Episode #31 Mein Pferd hat Rücken

Episode #31 Mein Pferd hat Rücken

Dein Pferd läuft steif, verwirft sich oder stolpert ständig? Rittigkeitsprobleme sind sehr häufig in der Praxis und die Therapieformen vielfältig – Chiropraktik, Osteopathie, Physiotherapie und so weiter – was ist was? Gibt es Unterschiede? Heute erfährst du mehr über die verschiedenen Behandlungen.

Anzeige

Wir fördern Fortbildung – mit dem Gutscheincode “kernkompetenzpferd” (klein und zusammen) erhälst du die Mitgliedschaft bei wehorse als Podcast-Hörer zu einem Vorteilspreis – schau doch mal vorbei!

Episode #31 Mein Pferd hat Rücken

In der heutigen Folge lernst du die Begriffe Chiropraktik, Osteopathie, Physiotherapie und Akupuntur zu unterscheiden und warum ein Pferd NIE einen Wirbel ausgerenkt hat. Wie oft hört man in der Stallgasse “mein Pferd hatte einen Wirbel raus und der Therapeut hat ihn wieder eingerenkt”. Wäre das der Fall, also der Wirbel wäre ausgerenkt, dann wäre das Tier querschnittsgelähmt!

Die Begriffe der verschiedenen Berufsbezeichnungen sind in Deutschland nicht geschützt und es ist nicht ersichtlich welche Ausbildung der Therapeut hatte, die ihn dazu befähigt das Pferd zu behandeln. Nicht jeder Therapeut muss Tierarzt sein und auch wenn die Ausbildung in Anführungsstrichen nur in einem Wochenendekurs absolviert worden ist, heißt das natürlich nicht, dass  dieser Therapeut per se keine gute Arbeit leistet-trotzdem schadet etwas mehr Hintergrundwissen über Anatomie und Pathologie nicht.

Was ist nun zu tun wenn dein Pferd Rückenschmerzen hat, steif läuft oder sich immer zu einer Seite im Genick verwirft? Zunächst sollten wir auf Ursachenforschung gehen:

– ein schlecht passender Sattel
– ein Sturz oder Festliegen in der Box
– einseitige Belastung durch immer gleichbleibendes Training
– ein schlecht sitzender Reiter (auch der Reiter darf zu Physiotherapie gehen)
– Bewegungsmangel
– Schmerzen in den Gliedmaßen – jede Lahmheit führt zu einer Kompensation im Rücken
– aber auch eine Zahnbehandlung oder eine Vollnarkose können zu Blockaden in den Gelenken nach sich ziehen.

Bei einer Blockade eines Gelenkes besteht eine Bewegungseinschränkung zweier Knochen, im Falle des Rückens zweier Wirbel, aber natürlich kann auch das Kiefergelenk betroffen sein nach einer Zahnbehandlung. Der Wirbel ist also nicht raus, sondern nur eingeschränkt in seiner Bewegung. Ich stehe morgens auf und möchte mit meinen Fingerspitzen mit durchgestrecken Knien die Zehenspitzen berühren – morgens 5:30  ich bin eingeschränkt in meiner Bewegung, nach ein paar Übungen geht es dann schon besser. In der Wirbelsäule verläuft das Rückenmark und an jedem Wirbel tritt an der Seite ein Nerv aus, der das umliegende Gewebe und die inneren Organe versorgt. Kommt es in diesem Bereich zu Schwellungen, einer Blockade oder degenerativen Veränderungen wird das Loch aus dem die Nerven austreten verengt und der Nerv wird gereizt und kann seine Funktion nicht vollständig leisten. Muskeln brauchen einen störungsfreien Nervenimpuls, um die Bewegungen geschmeidig und richtig auszuführen-sonst kommt es zu Verspannungen und Schmerz. Und das kann richtig weh tun, ich durfte einen solchen Hexenschuss erleben vor einigen Jahren, während einer Reitstunde hatte ich plötzlich einen stechenden Schmerz im Rücken und konnte mich gefühlt nicht mehr bewegen, ich musste mich vom Pferd heben lassen-selbst das Lachen hat Schmerzen verursacht. Jeder der Rückenschmerzen kennt oder mal mit einem steifen Nacken aufgewacht ist, weiß wie unangenehm das ist. Wenn du bei deinem Pferd nun Symptome festgestellt hast, Verwerfen, steif zu einer Seite, Kreuzgalopp, zieht nicht richtig an die Hand ran oder andere Rittigkeitsprobleme sollte sich ein Therapeut dein Pferd anschauen.

Aber wer soll jetzt kommen? Chiro, Osteo, Physio, Tierarzt, Akupunkteur, die Liste kann man sicher noch weiterführen.

Das Ziel der verschiedenen Therapieformen ist es dem Pferd seine vollständige Gelenkbeweglichkeit wieder herzustellen. Der Weg dorthin und die zugrundeliegenden Theorien sind allerdings unterschiedlich.

Fangen wir mit der Chiropraktik an:

Die Chiropraktik ist eine manuelle Behandlungsmethode, die bei vielen Gesundheits- und Rittigkeitsproblemen des Pferdes eingesetzt werden kann. Sie stellt die Gelenkbeweglichkeit der Wirbelsäule wieder her und ermöglicht so dem Pferd sein volles Leistungspotential zu nutzen. Dabei werden zur Untersuchung und zur Therapie lediglich die Hände verwendet. Die Gelenkbeweglichkeit wird überprüft und wenn diese eingeschränkt ist wird ein Impuls oder besser ein gezielter Reiz – in Form von einer gezielten, schnellen und kraftvollen, aber sehr kleinen Bewegung, einem kleinen Stoß durchgeführt um die Blockade zu lösen. In der Wirbelsäule verläuft das Rückenmark und schon kleine Fehlstellungen in den Gelenken der Wirbelsäule verändern den Informationsfluss im Rückenmark, also dem Nervensystem und damit die Funktion vieler Anteile im Körper –Muskeln und inneren Organen. Bei der Chiropraktik wird also die Funktionsstörung im Nervensystem behandelt, kurz das Wirkprinzip basiert auf einer neurologischen Therapie. Natürlich stellt die Behandlung auch die reibungsfreie biomechanische Funktion im Bewegungsapparat wieder her, die Gelenkflächen gleiten wieder problemlos. Zudem wirkt der gezielte Impuls schmerzlindernd. Stell dir vor du haust dir mit dem Hammer auf den Finger, was machst du? Du schüttelst deine Hand, die Nervenbahnen für Bewegung leiten den Impuls schneller als den Schmerzreiz, sodass du diesen weniger spürst. Das Selbe Phänomen bewirkt die Schmerzlinderung bei der Chiropraktischen Behandlung durch die schnelle kraftvolle Bewegung. Die Behandlung beinhaltet demnach einen neurologischen, einen biomechanischen und einen schmerzlindernden Effekt. Um mal die Problematik der Berufsbezeichnungen deutlich zu machen – ein Chiropraktor, hat Chiropraktik 5 Jahre studiert an einer Universität, ein Chirotherapeut ist ein Humanarzt der eine Zusatzausbildung gemacht hat und eine Chiropraktiker hat eine Ausbildung an einer Heilpraktikerschule erlangt, steht also Heilpraktikern und Ärzten offen. Und die Osteopathie ist nochmal etwas anderes. Die Osteopathie behandelt auch Bewegungseinschränkungen von Gelenken und beschäftigt sich auch mit den inneren Organen. Hier liegt der besonderen Augenmerk auf der Blutversorgung der Gewebe, sodass die Versorgung mit Nährstoffen aber auch die Entsorgung von Schlackestoffen gewährleistet ist. Ganz grob Chiropraktik Augenmerk auf das Nervensystem, Osteopathie auf die Durchblutung – die arterielle Regel, das Ziel und der Weg sind aber sehr ähnlich. Ja, ich weiß sehr grob, wer das Thema vertiefen mag, darf sich natürlich im Internet schlau machen, das würde hier aber den Rahmen sprengen.

Physiotherapie:

Die Pferdephysiotherapie ist ein Behandlungsstandard nach Verletzungen und Operationen, wie aus der Humanmedizin bekannt. Zusätzlich wird die Physiotherapie angewendet zur Leistungssteigerung bei Sportpferden, wie z.B. bei Fußballprofis. Die werden ja vorher, nachher und im Spiel von Physiotherapeuten betreut und behandelt. Ein Hauptteil der Behandlung umfasst die Erkrankung der Muskeln und Sehnen-vereinfacht ausgedrückt, könnte man sagen die Physiotherapie behandelt überwiegend das Weichteilgewebe. Neben den manuellen Methoden wie der Massage (Stresspunktmassage), Lymphdrainage oder Mobilisation werden auf technische Hilfsmittel zugegriffen wie zum Beispiel der Magnetfeld-Decke, dem Matrix-Rhythmus-Gerät oder einem Solarium.

Zum Schluss noch zur Akupunktur:

Seit tausenden Jahren schätzt man die Akupunktur in China als wirksame Hilfe bei Schmerzen, funktionellen und psychischen Erkrankungen. Heute hat auch die Veterinärmedizin die Akupunktur in ihr Behandlungsspektrum aufgenommen – bei vielen Beschwerden ist die Akupunktur als Therapie anerkannt. Ich setze die Akupunktur gerne bei Atemwegserkrankungen oder Augenentzündungen unterstützend ein, besonders bei chronisch kranken Patienten mit COB oder PA. Aber auch in Kombination mit der Physiotherapie und der Chiropraktik setze ich sie ein zum lösen von Verspannungen.

Noch ein paar Worte zu “der hat einmal am Bein gezogen und war wieder weg”: bei der Arbeit mit langen Hebeln wird nicht nur das blockierte Gelenk im Rücken behandelt, sondern auch noch alle anderen die zwischen Huf und Rücken liegen. Dadurch können Bänder, Gelenkkapseln und Muskeln überdehnt werden; Zerrungen und Entzündungen können folgen. Reißt man gewaltsam am Bein, kann das zudem die Gefäße des Lymphsystems, des Blutsystems und auch des Nervensystems schaden.

Ein steif gehendes Pferd muss nicht immer Rückenschmerzen haben, Differentialdiagnosen müssen in Betracht gezogen werden – Hufrehe, PSSM, Kreuzverschlag, eine Ahornvergiftung oder auch Gliederschmerzen durch hohes Fieber sind mögliche Ursachen und müssen von Tierarzt abgeklärt werden. Auch sollte jedes Pferd vorher einmal im Schritt und im Trab angeschaut werden, wenn das Pferd eine dicke Sehne hat und auf dem Bein deutlich lahm geht, kann zwar im Anschluss eine physiotherapeutische Behandlung Sinn machen, jedoch muss erst das Problem in dem Bein behandelt werden, sonst nimmt der Körper immer wieder eine Kompensationshaltung ein.

Und zum Schluss eine Behandlung durch den Therapeuten kann kein entsprechendes Training und gutes Reiten ersetzen oder schlecht sitzendes Equipment ausgleichen – ein Therapeut kann nicht einmal die Hände auflegen und zaubern. Ein Mensch der Rückenschmerzen hat, geht auch nicht einmal zur Physio und ist geheilt – nein, er geht regelmäßig, macht zu Hause seine Übungen, nimmt am Rehaprogramm teil und macht Krankengymnastik. Und jeder weiß, bleibt man nicht dran, kommen die Beschwerden wieder. Dass heißt, nach der Behandlung muss zu Hause im Stall am Training und am Reiten gearbeitet werden. Schön ist es wenn Trainer, Sattler, Reiter und Therapeut zusammenarbeiten, denn im Team sind positive Veränderungen im Sinne des Pferdes am Besten möglich – Man hat ja nie ausgelernt!

Episode #31 Mein Pferd hat Rücken

Ein Gedanke zu „Episode #31 Mein Pferd hat Rücken

  • 12. September 2018 um 11:54
    Permalink

    Die Erklärung bzgl. der unterschiedlichen genannten Therapiemethoden ist super und erleichtert das Verständnis dafür, welcher Therapeut bzw. welche Therapiemethode denn nun welchen Schwerpunkt hat. Ich werde auch oft danach gefragt, und kann bestätigen, dass genau diese Begrifflichkeiten immer wieder vermischt oder verwechselt werden. Nun kann ich zusätzlich einfach auf diesen Podcast verweisen.
    Dazu kommt, dass der Pferdebesitzer meistens vor Ort gar nicht weiß wo er ansetzen soll. Ich denke auch, dass ein guter Therapeut bei Anfragen durch den Pferdebesitzer diese Klarheit der Ausübung vermitteln sollte. Nicht jeder weiß nämlich , wen er denn da so vor sich hat.
    Toller Beitrag! Danke!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen