Das Wichtigste in Kürze
» Ein kauendes Pferd löst automatisch sein Genick: Genau darauf beruht die Wirkung des Gebisses, nicht auf Druck oder Zwang.
» Edelstahl enthält Nickel und kann Allergien im Maul auslösen. Für empfindliche Pferde gibt es nickelfreie, kupferhaltige Legierungen.
» Die doppelt gebrochene Trense ist nicht automatisch sanfter: Bei Zügelzug fixiert sie die Zunge, die sich in Sekunden blau färben kann.
Einfach gebrochen, doppelt gebrochen, anatomisch geformt, mit Nickel oder ohne, Olivenkopf, durchlaufender Ring: Der Gebissmarkt ist riesig und unübersichtlich. Aber hast du dir schon einmal ernsthaft überlegt, warum genau das Gebiss im Maul deines Pferdes hängt, das du gerade eingeschnallt hast? Für diese Folge Gebisskunde habe ich mir Verstärkung geholt: Ilka Stehn, Ausbilderin für klassische Reiterei und Materialkunde-Expertin, die (Werbung) mit Stübben SteelTec über zwei Jahre ein eigenes Gebiss entwickelt hat. Gemeinsam räumen wir mit den größten Mythen auf.
Warum überhaupt ein Gebiss?
Die vielleicht provokanteste Frage zuerst, schließlich liegt gebissloses Reiten im Trend. Die Antwort beginnt beim Kaureflex: Jeder Reiter wünscht sich ein kauendes Pferd, und das hat einen handfesten biomechanischen Grund. Durch das Kauen löst das Pferd automatisch sein Genick. Kauen führt zum Einspeicheln, Speicheln zum Schlucken, und wenn das Pferd seinen Unterkiefer nutzt, entspannt sich eine lange Muskelkette vom Genick über den Rücken bis in den Schweif. Ganz pauschal gesagt: Ein Pferd, das kaut, wird nicht bocken oder durchgehen. Die Pferde mit den dummen Ideen beißen vorher die Zähne aufeinander. Das kannst du an dir selbst testen: Mit locker bewegtem Unterkiefer sind auch wir Menschen zu explosiven Bewegungen kaum fähig.
Genau dieses feine Spiel über die Maulwinkel lässt sich mit einem Gebiss erreichen, über bloßes Annehmen und Nachgeben der Zügel. Gebisslose Zäume funktionieren dagegen immer über Ziehen und Drücken, im schlimmsten Fall über Hebelwirkung. Und noch etwas kommt dazu: Das Pferd kann sich an einem gebisslosen Zaum nicht sauber abstoßen. Diese Verbindung zwischen Hinterbein und Maulwinkel spüren Springreiter besonders deutlich vor dem Sprung. Nichts spricht dagegen, zur Abwechslung mit Halsring oder Sidepull zu spielen, das macht Spaß und tut der Beziehung gut. Aber für die feine Ausbildung führt am Gebiss kaum ein Weg vorbei.
Material: Der unterschätzte Allergie-Faktor
Als Tierärztin sehe ich immer wieder Ausschläge im Pferdemaul, kleine Pickelchen, Rötungen, in schweren Fällen löst sich sogar die Oberhaut. Die häufige Ursache: Nickel. Und jetzt kommt der Haken, den viele nicht kennen: Das meistverwendete Gebissmaterial ist Edelstahl, und Edelstahl ist Chrom-Nickel-Stahl, enthält also immer Nickel. Wer selbst empfindlich auf Modeschmuck reagiert, kennt das Prinzip von den eigenen Ohrläppchen.
Die Alternative sind nickelfreie Legierungen, und die sind durchweg kupferhaltig. Bekannte Beispiele sind Aurigan von Sprenger oder Sweet Copper von Stübben SteelTec, auch andere Markenhersteller haben eigene patentierte Legierungen. Vorsicht bei einem Namen, der edel klingt und es nicht ist: Argentan, auch Neusilber oder deutsches Silber genannt, ist eine markenlose Legierung, die gern für Modeschmuck verwendet wird, und sie enthält Nickel. Bei empfindlichen Pferden lohnt sich also der genaue Blick auf die Materialbezeichnung.
Mundstücke: Stange, einfach oder doppelt gebrochen?
Bevor wir die Varianten durchgehen, ein Selbstversuch, den Ilka jedem Reiter empfiehlt: Fühle vorsichtig mit einem Finger an die Stelle im Pferdemaul, wo das Gebiss auf dem Unterkiefer liegt. Du spürst dort eine schmale Knochenkante, über der nur ein hauchdünnes Häutchen liegt. Der Unterkiefer ist von Natur aus denkbar schlecht dafür geeignet, dauerhaft eine Metallstange zu tragen. Genau deshalb ist die Frage, wohin der Druck bei Zügeleinwirkung wandert, so entscheidend.
- Die Stange: Wirkt immer gleichzeitig auf beiden Seiten, jede Zügelhilfe rechts kommt ungefiltert auch links an. Eine gerade Stange liegt dafür sehr ruhig im Maul und kann von der Zunge gut getragen werden, manche Pferde lieben genau das, besonders die, die sonst viel am Gebiss spielen. Vorsicht aber bei großer sogenannter Zungenfreiheit, dem Bogen in der Mitte vieler Kandaren- und Westernstangen: Er verhindert, dass das Pferd die Stange mit der Zunge vom empfindlichen Unterkiefer anheben kann. Der freundlich klingende Begriff ist irreführend.
- Einfach gebrochen: Ilkas klare Nummer eins für die allermeisten Pferde. Nimmst du die Zügel an, legt sich die Trense rechts und links an die flachen Teile des Unterkiefers. Lässt du nach, kann das Pferd das Gebiss wieder anheben und bequem tragen.
- Doppelt gebrochen: Solange die Zügel locker sind, kein Problem. Ziehst du sie aber deutlich nach hinten, senkt sich das Mittelstück auf die Zunge, die beiden Brüche legen sich auf die Unterkieferäste, und die Zunge wird im Zungengrund regelrecht fixiert. Das Ergebnis kann man bei Gebisskontrollen auf Turnieren sehen: Die Zunge färbt sich innerhalb von Sekunden blau. Der weit verbreitete Glaube, die doppelt gebrochene Trense sei die freundlichere, ist damit genau das: ein Glaube. Und im Ernstfall, wenn du die Zügel wirklich einmal brauchst, um einen Unfall zu verhindern, zählt genau dieser Moment.
Der Gaumen-Mythos
Hält sich hartnäckig, stimmt aber nicht: die Behauptung, die einfach gebrochene Trense drücke mit ihrem Knick in den Gaumen. Denk einmal mechanisch mit: Wenn du die Zügel nach hinten annimmst, ziehst du das Gebiss nach hinten, in Richtung Zunge, Laden und Lefzen. Du kannst es dabei gar nicht gleichzeitig nach vorn oben in den Gaumen drücken. Das Weichgewebe wird nach hinten unten gedrückt, nicht der Gaumen touchiert. Dieser Mythos darf in Rente gehen.
Seitenteile: Wo der Ring zur Gefahr wird
Durchlaufende Ringe (Wassertrense): Das häufigste Seitenteil, und ausgerechnet hier lauern zwei Probleme. Erstens erzeugt der durchlaufende Ring eine diffuse Bewegung am Maulwinkel, die der Reiter gar nicht kontrollieren kann, und es gibt Pferde, die sich davon so gestört fühlen, dass sie sich schlecht reiten lassen. Zweitens entsteht an der Verbindung zwischen Mundstück und Ring mit den Jahren eine scharfe Kante, an der sich Pferde die Maulwinkel einklemmen und sogar aufschneiden können. Deshalb der Appell: Kontrolliere bei durchlaufenden Ringen mindestens einmal im Monat die Kanten.
Olivenkopf: Hier ist der Ring fest mit dem Mundstück verbunden, am Maulwinkel bewegt sich nichts Unkontrolliertes. Über die Zügel bewegst du wirklich nur das Mundstück, eine aus Ilkas Sicht sehr sinnvolle Bauweise.
D-Ring und Schenkeltrense: Sie sehen für Laien martialisch aus, sind es aber nicht. Ihr Vorteil: Bei einer einseitigen Zügelhilfe leiten sie den Druck von Zunge und Unterkieferästen weg auf die äußere Lade, das Pferd versteht die Hilfe leichter. Außerdem kann das Gebiss nicht quer durchs Maul gezogen werden, was bei Unfällen oder Stürzen schwere Verletzungen verhindert. Ilka nutzt die Schenkeltrense deshalb gern bei Jungpferden und schwierigen Pferden, und in der Vielseitigkeit ist sie ohnehin beliebt.
Das No-Go: Gebisse als Zwangsmittel
Auf die Frage nach absoluten No-Gos ist Ilkas Antwort deutlich: Tabu ist jedes Gebiss, das eingesetzt wird, weil etwas nicht funktioniert. Das Pferd reißt den Kopf hoch, also kommt ein Pelham rein? Das ist kein Gebissproblem, das ist ein Ausbildungsproblem. Pferde haben immer einen Grund, wenn sie steigen, bocken oder durchgehen, und sie täuschen uns dabei nicht. Wer statt der Ursachenforschung einfach schärfer schnallt, im Extremfall mit zwei, drei Gebissen übereinander, hat die Botschaft des Pferdes überhört. Weniger ist mehr, und ein Pferd, das Schmerzen oder Widerstand zeigt, verdient eine Antwort, keine stärkere Hardware. Wie du Schmerzsignale systematisch erkennst, zeigt dir das Schmerz-Ethogramm beim Pferd.
Gibt es das perfekte Gebiss?
Nein. Es gibt Pferde, die glücklich mit einer Kombination laufen, die auf dem Papier fragwürdig aussieht. Dann gilt: Never change a winning team. Läuft dein Pferd dagegen nicht zufriedenstellend, lohnt sich das genaue Hinschauen, Informieren und auch das Ausprobieren, denn am Ende entscheidet immer das Pferd. Das gilt beim Gebiss genauso wie beim Sattel und der passenden Sattelunterlage. Dein kompakter Gebiss-Check:
- Material prüfen: Bei Maulproblemen oder empfindlichen Pferden auf nickelfreie, kupferhaltige Legierungen setzen, Argentan meiden.
- Wirkung verstehen: Wissen, was dein Mundstück bei angenommenem Zügel im Maul tut, besonders bei doppelt gebrochenen Trensen und Zungenfreiheit.
- Kanten kontrollieren: Durchlaufende Ringe monatlich auf scharfe Stellen prüfen.
- Dem Pferd zuhören: Kein Gebiss der Welt ersetzt Ausbildung, und keines ist besser als das, mit dem dein Pferd zufrieden kaut.
Und der Appell, mit dem Ilka das Gespräch beendet, passt zu allem in der Pferdewelt: Bildet euch fort, hinterfragt alles, auch die Gurus, und traut euch, selbst nachzudenken. Pferde sind logischer, als wir oft glauben.







