Das Wichtigste in Kürze
» Die wichtigste Sofortmaßnahme ist, den Kopf tief zu halten. So laufen Speichel und Futter nach vorne ab und nicht in die Lunge.
» Auch wenn es dramatisch aussieht: Lebensgefahr besteht erst einmal nicht. Ab 24 Stunden drohen Schleimhautschäden, Narben und im schlimmsten Fall ein Riss.
» Die Speiseröhre verläuft nur links in der Drosselrinne. Sitzt die Verstopfung hinter dem Brusteingang, ist von außen nichts zu sehen.
Eine Schlundverstopfung sieht furchtbar aus und klingt ganz gruselig, aber im Prinzip ist es nur halb so schlimm. Sie ist die häufigste Speiseröhren-Erkrankung beim Pferd: Das Futter steckt in der Speiseröhre fest, die Passage ist teilweise oder vollständig blockiert. Das Wichtigste, was du in dieser Situation tun kannst, ist eine einzige Sache: den Kopf tief halten, bis der Tierarzt kommt. Damit verhinderst du, dass Speichel und Futter in die Lunge zurücklaufen und dort eine Lungenentzündung auslösen.
Und noch etwas, das im ersten Schreck hilft: Auch wenn es schlimm aussieht, es besteht erst einmal keine Lebensgefahr. Erst wenn eine Schlundverstopfung länger als 24 Stunden besteht, stellen sich die ersten Komplikationen ein. Du hast also Zeit, den Tierarzt zu rufen, aber du hast keine Zeit, es auszusitzen.
So erkennst du eine Schlundverstopfung
Hattest du schon einmal ein Pferd mit Schlundverstopfung vor dir? Einmal gesehen wirst du das nie wieder vergessen und in der Regel auch immer wieder erkennen. Typisch ist dieses Bild:
- Massiver Nasen- und Speichelausfluss, mit Futterbestandteilen vermischt. Es läuft buchstäblich alles.
- Husten und Würgen
- Unfassbar merkwürdige Quietschgeräusche
- Der Hals krampft sich immer wieder zusammen
- Das Pferd verweigert weiteres Futter und trinkt nichts
- Es steht erschöpft und mit hängendem Kopf vor dir
- Eventuell eine sichtbare Schwellung an der linken Halsseite
Links, und zwar nur links
Kleine Zwischenfrage: Wo liegt die Speiseröhre beim Pferd? Rechts, links oder mittig unter dem Hals? Die Auflösung lautet links, und zwar nur links. Sie verläuft dort im Bereich der Drosselrinne.
Referenzbild: Hier verläuft die Speiseröhre. Der markierte Streifen zeigt die Drosselrinne auf der linken Halsseite. Wenn die Verstopfung zwischen Kehlkopf und Brusteingang sitzt, kannst du dort manchmal eine Schwellung sehen. Liegt sie hinter dem Brusteingang, ist von außen nichts zu erkennen. Eine fehlende Schwellung schließt eine Schlundverstopfung also nicht aus.
Ein Tipp für einen ruhigen Tag: Beobachte dein Pferd einmal beim Fressen und sieh zu, wie der Futterbissen nach dem Schlucken auf der linken Seite herabgleitet. Dann weißt du für immer genau, wo die Speiseröhre langläuft, und musst im Ernstfall nicht überlegen.
Erste Hilfe: Was du sofort tun musst
Die erste Hilfemaßnahme ist, den Kopf tief zu halten, bis der Tierarzt kommt. Das ist mit Abstand das Wichtigste. Der Grund ist die Aspirationspneumonie, also eine Lungenentzündung, die entsteht, wenn Speichel und Futterreste in die Lunge zurücklaufen. Hängt der Kopf, läuft alles nach vorne aus den Nüstern ab statt nach hinten in die Luftröhre.
Konkret heißt das:
- Ruf den Tierarzt und sag, dass es eine Schlundverstopfung sein könnte. Das ist ein Fall, bei dem jemand kommen muss.
- Halt den Kopf tief oder lass ihn tief hängen. Binde ihn auf keinen Fall hoch an.
- Nimm Futter und Wasser weg. Auch wenn dein Pferd von selbst nichts mehr aufnimmt, sollte nichts in Reichweite stehen, was die Sache verschlimmern könnte.
- Bleib dabei und bleib ruhig. Das Bild ist dramatisch, die Lage ist es in den ersten Stunden nicht.
Wenn du solche Situationen grundsätzlich sicherer angehen möchtest, lohnt sich der Erste-Hilfe-Kurs. Genau dafür ist er gemacht: Für die Minuten, bevor der Tierarzt da ist.
Löst sich eine Schlundverstopfung von allein?
Diese Frage kommt oft, und die ehrliche Antwort lautet: Manchmal ja. Es gibt Verstopfungen, die sich lösen, sobald sich die Muskulatur der Speiseröhre entspannt. In der Behandlung reicht dafür gelegentlich schon die Sedierung, ganz ohne weitere Maßnahmen.
Das Problem ist nur: Von außen kannst du nicht unterscheiden, ob du gerade einen dieser Fälle vor dir hast. Eine teilweise Passagestörung sieht harmloser aus als eine vollständige, und trotzdem kann sie bestehen bleiben. Und ab 24 Stunden fängt die Uhr an, gegen dich zu laufen: Dann kommt es zu einer starken Schleimhautreizung, die eine Narbe und damit eine dauerhafte Einengung der Speiseröhre hinterlassen kann. Im schlimmsten Fall reißt die Speiseröhre.
Eine Verstopfung, die sich von selbst löst, kostet dich also nur einen Tierarztbesuch. Eine, auf die du gewartet hast, kann deinem Pferd eine chronische Engstelle einbringen. Deshalb: Anrufen, Kopf tief, nicht abwarten.
Was heißt eigentlich „leichte Schlundverstopfung"?
Der Begriff wird viel benutzt, ist medizinisch aber unscharf. Fachlich unterscheiden wir eine teilweise von einer vollständigen Passagestörung. Bei der teilweisen kommt noch etwas durch, das Pferd wirkt weniger dramatisch und nimmt vielleicht sogar noch Wasser auf. Genau das macht sie tückisch, denn sie fällt später auf.
Was du an einem Pferd siehst, sagt dir außerdem nichts darüber, warum es feststeckt. Eine kleine Menge Pellets an einer normalen Speiseröhre ist ein anderer Fall als dieselbe Menge an einer vernarbten Engstelle, und das eine sieht aus wie das andere. Behandle deshalb jede Schlundverstopfung gleich, egal wie leicht sie wirkt. Der Tierarzt kann hinterher immer noch feststellen, dass es harmlos war.
Woher eine Schlundverstopfung kommt
Wir unterscheiden zwischen primären und sekundären Schlundverstopfungen, und die Verteilung ist eindeutig. In einer retrospektiven Studie wurden 74 Pferde mit Schlundverstopfung ausgewertet. 60 davon hatten eine primäre Schlundverstopfung, wurden behandelt und konnten gesund wieder nach Hause. Nur 14 Pferde hatten eine andere Ursache, also eine morphologische oder funktionelle Störung des Schlunds oder des Magens. Bei diesen 14 ist die Prognose allerdings deutlich schlechter.
Für dich heißt das: Häufig ist häufig und selten ist selten. In den meisten Fällen steckt ein Fütterungsfehler dahinter.
Die primären Ursachen
- Schlecht eingeweichte Rübenschnitzel oder Pellets. Das ist die häufigste Ursache überhaupt, entweder durch einen Fehler des Menschen oder weil ein Pferd nachts ausgebrochen ist und sich selbst bedient hat.
- Futterneid. Wer hastig frisst, speichelt das Futter zu wenig ein. Damit ist die Fütterungstechnik und das Management genauso Ursache wie das Futter selbst.
- Der ungekaute Apfel. Kommt vor, ist aber selten.
Die sekundären Ursachen
Hier liegt meist eine andere, vorausgegangene Erkrankung der Speiseröhre zugrunde:
- Striktur. Eine Einschnürung, angeboren oder erworben, zum Beispiel durch eine länger bestehende Schlundverstopfung, durch Verletzungen mit der Nasenschlundsonde, durch einen Fremdkörper oder durch Tritte von außen.
- Ösophagusspasmus. Ein Muskelkrampf der Speiseröhre, ausgelöst durch Giftpflanzen oder eine allergische Reaktion. Die Einengung ist dabei zeitlich begrenzt.
- Zahnerkrankungen. Wer nicht richtig kauen kann, schluckt zu grobes Futter. Gerade bei alten Pferden lohnt der Blick ins Maul.
- Ösophagusdivertikel. Eine Aussackung der Speiseröhre, die kindskopfgroß werden kann. Auch sie ist entweder angeboren oder erworben.
- Verdickte Speiseröhrenwand. Bei älteren Pferden häufig, und dadurch kommt es zu Engstellen.
- Megaösophagus. Eine Missbildung des Schlunds, die insbesondere bei Friesen gehäuft vorkommt.
- Ein Tumor. Möglich, aber der seltenste Fall.
Wenn dein Pferd immer wieder eine Schlundverstopfung hat, muss dringend nach genau solchen Ursachen gesucht werden. Dann ist weiterführende Diagnostik nötig.
Wie der Tierarzt die Diagnose stellt
In der Regel reichen die Symptome plus ein einfacher Test: Die Nasenschlundsonde lässt sich nicht bis in den Magen vorschieben. Kommt man dagegen im Magen an, hört man ein typisches Gluckern, das eingefüllte Wasser läuft gut ab und es riecht meist aromatisch, je nachdem, was das Pferd gefressen hat.
Reicht das nicht, gibt es zwei weitere Wege. Bei der Endoskopie wird eine kleine Kamera in den Schlund vorgeschoben, und man kann sich direkt anschauen, was da feststeckt. Beim Kontraströntgen bekommt das Pferd Kontrastmittel eingegeben, danach wird von der Seite geröntgt. Das ist besonders hilfreich, um Strikturen, Engstellen oder Divertikel darzustellen.
Die Behandlung
Das ist eine Nasenschlundsonde. Über diesen Schlauch wird gespült, bis die Speiseröhre wieder frei ist. Er wird über die Nüster eingeführt und bis zur Verstopfung vorgeschoben.
Bei einer primären Schlundverstopfung läuft es fast immer gleich ab. Das Pferd bekommt eine leichte Sedierung. Damit hält es auch bei der Manipulation mit der Sonde den Kopf tief, das Zurücklaufen in die Lunge wird vermieden und die Muskulatur des Schlunds entspannt sich. Manchmal reicht das schon zum Lösen der Verstopfung. Dazu kommt ein Mittel, das die glatte Muskulatur der Speiseröhre entspannt, und in der Regel ein Schmerzmittel.
Danach wird die Nasenschlundsonde eingeführt und gespült, so lange, bis die Speiseröhre frei ist. Und das kann dauern. Manchmal fünf Stunden und länger. Wird es zu lang, kann dem Pferd und dem Tierarzt eine Pause gewährt werden. Je nachdem, wie lange gespült werden musste, ist eine Antibiotikagabe sinnvoll.
Liegt eine sekundäre Schlundverstopfung vor, sind deutlich umfangreichere Therapien nötig, je nach Ursache. Das kann chirurgisch sein, etwa bei einem Divertikel, oder medikamentell bei einem Spasmus durch eine Allergie. Bei Funktionsstörungen der Speiseröhre ohne erfassbare Ursache lässt sich zusätzlich mit Akupunktur unterstützen.
Was kostet die Behandlung?
Tierärztliche Leistungen werden in Deutschland nach der Gebührenordnung für Tierärzte abgerechnet, deshalb lässt sich der Rahmen ziemlich genau beziffern. Für einen Termin am Stall kommen bei einer unkomplizierten Schlundverstopfung diese Positionen zusammen, jeweils einfacher Satz und netto:
- Hausbesuch (Nr. 40): 34,50 €
- Allgemeine Untersuchung mit Beratung (Nr. 4): 30,78 €
- Sedation (Nr. 295): 16,50 €
- Nasenschlundsonde: 39,02 €
- Zwei Injektionen intravenös (Muskelrelaxans und Schmerzmittel): 34,50 €
Das sind zusammen 155,30 €, dazu kommt das Wegegeld von 3,50 € je Doppelkilometer, mindestens aber 13 €. Bei 15 Kilometern Anfahrt landet ein regulärer Termin damit bei rund 247 € brutto.
Nur passiert eine Schlundverstopfung selten zu Bürozeiten. Im Notdienst gilt ein Mindestfaktor von zwei und höchstens vier, dazu kommt eine Notdienstgebühr von 50 €. Damit liegt derselbe Termin je nach Satz zwischen rund 492 € und rund 861 € brutto. Der große Unbekannte ist die Dauer: Wenn stundenlang gespült werden muss, kommen weitere Positionen dazu, und die Rechnung wächst entsprechend.
Alle Beträge sind aus den amtlichen Positionen der aktuellen Gebührenordnung für Tierärzte zusammengerechnet und ohne Gewähr. Die Medikamente sind darin nicht enthalten, denn die Gebührenordnung deckt nur die Leistung ab, nicht das Arzneimittel.
Danach: Die wichtigste Woche
Ist der Weg wieder frei, ist die Sache noch nicht ausgestanden. In den nächsten Tagen sollte nur flüssiges Futter gefüttert werden, und dann kommt der Punkt, den ich für den wichtigsten der ganzen Nachsorge halte.
Miss eine Woche lang jeden Tag Fieber. Damit stellst du schnell fest, ob sich eine Lungenentzündung entwickelt, denn Speichel und Futter können trotz aller Vorsicht in die Lunge gelangt sein, und das lässt sich nie ganz ausschließen. Fieber ist das erste Signal, und du hast es kostenlos zur Hand.
Dazu kommen zwei Dinge:
- Einen Schleimlöser füttern, um die Lunge in ihrer Selbstreinigung zu unterstützen.
- Das Heu einweichen. Du kannst dir ja vorstellen, dass Schlucken jetzt unangenehm ist. Der Tierarzt hat schlimmstenfalls stundenlang mit der Nasenschlundsonde die Speiseröhre irritiert, und die Stelle, an der das Futter festsaß, ist ebenfalls stark gereizt.
Worauf du bei der Lungenentzündung achtest
Die Aspirationspneumonie ist die Komplikation, wegen der die ganze Nachsorge existiert. Sie entsteht nicht sofort, sondern in den Tagen danach, und genau deshalb ist die Woche nach der Schlundverstopfung wichtiger als der Tag der Schlundverstopfung selbst. Worauf du neben dem Fieber achtest:
- Husten, der neu auftritt oder nicht weggeht
- Nasenausfluss, vor allem wenn er gelblich wird oder riecht
- Die Atmung, also eine erhöhte Atemfrequenz oder sichtbare Anstrengung beim Atmen
- Das Allgemeinbefinden, also Fressverhalten, Munterkeit, Verhalten in der Herde
Ein Pferd, das nach einer Schlundverstopfung Fieber entwickelt, gehört noch einmal angeschaut, und zwar zügig. Eine früh erkannte Aspirationspneumonie ist gut behandelbar, eine übersehene wird schnell zu einem langwierigen Lungenproblem. Der Aufwand für dich ist ein Fieberthermometer und zwei Minuten am Tag.
Damit es nicht wieder passiert
Wenn eine primäre Ursache vorlag, muss langfristig die Fütterung optimiert werden. Dafür ist es wichtig, dass du weißt, wie eine artgerechte und bedarfsgerechte Fütterung aussieht. Wie Schlund und Magen überhaupt arbeiten, ist in der Folge zu Schlund und Magen ausführlich erklärt.
Neben dem, was gefüttert wird, ist aber auch das Wie entscheidend. Fütterungstechnik und Management gehören auf den Prüfstand:
- Rübenschnitzel und Pellets ausreichend lange einweichen, im Zweifel länger als auf der Packung steht.
- Futtertonnen und Futterkammer so sichern, dass sich nachts niemand selbst bedienen kann.
- Bei Futterneid für Ruhe beim Fressen sorgen, etwa durch mehr Abstand zwischen den Fressplätzen.
- Die Zähne regelmäßig kontrollieren lassen, damit das Futter überhaupt zerkaut werden kann.
- Für ausreichend Bewegung sorgen. Die Peristaltik, also die muskuläre Bewegung von Darmwand und Schlund, braucht ein Pferd, das sich bewegt.
Eine Schlundverstopfung ist selten Pech. Meistens ist sie das Ergebnis einer Kette, die sich unterbrechen lässt.