Grundlage dieses Artikels ist die Podcast-Folge von Dr. Veronika Klein zur Mauke, ergänzt um die aktuelle wissenschaftliche Studienlage, unter anderem zur Rolle der Räudemilbe und zum Lymphödem CPL. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.
Das Wichtigste in Kürze
» Mauke ist eine Faktorenkrankheit, nicht „nur Matsch": Mehrere Faktoren (geschwächte Hautbarriere, Immunsystem, Erreger, Veranlagung wie Behang und weiße Beine) kommen zusammen.
» Behandlung: selten waschen, Krusten schonend lösen, Chlorhexidin statt Jod, trocken halten. Kein Melkfett oder Silberspray (verschlimmert nässende Mauke), medizinischer Honig ist gut belegt.
» Zwei Mythen: Mauke ist kein Leberproblem (klassische Mauke-Pferde haben normale Leberwerte), und hinter therapieresistenter Warzenmauke der Kaltblüter steckt oft das genetische Lymphödem CPL.
Kaum eine Diagnose wird so oft mit einem Schulterzucken abgetan wie die Mauke: „Ist halt der Matsch." Genau dieser Satz ist der Grund, warum so viele Pferde monatelang erfolglos behandelt werden. Denn Mauke ist keine reine Dreck- und Nässekrankheit. Sie ist ein Hautsyndrom mit vielen Ursachen, und wer nur an der Oberfläche putzt, wird sie nicht los. Dieser Artikel erklärt, was Mauke wirklich ist, woran du die Form erkennst, und was nach heutigem Wissensstand hilft.
Mauke (fachlich Fesselbeugendermatitis oder Equine Pastern Dermatitis, EPD) ist eine Entzündung der Haut, die meist in der Fesselbeuge auftritt. Sie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Reaktionsmuster der Haut auf verschiedene Auslöser, also eine Faktorenkrankheit: Mehrere Umstände müssen zusammenkommen, damit sie entsteht.
Die drei Formen der Mauke (und die Raspe)
Mauke ist nicht gleich Mauke. Man unterscheidet nach Schweregrad drei Formen, die ineinander übergehen können:
- Trockene Form (schuppig): die häufigste und mildeste. Haarausfall, trockene Schuppen, leichte Rötung und oberflächliche Krusten, meist wenig Juckreiz.
- Nässende Form (exsudativ): stark gerötet, mit feuchtem, schmierigem Sekret und dicken, festhaftenden Krusten, unter denen die Haut offen liegt. Schmerzhaft.
- Warzenmauke (chronisch-proliferativ): Bei langem Verlauf verdickt sich die Haut irreversibel und bildet traubenartige, knotige Wucherungen. Vor allem bei schweren Kaltblutrassen. Diese Form hat oft eine eigene, ernste Ursache, dazu weiter unten.
Zieht sich die Mauke von der Fesselbeuge nach oben über das Fesselgelenk hinaus Richtung Röhrbein, spricht man von Raspe. Es ist dasselbe Geschehen, nur höher gelegen.
Ursachen: Warum „nur Matsch" zu kurz greift
Die Haut ist ein Spiegel des ganzen Körpers und, wie man beim Menschen sagt, auch der Seele. Nässe, matschige Paddocks, schmutzige Einstreu und Urin verschlechtern die Lage, aber sie sind nur begünstigende Faktoren, nicht die alleinige Ursache. Damit Mauke entsteht, müssen in der Regel mehrere Dinge zusammenkommen. Die Wissenschaft ordnet die Faktoren in drei Gruppen:
- Prädisponierend (Veranlagung): dichter Fesselbehang (Feuchtigkeit und Schmutz bleiben hängen), unpigmentierte weiße Haut, rassetypische Lymphabflussstörungen. An alle mit einem Fuchs mit weißen Beinen: leider sind genau die am empfindlichsten, ebenso Tinker und Kaltblüter mit dem langen Behang.
- Primär (eigentliche Auslöser): Reizstoffe wie Sand oder Ammoniak, die Räudemilbe Chorioptes (dazu gleich mehr), Photosensibilisierung an weißen Beinen oder seltener eine Autoimmunerkrankung.
- Perpetuierend (unterhaltend): sekundäre Infektionen mit Bakterien und Hefen, ständige mechanische Dehnung der Haut in der Fessel, und, ganz wichtig, ein falsches Wundmanagement mit luftdichten Salben.
Ein zentraler Punkt ist die Hautbarriere. Ist sie geschwächt, haben Erreger leichtes Spiel. Genau das passiert bei einem geschwächten Immunsystem (durch Stress, Transport, Fütterungsfehler oder starken Wurmbefall), im Fellwechsel in Frühjahr und Herbst, und paradoxerweise auch durch zu viel Sauberkeit. Stell dir deine Hand nach einer Stunde in der Badewanne vor, weich und schrumpelig. Genauso setzt ständiges Waschen der Beine die Hautbarriere herab. Besonders anfällig sind die YOPIS, also junge, alte, tragende, kranke und immungeschwächte Pferde. Sie brauchen die vorbeugende Aufmerksamkeit aus der zweiten Stufe des 4-Phasen-Modells.
Die unterschätzte Ursache: die Räudemilbe Chorioptes
Was in der Praxis oft übersehen wird: Die Räudemilbe Chorioptes bovis gilt heute als der am besten belegte primäre Auslöser der Mauke bei Rassen mit dichtem Behang. Die Milben leben oberflächlich in den Hautschuppen, ihr Speichel löst starken Juckreiz aus. Betroffene Pferde stampfen mit den Hinterbeinen auf und nagen mit den Zähnen an den Fesseln. Durch das Kratzen entstehen die kleinen Wunden, über die dann Bakterien eindringen. Wichtig für die Behandlung: Diese Milben sitzen an der Oberfläche, eine normale orale Wurmkur erreicht sie oft gar nicht.
Der Leber-Mythos
Hartnäckig hält sich die Behauptung, Mauke sei ein Zeichen für eine überlastete Leber, und man müsse mit Entgiftungskuren gegensteuern. Die Studienlage stützt das für die klassische Mauke nicht: Pferde mit Fesselbeugendermatitis haben durchweg völlig normale Leber- und Nierenwerte. Eine Leberkontrolle ist nur dann sinnvoll, wenn zusätzlich Zeichen einer echten Photosensibilisierung vorliegen, etwa Sonnenbrand an unpigmentierten Stellen des Mauls, Gelbsucht oder Leistungsschwäche. Dann kann eine hepatogene Photosensibilisierung dahinterstecken, bei der die geschädigte Leber ein Abbauprodukt nicht mehr entsorgt, das die weiße Haut unter Sonnenlicht entzündet. Für die alltägliche Mauke gilt aber: Die pauschale Leber-Kopplung ist ein Mythos, und die beworbenen Entgiftungskuren sind rausgeworfenes Geld.
Symptome: So erkennst du Mauke
Auf hellen Beinen ist Mauke gut zu sehen, auf dunklen unter dichtem Behang leicht zu übersehen. Typisch sind:
- gerötete, oft geschwollene Haut in der Fesselbeuge
- Schuppen und Krusten, die in den Haaren kleben
- bei bakteriellem Befall gelbliches, schmieriges Sekret, in der Konsistenz an Vanillepudding erinnernd
- bei Milbenbefall deutlicher Juckreiz mit Stampfen und Nagen
- im weiteren Verlauf anschwellende Beine
Mauke kann sowohl schmierig-nässend als auch trocken und schuppig aussehen. In der offenen, feuchten Haut sitzt dann meist nicht nur ein Erreger, sondern eine Mischung aus Bakterien, Milben und manchmal Hefepilzen.
Wenn es mehr ist als Mauke: das Lymphödem CPL
Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis für Besitzer schwerer Rassen. Hinter einer scheinbar therapieresistenten Warzenmauke bei Kaltblütern, Tinkern, Friesen, Shires oder Clydesdales steckt sehr häufig eine ganz andere, eigenständige Erkrankung: das chronisch-progressive Lymphödem (CPL).
CPL ist genetisch bedingt und leider unheilbar. Durch einen Defekt im elastischen Gewebe der Haut kollabieren die Lymphgefäße, die Lymphe staut sich, und es kommt zu fortschreitender Schwellung, dicken Hautfalten und den typischen festen Knoten. In den feuchten Falten siedeln sich dann Bakterien, Milben und im Sommer sogar Fliegenmaden an. Wer das nicht erkennt, behandelt jahrelang die Oberfläche und wundert sich, warum nichts wirkt. Die Erblichkeit von CPL ist sehr hoch, ein zuverlässiger Gentest ist aber noch in Entwicklung. Bei therapieresistenter Warzenmauke schwerer Rassen lohnt deshalb die gezielte Abklärung per Hautbiopsie.
Behandlung von Mauke: worauf es ankommt
Die Grundregel lautet: trocken und sauber, dazu die richtige Ursache treffen. Konkret:
- Selten waschen, nicht ständig. Ein- bis zweimal pro Woche reicht völlig. Zu häufiges Waschen weicht die Haut auf und macht alles schlimmer.
- Krusten schonend lösen, nicht trocken abreißen. Das trockene Abreißen ist schmerzhaft und zerstört die neu gebildete Haut. Besser vorher mit lauwarmem Wasser oder einem feuchten Umschlag aufweichen, dann sanft abnehmen. Denn unter den Krusten vermehren sich die Erreger munter weiter.
- Antiseptische Reinigung: In der Tiermedizin gilt Chlorhexidin als wirksamer als Povidon-Jod (Betaisodona), weil es auch in Gegenwart von Wundsekret wirkt und länger nachwirkt. Welches Mittel im Einzelfall passt, klärt der Tierarzt. Aggressive Kern- oder Schmierseife ist ungeeignet, sie zerstört den Säureschutz der Haut.
- Behang scheren. Bei langhaarigen Rassen fast immer nötig, damit es trocken bleibt und Salben überhaupt auf die Haut kommen.
- Trocken halten. Saubere, ammoniakfreie Einstreu, trockener Stand. Ob ein Schutzverband oder lieber Luft und Sonne besser ist, hängt vom Einzelfall ab. Bei nässender Mauke sind luftdichte Verbände schädlich.
Salben und Hausmittel: was hilft, was schadet
- Kein Melkfett, kein Silber- oder Blauspray. Diese luftdichten Produkte schließen die Haut ab, darunter sammelt sich Sekret und es entsteht ein sauerstoffarmes Milieu, in dem sich gerade die problematischen Bakterien wohlfühlen. Bei nässender Mauke verschlimmern sie die Sache akut. Nur bei trockenen, abgeheilten Stadien sind fettende Cremes vertretbar.
- Medizinischer Honig (etwa Manuka-Honig) ist dagegen wissenschaftlich gut belegt: Er entzieht den Bakterien Wasser, löst abgestorbenes Gewebe und fördert die Wundheilung.
- Zinksalbe wird als dünner Schutzfilm bei trockenen, abheilenden Stellen eingesetzt, nicht aber im akut nässenden Stadium.
- Bei Milben ist eine gezielte, meist äußerlich aufgetragene Behandlung nötig, die die Milben an der Hautoberfläche erreicht. Das entscheidet der Tierarzt.
- Antibiotika gehören nur bei tiefen, schweren Infektionen mit Schwellung, Fieber oder Lymphangitis in den Körper, und dann gezielt nach Erregernachweis, nicht auf Verdacht.
Welche dieser Wege im Einzelfall die richtigen sind, hängt von Ursache und Stadium ab und gehört in die Hand des Tierarztes, gerade wenn eine Mauke nicht abheilt oder immer wiederkommt.
Gibt es das eine beste Mittel gegen Mauke?
Die ehrliche Antwort: Nein. Genau deshalb funktioniert der Griff zur nächsten Wundersalbe so selten. Weil Mauke eine Faktorenkrankheit ist, entscheidet nicht das Mittel, sondern ob du die richtige Ursache triffst. Die Basis, die bei fast jeder Mauke stimmt, ist immer dieselbe: trocken und sauber, Krusten schonend lösen, Chlorhexidin statt Fettsalbe, und die Frage stellen, ob Milben, eine geschwächte Hautbarriere oder bei schweren Rassen ein Lymphödem im Spiel sind. Unterstützend darf man die Haut über eine bedarfsgerechte Fütterung stärken. Zink zum Beispiel ist wichtig für die Hautbarriere, gerade im Fellwechsel, aber ein sinnvoller Zusatz nur dann, wenn tatsächlich ein Mangel besteht, kein Wundermittel gegen eine akute Mauke.
Gerade weil Mauke so viele Fäden hat, von Haltung über Fütterung bis zum Immunsystem, kommt man mit dem Blick aufs ganze Pferd viel weiter als mit der nächsten Salbe. Genau dieses Zusammenspiel zu verstehen und im Alltag umzusetzen, üben wir in der KKP Welt gemeinsam mit vielen anderen Pferdemenschen.







