheitsförderung, Prävention, Notfall und Rehabilitation, damit du weißt, wo du anfängst.
» Die Basis sind Haltung, Fütterung, Training und Management plus ein täglicher Gesundheitscheck mit messbaren Werten statt Bauchgefühl.
» Im Ernstfall hilft das Ampelprinzip, und nach jeder Krankheit braucht es eine systematische Reha, weil die Rückfallraten hoch sind.
Pferdegesundheit ist kein Zufall und keine Frage des Glücks. Als Tierärztin begegnen mir zu viele kranke Pferde, die häufig aufgrund von Unwissenheit oder Fehlinformationen erkranken. Immer wieder höre ich den Satz „Wenn ich das gewusst hätte". Leider werde ich in der Regel erst gerufen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, und dann behandeln wir zunächst Symptome. Das Ergebnis: Die Pferde leiden, ihre Besitzer haben hohe Tierarztkosten, und immer bleibt das schlechte Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, und die Angst vor Folgeschäden. Daran wollte ich etwas ändern und habe das 4-Phasen-Modell entwickelt. Es sortiert alles, was du für die Gesundheit deines Pferdes wissen und können solltest, in vier Phasen, damit du weißt, wo du anfängst.
Mir fällt dazu immer das Zitat eines Stallbesitzers ein, der gesagt hat: Ich betreibe eine Pflegeeinrichtung und keinen Pensionsstall. Der Mann hat 120 Boxen und das Gefühl, dass die Leute kommen, um ihre Pferde gesund zu pflegen und von Baustelle zu Baustelle zu begleiten, statt glücklich auf einem gesunden Pferd zu sitzen. Ich bin selbst Pferdebesitzerin und weiß, wie das ist. Bei uns hängt der Haussegen definitiv schief, wenn eines unserer Pferde krank ist, denn sie gehören zur Familie. Und ein krankes Pferd kostet viel Zeit und viel Geld, da sind schnell Summen von über 1.000 Euro zusammen.
Warum so viele Pferde krank werden
Aus über zehn Jahren Pferdepraxis sehe ich zwei große Probleme: Unwissenheit und fehlende Erfahrung. Dazu kommt das Internet mit einem absoluten Overload an Meinungen, Informationen und Fehlinformationen. Auch bei Blogposts muss man vorsichtig sein, die sind stark gekürzt, und so entsteht gefährliches Halbwissen. Es werden Therapieempfehlungen für individuelle Fälle ausgesprochen, ohne dass jemand das Pferd je gesehen hat oder einen medizinischen Hintergrund besitzt. Dann steht man im Stall mit einem kranken Pferd, ist hin- und hergerissen, unsicher und überfordert. Und ruft doch einmal mehr den Tierarzt als nötig. Lieber einmal zu viel als zu wenig, das ist ganz klar. Aber schöner wäre es, wenn es gar nicht erst so weit kommen müsste. Genau dafür ist das Modell da: Nur ein fundiertes theoretisches Wissen und praktische Fähigkeiten können dein Pferd schützen.
Phase 1: Gesundheitsförderung, das gesunde Pferd
In der ersten Phase dreht sich alles um das gesunde Pferd und darum, wie es gesund bleibt. Zur Gesundheitsförderung zählen aus meiner Perspektive vier große Bereiche: Haltung, Fütterung, Training und Management. In diesen vier Bereichen solltest du fundiertes Fachwissen besitzen.
- Pferdegerechte Haltung: Ein Pferd ist ein Lauftier und braucht Bewegung, Sozialkontakt und frische Luft. Wer weiß, was Pferde brauchen, baut anders, hält anders und wählt den Stall anders aus. Wie viel Bewegung wirklich nötig ist, steht im Artikel 30 km am Tag, ein Haltungskonzept dafür im Artikel zum Paddock Trail.
- Art- und bedarfsgerechte Fütterung: Artgerecht heißt, die Anatomie zu beachten. Das Pferd hat einen sehr kleinen Magen, also füttert man häufiger und immer erst das Raufutter, dann das Kraftfutter. Bedarfsgerecht heißt, die Fütterung an die Leistung anzupassen. Meistens füttern wir nach Gefühl oder nach dem Auge, und dann kommt es in einigen Bereichen zur Überversorgung und in anderen zur Unterversorgung. Beides schadet. Hilfe gibt die Rationsberechnung.
- Gesunderhaltendes Training: Hier geht es weniger darum, welches Training du absolvierst, ob Western, Légèreté, Gelände, Springen, Bodenarbeit oder Freiheitsdressur. Es geht darum, dass du Anatomie und Biomechanik beachtest. Dazu zählt eine lange Lösungsphase: Kein Pferd kalt starten, weil sich der Knorpel erst mit Gelenkschmiere vollsaugen muss, und das kann er nur bei Be- und Entlastung, nicht nach langem Stehen. Wie das Aufwärmen richtig geht und wie ein Trainingsplan aussieht, liest du in den verlinkten Artikeln.
- Management: Dazu gehört ein schriftlicher Vorsorgeplan fürs Jahr: Wann kommt der Schmied, wann wird geimpft, welche Entwurmungsstrategie fahre ich, wann kommen Sattler und Physiotherapeut. Schriftlich, denn dann verpasst man meistens nichts. Grundlagen dazu: Impfungen, selektive Entwurmung, Zähne.
Beispiel aus Phase 1: Der tägliche Gesundheitscheck
Du solltest als Pferdebesitzer anhand objektiver Punkte feststellen können, ob dein Pferd gesund ist. Das geht beim Putzen, jeden Tag, zum Beispiel am Kopf: Die Schleimhäute an Maul, Nase und Auge kontrollieren, die Lymphknoten abtasten, den Puls nehmen, den Kehlkopf abtasten und die kapilläre Rückfüllzeit prüfen. Dafür drückst du mit dem Finger auf die Schleimhaut am Oberkiefer, nimmst den Finger weg, und der weiße Fingerabdruck sollte sich in unter drei Sekunden wieder rosa färben. Das gibt einen Hinweis auf das Herz-Kreislauf-System. So hast du messbare Werte an der Hand statt eines Bauchgefühls. Der komplette Untersuchungsgang von der Nüster bis zum Schweif steht im Gesundheitscheck beim Pferd, die Vitalwerte im Artikel zur Atemfrequenz.
Phase 2: Prävention, der gesunde Risikopatient
Grundsätzlich ist dein Pferd gesund, aber es gibt Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für eine Krankheit erhöhen. Ich unterscheide drei Gruppen:
- Risikofaktor Mensch: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Fehlendes Wissen führt dazu, dass dein Pferd krank wird, weil du einen Fehler machst. Dazu kommen deine reiterlichen Fähigkeiten und deine eigene Fitness. Hier liegt viel Potenzial, ich nehme zum Beispiel jede Woche Unterricht. Was tust du für dein Pferd?
- Risikofaktor Pferd: Gewicht, Alter, Rasse. Ein Fohlen hat ein naives Immunsystem und erkrankt schneller an Infektionen, der Rentner hat eher ein Zahnproblem, ein übergewichtiges Pferd hat ein höheres Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie das Equine Metabolische Syndrom.
- Risikofaktor Umwelt: Eine Infektionserkrankung im Nachbarstall, etwa ein Druse-Ausbruch, die Stallumgebung, die Jahreszeit.
Nur weil ein Risikofaktor besteht, heißt das noch nicht, dass die Krankheit ausgelöst wird. Aber wenn du die Faktoren kennst, kannst du gezielt vorbeugen.
Beispiel aus Phase 2: Die Jahreszeiten
Als Tierarzt begegnen dir je nach Jahreszeit sehr unterschiedliche Krankheiten. Im Herbst besteht die Gefahr der Bergahornvergiftung, früher atypische Weidemyopathie genannt. Schon 200 Samen, diese kleinen Flügelchen, die man sich als Kind auf die Nase gesetzt hat, können für ein Pferd tödlich sein. Im Herbst sehen wir auch immer wieder Hufrehe und Hautpilz: Es wird feucht, die Pferde werden eingedeckt, haben mehr Fell und schwitzen nach dem Reiten, da fühlt sich der Pilz wohl. Im Winter kommen die Verstopfungskoliken. In der Regel passiert das nur einmal, denn wenn ich vor Ort war und das Pferd behandelt habe, kann ich aufklären, und danach weiß der Besitzer, worauf er achten muss. Schöner wäre es, wenn wir das vorher gemacht hätten. Was im Winter hilft, steht im Artikel Kolik beim Pferd.
Phase 3: Krankheit und Notfall, das kranke Pferd
Dass ein Pferd nie wieder krank wird, halte ich für absolut unwahrscheinlich. Man kennt das von sich selbst: Selbst wer sich gesund ernährt, Sport treibt und meditiert, fällt mal die Treppe runter, fängt sich einen Infekt ein oder isst etwas Falsches. Wichtig ist, dass du im Ernstfall handlungsfähig bleibst: Das Symptom rechtzeitig erkennen, Erste Hilfe leisten und dein Pferd souverän betreuen, bis der Tierarzt kommt. Dabei hilft das Ampelprinzip:
- Rot: Stopp, Tierarzt rufen.
- Orange: Vorsicht. Das Pferd schonen, Training reduzieren, die Untersuchungsabstände verkürzen.
- Grün: Alles in Ordnung, los geht es.
Wissen über die einzelnen Erkrankungen hilft dir zu entscheiden, welche Maßnahmen die Genesung unterstützen und welche schaden. So lassen sich Folge- und Langzeitschäden vermindern oder ganz vermeiden.
Beispiel aus Phase 3: Die Schlundverstopfung
Eine Passagestörung der Speiseröhre, die auf der linken Seite des Halses liegt. Ursache ist hastiges Fressen oder falsche Fütterung, also in der Regel ein Fehler des Menschen. Du erkennst sie am krampfartigen Zusammenziehen des Halses, oft an einem wirklich krassen Quietschgeräusch, an massiv Speichel aus Nüstern und Maul, und das Pferd will kein Futter mehr. Mit deinem Gesundheitscheck stellst du einen erhöhten Puls fest, Nasenausfluss mit Speichel und Futter und eventuell eine Schwellung links an der Speiseröhre. Die Erste Hilfe: Sofort das Futter entziehen und den Kopf tief halten, damit Speichel und Futterreste nicht in die Lunge zurücklaufen und dort eine gefährliche Lungenentzündung auslösen. So schützt du dein Pferd mit dem richtigen Handeln, bis der Tierarzt da ist. Alle Details im Artikel zur Schlundverstopfung.









